Chinesisches Schuppentier
Manis pentadactyla
© 1995 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Schuppentiere sind «geharnischte» Säugetiere:
Anstelle eines Fells tragen sie einen Panzer aus harten, dachziegelartig
angeordneten Hornschuppen. Diese Körperbedeckung ist in
der ganzen Säugetierwelt einzigartig und zeigt, dass sich
die Schuppentiere stammesgeschichtlich sehr früh als selbständiger
Zweig von den übrigen Säugetieren wegentwickelt haben
müssen. In der Tat besitzen sie unter den heutigen Säugetieren
keine nahen Verwandten und werden deshalb in eine eigene Ordnung
namens Pholidota («Schuppenträger») gestellt.
Die Hornschuppen der Schuppentiere entstehen auf speziellen
Hautausstülpungen und sind in ihrem Gewebefeinbau unseren
Fingernägeln vergleichbar. Wie bei den Fingernägeln
wird denn auch der Verlust, den die Schuppen durch Abnutzung
oder Beschädigung erleiden, ständig von einer «Keimschicht»
in der Lederhaut erneuert. So weisen die Schuppentiere während
ihres ganzen Lebens stets einen vollständigen Schuppenpanzer
mit gleichbleibender Schuppenzahl auf.
Weltweit gibt es sieben Schuppentierarten. Sie sind
alle einander dermassen ähnlich, dass sie nicht nur der
gleichen Familie (Manidae), sondern sogar ein und derselben Gattung
(Manis) zugewiesen werden. Vier Arten leben in Afrika
südlich der Sahara: Es sind dies das Langschwanz-Schuppentier
(Manis tetradactyla), das Weissbauch-Schuppentier (Manis
tricuspis), das Steppenschuppentier (Manis temmincki)
und das Riesenschuppentier (Manis gigantea). Drei Arten
sind im südöstlichen Asien heimisch: Es handelt sich
um das Vorderindische Schuppentier (Manis crassicaudata),
das Javanische Schuppentier (Manis javanica) und nicht
zuletzt das Chinesische Schuppentier (Manis pentadactyla),
von dem hier die Rede sein soll.
Von Nepal bis Taiwan beheimatet
Das Chinesische Schuppentier ist ein mittelgrosses
Mitglied seiner Sippe: Ausgewachsene Tiere wiegen im allgemeinen
4 bis 5 Kilogramm und weisen eine Gesamtlänge von zumeist
60 bis 80 Zentimetern auf, wovon 20 bis 30 Zentimeter auf den
Schwanz entfallen. Zwischen Männchen und Weibchen bestehen
keine nennenswerten Grössenunterschiede, und auch in ihrer
Erscheinung sehen die beiden Geschlechter einander sehr ähnlich.
Das Verbreitungsgebiet des Chinesischen Schuppentiers
erstreckt sich bandförmig über das nördliche Südostasien
- von Nepal im Westen (wo die Art bis in Höhen von 1500
Metern ü.M. vorkommt) über Bhutan, die nordindischen
Gliedstaaten Sikkim und Assam, wahrscheinlich Bangladesch, die
nördlichen Teile von Myanmar, Thailand, Laos und Vietnam
sowie das ganze südliche China bis zur Mündung des
Jangtsekiang im Osten. Ausserdem hat das Chinesische Schuppentier
eine ganze Reihe von Inseln besiedelt, welche der chinesischen
Pazifikküste vorgelagert sind. Zu nennen sind insbesondere
Taiwan, Hainan und Hongkong.
Das Chinesische Schuppentier kommt ferner auch in
Macau vor, jenem winzigen, aus einer Halbinsel und zwei Inseln
bestehenden Territorium an der Mündung des Perlflusses,
welches seit 1555 von Portugal verwaltet wird und das die vorliegenden
Briefmarken verausgabt. Es gilt als eines der sehr wenigen Säugetiere
von nennenswerter Körpergrösse, denen man in dem nur
17 Quadratkilometer grossen und mit rund 370 000 Einwohnern überaus
dicht besiedelten Territorium noch begegnen kann. Dies ist darauf
zurückzuführen, dass sich das Chinesische Schuppentier
hinsichtlich seines Lebensraums als recht anpassungsfähig
erweist: Es fühlt sich in Tropenwäldern aller Art ebenso
wohl wie in Busch- und Grasländern; ja selbst in Plantagen,
Gärten und Feldern des Menschen findet es ein Auskommen,
sofern man es in Ruhe leben lässt.
