Chinesischer Weisser Delphin
Sousa chinensis
© 1999 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der "WWF Conservation Stamp Collection",
Groth AG, Unterägeri)
Die Waltiere - die Wale und Delphine - sind eine höchst
interessante Säugetiergruppe. Zu ihnen gehören nicht
nur die grössten Tiere, die jemals auf unserem Planeten
existiert haben, sondern, soweit wir das beurteilen können,
auch die intelligentesten. Es überrascht daher nicht, dass
die Waltiere seit Jahrhunderten eine grosse Faszination auf den
Menschen ausüben.
Dessen ungeachtet haben die fischförmigen Meeressäuger
in der jüngeren Vergangenheit sehr unter dem Menschen gelitten:
Die Grosswale wurden lange Zeit schonungslos abgeschlachtet und
teils nahezu ausgerottet. Abertausende von Delphinen verunglückten
als wertloser «Beifang» in den Netzen der Thunfisch-Fangflotten,
bis endlich aufgrund massiven öffentlichen Drucks wirksame
Gegenmassnahmen getroffen wurden. Und zahlreiche, insbesondere
küstennah lebende Waltiere wurden und werden in zunehmendem
Mass durch die globale Gewässerverschmutzung in ihrer Lebenweise
erheblich beeinträchtigt.
Die zwiespältige Beziehung des Menschen zu den
Waltieren lässt sich anhand des Chinesischen Weissen Delphins
(Sousa chinensis) beispielhaft aufzeigen.
Auch «Indopazifischer Buckeldelphin» genannt
Der Chinesische Weisse Delphin gehört innerhalb der Ordnung
der Waltiere (Cetacea) zur Familie der Eigentlichen Delphine
(Delphinidae), die sich aus insgesamt 32 Arten zusammensetzt.
Diese Zahl ist allerdings mit Vorsicht zu behandeln. Denn nicht
zuletzt hinsichtlich des Chinesischen Weissen Delphins ist die
taxonomische Situation keineswegs klar: Während gewisse
Fachleute den Chinesischen Weissen Delphin, der auch Indopazifischer
Buckeldelphin genannt wird, mit dem Atlantischen Buckeldelphin
(Sousa teuszii) zu einer einzigen Art zusammenfassen,
spalten andere den Chinesischen Weissen Delphin aufgrund seiner
Färbung und gewisser körperbaulicher Merkmale in vier
verschiedene, geografisch getrennte Arten auf: Sousa chinensis,
Sousa lentiginosa, Sousa plumbea und Sousa borneensis. Wir
halten uns hier an die Systematik, welche von der Weltnaturschutzunion
(IUCN) angewendet wird und derzufolge es je eine Buckeldelphin-Art
im Indopazifik und im Atlantik gibt.
Der Chinesische Weisse Delphin ist ein mittelgrosses
Mitglied seiner Familie. Die Männchen können als Erwachsene
ein Länge von bis zu 320 Zentimeter erreichen und über
150 Kilogramm wiegen, während die erwachsenen Weibchen selten
länger als 250 Zentimeter sind.
Die Augen des Chinesischen Weissen Delphins sind verhältnismässig
klein, jedoch sehr leistungsfähig. Sie sind für das
Sehen unter und über dem Wasser gleichermassen geeignet.
Ohrmuscheln fehlen vollständig; sie wurden im Laufe der
Entwicklungsgeschichte zu Gunsten der Stromlinienförmigkeit
zurückgebildet. Ohröffnungen sind jedoch durchaus vorhanden
und aus der Nähe gut erkennbar. Die Nasenöffnungen
sind im Rahmen der Anpassung an das Leben im Wasser von der Schnauzenspitze,
wo sie sich ursprünglich befanden, weit nach hinten auf
die Schädelmitte «gewandert» und haben sich
zu einer einzigen Öffnung, dem so genannten «Spritzloch»,
vereinigt.
