China-Seidenreiher

Egretta eulophotes


© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Familie der Reiher (Ardeidae), welche - zusammen mit den Störchen, Ibissen und Löfflern - zur Ordnung der Stelzvögel (Ciconiiformes) gehört, umfasst weltweit ungefähr 60 Arten. Die meisten von ihnen leben in Gewässernähe und betätigen sich an den untiefen Rändern derselben als Beutegreifer. Als Anpassung an diese Lebensweise haben die Reiher im Laufe ihrer Stammesgeschichte unter anderem lange Beine und einen langen Hals mit 20 oder 21 Wirbeln entwickelt. Letzterer ist so gebaut, dass ihn die Vögel S-förmig zurückziehen können. Das tun sie besonders auf der Pirsch, was ihnen jederzeit die Gelegenheit gibt, den Kopf blitzschnell vorschnellen zu lassen und ihre Beutetiere mit dem spitzen Schnabel zu erdolchen. Auch im Flug biegen die Reiher ihren Hals - wohl als Energiesparmassnahme - S-förmig zurück. Ihr Flugbild lässt sich dadurch leicht von dem der Störche und anderer grosser Schreitvögel unterscheiden, welche ihren Hals in der Luft stets vorstrecken.

Praktisch an jedem Ort der Erde wissen die ansässigen Menschen, was ein Reiher ist. Dies beweist zum einen, dass die Familie überaus weit verbreitet ist und sich weltweit praktisch sämtliche Lebensräume nutzbar gemacht hat. Zum anderen zeigt es, dass die Reiher - am Boden wie in der Luft - eine unverwechselbare Gestalt aufweisen und ausserdem wegen ihrer zumeist stattlichen Grösse und ihrer Angewohnheit, grosse, bewegte Brutkolonien zu bilden, unübersehbar sind.

 

Reiher gibt Rätsel auf

Der China-Seidenreiher (Egretta eulophotes), dessen Heimat die Küstengewässer des südlichen Ostasiens sind, gehört zu den weniger bekannten Mitgliedern der Reiherfamilie. Er wurde erst 1860 entdeckt, und zwar durch den britischen Naturforscher Robert Swinhoe, der dem Vogel an der südostchinesischen Küste, nahe der Insel Taiwan, begegnete. In der Folge entbrannte in Fachkreisen eine hitzige Diskussion darüber, ob es sich bei dem weissen Reiher tatsächlich um eine eigenständige Art handle, oder ob er lediglich als weisse Farbphase des zwischen Burma, Japan und Neuseeland weit verbreiteten, blaugrauen Riffreihers (Egretta sacra) zu betrachten sei. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang es dann endlich dem britischen Biologen C. Rickett, zweifelsfrei nachzuweisen, dass der China-Seidenreiher eine «echte» Art darstellt.

Eine andere Frage beschäftigte die Ornithologen im Zusammenhang mit dem China-Seidenreiher aber noch mehr, nämlich die nach seinen Brutplätzen. Ende des 19. Jahrhunderts war nämlich erst ein einziger Hinweis hierzu erhältlich. Er besagte, dass eine Anzahl Paare in der Nähe der Stadt Fuchou an der südostchinesischen Küste nisteten, und zwar vergesellschaftet mit einigen Paaren des «gewöhnlichen» Seidenreihers (Egretta garzetta). In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts tauchten dann vereinzelt Berichte über weitere kleine Brutvorkommen an Chinas Südostküste auf, und in den vierziger Jahren gab es auch vage Hinweise auf Brutvorkommen an Nordkoreas Westküste. In den fünfziger Jahren wurde ferner eine Handvoll Paare entdeckt, welche an der chinesischen Festlandküste bei Hongkong in einer gemischten Kolonie mit gewöhnlichen Seidenreihern und Bacchusreihern (Ardeola bacchus) brüteten.