Einzelgängerisch, nachtaktiv, ameisenessend
Über die Lebensweise des Chinesischen Schuppentiers
in freier Wildbahn wissen wir erst wenig. Das ist nicht überraschend,
wenn man bedenkt, dass es sein Leben als ausgeprägter Einzelgänger
fristet, ausschliesslich nachts unterwegs ist und sich überdies
bei der leisesten Gefahr unverzüglich in seinen sicheren
Erdbau zurückzieht. Einblicke in seinen Alltag sind deshalb
sehr schwer zu gewinnen. Die meisten Informationen, die uns vorliegen,
stammen aus Zufallsbeobachtungen und sollen im folgenden zusammengefasst
werden.
Obschon das Chinesische Schuppentier mit Unterstützung
seines muskulösen Greifschwanzes geschickt zu klettern vermag,
bewegt es sich im allgemeinen am Boden fort. Möglichst sein
ganzes Erwachsenenleben lang hält es sich in einem klar
begrenzten Wohngebiet auf, in dem es sich gut auskennt und stets
dieselben Pfade und denselben Erdbau benützt. Letzterer
ist selbstgegraben und besteht aus einer gewöhnlich drei
bis vier Meter langen Einstiegsröhre und einer abschliessenden
Schlafkammer, welche mit einer Schicht Laub oder Heu ausgepolstert
ist. In diesem sicheren Unterschlupf verschläft das Chinesische
Schuppentier eingerollt den Tag und kommt jeweils erst nachts
hervor, um dann in einem Umkreis von meistens 300 bis 2000 Metern
umherzustreifen und nach Futter zu suchen.
Wie alle seine Vettern ist das Chinesische Schuppentier
ein ausgesprochener Nahrungsspezialist: Seine Kost besteht praktisch
ausschliesslich aus erwachsenen Ameisen und Termiten sowie deren
Eiern und Puppen. In seinem ganzen Körperbau ist das Chinesische
Schuppentier darauf eingerichtet, mit diesen kleingewachsenen
Beutetieren fertigzuwerden: Die massiven Klauen an den Vorderfüssen
dienen zum Ausgraben und Aufbrechen der Ameisen- und Termitennester.
Die Schuppen schützen vor den Bissen der ausschwärmenden
Ameisen und Termiten, die ihr Nest zu verteidigen suchen. Demselben
Zweck dienen die derben Augenlider. Und die Nasen- und Ohröffnungen
lassen sich mittels besonderer Muskeln schliessen, um «Eindringlinge»
abzuhalten.
Für den «Fang» der Ameisen und Termiten
verfügt das Schuppentier über eine ungewöhnlich
lange, wurmförmige Zunge: Sie ist etwa 5 Millimeter dick
und kann bis zu 25 Zentimeter aus der engen Mundöffnung
vorgeschoben werden. Riesige, bis fast in die Achselhöhle
reichende Speicheldrüsen versorgen die Zunge mit reichlich
klebrigem Speichel, an dem die Ameisen und Termiten unweigerlich
haften bleiben. Bei der Nahrungsaufnahme schnellt diese «Leimrute»
fortwährend vor und zurück und sticht gezielt in die
engen Gänge der Ameisen- und Termitennester hinein.
Interessanterweise besitzt das Chinesische Schuppentier
keine Zähne, um seine mit harten Chitinpanzern ausgestatteten
Beutetiere vor dem Verschlucken zu zerkleinern. Stattdessen hat
es einen «Kaumagen», der mit verhornten Wänden
und starken Muskeln ausgestattet ist und in welchem die Beutetiere
wie in einem Mörser zerrieben werden.
