Brillenbär
Tremarctos ornatus
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Familie der Grossbären (Ursidae) ist eine
recht kleine Raubtiersippe: Sie umfasst lediglich sieben Arten.
Dafür aber finden sich unter den Grossbären die grössten
aller Landraubtiere unseres Planeten: der Braunbär (Ursus
arctos) und der Eisbär (Ursus maritimus). Beide
spielen in Leben und Kultur der Völker der nördlichen
Erdhalbkugel seit vielen Jahrtausenden eine bedeutsame Rolle
und gehören sicherlich mit zu den bekanntesten Tierarten
überhaupt. Etwas weniger vertraut sind uns die restlichen
fünf Grossbärenarten: der Kragenbär (Selenarctos
thibetanus), der Lippenbär (Melursus ursinus)
und der Malaienbär (Helarctos malayanus), welche
im südlichen Asien zu Hause sind, ferner der nordamerikanische
Schwarzbär oder Baribal (Ursus americanus) und schliesslich
der südamerikanische Brillenbär (Tremarctos ornatus),
von dem hier die Rede sein soll.
Bären sind vegetarische Raubtiere
Die Grossbären sind - wie bereits erwähnt
- Mitglieder der umfangreichen Ordnung der Raubtiere (Carnivora).
Der wissenschaftliche Name der Ordnung bedeutet wörtlich
übersetzt «Fleischesser», und tatsächlich
werden die meisten Raubtiere diesem Namen gerecht. Nicht so die
Bären: Sie haben sich im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte
von ehemals fleischessenden zu vorwiegend pflanzenessenden Geschöpfen
weiterentwickelt. Mehrere raubtiertypische Körpermerkmale,
die ihren Vorfahren noch eigen waren, gingen dabei verloren.
So sind ihre Reisszähne, die den «richtigen»
Raubtieren zum Zerschneiden von Fleisch dienen, stark rückgebildet
und üben ihre Sonderfunktion nicht mehr aus. Die Backenzähne
sind dagegen zu massiven Gebilden mit breiten, flachen Kronen
umgewandelt, mit denen sich Nüsse, Äste und andere
harte pflanzliche Stoffe mühelos zermalmen lassen.
Die Grossbären sind im übrigen auch keine
windschlüpfrigen, geschmeidigen Wesen mehr, welche an das
schnelle Verfolgen oder lautlose Anschleichen von Beutetieren
angepasst sind. Sie sind stämmige, beinahe plumpe Tiere
mit breitem, rundem Kopf, verhältnismässig kleinen
Augen und dicken, kräftigen Beinen. Im Gegensatz zu den
meisten anderen (schnelleren) Säugetieren gehen die Grossbären
auch nicht auf ihren Zehen oder gar Zehenspitzen, sondern treten
wie der Mensch bei jedem Schritt mit der ganzen Fusssohle auf,
sind also «Sohlengänger». Dies ist auch die
Erklärung dafür, weshalb die Grossbären wie der
Mensch aufrecht auf ihren Hinterbeinen zu stehen vermögen.
Was hier bisher pauschal für die Grossbären
ausgesagt wurde, gilt für ein Mitglied der Familie nur sehr
bedingt: den Eisbären. Er hat sich nämlich im Verlauf
der vergangenen rund 100 000 Jahre vom behäbigen Pflanzenfresser
wieder zum wendigen Fleischfresser «zurückentwickelt».
In seiner hochnordischen Heimat macht er hauptsächlich Jagd
auf Robben - und bereits sind seine Gliedmassen wieder länger,
ist sein Körper wieder stromlinienförmiger geworden.
Die Zusammenhänge zwischen Nahrungserwerb und Körpergestalt
treten an seinem Beispiel erstaunlich klar zu Tage!
Ökologisch sehr flexibel
Der Brillenbär ist in jeder Hinsicht ein «echter»
Bär und als solcher schon auf den ersten Blick zu erkennen.
Sein Pelz ist dicht, mittellang und überwiegend schwarz
oder schwarzbraun gefärbt. Nur im Gesicht weist er jene
hellbeige, brillenförmige Zeichnung auf, der er seinen deutschen
Artnamen verdankt. Sie kann sehr unterschiedlich ausgeprägt
sein, verändert sich aber beim einzelnen Bären im Verlauf
seines Lebens nicht oder nur unmerklich und bildet somit ein
gutes individuelles Kennzeichen.