Das Haarkleid des Chinesischen Weissen Delphins ist
vollständig zurückgebildet, was eine weitere wichtige
Anpassung an das fischartige Leben im Meer darstellt. Die Färbung
des Tiers ist also die der Haut, nicht die des Fells. Innerhalb
des Verbreitungsgebiets der Art ist diese Hautfärbung ziemlich
variabel. Die meisten Bestände sind oberseits mehr oder
weniger einheitlich dunkelgrau oder dunkelbraun und unterseits
hellgrau bzw. hellbraun mit dunklerer Fleckung. Die Bestände
in den Gewässern Chinas, so auch die im Umfeld von Hongkong,
dem Ausgabeterritorium der vorliegenden Briefmarken, unterscheiden
sich hierin deutlich vom Rest: Sie kommen zwar mit dunkelgrauer
Haut zur Welt, doch verfärbt sich diese alsbald zu hellgrau
und wird dann, mit zunehmendem Alter, in immer weiteren Körperpartien
rosa bis weiss.
Ein sesshafter Küstendelphin
Der Chinesische Weisse Delphin ist kein Hochseedelphin, wie manche
seiner Vettern, sondern er hält sich vorzugsweise in küstennahen
Gewässern auf. Vielfach lebt er im Brackwasserbereich grosser
Flussmündungen und Buchten, und er schwimmt auch regelmässig
in den Unterlauf von Flüssen hinein.
Er ist ein vollendeter Schwimmer, der sich mit kraftvollen
Aufundabbewegungen seiner Schwanzflosse geschwind und scheinbar
mühelos durch das Wasser zu treiben vermag. Im Gegensatz
zu vielen anderen Delphinen ist er aber im allgemeinen eher gemächlich
unterwegs. Auch «reitet» er selten auf der Bugwelle
von Schiffen, wie man dies von anderen Delphinarten her kennt.
Bei der Nahrungssuche bleibt der Chinesische Weisse
Delphin gewöhnlich zwei bis drei Minuten lang unter Wasser.
Er macht vor allem Jagd auf Fische aller Art, nimmt aber auch
Tintenfische und Krebstiere zu sich. Wie alle Waltiere füllt
er vor dem Abtauchen seine Lungen keineswegs mit Luft, wie man
vermuten könnte, sondern stösst sie im Gegenteil vollständig
aus. Offenbar ist dies für die Manövrierfähigkeit
unter Wasser von Vorteil. Und offensichtlich reicht der Sauerstoff,
der im Hämoglobin des Bluts und im Myoglobin der Muskeln
gebunden ist, für die Aufrechterhaltung der Körperfunktionen
während des mehrminütigen Tauchgangs gut aus.
Das Verbreitungsgebiet des Chinesischen Weissen Delphins
erstreckt sich von der Südspitze Afrikas der afrikanischen
Ostküste entlang bis zum Suezkanal im Roten Meer und bis
Kuwait im Persischen Golf, von da dem Indischen Subkontinent
entlang bis zur Hinterindischen Halbinsel, und schliesslich quer
durch den Malaiischen Archipel bis nach Neuguinea im Osten, nach
Sydney (Australien) im Süden und zur Mündung des Jangtse
(China) im Norden.
In den meisten Gebieten führt der Chinesische
Weisse Delphin eine ziemlich sesshafte Lebensweise: Er hält
sich das ganze Jahr über in den Gewässern eines klar
begrenzten Küstenstrichs auf. Die Population bei Hongkong,
welche auf ungefähr 120 Individuen geschätzt wird,
bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Die Tiere leben ganzjährig
im Umfeld des Western Harbour im östlichen Mündungsbereichs
des Perlflusses. Man begegnet ihnen im allgemeinen nördlich
der Insel Lantau, gelegentlich aber auch südlich von Lantau
bei den Soko-Inseln sowie östlich von Lantau bei der Peng-Insel.
Die genaue Ausdehnung ihres Streifgebiets ist nicht bekannt.
Wir wissen einzig, dass Chinesische Weisse Delphine hin und wieder
auch in der Nähe von Macau also auf der westlichen, rund
dreissig Kilometer entfernten Seite der Perlfluss-Mündung
gesichtet werden. Es ist aber unklar, ob diese der Hongkong-Population
angehören oder nicht.