Weitere kleine Brutvorkommen des geheimnisvollen Reihers wurden auch im Verlauf der sechziger und siebziger Jahre gefunden, und allmählich fiel auf, dass Sichtungen von China-Seidenreihern in China, Korea, Taiwan und Hongkong stets in den Sommermonaten erfolgten, Beobachtungen während der Wintermonate hingegen vollständig fehlten. Dies konnte nur bedeuten, dass der weisse Reiher, obschon seine Brutplätze in den Subtropen liegen, ein Zugvogel ist, der den Winter anderswo verbringt. Tatsächlich gelang es dank gezielter Suche in verschiedenen Regionen Asiens, kleine Bestände des China-Seidenreihers auf der Malaiischen Halbinsel, in Singapur, auf den Philippinen und in Indonesien ausfindig zu machen - und zwar ausnahmslos im Winter. Der China-Seidenreiher hatte sich somit als ein ausgeprägter Zugvogel entpuppt, der - bedingt durch den Wechsel von Regen- und Trockenzeiten - alljährlich über Tausende von Kilometern zwischen seinen Brutgebieten im südlichen Ostasien und den Winterquartieren im Indomalaiischen Archipel hin- und herzieht.

Rätselhaft blieb allerdings weiterhin, weshalb trotz gezielter Suche nach Vorkommen des China-Seidenreihers sowohl im Brutareal als auch im Winterquartier stets nur winzige Bestände dieser Reiherart angetroffen worden waren. Sollte der Vogel wirklich dermassen selten sein? Oder sollten vielleicht doch noch unentdeckte Vorkommen existieren? Glücklicherweise erwies sich letzteres als richtig: 1987 wurde endlich durch den südkoreanischen Ornithologen Won Pyong-Oh eine grosse Brutkolonie des China-Seidenreihers entdeckt, und zwar dank Hinweisen lokaler Fischer. Sie befindet sich auf einem winzigen, weniger als ein Hektar grossen Felseiland namens Shin Islet vor Südkoreas Westküste. Nebst mehr als 3000 Paaren von Japanmöwen (Larus crassirostris) brüten dort fast 500 Paare von China-Seidenreihern ihre Eier aus und ziehen ihre Jungen gross.

An den Hängen des Inselchens befinden sich einige spärlich mit niedrigwüchsigen Büschen und Stauden bewachsene Flächen, und dort, im Schutz dieser lückigen Pflanzendecke, legen die China-Seidenreiher auf dem Boden ihre wenig kunstvollen Nester aus dürren Zweigen an. Das ist recht überraschend, brüten doch die meisten Reiherarten im Geäst von Bäumen oder Sträuchern, und ein wesentlicher Grund dafür, weshalb diese Kolonie so lange unentdeckt geblieben war. Für den China-Seidenreiher scheint das Bodenbrüten auf unzugänglichen Felseilanden aber durchaus üblich zu sein: Jedenfalls konnten in der Zwischenzeit mehrere gleichartige - obzwar weniger umfangreiche - Brutkolonien im Bereich des Gelben Meers ausgemacht werden. Und nicht zuletzt wurde 1990 auch endlich eine grössere «Winterkolonie» entdeckt. Sie befindet sich auf der nördlich von Borneo liegenden, zu den Philippinen gehörenden Insel Palawan und umfasst ungefähr 600 Vögel.

 

Wilde Jagd auf Schlickflächen

Der China-Seidenreiher hat ein schneeweisses Gefieder und wird deshalb mitunter auch «Schneereiher» genannt. Mit einer Körperlänge von ungefähr 68 Zentimetern und einem Gewicht von etwa 500 Gramm gehört er zu den mittelgrossen Vertretern seiner Sippe, wobei sich Männchen und Weibchen äusserlich nicht unterscheiden.

Hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche ist der China-Seidenreiher stärker spezialisiert als die meisten anderen asiatischen Reiherarten: Seine Nahrung sucht er ausschliesslich im seichten Wasser flacher, morastiger Meeresküsten, namentlich auf den Schlickflächen in verlandenden Buchten und entlang von Mangrovenwäldern. Seen, Sümpfe, Reisfelder und andere Süssgewässer scheint er hingegen niemals aufzusuchen. Er besetzt also eine recht schmale ökologische Nische.

