Brückenechse

Sphenodon punctatus


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die heutigen Kriechtiere (Klasse Reptilia) gliedern sich in vier verschiedene Ordnungen: erstens die Ordnung der Krokodile (Crocodylia) mit ungefähr 22 Arten, zweitens die Ordnung der Schildkröten (Chelonia) mit etwa 220 Arten, drittens die Ordnung der Eigentlichen Schuppenkriechtiere (Squamata) mit rund 6000 Arten (etwa 3000 Arten von Schlangen und 3000 Arten von Echsen) und viertens die Ordnung der Schnabelköpfe (Rhynchocephalia) mit einer einzigen Art: der in Neuseeland beheimateten Brückenechse (Sphenodon punctatus).

Die kurze systematische Übersicht zeigt deutlich, wie isoliert die Brückenechse innerhalb der Klasse der Reptilien dasteht. Tatsächlich ist sie der letzte lebende Abkömmling einer Kriechtiersippe, welche sich schon vor etwa 220 Millionen Jahren, lange vor dem Erscheinen der ersten Dinosaurier, herausgebildet hatte. Interessanterweise hat die Brückenechse den Körperbauplan ihrer vor über 200 Millionen Jahren existierenden Urahnen nahezu unverändert beibehalten. Schon in jener fernen Erdepoche krochen also auf unserem Planeten Wesen herum, die der heutigen Brückenechse «aufs Haar» glichen.

Während die altertümlichen Schnabelköpfe überall sonst auf der Erde von den modernen Kriechtieren (besonders den «echten» Echsen und den Schlangen) verdrängt wurden, konnte sich die Brückenechse auf den schon sehr früh isolierten Inseln Neuseelands bis in unsere Zeit hinüberretten. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes ein «lebendes Fossil», letztes Glied einer «Ahnenreihe», wie sie kein zweites Wirbeltier der Erde aufzuweisen hat.

 

«Sie soll zuweilen Menschen verzehren...»

Kapitän James Cook war der erste Europäer, der (im Jahr 1779, anlässlich seiner dritten Reise in den Pazifik) von der Brückenechse berichtete. «Es soll in Neuseeland Eidechsen von ungeheurer Grösse geben, denn sie sollen zweieinhalb Meter lang und ebenso dickleibig wie ein Mann sein, zuweilen auch Menschen angreifen und verzehren. Sie hausen in Löchern unter der Erde, und man tötet sie dadurch, dass man vor dem Eingang ihrer Höhle ein Feuer anzündet», vermerkte er in seinem Tagebuch.

Es war dann der österreichische Naturforscher Dieffenbach, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehr und vor allem Genaueres über die Brückenechse in Erfahrung bringen konnte. Hier sein Bericht: «Ich erhielt Nachricht von dem Vorhandensein einer grossen Echse, welche die Eingeborenen «Tuatara» oder «Narara» nennen und in hohem Grade fürchten, doch gelang es mir, obgleich ich alle ihr zugesprochenen Aufenthaltsorte nach ihr absuchte und eine bedeutende Belohnung auf ihren Fang setzte, erst wenige Tage vor meiner Abreise von Neuseeland, eine einzige zu erhalten. Sie war auf dem kleinen, in der Bucht von Plenty ungefähr zwei Meilen vor der Küste gelegenen Felseneilande Karewa gefangen worden. Aus allem, was ich erfuhr, scheint hervorzugehen, dass diese Eidechse vor Zeiten auf allen Inseln häufig war, in Höhlen, oft auch auf sandigen Hügeln an der Küste lebte und von den Eingeborenen ihres Fleisches halber verfolgt und getötet wurde. Infolge dieser Nachstellungen und zweifelsohne ebenso der Einführung von Schweinen und anderen Haustieren wegen, ist das Tier so selten geworden, dass viele ältere Bewohner des Landes es noch nie gesehen haben.»

