Guatemala-Brüllaffe
Alouatta pigra
© 1997 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Belize, ehemals Britisch-Honduras, ist auf der mittelamerikanischen
Landbrücke gelegen - zwischen Mexiko im Norden, Guatemala
im Westen sowie Süden und dem Karibischen Meer im Osten.
Es weist eine Landesfläche von 23 000 Quadratkilometern
auf, ist also nur etwa halb so gross wie die Schweiz.
Die Bevölkerungsdichte ist in Belize mit durchschnittlich
9 Personen je Quadratkilometer sehr gering, dies im Gegensatz
zur Situation in den anderen Staaten Mittelamerikas, welche Bevölkerungsdichten
von 35 bis 95 Personen je Quadratkilometer aufweisen. Der Druck
auf die natürlichen Ressourcen seitens des Menschen ist
deshalb in Belize um ein Vielfaches geringer als im übrigen
Mittelamerika - und tatsächlich weist das kleine Land noch
vergleichsweise grosse Naturwaldflächen auf.
Belize beherbergt - zusammen mit Südmexiko und
Guatemala - die nördlichsten Ausläufer amerikanischen
Tropenwalds. Obschon diese nicht gleichermassen artenreich sind
wie die äquatorialen Regenwälder des Amazonasbeckens,
sind sie doch die Heimat einer beachtlichen Vielfalt von Wildtieren.
Unter den Grosssäugern sind der Jaguar (Panthera onca)
und der Mittelamerikanische Tapir (Tapirus bairdii) zu
nennen. Bemerkenswert sind aber auch drei Affen aus der Familie
der Kapuzinerartigen (Cebidae): der Kapuziner (Cebus capucinus),
der Geoffroy-Klammeraffe (Ateles geoffroyi) und der Guatemala-Brüllaffe
(Alouatta pigra). Während der Kapuziner und der Geoffroy-Klammeraffe
über weite Teile Mittelamerikas verbreitet sind, ist das
Vorkommen des Guatemala-Brüllaffen eng begrenzt: Man findet
ihn nur in Belize, Guatemala und den südlichsten Bereichen
Mexikos. Über ihn soll hier berichtet werden.
Hauptspeise: zarte Blätter
Der Guatemala-Brüllaffe ist einer von sechs Brüllaffen
in der Gattung Alouatta, welche als Sippe von Südmexiko
südwärts bis Nordargentinien vorkommen. Auf der mittelamerikanischen
Landbrücke lebt ausser dem Guatemala-Brüllaffen noch
der Mantelbrüllaffe (Alouatta palliata), auf dem
südamerikanischen Festland der Rothandbrüllaffe (Alouatta
belzebul), der Rote Brüllaffe (Alouatta seniculus),
der Braune Brüllaffe (Alouatta fusca) und der Schwarze
Brüllaffe (Alouatta caraya). Sie gehören allesamt
zu den schwersten und grössten Affen der Neuen Welt. So
kann ein erwachsener männlicher Guatemala-Brüllaffe
ein Gewicht von 8 Kilogramm, eine Kopfrumpf-länge von 65
Zentimetern und eine Schwanzlänge von über 70 Zentimetern
aufweisen.
In Belize ist der Guatemala-Brüllaffe in den
tiefergelegenen Wäldern, unterhalb 300 Metern ü.M.,
weitverbreitet. Er wurde aber im Mayagebirge im Süden des
Landes auch schon in Höhen von 650 Metern ü.M. beobachtet.
Am dichtesten sind seine Bestände in den Uferwäldern
entlang des Belize River und der anderen Flüsse des Landes.
In der Regel hält sich der Guatemala-Brüllaffe
zeitlebens im Kronenbereich seiner Heimatwälder auf. Er
ist ein sehr geschickter, wenn auch eher bedächtiger Kletterer.
Kaum je springt er von Ast zu Ast, sondern er sichert sich stets
mit dem Schwanz und kann so die meisten Lücken im Walddach
durch Klettern überwinden. Dennoch kann er bei Gefahr sehr
schnell ausweichen und kommt dann im Geäst schneller voran,
als ihm ein Mensch am Waldboden zu folgen vermag.