Verständigung via Duftmarken
Das Chinesische Schuppentier verfügt über
einen ausgezeichneten Geruchssinn, der es ihm nicht nur erlaubt,
seine Beutetiere in ihren oftmals unterirdischen Verstecken ausfindig
zu machen, sondern ihm auch gestattet, sich durch «vielsagende»
Duftmarken mit seinen Artgenossen zu verständigen. Auf seinen
Wanderungen durch das Wohngebiet kennzeichnet jedes Individuum
seine Wechsel immer wieder mit Kot, Harn und dem stark riechenden
Sekret aus seinen Analdrüsen. Dadurch verleiht es seinem
Wohngebiet eine «persönliche» Duftnote - und
informiert so sämtliche Artgenossen darüber, dass das
betreffende Grundstück besetzt ist. So können die ungeselligen
Tieren einander auf einfache Weise aus dem Weg gehen.
Selbstverständlich legt auch das Chinesische
Schuppentier von Zeit zu Zeit seinen Hang zum Einsiedlertum ab
- wenn es nämlich den Drang verspürt, sich zu paaren
und für Nachwuchs zu sorgen. Dann verwandeln sich die gewöhnlich
«abstossenden» Duftmarken in «verheissungsvolle»
Lockstoffe und bewirken genau das Gegenteil: Sie führen
Männchen und Weibchen zusammen.
In weiten Bereichen des Verbreitungsgebiets des Chinesischen
Schuppentiers ist das Fortpflanzungsgeschehen saisonal gebunden:
Die meisten Jungen werden im Frühling - von März bis
Mai - geboren. Die Tragzeit dauert ungefähr 70 Tage, und
je Wurf kommt gewöhnlich ein einzelnes Junges zur Welt.
Dieses wiegt bei der Geburt 150 bis 200 Gramm, ist etwa 25 Zentimeter
lang und trägt bereits ein vollständiges Schuppenkleid.
Allerdings sind seine Hornschuppen noch sehr elastisch und härten
erst nach ein paar Tagen aus.
Für die Geburt zieht sich das Schuppentierweibchen
stets in seine sichere Wohnhöhle zurück und hält
sich dort während ein bis zwei Wochen ständig verborgen.
Kommt es in der Folge mit seinem Kind hervor, so klammert sich
letzteres an seiner Schwanzwurzel fest und wird so, auf dem Schwanz
reitend, bei den Fresswanderungen mitgetragen. Schon im Alter
von einem Monat nimmt das Schuppentierjunge selbst Ameisen und
Termiten zu sich. Die vollständige Entwöhnung von der
Muttermilch erfolgt aber erst im Alter von etwa drei Monaten.
Bald danach verlässt das halbwüchsige Jungtier seine
Mutter und zieht auf eigene Faust los. Die Geschlechtsreife erreicht
es im Alter von ungefähr zwei Jahren.
Schuppen gegen böse Geister
Das Schuppenkleid schützt das Chinesische Schuppentier
nicht nur gegen die Bisse von Ameisen und Termiten, sondern auch
gegen die Angriffe von Fressfeinden: Wird das «Tannenzapfentier»
belästigt und kann es sich nicht mehr rechtzeitig in seinen
Bau zurückziehen, so rollt es sich augenblicklich ein und
umwickelt seinen Körper mit dem Schwanz, so dass rundherum
nur aufgerichtete, scharfkantige Schuppen zu sehen sind. Die
meisten Raubtiere können mit einer solchen «Schuppenkugel»
nichts anfangen, denn ein einmal eingerolltes Schuppentier lässt
sich unmöglich mehr entrollen, und zudem lassen sich die
Schuppen schwerlich durchbeissen.
Der einzige Feind, der sich durch die passive Verteidigung
des Chinesischen Schuppentiers nicht beirren lässt, ist
der Mensch. Im ganzen Artverbreitungsgebiet macht er eifrig Jagd
auf das beschuppte Säugetier und erlegt es in grosser Zahl.
Zum einen hat er es auf das Fleisch abgesehen, welches vielerorts
als eine grosse Delikatesse gilt. Zum anderen begehrt er die
Schuppen. Diesen werden in der chinesischen Volksmedizin vielfältige
Heilwirkungen nachgesagt, vor allem bei der Behandlung von Hautkrankheiten.