Die Brückenechse, welche Dieffenbach lebend erhalten hatte, gelangte später in das Britische Museum für Naturgeschichte in London und gab dort 1831 bzw. 1842 dem Reptilienspezialisten Gray die Gelegenheit, der wissenschaftlichen Welt diese neue Gattung bzw. Art bekannt zu machen. Allerdings hatte Gray nicht bemerkt, welch sonderbares Reptil er vor sich hatte. Er ordnete die Brückenechse fälschlicherweise - wohl aufgrund ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit mit den australischen Bodenagamen und Wasserdrachen - der Familie der Agamen (Agamidae) zu. Erst 1867 machte der ebenfalls am Britischen Museum tätige Biologe Günther aufgrund einer detaillierten anatomischen Studie des Tiers die überraschende Entdeckung, dass es sich bei der Brückenechse um einen Vertreter der bis dahin nur aus Fossilfunden bekannten Ordnung der Schnabelköpfe handelt.

 

Von Sturmtauchvögeln und Polynesischen Ratten

Als Neuseeland, die rund 270 000 Quadratkilometer grosse Doppelinsel im südwestlichen Pazifik, vor etwa 700 Jahren von den polynesischen Maoris erreicht und in der Folge besiedelt wurde, da war die Brückenechse auf den beiden Hauptinseln noch weit verbreitet gewesen. Brückenechsen-Knochen, die bei zahlreichen archäologischen Fundstätten unter den Küchenabfällen der frühen Maoris gefunden wurden, deuten darauf hin, dass die damaligen Inselsiedler das urweltliche Reptil gerne verspeisten, und dies dürfte ein nicht unwesentlicher Grund für das Verschwinden der Art vom neuseeländischen «Festland» gewesen sein. Das hatte ja auch schon Dieffenbach den Erzählungen der Eingeborenen entnommen.

Überlebt hat die Brückenechse einzig auf etwa dreissig unbewohnten kleinen Inseln, von denen die meisten der langen Nordküste der Nordinsel vorgelagert sind, einige aber auch in der Cook-Strasse zwischen der Nord- und der Südinsel liegen.

Eigenartigerweise finden sich auf ausnahmslos allen «Brückenechsen-Inselchen» auch grössere Brutkolonien von Sturmtauchern, Sturmschwalben und Tauchsturmvögeln (Familien Procellariidae, Hydrobatidae und Pelecanoididae), und man nimmt heute an, dass dies für die Brückenechsen, wenn vielleicht auch nicht überlebenswichtig, so doch sehr vorteilhaft ist. Zum einen profitieren die Echsen vom reichen «Angebot» an Nisthöhlen, in die sie sich tagsüber gerne zurückziehen. Zwar vermögen sie durchaus selber Wohnhöhlen zu graben und tun dies auch; noch lieber machen sie aber von den durch die Meeresvögel angelegten Höhlen Gebrauch. Zum anderen profitieren die Brückenechsen von den Meeresvögeln dadurch, dass deren Kot als Lebensgrundlage für eine Vielzahl von Insekten und anderen Wirbellosen dient, was für die räuberischen Echsen einen stets reichlich gedeckten Tisch bedeutet.

Ob die Meeresvögel ihrerseits Nutzen aus der Anwesenheit der Brückenechsen ziehen können, erscheint fraglich. Brückenechsen und Meeresvögel bewohnen zwar mitunter dieselben Höhlensysteme, doch dürften die Vögel eher unfreiwillige Partner dieser «Wohngemeinschaften» sein. Nicht selten findet man nämlich im Kot der Brückenechsen vielsagende Überreste von Meeresvogelküken...

Klarer ist demgegenüber die Beziehung zwischen der Brückenechse und der Polynesischen Ratte (Rattus exulans), welche als «blinder Passagier» in den Booten der Polynesier fast sämtliche Inseln des Südpazifiks erobert hat: Wo beide Arten nebeneinander vorkommen, besteht die Brückenechsen-Population ausschliesslich aus grossen, alten Individuen; es fehlt also jeglicher Nachwuchs bei den Brückenechsen. Wo hingegen gesunde, sich fortpflanzende Brückenechsen-Populationen existieren, da gibt es keine Ratten. Ganz offensichtlich vergreifen sich die Polynesischen Ratten an den Eiern und Jungen der Brückenechse, und dies dürfte ein weiterer, ja wahrscheinlich der gewichtigste Grund dafür sein, dass die Verbreitung der Brückenechse seit der Ankunft der Maoris dermassen geschrumpft ist.

