Ciskei


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



Die Republik Ciskei war 1981 das vierte und vorerst letzte Homeland gewesen, das die sogenannte Unabhängigkeit von Südafrika erhielt. Jetzt, zehn Jahre später, leitet sie als erstes der vier künstlichen Staatsgebilde die Heimkehr nach Südafrika ein: Der Militärherrscher der Ciskei, Brigadier Oupa Gqozo, unterzeichnete im Februar 1991 eine Vereinbarung mit Südafrika, gemäss der das ehemalige Mutterland nun wieder die Minister für Finanzen, Landwirtschaft, Justiz und Transport stellt. Auch wenn der südafrikanische Aussenminister Roelof Botha dies vorerst noch bestreitet, so ist doch jedermann klar: Der Anfang vom Ende der menschenverachtenden «Grossen Apartheid» hat begonnen.

 

Der Traum von der «Grossen Apartheid»

Als «Grosse Apartheid» wird die von den weissen Südafrikanern betriebene Politik der territorialen Rassentrennung bezeichnet. Sie fusst auf dem 1913 verabschiedeten «Natives Land Act» sowie dem 1936 erlassenen «Bantu Land Trust Act» - zwei Gesetzen, welche zwingend festlegen, dass sich alle schwarzen Südafrikaner in sogenannten «Homelands» niederzulassen haben, und zwar getrennt nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Entsprechend den wichtigsten zehn Bantustämmen, die bei der Ankunft der weissen Siedler an der Südspitze Afrikas heimisch waren, wurden die zehn Homelands Bophuthatswana, Ciskei, Gazankulu, KaNgwane, KwaNdebele, KwaZulu, Lebowa, QwaQwa, Transkei und Venda geschaffen, und in der Folge mussten mehrere Millionen Schwarze gegen ihren Willen aus anderen Teilen Südafrikas in diese künstlich für sie geschaffenen «Heimatländer» umsiedeln.

Vordergründig argumentierte die weisse Regierung Südafrikas, dass die jeweils anders gelagerten Probleme der verschiedenen südafrikanischen Bevölkerungsgruppen am besten zu lösen seien, wenn sich jede auf ihrem Territorium gesellschaftlich, politisch und kulturell unabhängig entwickeln könne, wirtschaftlich aber mit den anderen verbunden bleibe. «Multinationale Entwicklung» hiess das beschönigende Schlagwort.

In Tat und Wahrheit verfolgte Südafrikas Regierung mit der Errichtung der Homelands hauptsächlich den Zweck, die privilegierte Stellung der Weissen in Südafrika zu festigen. So nehmen erstens die zehn Homelands nur 13 Prozent der Landesfläche ein, obschon die Schwarzen rund 80 Prozent der Bevölkerung Südafrikas ausmachen. Die Homelands sind entsprechend übervölkert, die existenziellen Nöte gross. Zweitens sind die Grenzlinien sehr sorgfältig gezogen worden, um Südafrikas Industriegebiete und seine Diamanten- und Goldminen auf «weissem» Gebiet zu belassen. Der Verlauf der Südostgrenze der Ciskei spricht diesbezüglich Bände.

Dadurch waren die von der südafrikanischen Regierung immer wieder betonten autonomen Entwicklungsmöglichkeiten der Schwarzen von vornherein miserabel. Sie konnten in den Homelands gewöhnlich nur ein Hungerleben führen und waren gezwungen, in grosser Zahl als «Gastarbeiter» in den Industrie- und Bergbaugebieten der Weissen oder als Hilfspersonal in deren Städten zu arbeiten. Um dies zu tun, benötigten sie allerdings eine Genehmigung - und konnten so von den weissen Südafrikanern als billige Arbeitskräfte je nach Bedarf angeheuert oder abgeschoben werden.

Eisern hielt Südafrika am Traum von der Grossen Apartheid fest. Jahrzehnte lang scheute es weder Kosten noch Mühen, um die Mär von der multinationalen Entwicklung aufrechtzuerhalten. Zwischen 1976 und 1981 wurden sogar vier der zehn Homelands - Bophuthatswana, Ciskei, Transkei und Venda - von Südafrika gänzlich abgetrennt und zu unabhängigen Republiken erklärt. Doch die Rechnung ging nicht auf: Zum einen wurden die «Kunststaaten» international nie anerkannt, ja trugen sogar wesentlich zum wirtschaftlichen Boykott Südafrikas durch die USA und Europa bei. Zum anderen verschlangen sie weiterhin eine Menge Geld. So erhielt die Ciskei im Haushaltjahr 1988/89 noch immer rund 400 Millionen US-Dollar vom «weissen» Südafrika, während aus eigenen Einkünften nur magere 80 Millionen US-Dollar in die Staatskasse flossen.