Mit Tönen sehen
Wie die meisten Delphine ist der Chinesische Weisse Delphin ein
sehr stimmfreudiger Meeressäuger, der ein überaus breites
Spektrum unterschiedlichster Laute von sich zu geben vermag.
Dabei lassen sich zwei hauptsächliche Kategorien von Tönen
unterscheiden: Zum einen handelt es sich um Klicklaute, welche
eine sehr hohe Tonfrequenz aufweisen und lediglich eine Hundertstel-
bis eine Tausendstelsekunde lang dauern. Sie werden in sehr unterschiedlichen
«Lautpaketen» von ein paar wenigen bis mehreren hundert
Lauten je Sekunde geäussert, die wir als «Rattern»
vernehmen. Zum anderen handelt es sich um Pfeiflaute, welche
sich durch eine tiefere Tonfrequenz auszeichnen, einzeln geäussert
werden und meistens etwa eine halbe Sekunde lang dauern. Es scheint,
dass die Hochfrequenztöne hauptsächlich für die
Orientierung unter Wasser und die Ortung von Beutetieren eingesetzt
werden, während die Niederfrequenztöne mehrheitlich
der Verständigung mit Artgenossen dienen.
Beide Tonkategorien werden vom Delphin nicht im Kehlkopf
erzeugt, sondern in speziellen Luftsäcken, welche oberhalb
des Schädels im Gewebe rund um das Spritzloch eingebettet
sind. Die Stirnpartie des Delphinschädels weist eine konkave,
also nach innen gewölbte Oberfläche auf und unterscheidet
sich dadurch deutlich von jener der meisten landlebenden Säugetiere.
Sie erfüllt die Aufgabe eines Parabolspiegels, indem sie
die erzeugten Töne auffängt und sie geradlinig nach
vorn abstrahlt. Dabei durchdringen diese ein dem Oberkiefer-Stirn-Bereich
aufgelagertes Polster aus Fett und Bindegewebe, das als «Melone»
bezeichnet wird. Lange Zeit war die Funktion der Melone den Wissenschaftlern
ein Rätsel gewesen. Inzwischen deutet alles darauf hin,
dass es sich bei dem Gebilde um eine «akustische Linse»
handelt, welche die von der Stirn nach vorn abgestrahlten Töne
bündelt und zu einem schmalen Peilstrahl mit grosser Reichweite
formt.
Die ausgesendeten Peiltöne werden in der Folge
von im Wasser vorhandenen Objekten als Echos zurückgeworfen.
Diese nimmt der Delphin nicht etwa durch seine Ohren wahr, sondern
durch besondere ölgefüllte «Empfangskanäle»,
die sich im lang gezogenen Unterkiefer befinden und wie Richtmikrofone
funktionieren. Von dort gelangen sie in der Folge via Mittelohr
zum akustischen Auswertungszentrum des Hirns.
Die Auswertung der Echos ermöglicht es dem Delphin,
Entfernung, Grösse, Bewegungsrichtung usw. der betreffenden
Objekte, seien es nun Beutetiere, Artgenossen, Feinde oder Hindernisse,
exakt zu bestimmen. Mittels unterschiedlicher Lautpakete vermag
er ein fragliches Objekt regelrecht «abzutasten»
und sich mit Hilfe der vielfältigen Echos im Gehirn ein
naturgetreues Bild davon zu machen. Bei Experimenten in Menschenobhut
konnten Delphine Objekte mit Grössenunterschieden von wenigen
Millimetern auseinander halten, frische von weniger frischen
Fischen unterscheiden, mit verbundenen Augen Ringe einsammeln
und noch viele weitere «Kunststücke» ausführen.
Vor kurzem haben Marinbiologen im Übrigen die
Vermutung geäussert, dass die fisch- und tintenfischessenden
Waltierarten die ausgesendeten Peiltöne möglicherweise
nicht allein zum Orten von Beutetieren einsetzen, sondern auch
zum Überwältigen derselben. Untersuchungen am Pottwal
(Physeter macrocephalus) hatten sie auf diese Idee gebracht.