 

Nachtaktiv und einzelgängerisch - und manchmal wie versteinert

Die Brückenechse ist ein weitgehend nachtaktives Tier. Zwar kommt sie an sonnigen Tagen mitunter an die Oberfläche, um sich zu sonnen. Im allgemeinen verbringt sie aber den Tag in einer Höhle und geht in der Nacht auf Nahrungssuche.

Die Bindung an eine bestimmte Höhle scheint neueren Untersuchungen zufolge nicht so fest zu sein, wie man das früher glaubte: Zwar verbringt ein bestimmtes Individuum oft mehrere Tage nacheinander in derselben Höhle. Dann kann es aber eines Nachts unverhofft in eine andere Höhle «zügeln». So werden die meisten Brückenechsen-Wohnhöhlen im Laufe der Zeit von verschiedenen Individuen benutzt. Niemals allerdings teilen sich zwei Tiere gleichzeitig in ein und dieselbe Höhle; Brückenechsen sind strikte Einzelgänger.

Die Nahrung der Brückenechse besteht hauptsächlich aus wirbellosen Kleintieren, besonders Käfern, Grillen und anderen bodenlebenden Insekten, dann aber auch Spinnen, Regenwürmern und Schnecken. Kotuntersuchungen zeigen, dass sie ferner auch kleine Wirbeltiere wie Geckos, die bereits erwähnten Meeresvogelküken und sogar Jungtiere der eigenen Art nicht verschmäht, sofern sie solcher habhaft werden kann.

Die Brückenechse ist im übrigen bekannt dafür, dass sie lange Zeit wie versteinert daliegt. Dies veranschaulicht sehr schön die Schilderung, welche der deutsche Tierfilmer Eugen Schuhmacher von seiner ersten Begegnung mit einer Brückenechse (1964 auf Stephens Island in der Cook-Strasse) gab: «Das steil aus dem Meer aufragende Eiland ist grösstenteils mit üppigem, teilweise kniehohem Gras bedeckt. Nur an der windgepeitschten Westseite und auf dem Kopf der Insel steht schütterer, krüppeliger Baumbestand, vom Wind in seinem Wuchs landeinwärts gezwungen. Diese Wäldchen mit wenig Unterwuchs, seltener das grasige Gelände dazwischen, sind die bevorzugten Wohnstätten der Brückenechsen. Hier fand ich gleich nach der Ankunft viele ihrer Höhlen, und schon bald darauf erblickte ich auch die erste Brückenechse vor einem Erdloch in der Sonne liegen. Nur Kopf und Nacken, auf dem gut sichtbar die hellen Hornschildchen wie ein Kamm sassen, ragten daraus hervor. Ich kauerte vielleicht eine Stunde oder noch länger mit schussbereiter Kamera vor diesem ehrwürdigen Reptil und wartete geduldig, bis es weiter aus der Höhle hervorkäme. Aber nichts Derartiges geschah. Die Echse lag völlig regungslos vor mir, nur manchmal blinzelte sie mit dem einen oder anderen Auge».

Man ist vielleicht versucht, die Trägheit der Brückenechse als «typisch urweltliches» Verhalten einzustufen, doch dürfte das nicht richtig sein. Die Trägheit scheint vielmehr eine Anpassung an das kühle und feuchte Klima zu sein, das in der Heimat der Brückenechse herrscht. Tatsächlich lebt die Brückenechse bei Umgebungstemperaturen, welche deutlich unterhalb jenes Bereichs liegen, bei welchem der Grossteil der übrigen Reptilien aktiv ist. Beobachtungen an Brückenechsen in Menschenobhut haben gezeigt, dass sich die Tiere bei etwa 11° Celsius am wohlsten fühlen und dann ihre volle Aktivität entfalten. Sie sind demzufolge die am wenigsten wärmebedürftigen Reptilien.