Zum Opfer fallen dem China-Seidenreiher Fische, Garnelen, Krabben und andere kleine Wassertiere. Kaum je wartet er nach Reihermanier geduldig im Wasser stehend auf Beutetiere, die sich ihm nähern, und er pirscht sich auch selten behutsam an seine Beutetiere heran. Die bevorzugte Jagdweise des China Seidenreihers besteht darin, mit nach vorn geneigtem Körper wild umherzurennen und dabei mit den hoch erhobenen Flügeln zu schlagen. Auf diese Weise vermag er offensichtlich Beutetiere aus ihren Verstecken hervorzuscheuchen, nach denen er dann blitzschnell und zielsicher sticht.

 

Verhängnisvolle Launen der Damenmode

Wie alle Reiher mausert der China-Seidenreiher alljährlich vor und nach der Brutsaison sein Federkleid, und wie bei manchen seiner Vettern wächst ihm für die Balzzeit ein besonders prächtiges Gefieder mit langen, bandförmigen Schmuckfedern auf dem Scheitel und an der Brust sowie extrem langen, fein zerschlissenen Federn auf dem Rücken. Gewöhnlich liegen die Schmuckfedern dem Körper an und sind aus einer gewissen Distanz nur erkennbar, wenn sie vom Wind bewegt werden. Bei der Balz werden sie jedoch möglichst eindrucksvoll zur Schau gestellt: Die Vögel sträuben dann ihr Gefieder, so dass die Schmuckfedern auf dem Kopf einen markanten Schopf und diejenigen auf dem Rücken einen flechtwerkartigen Schleier bilden.

Zusätzlich zum Gefieder verändert sich auch die Färbung der nackten Hautstellen des China-Seidenreihers vor der Balz- und Brutzeit: Die gelblichgrünen Beine werden schwarz und die Zehen hellgelb, der Schnabel wechselt von braun zu gelborange, die Gesichtshaut verfärbt sich von gelb zu blau, und die sonst gelbliche Regenbogenhaut des Auges nimmt eine perlweisse Farbe an. Zur Balzzeit ist der China-Seidenreiher ein besonders hübscher Vogel.

Leider wäre das prachtvolle Gefieder dem China-Seidenreiher beinahe zum Verhängnis geworden. Um die letzte Jahrhundertwende wurden nämlich die Schmuckfedern der Reiher zu einem begehrten Accessoire der damaligen Damenmode. Besonders die Damenhüte wurden reich mit Reiherfedern verziert. Um den immensen Bedarf der Modemacher und der modischen Damen zu decken, wurden in der ganzen Welt Reiher hingeschlachtet. Besonders verhängnisvoll wirkte sich dabei aus, dass die Schmuckfedern der Reiher während der Balz- und Brutzeit am schönsten sind. Die Altvögel wurden deshalb zwangsläufig zu dieser Zeit abgeschossen, worauf ihre Eier und verwaisten Nestlinge unweigerlich zugrunde gingen. Ganze Kolonien wurden innerhalb kürzester Zeit vernichtet; weltweit gingen die Reiherbestände rapid zurück.

Mit den Federn der Reiher (sowie anderer unglückseliger Vögel mit Schmuckfedern) wurden Millionengeschäfte gemacht, denn zeitweilig waren sie doppelt soviel wert wie ihr Gewicht in Gold! Kein Wunder erreichte der Federnhandel zu seiner Blütezeit sämtliche Winkel der Erde und beschäftigte Zehntausende von Personen. Das folgende Zahlenbeispiel möge das erschreckende Ausmass des seinerzeitigen Vogelmords illustrieren: Ein einziger Londoner Grosshändler importierte und verkaufte allein im Jahr 1902 1370 Kilogramm Schmuckfedern. Da mindestens 150 Vögel sterben mussten, um 1 Kilogramm Schmuckfedern zu erhalten, mussten demnach rund 200 000 Reiher in diesem einen Jahr für diesen einen Händler umgebracht werden. Und ausserdem gingen noch etwa drei mal soviele Jungvögel oder Eier zugrunde...