Wie alle Brüllaffen ernährt sich der Guatemala-Brüllaffe
rein vegetarisch, und zwar mehr als alle anderen Neuweltaffen
von (vorwiegend jungen) Blättern. Allzu wählerisch
erweist er sich bei seinen Fresswanderungen durch das Wohngebiet
allerdings nicht: Er nimmt erstens auf vielen verschiedenen Baumarten
Blätter zu sich, und zweitens verspeist er hier und dort
durchaus auch ein paar Früchte oder Blüten. Wie alle
seine Vettern spielt er deshalb eine nicht unbedeutende Rolle
bei der Verbreitung von Baumsamen.
Gebrüll hält Artgenossen auf Distanz
Der Guatemala-Bruellaffe lebt normalerweise in Familiengruppen
von vier bis acht Individuen, bei denen es sich um ein erwachsenes
Männchen, zwei bis drei erwachsene Weibchen und deren Junge
handelt. Oft besteht eine Gruppe auch lediglich aus einem erwachsenen
Paar und dessen Nachkommen; Gruppen mit mehr als einem erwachsenen
Männchen gibt es hingegen kaum. Der Guatemala-Brüllaffe
unterscheidet sich hierin deutlich von seinem mittelamerikanischen
Vetter, dem Mantelbrüllaffen, der gewöhnlich in Gruppen
von zehn bis über dreissig Individuen mit jeweils mehreren
erwachsenen Männchen und Weibchen lebt.
Die Familiengruppen der Guatemala-Brüllaffen
führen eine territoriale Lebensweise, beanspruchen also
ihr Wohngebiet für sich allein und halten sämtliche
Artgenossen nach Möglichkeit daraus fern. Die Grösse
dieser Territorien ist, entsprechend der von Ort zu Ort unterschiedlichen
Lebensraumqualität, ziemlich variabel, scheint aber zumeist
zwischen 25 und 100 Hektar zu liegen.
Ähnlich den südostasiatischen Gibbons (Gattung
Hylobates) geben die Brüllaffen ihren Territoriumsanspruch
durch laute Rufe - das namengebende «Brüllen»
- bekannt. Ihr blasenartig vergrössertes Zungenbein und
der ungewöhnlich mächtige Schildknorpel ihres Kehlkopfs
erlauben ihnen, Töne zu erzeugen, die zu den lautesten im
ganzen Tierreich gehören. Im Wald ist das Rufen der Brüllaffen
etwa drei Kilometer, mit dem Wind oder über dem Wasser sogar
bis fünf Kilometer weit zu hören! Das Brüllen
dient dazu, allen anderen Artgenossen in der betreffenden Gegend
unmissverständlich die Anwesenheit einer intakten Familie
anzuzeigen, sie mit friedlichem Mittel auf Distanz zu halten.
Es ist stets das erwachsene Männchen der Guatemala-Brüllaffengruppe,
welches besonders lauthals brüllt. Seine Weibchen stimmen
zwar in das Geheul ein, doch haben sie weniger stark ausgebildete
Kehlorgane. Ihr Rufen ist deshalb nicht so laut wie das des Männchens;
zudem ist ihre Stimmlage höher.
Seltsamerweise wird in Belize je nach Saison zu unterschiedlichen
Tageszeiten gebrüllt: Während der trockeneren Jahreszeit
(November bis April) rufen die dunklen Affen hauptsächlich
am frühen Morgen, gleich nach Sonnenaufgang, und dann wieder
am späten Nachmittag, kurz vor Sonnenuntergang. Während
der Hauptregenzeit (Mai bis Oktober) gibt es frühmorgens
und spätnachmittags weniger, dafür um die Tagesmitte
herum deutlich mehr Gebrüll. Den Grund für diese saisonalen
Unterschiede kennen wir nicht.
Der Jaguar, die Harpyie - und der Mensch
Die natürlichen Feinde der Guatemala-Brüllaffen
- insbesondere der jüngeren, unerfahreneren Individuen -
sind zur Hauptsache der Jaguar, der Ozelot (Leopardus pardalis)
und die Langschwanzkatze (Leopardus wiedii). Aber auch
vor der Harpyie (Harpia harpyja), einem mächtigen,
auf die Affenjagd im Walddach spezialisierten Greifvogel, müssen
sie sich in acht nehmen. Die durch diese natürlichen Widersacher
herbeigeführten Todesfälle haben auf den Gesamtbestand
der Art allerdings keine merklichen Auswirkungen; sie werden
über die natürliche Nachzucht ständig wettgemacht.