Erwachsene Brillenbären-Männchen haben normalerweise
ein Gewicht um 130 Kilogramm, können aber mitunter auch
bis zu 200 Kilogramm auf die Waage bringen. Ihre Schulterhöhe
misst gewöhnlich 70 bis 90 Zentimeter und ihre Kopfrumpflänge
130 bis 210 Zentimeter. Die Weibchen sind deutlich kleiner als
die Männchen und wiegen höchstens 65 Kilogramm.
In den nördlichen Teilen Südamerikas ist
der Brillenbär recht weit verbreitet, wobei die Anden und
die ihnen vorgelagerten Gebirgszüge das Zentrum seines Vorkommens
bilden. Nordwärts findet man den Brillenbären bis zur
Kanalzone im südlichen Panama. In Kolumbien ist er ziemlich
weit verbreitet, und zwar ausser in den Anden auch in den Macarenen,
einem wenig hohen, weiter östlich gelegenen Berggebiet.
In Venezuela bewohnt der Brillenbär hauptsächlich die
südwestlichen Landesteile im Bereich der kolumbianischen
Grenze. In Ecuador ist er recht selten und auf ein paar wenige
unzugängliche Berggebiete beschränkt. In Peru ist seine
Population in mehrere weit verstreute Teilbestände aufgetrennt.
Ähnliches gilt für Bolivien, wo vereinzelte Bestände
hauptsächlich im Westen des Landes vorkommen. Kleinere Brillenbärenbestände
existieren ferner in Brasilien, im nordwestlichen Argentinien
und möglicherweise auch im nördlichen Chile.
Die meisten Bären sind ausgesprochen anpassungsfähige
Tiere, und der Brillenbär bildet in dieser Hinsicht keine
Ausnahme. Er bewohnt ein breites Spektrum unterschiedlichster
Lebensräume: von wüstenartigen, kakteenbestandenen
Landstrichen auf Meereshöhe über üppige tropische
Tieflandregenwälder, laubabwerfende Monsunwälder und
nebligkühle Bergwälder bis hin zu baumlosen alpinen
Gebirgswiesen auf über 4000 Metern Höhe. Der bevorzugte
Lebensraum des Brillenbären ist jedoch der feuchte, oft
nebelverhangene Bergwald in Höhen zwischen 1800 und 2700
Metern ü.M. in Regionen mit 1800 bis 3000 Millimetern Niederschlag
im Jahr. Wälder dieses Typs bestehen aus einem sehr artenreichen
Gemisch hochstämmiger Bäume, was für den Bären
einen ganzjährig reichlich gedeckten Tisch bedeutet. Baumfrüchte
bilden nämlich den Hauptbestandteil seiner Nahrung. Daneben
verpflegt er sich mit diversen anderen nährstoffreichen
Pflanzenteilen, denen er auf seinen Fresswanderungen begegnet,
und er nimmt auch gerne tierliche Stoffe zu sich, sofern solche
für ihn erhältlich sind. Auch hinsichtlich seiner Nahrung
ist der Brillenbär also ausgesprochen flexibel.
Aus einer Feldstudie über Verhalten und Ökologie
des Brillenbären, welche in den siebziger Jahren in Peru
durchgeführt wurde, ging eine Liste von über 80 verschiedenen
«Nahrungsdingen» hervor. Sie umfasste die Früchte
von 31 Baumarten, ferner Teile von 11 Kakteen- und 20 Bromelienarten,
sodann Zweige, Beeren und Palmtriebe aller Art, und schliesslich
diverse Insekten, Nagetiere und Aas. Nicht zuletzt standen auf
der Liste aber auch Maiskolben sowie Lamas und andere Haustiere,
die sich der Brillenbär in der Nachbarschaft menschlicher
Siedlungen beschafft hatte. Ob er gelegentlich auch Hirsche und
Neuweltkamele (Guanakos, Vikunjas) schlägt, wie ihm von
der ansässigen Bevölkerung nachgesagt wird, konnte
im Rahmen der Studie nicht geklärt werden und erscheint
daher weiterhin als eher unwahrscheinlich.