Eine gewisse Erleichterung dürfte deshalb zweifellos mitgeklungen haben, als Südafrikas Staatspräsident Frederik de Klerk im März 1992, kurz nachdem die weisse Minderheit Südafrikas in einer Volksabstimmung mit deutlicher Zweidrittelsmehrheit die von ihm im Februar 1990 eingeleitete Reformpolitik gutgeheissen hatte, ausrief: «Heute schliessen wir das Buch der Apartheid!»

 

Diesseits des Great Kei gelegen

Der Name der Ciskei bezieht sich auf den Great Kei, jenen geschichtsträchtigen Fluss, der etwas östlich der südafrikanischen Hafenstadt East London in den Indischen Ozean fliesst: Während die Transkei jenseits (östlich) des Great Kei liegt, befindet sich die Ciskei diesseits (westlich).

Mit einer Fläche von 8300 Quadratkilometern ist die Ciskei genau fünfmal kleiner als die Schweiz. Das A-förmige Land steigt von der rund 50 Kilometer langen Küste über eine hügelige, stark von Flüssen zerschnittene Binnenterrasse zu den oft wolkenverhangenden Amatola-Bergen auf, an die im Norden ein Hochplateau, das sogenannte «Hochveld», anschliesst.

Die Binnenterrasse ist das traditionelle «Herz» des Territoriums. Hier befinden sich die alten Siedlungsschwerpunkte mit Tausenden kleinflächiger Mais- und Hirsefelder und kopfstarken Rinder-, Schaf- und Ziegenherden. Weite Grasländer, teils buschbestanden, prägen das Landschaftsbild. Waldungen mit Kiefern, Eukalyptus und Akazien finden sich hauptsächlich in den Tälern und Schluchten sowie in den Amatola-Bergen.

Der 1800 Meter hohe Katberg-Pass verbindet Ciskeis Binnenterrasse mit dem hochliegenden Norden, wo sich am Ufer des Swart Kei der 100 Quadratkilometer grosse Tsolwana-Wildpark befindet, der neben einer Vielzahl von Vögeln und Kleinsäugern auch einige Bergzebras, Giraffen und Weisse Nashörner beherbergt.

Das Klima der Ciskei ist mild mit mittleren Jahrestemperaturen um 22 Grad Celsius. In normalen Jahren fällt im Sommerhalbjahr reichlich Regen (um 1000 Millimeter im Süden und um 600 im Norden), während der Winter ziemlich trocken ist. Die Grasländer präsentieren sich deshalb im Sommer als herrlich grüner Teppich, während sie im Winter graubraun erscheinen.

Die grösste Stadt der Ciskei ist mit 200 000 Einwohnern das ganz im Osten liegende Mdantsane. Verwaltungssitz der Ciskei war ursprünglich Zwelitsha gewesen, das mit rund 50 000 Bewohnern noch immer die zweitgrösste Stadt der Ciskei ist. 1980 wurde jedoch unweit von Zwelitsha mit dem Aufbau einer «richtigen» Hauptstadt namens Bisho begonnen, die heute rund 25 000 Einwohner zählt.

Erwähnenswert ist im übrigen das Städtchen Alice, das 1824 aus einer Missionsstation entstanden war. In seiner Nähe befindet sich die berühmte Fort-Hare-Universität, eine der ältesten Universitäten für Schwarze in Afrika. Gegründet wurde sie 1916 als College und erhielt 1970 den Status einer Universität, an der gegenwärtig rund 3000 Studenten immatrikuliert sind. Die Fort-Hare-Universität hat viele afrikanische Führer hervorgebracht, darunter Staatspräsident Robert Mugabe von Simbabwe, Innenminister Charles Njonjo von Kenia und Chefminister Mangosuthu Buthelezi von KwaZulu.

 

Erst nach neun «Kaffernkriegen» waren die Xhosa besiegt

Die Bevölkerung der Ciskei gehört wie die der Transkei zu rund 99 Prozent dem Volk der Xhosa an. Etwa um 1620 waren die Xhosa, von Norden her kommend, zunächst in das Gebiet des heutigen Natal, um 1670 dann in ihr jetziges Gebiet eingewandert. Hier trafen sie zunächst auf Angehörige des urtümlichen, gelbhäutigen Hottentotten-Volks, die sie allmählich verdrängten, aus deren Sprache sie aber viele Klicklaute übernahmen, die heute noch das IsiXhosa, die Amtssprache der Ciskei, prägen.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kam es zwar zu einem Nachfolgestreit zwischen den Söhnen des grossen Xhosa Häuptlings Palo, worauf sich ein Teil des Volks, die Galeka, östlich des Great Kei niederliessen (heutige Transkei-Xhosa), während der andere Teil, die Rarabe, das Land westlich des Flusses besiedelten (heutige Ciskei-Xhosa). Doch ansonsten herrschte Friede: Die Xhosa bestellten ihre Hirsefelder, schauten zu ihren Rinderherden und respektierten ihre Häuptlinge.

Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die weissen Siedler vom Kap bei der Ausweitung ihres Siedlungsgebiets nach Osten vorstiessen. 1779 kam es im Gebiet ostlich des Great Fish Rivers zur ersten kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den Weissen und den tapfer ihren Grund und Boden verteidigenden Xhosa. Bis 1878 folgten noch acht weitere, zum Teil äusserst blutige Zusammenstösse, welche als die berüchtigten «Kaffernkriege» in die Geschichte Südafrikas eingingen. Jetzt erst gelang es den Weissen, die Xhosa endgültig zu unterwerfen und deren Gebiet der damaligen britischen Kapkolonie einzuverleiben. Und dazu hatte die verhängnisvolle Voraussage eines sehr geachteten Sehers der Xhosa nicht unwesentlich beigetragen: Er hatte prophezeit, dass die Xhosa-Vorfahren allesamt zurückkommen würden, um die Weissen zu vertreiben, wenn jedermann sein Vieh töten und seine Felder abbrennen würde. Dies traf jedoch nicht ein, obschon sein Rat allgemein befolgt wurde, und so war das Volk entscheidend geschwächt.

Die Ciskei ist heute ein lebendiges Geschichtsbuch der unheilvollen und blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schwarz und Weiss in dieser Region. Forts, Signaltürme und viele andere Zeugnisse aus dem 19. Jahrhundert lassen erkennen, dass die Weissen hier mit viel Aufwand das ständig umkämpfte östliche Grenzgebiet ihrer Kolonie zu schützen suchten. Auch Ortsnamen wie Hamburg, Berlin und Braunschweig erinnern an jene bewegten Jahre: 1857 brachten die Briten nämlich 2315 siedlungswillige Deutsche hierher. Sie sollten zusammen mit weiteren Siedlern aus Grossbritannien helfen, die Position der Weissen in der Region zu stärken.

 

Ein ländliches Armenhaus

Die Ciskei hat heute rund 775 000 Einwohner. Die meisten von ihnen führen ein gesellschaftliches Leben nach alter Väter Sitte: Ihre soziale Heimat, aus der sie Geborgenheit und Sicherheit schöpfen, ist die Sippe, in die sie hineingeboren wurden und die der Patriarch unangefochten leitet. Und ihre geografische Heimat ist das Wohngebiet des Stammes, dem sie angehören und dem der Häuptling aus adligem Geschlecht vorsteht. Insgesamt 37 Xhosa-Stämme, welche teils sehr unterschiedliche Dialekte sprechen, leben in der Ciskei.

Die meisten Xhosa der Ciskei bewohnen auch heute noch traditionelle Rundhütten, deren Wände aus Steinen und Lehmziegeln erbaut und die mit einem kegelförmigen Grasdach gedeckt sind. Neben und zwischen den Rundhütten, die weit verstreut im offenen Gelände liegen, befinden sich die durch Dornenhecken geschützten Viehhöfe und die kleinen Gemüsegärten, die ebenfalls zum Schutz vor den überall herumlaufenden Haustieren umzäunt sind. Weitere Begrenzungen existieren jedoch nicht, denn alles Land ist Gemeinbesitz - Eigentum des jeweiligen Stammes, das gemeinschaftlich gemäss den Weisungen des Häuptlings genutzt wird. Die wirtschaftliche Tätigkeit der Xhosa beschränkt sich in den meisten Fällen auf die herkömmlichen Wirtschaftsformen Viehhaltung und Ackerbau. Beides hat in der Ciskei jedoch seine Mängel: Beim Feldbau sind aufgrund der einfachen Bearbeitungsmethoden (meistens nicht-maschinell, ohne gutes Saatgut, mit zuwenig Dünger) die Hektarerträge sehr gering. Ausserdem dienen nur rund 15 Prozent der Landesfläche dem Anbau von Hirse, Mais, Hülsenfrüchten und anderen Grundnahrungsmitteln.