Folgenschwere Beeinträchtigungen der Guatemala-Brüllaffenbestände
vermag einzig der Mensch zu verursachen. In der Tat dürfte
die Zukunft der lautstarken Affen - wie dies bei so vielen anderen
tierlichen und pflanzlichen Lebewesen auf unserem Planeten der
Fall ist - längerfristig einzig davon abhängen, wie
sich der Mensch ihnen und ihrem Lebensraum gegenüber verhält.
Ihr Schicksal liegt gewissermassen in seinen Händen.
In weiten Bereichen Mittelamerikas hat die rücksichtslose
Bejagung der Wildtiere einerseits und die Rodung der Wälder
(zwecks Gewinnung von Edelhölzern, Bauholz und landwirtschaftlicher
Nutzfläche) andererseits zu einem markanten, gebietsweise
gar katastrophalen Rückgang der Wildtierbestände geführt.
Von dieser unerfreulichen Entwicklung ist die Natur in Belize
bislang weitgehend verschont geblieben. Zwar sind auch hier die
Wälder in unserem Jahrhundert mehrheitlich genutzt worden.
Die Holzgewinnung geschah jedoch zumeist selektiv; es wurden
also dem Wald gezielt nur die besten Hölzer entnommen und
die übrigen stehengelassen. Ausserdem fand aufgrund der
geringen Dichte der belizischen Bevölkerung vergleichsweise
wenig Einwanderung durch landhungrige Siedler entlang der Forststrassen
statt. Die Wälder vermochten sich deshalb von den geschlagenen
Wunden stets wieder zu erholen. Kommt hinzu, dass sich die belizische
Bevölkerung im allgemeinen wenig «schiesswütig»
zeigt und den Wildtierbeständen bislang nur geringen Schaden
zugefügt hat.
Die Zeit bleibt allerdings auch in Belize nicht stehen:
Die menschliche Bevölkerung weist heute eine Zuwachsrate
von drei Prozent im Jahr auf, der Strassenbau wird in allen Landesteilen
kräftig vorangetrieben, und legale wie illegale Waldrodungen
nehmen ständig zu. Um den Fortbestand der wertvollen Fauna
und Flora von Belize zu gewährleisten, also das natürliche
Erbe des Landes zugunsten der nachfolgenden Generationen sicherzustellen,
müssen deshalb auch hier wirksame Naturschutzmassnahmen
ergriffen werden, bevor es zu spät ist.
Eine altbewährte Massnahme bildet die Ausweisung
möglichst grossflächiger Naturlandschaften als Schutzgebiete.
Dies ist in Belize beispielsweise im Fall des Cockscomb-Basin-Reservats
geschehen. Dieses wurde zwar hauptsächlich zum Schutz der
dort heimischen Jaguarpopulation geschaffen, kommt aber selbstverständlich
auch vielen anderen bedrängten Tierarten, darunter den Guatemala-Brüllaffen,
zugute. Reservatsausweisungen haftet allerdings der Makel an,
dass sie im allgemeinen von übergeordneter Stelle und entgegen
den Interessen der örtlichen Bevölkerung angeordnet
werden. Letztere muss vielfach auf tradierte Nutzungsrechte verzichten
und hat deshalb dem betreffenden Reservat gegenüber eine
negative Einstellung. Erfahrungsgemäss sind Wilddieberei
und illegaler Holzschlag die naheliegenden, schwerlich unter
Kontrolle zu bringenden Reaktionen.
Naturschutz auf neuen Wegen:
das «Community Baboon Sanctuary»
Dass es auch anders geht, hat der amerikanische Zoologe
Robert Horwich in jüngerer Zeit eindrucksvoll nachgewiesen.
