Norfolk-Brillenvogel
Zosterops albogularis
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der UN-Briefmarkensammlung
«Gefährdete Tierarten», Groth AG, Unterägeri)
Eine sehr einheitliche Singvogelfamilie bilden die
Brillenvögel, welche in 85 Arten über Afrika, Südasien,
Australien und die Inseln der Südsee verbreitet sind und
deren Kennzeichen ein auffälliger Ring weisser Federchen
um das Auge ist. Mit einer Länge von 14 Zentimetern und
einem Gewicht von 30 Gramm ist der Norfolk-Brillenvogel (Zosterops
albogularis) unter diesen Kleinvögeln einer der grössten.
Die Heimat des Norfolk-Brillenvogels ist - wie sein
Name sagt - die im südwestlichen Pazifik zwischen Neukaledonien
und Neuseeland gelegene, nur rund 35 Quadratkilometer grosse
Norfolkinsel. Dort hält er sich vorzugsweise in dichtem,
unterholzreichem Naturwald auf und ernährt sich als «Gemischtköstler»
von Insekten, die er meisenartig von Zweigen abliest, sowie von
weichen Früchten und Beeren aller Art. Gern nimmt er ferner
Blütennektar zu sich, wobei ihm seine lange, an der Spitze
pinselartig ausgeformte Zunge sehr dienlich ist.
Im Gegensatz zu den meisten seiner Vettern lebt der
Norfolk-Brillenvogel ausserhalb der Brutzeit nicht gesellig:
Während jene in kleinen, lebhaften Verbänden von gewöhnlich
zehn bis dreissig Individuen durch das Gehölz streifen,
führt er ein ziemlich einzelgängerisches Leben. Auch
hinsichtlich seiner Stimmfreudigkeit unterscheidet er sich von
der Norm: Während die anderen Brillenvögel häufig
einen hübschen, zwitschernden Gesang verlauten lassen, ist
der Norfolk-Brillenvogel zumeist stumm. Nur ein dünnes,
hohes Pfeifen, das wie «tsiiip» tönt,
ist mitunter zu hören.
Die Brutzeit des Norfolk-Brillenvogels fällt
in die Monate Oktober bis Dezember, wenn in seiner südwestpazifischen
Heimat der Sommer anbricht. Männchen und Weibchen bauen
dann gemeinsam ein kleines, becherförmiges Nest aus Pflanzenteilen,
das sie in einer Zweiggabel aufhängen. Umgehend legt das
Weibchen zumeist zwei weissliche Eier, welche in der Folge von
beiden Partnern abwechslungsweise bebrütet werden. Etwa
elf Tage dauert es, bis die Jungen aus den Eiern schlüpfen,
und nur weitere elf Tage später sind sie bereits flügge
und verlassen unter der kundigen Führung ihrer Eltern ihre
«Geburtsstätte». Vom Nestbau bis zum Ausfliegen
der Jungen vergeht somit kein Monat - das ist eine der kürzesten
Brutphasen im ganzen Vogelreich.
Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts scheint der Norfolk-Brillenvogel
ein recht häufiger und weitverbreiteter Bewohner seiner
entlegenen Heimatinsel gewesen zu sein. Doch dann erfolgte ein
dramatischer Bestandsrückgang: 1962 wurde die Gesamtpopulation
anlässlich einer wissenschaftlichen Studie auf unter 50
Individuen geschätzt. Und 1985 konnte ein geübter australischer
Ornithologe trotz intensiver Suche keinen einzigen der kleinen
Singvögel mehr ausfindig machen. Noch scheint der Norfolk-Brillenvogel
zwar nicht vollständig ausgestorben zu sein; ansässige
Naturschutzbeamte sind ihm auch in jüngerer Zeit hin und
wieder begegnet. Doch seine Lage ist unbestrittenermassen verzweifelt.
Das Hauptproblem des Norfolk-Brillenvogels heisst
Lebensraumverlust. Der einst die ganze Insel überwuchernde
Urwald wurde im Laufe der menschlichen Siedlungsgeschichte beinahe
vollständig gerodet. Nur an den Hängen des Mount Pitt
sind einige Flecken urwüchsigen Waldes übriggeblieben.
Sie bedecken gerade noch sieben Promille der Inselfläche
und bilden die letzte Zufluchtstätte des Norfolk-Brillenvogels.
Mit der Lebensraumvernichtung allein lässt sich
der Niedergang der Art allerdings nicht erklären. Denn schliesslich
galt der Norfolk-Brillenvogel anfangs Jahrhundert noch als ziemlich
häufig, obschon damals bereits weite Teile des Urwalds zerstört
waren. In der Tat scheint neuerdings nicht nur der Mensch, sondern
auch der Graurücken-Brillenvogel (Zosterops lateralis)
dem Norfolk-Brillenvogel das Leben schwer zu machen. Dieser streitlustigere
Vetter hat die Norfolkinsel 1904 aus eigener Kraft (wahrscheinlich
von Neuseeland her) erreicht und scheint heute den «eingeborenen»
Norfolk-Brillenvogel im Wettstreit um Nahrung und Nistgelegenheiten
langsam aber sicher zu verdrängen.
Zu nennen sind aber auch die um 1940 eingeschleppten
Hausratten, welche an den Hängen des Mount Pitt sehr zahlreich
vorkommen. Als geschickte Nestplünderer fügen sie der
dort brütenden Vogelwelt enormen Schaden zu.
Die letzten Urwaldreste der Norfolkinsel stehen heute
innerhalb eines Nationalparks unter wirksamem Schutz. Ausserdem
wird versucht, die Naturwaldfläche durch ein Aufforstungsprogramm
erheblich auszudehnen. Und nicht zuletzt wird ein aufwendiges
Rattenbekämpfungsprogramm durchgeführt. Bleibt nur
zu hoffen, dass der Norfolk-Brillenvogel «durchhält»
und dass es ihm gelingt, von diesen späten Massnahmen zur
Verbesserung seiner misslichen Lebenssituation noch Nutzen zu
ziehen.
Norfolk-Brillenvogel
Zosterops albogularis
Systematik
Klasse: Vögel
Ordnung: Sperlingsvögel
Familie: Brillenvögel
Körpermasse
Gesamtlänge: ca. 14 cm
Flügellänge: ca. 7,5 cm
Gewicht: ca. 30 g
Fortpflanzung
Gelegegrösse: meist 2 Eier
Brutdauer: ca. 11 Tage
Höchstalter: nicht bekannt
Bestandssituation
Bestand: 0-50 Vögel
Rote Liste: «bedroht»
CITES: Anhang I
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