Kletterfreudig und einfallsreich
Der Brillenbär ist ein ausgezeichneter Kletterer,
der bei der Nahrungssuche regelmässig die obersten Kronenbereiche
früchtetragender Bäume aufsucht, um sich dort zu verköstigen.
Überhaupt steht er im Ruf, ein ungewöhnlich aktives,
bewegliches und zudem sehr intelligentes Lebewesen zu sein. Ein
männlicher Brillenbär, der einst im Zoo von Detroit
(USA) lebte, hielt seine Pfleger mit seinen einfallsreichen Ausbruchsversuchen
dermassen in Atem, dass es hiess, er sei garantiert ein Menschenaffe
im Bärenkostüm. Oft benutzte er dabei mit grossem Geschick
Äste zur Verlängerung der Reichweite seiner Arme. Oder
er zerrte mit aller Kraft schwere Baumstämme im Gehege umher,
um sie als Leiter einzusetzen. Solches Verhalten ist als «Werkzeuggebrauch»
zu werten, ein im Tierreich recht seltenes Phänomen, das
in derart vielfältiger und erfinderischer Form eigentlich
nur noch vom Schimpansen bekannt ist.
In freier Wildbahn konnte zwar der Einsatz von «Werkzeug»
beim Brillenbären bislang nicht beobachtet werden. Es ist
aber anzunehmen, dass der erfinderische Grossbär auch in
seiner südamerikanischen Heimat solches verwendet, um sich
begehrte Leckerbissen zu beschaffen, die sonst ausserhalb seines
Einflussbereichs lägen.
Wie die übrigen Grossbären ist der Brillenbär
als Erwachsener ein ziemlich ruppiger Einzelgänger, der
ausserhalb der Fortpflanzungszeit den Kontakt mit Artgenossen
nach Möglichkeit vermeidet. Die Wohngebiete der verschiedenen
Individuen einer lokalen Brillenbären-Population überlappen
jedoch miteinander, weshalb die Tiere über ihre geruchlich
getönten Fährten und diverse Duftmarken ständig
in indirektem Kontakt miteinander stehen. Duftspuren sind es
denn auch, die den Männchen Aufschluss über die Fortpflanzungsbereitschaft
der ansässigen Weibchen geben und sie zu diesen führen.
Wie die Paarungen bei den Brillenbären in freier Wildbahn
verlaufen, ist nicht näher bekannt, doch ist anzunehmen,
dass sie wie bei den Tieren in Menschenobhut ohne ausgeprägte
Rituale, gewissermassen sachlich und zielgerichtet, verlaufen.
Die Tragzeit dauert in Gefangenschaft zwischen fünfeinhalb
und achteinhalb Monaten. Eine genauere Zahl lässt sich nicht
anführen, da die Brillenbären-Embryos wie bei allen
Grossbären eine Keimruhe durchmachen, deren Dauer sehr variabel
ist und von verschiedenen äusseren Faktoren abzuhängen
scheint.
Pro Wurf kommen ein bis drei Junge zur Welt. Wie alle
Bärenkinder sind sie überraschend klein, wiegen nur
etwa 300 Gramm und sind völlig hilflos. Während mehrerer
Monate müssen sie ständig von ihrer Mutter in der schützenden
Wurfhöhle betreut werden. Dann erst wagen sie sich hervor
und machen - immer unter der Aufsicht ihrer Mutter - die ersten
Erkundungsausflüge in die nähere und später auch
weitere Umgebung. Die Loslösung von der Mutter erfolgt wahrscheinlich
erst im Alter von anderthalb bis zweieinhalb Jahren.
Lichtblicke im Dunkel
Der erwachsene Brillenbär hat - vom Jaguar (Panthera
onca) unter Umständen abgesehen - keine natürlichen
Feinde, die ihm ernsthaft gefährlich werden können.