Bei der Viehhaltung spielen überlieferte Wertvorstellungen eine ungute Rolle: Zur Hebung des Ansehens sind möglichst viele, wenn auch unterernährte Tiere viel wichtiger als verhältnismässig wenige, dafür ertragreiche. Deshalb werden rund 70 Prozent der Landesfläche als Weideland genutzt. Und deshalb grasen auf den Weideflächen viel zu viele Tiere (insgesamt etwa 220 000 Rinder, 190 000 Schafe, 150 000 Ziegen), so dass die Pflanzendecke überbeansprucht wird und der Boden erodiert. Die Folge der langfristigen Überweidung sind zerfurchte, wertlose Hänge allüberall.

So kommt es, dass die Landwirtschaft der Ciskei, obschon dieses wegen der reichlichen Niederschlagsmengen zu den agrarklimatisch begünstigsten Gebieten Südafrikas gehört, die Menschen bis heute nicht zu ernähren vermag.

Die nicht ausreichende Nahrungserzeugung sowie die bescheidenen zivilisatorischen Bedürfnisse, die auch bei den Xhosa durch den Kontakt mit den Weissen entstanden sind, zwingen einen Grossteil der Männer im arbeitsfähigen Alter, zumindest zeitweilig Arbeit gegen Barlohn anzunehmen. Das kann in den während der letzten Jahre zaghaft entstandenen Gewerbebetrieben in der Ciskei selbst oder auf den grossflächigen Ananas-Plantagen im Süden des Landes sein. Die meisten von ihnen sind jedoch gezwungen, ausserhalb der Ciskei zu arbeiten, als Pendler oder als längerfristige «Gastarbeiter». Über 40 Prozent der Männer im arbeitsfähigen Alter sind in der Republik Südafrika für weisse Arbeitgeber tätig, vorab im benachbarten East London, einem der bedeutendsten Häfen Südafrikas, von wo vor allem landwirtschaftliche Erzeugnisse exportiert werden. Zu rund zwei Dritteln stammt das Volkseinkommen der Ciskei Bewohner aus den Löhnen dieser Gastarbeiter und Pendler. Aus diesem Grund begegnet der Besucher in der Ciskei zwar vielen Greisen, sehr vielen Frauen und noch mehr Kindern, hingegen nur wenigen jüngeren Männern.

 

Hoffnung am Kap der Guten Hoffnung

Es war für die dunkelfarbigen Bürger der Ciskei eine ziemlich ungewohnte Sache, als sie im Dezember 1980 an über das ganze Territorium verteilten Stimmlokalen ihre Meinung äussern durften zur Frage: «Soll die Ciskei eine unabhängige Republik werden?» Die «Stimme des Volks» war eindeutig: 295 891 (99,5 Prozent) stimmten dafür und nur 1642 dagegen. Der Ausgang der Abstimmung hatte allerdings nie in Zweifel gestanden. Denn obschon sich eine siebenköpfige internationale Expertenkommission im Februar 1980 - vor allem aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen - dringend gegen eine Abtrennung des Homelands von Südafrika ausgesprochen hatte, liess Ciskeis Chefminister Lennox Sebe vor der Wahl eine massive «Pro»-Kampagne durchführen, die ihre Wirkung auf die ihren Häuptlingen stets treu ergebenen Xhosa nicht verfehlte.

So wurde die Ciskei am 4. Dezember 1981 zu einer eigenständigen - wenn auch wirtschaftlich überhaupt nicht lebensfähigen - Republik. Und erwartungsgemäss wählte das Einkammerparlament, das sich aus den 37 durch Erbfolge bestimmten Stammeschefs sowie 50 vom Volk gewählten Abgeordneten zusammensetzte, Lennox Sebe zum ersten Staatspräsidenten des kleinen Landes.

Kritiker aus dem schwarzen wie aus dem weissen Lager schüttelten einmütig den Kopf. Ihrer Ansicht nach ging es dem 1926 geborenen Lennox Sebe keineswegs um das Wohl seines Volks, sondern einzig um die Vergrösserung seiner Macht. Dazu passten seine realitätsfremden Prognosen wie: «Schon in einem Jahr werden die Farmer der Ciskei die ganze Nation ernähren können.» Dazu passte, dass er sich von der Fort Hare-Universität einen Ehrendoktortitel verleihen liess. Dazu passten die Unsummen von Geld, die er verschleuderte, um Regierungsgebäude, Sportstadien, Highways und andere Symbole der «Unabhängigkeit» zu errichten. Und dazu passte, dass er sich, echt Staatsmann, gerne zu Handelsgesprächen in fernen Ländern aufhielt.

In solcher Mission weilte er denn auch in Hongkong, als am 4. März 1990 ein Teil der Streitkräfte in der Ciskei einen Putsch durchführte. Seit Wochen hatte es in der Ciskei gegärt - seit in Südafrika politisch ein neuer Wind wehte und die Chancen besser geworden waren, dass sich die schwierigen politischen Probleme Südafrikas am Verhandlungstisch lösen liessen.