Es ist in der Tat gut vorstellbar, dass ein gezieltes, energiegeladenes
Bündel von Tonwellen einen Fisch oder Tintenfisch vorübergehend
zu betäuben vermag und ihn so zum wehrlosen Opfer macht.
Man darf gespannt sein, ob sich die Vermutung durch Studien bestätigen
lässt.
Ungewisse Zukunft für Hongkongs «Maskottchen»
Die Chinesischen Weissen Delphine gehören zu den bekanntesten
und beliebtesten Wildtieren Hongkongs. Viele Einwohner des fernöstlichen
Territoriums sind stolz auf das Vorhandensein dieser friedfertigen
Meerestiere in ihrer Nähe und freuen sich über deren
Zutraulichkeit, wenn sie ihnen im Western Harbour begegnen. Dennoch
gibt es leider erst wenige Bestrebungen, das Überleben der
rosafarbenen Delphinen in den Küstengewässern Hongkongs
sicherzustellen.
Tatsache ist, dass Hongkongs Chinesische Weisse Delphine
in einem besonders dicht besiedelten und sich besonders rasch
entwickelnden Teil der Welt leben, wo ihr Fortbestand durch eine
ganze Reihe von Schadfaktoren gefährdet ist. Immerhin werden
sie nicht direkt bejagt. Doch es verunglücken alljährlich
mehrere von ihnen in Fischernetzen. Kommt hinzu, dass die modern
ausgerüstete und so gut wie keinen gesetzlichen Beschränkungen
unterworfene Fischfangflotte der Region die lokalen Fischbestände
masslos übernutzt, so dass die Nahrungsgrundlage der Delphine
immer dünner wird.
Ferner schreitet die Erschliessung der beschränkten
Fläche des Territoriums mit Riesenschritten voran. Insbesondere
für den Bau des neuen internationalen Flughafens, der sich
ausgerechnet im Norden der Insel Lantau auf der vorgelagerten
Insel Chek Lap Kok befindet, sowie für den Bau der über
rund fünfzehn Kilometer der Nordküste Lantaus entlang
verlaufenden Schnellstrasse zum Flughafen wurden weite Seichtwassergebiete
unwiederbringlich zerstört. Und für den Bau eines neuen,
gigantischen Containerhafens sollen weitere davon geopfert werden.
Die Vernichtung von Mangrovenbeständen und anderen pflanzenreichen
Seichtwasserzonen ist insofern verheerend, als diese einzigartigen
Ökosysteme wichtige «Kinderstuben» für
eine Vielzahl von Fischarten bilden, von denen sich die Chinesischen
Weissen Delphine ernähren.
Ausserdem wird der Western Harbour Tag für Tag
mit mehreren hunderttausend Kubikmetern ungeklärter Abwässer
befrachtet. Diese enthalten grosse Mengen giftiger Substanzen
wie Chlorierte Kohlenwasserstoffe und Schwermetallverbindungen,
welche teils direkt, teils über die Nahrungskette in den
Körper der Delphine gelangen und zwangsläufig ihrer
Gesundheit schaden.
All diesen Schadfaktoren zum Trotz ist der Bestand
der Chinesischen Weissen Delphine in Hongkongs Gewässern
bislang überraschend stabil geblieben. Ob sich die sympathischen
Meeressäuger aber noch lange halten können, ist fraglich,
denn die für sie ungünstigen Entwicklungen schreiten
ungebremst voran. Ihr Fortbestand hängt letztlich davon
ab, ob die Regierung Hongkongs dazu bereit sind, nicht alles
und jedes dem wirtschaftlichen Profit zu opfern. Ob sie insbesondere
gewillt ist, ihrer Verantwortung zur Erhaltung der natürlichen
Ökosystemen innerhalb des kleinen Territoriums nachzukommen
und zwar nicht allein aus Ehrfurcht vor den tierlichen und pflanzlichen
Mitgeschöpfen, sondern auch im Hinblick auf ein gedeihliches
Leben der zukünftigen Menschengenerationen in diesem betriebsamen
Winkel der Erde.
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