Die enormen Dimensionen des internationalen Handels mit Schmuckfedern führten glücklicherweise bald zur Gründung der ersten Vogelschutzorganisationen sowohl in den USA als auch in Grossbritannien und im übrigen Europa. Sie wandten sich mit heftigen Kampagnen in allen Medien gegen die unsinnige Federnmode und den durch sie verursachten Vogelmord - mit Erfolg: Zum einen wurden in den USA und mehreren westeuropäischen Ländern Gesetze erlassen, welche den Handel mit Vogelfedern unterbanden. Zum anderen kamen nach und nach Reiherfedern aus der Mode. So vermochten sich die meisten Reiherarten allmählich wieder zu erholen. Dem China-Seidenreiher scheint dies jedoch - wohl seiner engen ökologischen Nische wegen - bis heute nur unvollständig gelungen zu sein.

 

Nutzbarmachung von «Unländern»

Die Zukunft des China-Seidenreihers sieht zwar - nach der endlich erfolgten Entdeckung grösserer Bestände im Brutareal und im Winterquartier - nicht ganz so düster aus, wie man noch vor kurzem dachte. Dennoch muss der Vogel als gefährdet eingestuft werden: Die uns heute bekannten Brutkolonien umfassen insgesamt weniger als 1500 Paare, und die Gesamtpopulation dürfte kaum mehr als 5000 Individuen betragen. Dies allein macht den Vogel schutzbedürftig.

Erfreulicherweise hat die südkoreanische Regierung inzwischen Shin Islet zum nationalen Naturdenkmal erklärt und seinen strikten Schutz verfügt. Damit besitzt immerhin rund ein Drittel der Altvögel einen sicheren Platz für die Aufzucht ihrer Jungen.

Ob dies langfristig gesehen den Fortbestand des China-Seidenreihers zu gewährleisten vermag, ist allerdings fraglich, denn leider drohen dem weissen Vogel heute weitere Gefahren. Eine davon heisst Verschmutzung der Küstengewässer, ausgehend von den in Ost- und Südostasien stark anwachsenden menschlichen Ballungsräumen. Dadurch werden nicht nur die Beutetierbestände des China-Seidenreihers vermindert, sondern es gelangen auch vermehrt Schadstoffe über die Nahrung in seinen Körper, wo sie unter anderem die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können, wie man dies von anderen gefiederten Beutegreifern her kennt.

Eine noch schwerwiegendere Gefahr ist die Trockenlegung und Nutzbarmachung sumpfiger Flussmündungen, seichter Buchten und anderer flacher Küstenbereiche, hervorgerufen durch den stetig wachsenden Landbedarf der fernöstlichen Bevölkerung. Besonders akut ist dieses Problem in Südkorea: Das Land hat weltweit eine der höchsten Bevölkerungsdichten und weist zudem ein enormes Wirtschaftswachstum auf. Ebenes, noch ungenutztes Land findet sich in Südkorea kaum mehr. So ist der Druck auf Feuchtgebiete und andere natürliche «Unländer» massiv.

Man kann davon ausgehen, dass Südkoreas flache Westküste, welche heute durch ungezählte Inselchen, Felsvorsprünge und Buchten reich gegliedert ist, um die Mitte des nächsten Jahrhunderts mehr oder weniger geradlinig verlaufen wird, weil bis dann alle seichten Küstenstriche aufgefüllt, trockengelegt und überbaut sein werden. Der China-Seidenreiher wird dann zwar auf Shin Islet noch immer gut geschützte Nistplätze vorfinden. Er wird aber nirgendwo mehr hingehen können, um Futter für seine Jungen zu beschaffen. Die Zeit wird weisen, wie der China-Seidenreiher mit diesen neuerlichen menschgemachten Problemen zurechtkommen wird.




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