Lennox Sebe hatte zwar Südafrika sofort um Unterstützung gebeten, denn das Mutterland hatte bisher die Regierungen der zehn Homelands in Notfällen stets militärisch unterstützt, zuletzt 1988 bei einem Putsch in Bophuthatswana. Südafrika entsandte auch tatsächlich Truppen in die Ciskei. Aber nicht, um die Macht des gestürzten Präsidenten wiederherzustellen, sondern um Recht und Ordnung zu schaffen. In Mdantsane und anderswo war es nämlich im Anschluss an den unblutigen Putsch zu Plünderungen von Geschäften und zu Brandanschlägen durch arbeitslose Jugendliche gekommen.

Südafrika liess alsbald verlauten, es richte sich danach, ob Politiker, Polizei und öffentlicher Dienst die Putschisten unterstützen würden, und dies sei eindeutig der Fall. Damit aber leistete Südafrika nun einer Regierung Beistand, welche sich eindeutig gegen die «Grosse Apartheid» aussprach. Noch am Abend des 4. März hatte nämlich Putschistenführer Oupa Gqozo bei einer Kundgebung in Bisho öffentlich erklärt, seine aus vier Mitgliedern bestehende Militärregierung strebe eine rasche Wiedereingliederung der Ciskei in Südafrika an. Die Ciskei gehöre selbstverständlich fest zum südafrikanischen Staatsverband, mit dessen Wirtschaft es ja auf das engste verbunden sei. So deutet also im Moment alles darauf hin, dass das Kap der Guten Hoffnung seinem Namen endlich doch noch gerecht wird.

 

 

 

Bildlegenden

8300 Quadratkilometer misst die Fläche der Republik Ciskei, die als Enklave im südlichen Bereich der Republik Südafrika liegt. Von alters her leben hier die dunkelhäutigen Einheimischen in weit über das hügelige Land verstreuten Rundhütten mit kegelförmigem Grasdach.

Die meisten Bewohner der Ciskei leben als Selbstversorger und betreiben traditionellen, wenig ertragreichen Ackerbau und ebensolche Viehzucht. Während die Arbeit auf den Feldern meistens von den Frauen verrichtet wird, widmen sich die Männer vornehmlich der Viehzucht. Viele gehen auch, zumindest zeitweilig, einer entlöhnten Arbeit im «weissen» Südafrika nach.

Die Bürger und Bürgerinnen der Ciskei gehören zum weit überwiegenden Teil dem Bantuvolk der Xhosa an. Aufgrund der langen Kontakte mit den Weissen tragen sie heuteg ewöhnlich europäische Kleidung. Nur selten begegnet man noch einer Frau mit charakteristischem orangem Gewand, turbanähnlicher Kopfbedeckung und langer Pfeife, dem Statussymbol der verheirateten Xhosa-Frau.

Die 1976 gegründete «Nationale Entwicklungsgesellschaft der Ciskei» (CNDC) fördert zwar die Gründung gewerblicher Betriebe mittels steuerlicher und anderer Anreize. Doch sind die Erfolge bislang mässig, denn es fällt aus diversen Gründen schwer, Unternehmer zu finden, die hier zu Investitionen bereit sind. Die beiden Bilder zeigen eine Wollteppich-Weberei (oben) und eine Manganhütte (unten).

Während sechs der zehn südafrikanischen Homelands sich bis heute standhaft weigerten, die ihnen von Südafrika angebotene politische Unabhängigkeit anzunehmen, entschied sich das Volk der Ciskei bei einer im Dezember 1980 durchgeführten Abstimmung für diesen Schritt. Die Frau auf dem Bild zeigt nach dem Verlassen des Abstimmungslokals stolz ihren Pass mit dem roten Regierungsstempel, der bescheinigt, dass sie an diesem denkwürdigen Anlass teilgenommen hat.

«Heute schliessen wir das Buch der Apartheid», sagte der südafrikanische Staatspräsident Frederik de Klerk im März 1992, nachdem die Weissen den von ihm eingeleiteten Reformprozess demokratisch gutgeheissen und damit der Abschaffung der weissen Minderheitsherrschaft am Kap zugestimmt hatten. Bereits sind starke Bestrebungen zur Wiedereingliederung der Ciskei in das südafrikanische «Mutterland» im Gang, und damit sieht die Zukunft der Jugendlichen der Ciskei wieder bedeutend günstiger aus als auch schon.




ZurHauptseite