Als er Anfang der achtziger Jahre sein Augenmerk auf die bedrängten
Guatemala-Brüllaffen richtete, brachten seine Untersuchungen
in Mexiko und Guatemala nur enttäuschende Resultate: Bejagung,
Lebensraumzerstörung und eine Affengelbfieber-Epidemie hatten
die Guatemala-Brüllaffenbestände dort fast gänzlich
beseitigt. In Belize erlebte er dann eine erfreuliche Überraschung:
Im Norden des Landes, rund um das Dorf Bermudian Landing, entdeckte
er einen wirklich intakten Brüllaffenbestand. Diesen wollte
er unbedingt erhalten - und zwar durch einen Naturschutz, der
den Tieren und gleichzeitig auch den ansässigen Menschen
hilft. Er war überzeugt, dass es der falsche Weg ist, Menschen
einfach aus einem Gebiet auszuschliessen.
Das Naturschutzkonzept, das er in der Folge erarbeitete
und inzwischen verwirklicht hat, unterscheidet sich denn auch
völlig von bisherigen. Es ist nicht gegen die Einheimischen
gerichtet, sondern berücksichtigt auch ihre Interessen,
ja wird sogar von ihnen selbst - auf freiwilliger Basis! - getragen.
Es lässt sich folgendermassen kurz umschreiben:
Gemeinsam betreiben die Bauern im Bereich des Dorfes
Bermudian Landing auf ihrem privaten Land das «Community
Baboon Sanctuary», zu deutsch «Gemeindereservat für
Paviane» (wobei «Paviane» für «Brüllaffen»
steht, denn so nennen die vorwiegend kreolischsprachigen Bauern
«ihre« Affen). Ihre bisherige Form der Landnutzung
bleibt erhalten: Eine Lichtung wird gerodet, mit Reis, Bohnen
und weiterem Gemüse bepflanzt, später mit Bananen,
nach fünf Jahren wieder aufgegeben. Entlang der Flüsse
und Felder werden Randstreifen von Wald mit den Nahrungsbäumen
der Brüllaffen stehengelassen, die dadurch auch die brachliegenden
Gebiete bald wieder nutzen können. Nach zehn Jahren kehren
die Bauern in das ursprünglich gerodete Land zurück,
das seine Fruchtbarkeit inzwischen wiedergewonnen hat. Vorteile
dieses Konzepts: Es gibt weniger Erosion, die Erträge auf
den Feldern sind höher, die Wildtiere werden nicht verdrängt,
die Landbesitzer gelangen durch anreisende Ökotouristen
zu zusätzlichen Einnahmen.
Als Robert Horwich seinen Plan erstmals in Bermudian
Landing bei einer Dorfversammlung vortrug, waren die Bauern zunächst
skeptisch. Als sie jedoch erfuhren, dass die Teilnahme freiwillig
ist, schlug die Stimmung um. Nach und nach liessen sie sich von
den Vorteilen des Projekts überzeugen. Inzwischen haben
sich über siebzig Bauern aus acht Dörfern dem Projekt
angeschlossen und viele weitere bekunden ihr Interesse. Das Schutzprojekt
umfasst heute - nach gut zehn Jahren Laufzeit - rund fünfzig
Quadratkilometer, erstreckt sich etwa dreissig Kilometer entlang
des Belize-Flusses und beherbergt eine Brüllaffenpopulation
von ungefähr 900 Individuen! Es wird vom WWF und anderen
internationalen Naturschutzverbänden unterstützt.
Mit seinem neuen Konzept hat Robert Horwich nachgewiesen,
dass Naturschutz dem wirtschaftlichen Wohlergehen eines Gebiets
nicht im Wege stehen muss. Im Gegenteil: Es hat handfeste Vorteile
in Form von besseren Ernteertägen und zusätzlichen
Einnahmen gebracht. Inzwischen wird das Reservat bereits von
mehreren tausend Touristen im Jahr besucht. Die Bauern bieten
den Besuchern nicht nur Unterkünfte und Verpflegung an,
sondern verkaufen auch handgeschnitzte Holztiere und fahren sie
auf Booten zu den Tieren - und kommen so zu beachtlichen Nebeneinkünften.
Kein Wunder sind sie von «ihren» Brüllaffen
begeistert und setzen sich mit vereinten Kräften für
ihren Fortbestand ein.
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