Die niedrigen Aktivitätstemperaturen haben zur Folge, dass die Stoffwechselvorgänge bei der Brückenechse überaus langsam ablaufen. Aus diesem Grund ist der Nahrungsbedarf der Tiere ungewöhnlich gering, und ihre nächtlichen Fresswanderungen beschränken sich auf die nächste Umgebung ihrer jeweiligen Wohnhöhle. Ferner ergeben sich für die Altersentwicklung des einzelnen Tiers aussergewöhnliche Werte: So vergehen zwischen der Eiablage und dem Schlüpfen der Jungtiere etwa 15 Monate - das ist von allen Reptilien die längste Embryonalzeit. Die Geschlechtsreife scheint dann erst im Alter von ungefähr 15 Jahren erreicht zu werden. Und das Längenwachstum ist vermutlich erst mit 50 bis 60 Jahren abgeschlossen. Jene Tiere, welche vor über dreissig Jahren (im Rahmen einer Langzeitstudie) erstmals vermessen wurden und seither kein Längenwachstum mehr aufgewiesen haben, dürften also im Minimum 80 bis 90 Jahre alt, ja womöglich noch beträchtlich älter sein! Dies übersteigt das bei anderen Echsen übliche Mass bei weitem und dürfte höchstens noch von einigen Schildkrötenarten erreicht werden.

 

6 bis 15 pergamentschalige Eier pro Gelege

Zwischen den Männchen und den Weibchen der Brückenechse bestehen markante Grössenunterschiede: Die Männchen haben im Vergleich zu den Weibchen einen deutlich grösseren Kopf und einen ausgeprägteren Rückenkamm. Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von durchschnittlich etwa 27 Zentimetern gegenüber 21 Zentimetern bei den Weibchen. Und sie wiegen um 800 Gramm, während die Weibchen nicht einmal die Hälfte davon auf die Waage bringen.

Das Brückenechsen-Männchen gibt einem Weibchen seine Paarungsbereitschaft dadurch zu erkennen, dass es dieses hochbeinig und mit wiederholten «Schüben» schneller Bewegung umkreist. Diese Fortbewegung unterscheidet sich deutlich vom normalen gemächlichen Kriechen der Tiere, bei dem der Bauch den Boden berührt. Sowohl beim Männchen als auch beim Weibchen ist dabei der Rückenkamm, der sich gewöhnlich entspannt zur Seite neigt, hoch aufgerichtet und verrät die innere Erregung der beiden Tiere. Kommt es anschliessend zur Paarung, so schlingt das Männchen seinen Schwanz um den des Weibchens und presst zur Überführung des Samens seine Kloakenöffnung fest auf die des Weibchens. Im Gegensatz zu allen anderen Kriechtieren der Jetztzeit fehlt der männlichen Brückenechse nämlich ein eigentliches Begattungsorgan. Ausserdem hält das Männchen das Weibchen bei der Paarung nicht mit den Kiefern fest, wie dies die meisten Echsen tun, sondern umklammert es lediglich mit seinen Vordergliedmassen.

Das Weibchen legt in der Folge seine Eier in ein selbst gescharrtes kleines Erdloch, deckt dieses mit Laub, Gras und Erde sorgsam wieder zu, so dass das Ver steck möglichst unkenntlich wird, und kümmert sich dann nicht mehr um seinen Nachwuchs. Das Gelege umfasst gewöhnlich 6 bis 15 Eier. Diese haben eine ovale Form, sind 25 bis 30 Millimeter lang und von einer pergamentartigen Schale umgeben.

 

Beispielhaftes Forschungs- und Schutzprogramm

Der Gesamtbestand der Brückenechse wird derzeit auf über 100 000 Individuen geschätzt. Dennoch ist die Art im Rotbuch der bedrohten Reptilienarten, das von der Internationalen Union für Naturschutz (IUCN) herausgegeben wird, enthalten und wird dort als «selten» eingestuft. In diese Kategorie fallen hauptsächlich solche Reptilienarten, welche zwar nicht akut gefährdet sind, die aber aufgrund ihrer beschränkten Verbreitung sehr schnell in eine unangenehme Lage geraten könnten und darum einer gewissen Aufmerksamkeit von Seiten der Naturschützer bedürfen.

Die Brückenechse steht in ihrer Heimat unter striktem gesetzlichem Schutz. Ausserdem sind sämtliche Inseln, auf denen die Art vorkommt, als Reservate ausgewiesen und können somit nur mit schriftlicher Bewilligung besucht werden. Im übrigen führt die Naturschutzbehörde Neuseelands gemeinsam mit den naturwissenschaftlichen Instituten des Landes seit vielen Jahren ein beispielhaftes Forschungs- und Schutzprogramm zugunsten der Brückenechse durch. Die Ausgangslage für die weitere Existenz dieses faszinierenden Reptils scheint also derzeit nach menschlichem Ermessen recht günstig zu sein.




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