Ferner werden ihnen vielerorts magische Kräfte zugeschrieben.
In Hongkong beispielsweise sind Amulette aus vier speziellen
Schuppentier-Schuppen zur Abschreckung böser Geister populär.
Leider besteht seit geraumer Zeit auch für die
gegerbte Haut des Chinesischen Schuppentiers ein Markt, und zwar
hauptsächlich in den USA und in Europa: Das Schuppentierleder
weist wegen der Narben, welche die abgestreiften Schuppen hinterlassen,
eine attraktive Struktur auf und ist deshalb für die Herstellung
modischer Cowboystiefel und anderer Lederwaren sehr beliebt.
Schätzungen zufolge müssen jährlich
mehrere zehntausend asiatische Schuppentiere ihr Leben lassen,
um den Bedarf der fernöstlichen Volksheilkunde und der westlichen
Modeindustrie zu decken. Die Nachfrage ist hoch - und damit auch
der Preis. In Vietnam beispielsweise liegt der Marktwert eines
Schuppentiers bei über 100 US-Dollar. Dies stellt für
viele Leute einen grossen Anreiz zur Bejagung der Tiere dar.
Der internationale Handel wird überwacht
Um die Gefahr abschätzen zu können, die
der internationale Handel heraufbeschwört, sind alle drei
asiatischen Schuppentierarten in Anhang II des «Washingtoner
Artenschutzübereinkommens» (WA) aufgenommen worden.
Dadurch wird zwar der kommerzielle Handel mit ihnen nicht verboten,
wie dies bei Auflistung in Anhang I der Fall wäre. Die rund
120 Unterzeichnerstaaten der Konvention (zu denen auch China
und Portugal mitsamt Macau gehören) werden aber dazu verpflichtet,
jeglichen Import und Export von lebenden Schuppentieren sowie
Schuppentierteilen und Schuppentierprodukten zu registrieren.
Und sie haben - beispielsweise mittels Quotenregelungen - dafür
zu sorgen, dass der Handel den Fortbestand der Schuppentiere
innerhalb ihrer Staatsgrenzen nicht gefährdet.
All dies ist auf dem Papier natürlich einfacher
zu vollziehen als vor Ort. So gibt es inzwischen zwar Hinweise
darauf, dass der internationale Handel mit dem Leder der asiatischen
Schuppentiere in jüngerer Zeit zurückgegangen ist.
Hingegen wissen wir nicht, ob dies auf einen besseren Vollzug
bestehender Artenschutzgesetze, auf eine Ausdünnung der
wildlebenden Bestände oder auf einen Rückgang der Nachfrage
zurückzuführen ist.
Alles in allem ist es derzeit sehr schwierig, etwas
Verlässliches über die Zukunftsaussichten des Chinesischen
Schuppentiers und seiner beiden asiatischen Vettern auszusagen.
Einerseits bedeutet ihr «Warenwert», dass der Jagddruck
hoch ist und - infolge der rasch voranschreitenden zivilisatorischen
Entwicklung Südostasiens - wohl noch weiter zunehmen wird.
Andererseits zeigen alle drei Schuppentierarten eine beachtliche
Anpassungsfähigkeit an menschgemachte Lebensraumveränderungen,
so dass sie durch die in ganze Südostasien voranschreitenden
Waldrodungen weniger stark beeinträchtigt zu werden scheinen
als viele andere Tiere.
Letztlich wird aber wohl auch für das Überleben
des Chinesischen Schuppentiers entscheidend sein, ob es uns erstens
gelingt, grossflächige Naturlandschaften in Form von Reservaten
und Nationalparks vor dem zerstörerischen Zugriff durch
den Menschen zu bewahren, und ob wir zweitens die masslose Bejagung
der Wildtiere auf ein verträgliches Mass zu beschränken
vermögen. Der Welt Natur Fonds (WWF) setzt sich hierfür
im ganzen südostasiatischen Raum seit vielen Jahren und
mit erheblichen finanziellen und fachlichen Mitteln ein.
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