Und doch ist seine Zukunft ungewiss. Der Grund hierfür -
man kann es sich denken - ist einmal mehr der Mensch, der auf
breiter Front immer tiefer in die ehemals unberührten südamerikanischen
Waldländer vordringt und dabei nicht nur die Lebensräume
des Brillenbären zerstört, sondern ihn auch gezielt
mit seinen Schusswaffen umbringt. Zwar gilt der Brillenbaer als
wenig angriffslustig und daher für den Menschen im allgemeinen
ungefährlich. Trotzdem wird in den meisten Bereichen seines
Verbreitungsgebiets eifrig Jagd auf ihn gemacht - sei es, weil
er dem Menschen hie und da ein Lama «stiehlt» oder
dessen Maisfelder plündert; sei es seines schmackhaften
Fleisches, seines dekorativen Fells oder seines für medizinische
Zwecke begehrten Fettes wegen; oder sei es auch nur, weil er
eine prestigemehrende Trophäe für irgendwelche unvernünftigen
«Sportschützen» abgibt.
Vielerorts hat die übermässige Bejagung
des Brillenbären zu seinem Rückgang wesentlich beigetragen.
Und doch gilt sie in Fachkreisen nicht als die Hauptgefahr für
den Fortbestand der Art. Denn noch verheerender wirkt sich die
in schwindelerregendem Tempo erfolgende Umwandlung seiner Lebensräume
in Kulturland und - weil der Bodenerosion nicht vorgebeugt wird
- in Ödland aus. Diese Flächen gehen für den Brillenbären
in den meisten Fällen unwiederbringlich verloren. Bejagung
und Lebensraumverlust haben die Gesamtpopulation des Brillenbären
im Verlauf der letzten dreissig Jahre auf etwa einen Drittel
ihrer einstigen Stärke reduziert - und dieser Niedergang
hält in vielen Gebieten unvermindert an.
Glücklicherweise sind die Zukunftsaussichten
des Brillenbären nicht nur schwarz. Ein paar Lichtblicke
gibt es immerhin, denn hier und dort sind konkrete Massnahmen
zum Schutz des Brillenbären und seiner Lebensräume
in die Wege geleitet worden. Diese umfassen zum einen wissenschaftliche
Grundlagenforschung wie Studien der ökologischen Bedürfnisse
der Art oder seriöse Bestandsabklärungen, zum anderen
aber auch die Entwicklung und Förderung «nachhaltiger»
Landnutzungsprojekte, bei denen der Mensch durch eine schonende
Nutzung der natürlichen Ressourcen die Lebensgrundlagen
der örtlichen Fauna - die ja auch seine eigenen sind - nicht
mehr länger zerstört, sondern langfristig nutzbar erhält
und somit schützt. Ökonomie im Einklang mit der Ökologie,
heisst die Devise. Koordiniert und fachlich unterstützt
werden diese Anstrengungen zur Erhaltung des Brillenbären
in Südamerika durch die Bärenspezialistengruppe der
Artenschutzkommission (SSC), einem Ausschuss der Internationalen
Union für Naturschutz (IUCN).
Die bisherigen Schutzbemühungen zugunsten des
Brillenbären haben in den verschiedenen Ländern des
nördlichen Südamerikas unterschiedliche Erfolge gezeitigt.
Sehr erfreulich sind die Entwicklungen in Venezuela, wo vor kurzem
ein 4000 Quadratkilometer grosses Waldgebiet im Westen des Landes
als Nationalpark ausgewiesen wurde, welches eine gesunde Brillenbären-Population
beherbergt. Wissenschaftliche Untersuchungen dieses Bärenbestands
sind unterwegs, und in den umliegenden Dörfern wird intensive
Aufklärungsarbeit über Sinn und Zweck des Naturschutzes
verrichtet.
In Bolivien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
ist die Situation etwas weniger vielversprechend, da dort noch
immer in erschreckendem Ausmass die Naturlandschaften des Landes
von der rasch anwachsenden menschlichen Bevölkerung besiedelt
und zerstört werden. Die Bärenbestände Boliviens
werden dadurch immer weiter zurückgedrängt. Immerhin
geniesst eine grössere Brillenbärenpopulation, welche
das grossflächige Ulla-Ulla-Reservat im westlichen Bolivien
bewohnt, einen gewissen Schutz vor den Machenschaften des Menschen.
Und dasselbe gilt für die im 1984 gegründeten Amboro-Nationalpark
lebenden Brillenbären. Der politische Wille zum wirksamen
Vollzug der Naturschutzgesetze ist in Bolivien heute stärker
vorhanden als auch schon, und damit sollte nicht nur der Brillenbär,
sondern sollten auch all die anderen Wildtiere dieses Andenstaats
eine echte Überlebenschance haben.
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