Rarotonga-Fliegenschnäpper - Pomarea dimidiata

Cook-Flaumfusstaube - Ptilinopus rarotongensis


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Kapitän James Cook, der berühmte englische Weltumsegler und Entdecker abgelegener Archipele, traf 1773 im südlichen Pazifik auf eine bislang unbekannte Gruppe von 15 Inseln, welche später nach ihm benannt wurden: die Cook-Inseln. Trotz der Abgeschiedenheit der Cook-Inseln war er aber keineswegs der erste Mensch, der seinen Fuss auf die kleinen Eilande setzte: Der Archipel war bei seiner Ankunft bereits von Polynesiern bewohnt, und deren Legenden besagten, dass zwei grosse Krieger von Tahiti im Jahr 1200 n.Chr. die Inseln entdeckt hatten. Die modernen Archäologen sind allerdings der Ansicht, dass die Inselgruppe viel früher schon von Menschen bewohnt gewesen sein muss.

Wie dem auch sei: Seit 1965 sind die Cook-lnseln eine unabhängige Inselnation (selbstverwaltet zwar, aber politisch Neuseeland angeschlossen) mit einer Gesamtbevölkerung von etwa 18.000 Personen und einer Landfläche von insgesamt 240 Quadratkilometern.

Die im Süden der Cook-lnseln gelegene Insel Rarotonga ist mit einer Fläche von 64 Quadratkilometern die grösste Insel des Archipels und die Hauptinsel der kleinen Nation. Über die Hälfte der Cook-lnselbewohner leben auf Rarotonga, und zwar allesamt im etwa 800 Meter breiten, mehr oder weniger flachen Küstenstreifen. Der Fischfang und der Anbau tropischer Früchte und Gemüse sind ihre Haupterwerbstätigkeiten.

Rarotonga ist eine typische Vulkaninsel: Im Inselinnern erhebt sich ein Vulkanmassiv mit sieben Hauptgipfeln. Der höchste davon ist der Te Munga mit einer Höhe von 702 Metern. Die Hänge der Vulkangruppe sind durch die immerwährende Tätigkeit von Wind und Wetter tief zerfurcht: Steile Täler wechseln mit schmalen Hügelrücken ab, soweit das Auge blickt, und alles ist von üppiger tropischer Vegetation überwuchert.

 

Sechs endemische Vogelarten

Rund 100 Vogelarten sind bisher auf den Cook-Inseln registriert worden. Allerdings sind nur 26 davon «echte» einheimische Brutvögel. Bei den übrigen handelt es sich um Zugvögel und umherstreifende Meeresvögel, welche sich jeweils ausserhalb ihrer Brutsaison hier aufhalten, oder aber um Vogelarten, die der Mensch eingeführt hat.

Von den 26 einheimischen Brutvogelarten sind genau die Hälfte, nämlich 13, Meeresvögel (Tropikvögel, Tölpel, Fregattvögel, Seeschwalben). Die andere Hälfte setzt sich aus einem Reiher, einer Ente, einer Ralle, drei Tauben, einem Papagei, einem Segler, zwei Eisvögeln, einem Fliegenschnäpper, einer Grasmücke und einem Star zusammen.

Sechs dieser einheimischen «Landvögel» wiederum sind auf den Cook-Inseln endemisch, kommen also weltweit nur gerade hier vor. Es handelt sich um den Rarotonga-Fliegenschnäpper (Pomarea dimidiata), die Cook-Flaumfusstaube (Ptilinopus rarotongensis), den Atiu-Segler (Aerodramus sawtelli), den Mangaia-Eisvogel (Halcyon ruficollaris), den Cook-Rohrsänger (Acrocephalus kerearako) und den Rarotonga-Star (Aplonis cinerascens). Vier von ihnen - der Fliegenschnäpper, der Segler, der Eisvogel und der Star - stehen leider auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Vogelarten.

 

Den Rarotonga-Fliegenschnäpper gibt es in zwei Farben

Der Rarotonga-Fliegenschnäpper, von den Polynesiern kakerori genannt, war einst auf Rarotonga weit verbreitet. Heute findet man ihn jedoch nurmehr in den besonders tief eingeschnittenen Tälern des Inselinnern. Schon seit geraumer Zeit scheint der Rarotonga-Fliegenschnäpper recht selten zu sein. Jedenfalls schafften es europäische Sammler zwischen 1871 und 1923 trotz beachtlichem Aufwand nicht, mehr als zehn der kleinen Singvögel zu fangen. Und im Wörterbuch der Rarotonga-Sprache, das in den vierziger Jahren geschrieben wurde, findet man beim Wort «kakerori» den Vermerk «ausgestorben».

Zum Glück war dieser Hinweis voreilig. 1973 konnten jedenfalls anlässlich einer ornithologischen Expedition ins Inselinnere fünf Rarotonga-Fliegenschnäpper gesichtet werden. Bei einer weiteren Expedition im Jahr 1983 wurden dann 21 Individuen und erstmals auch zwei Nester angetroffen. Und 1987 stellten Biologen der englischen Cambridge-Universität zusammen mit neuseeländischen Kollegen fest, dass innerhalb von 1,25 Quadratkilometern verfügbaren Fliegenschnäpper-Lebensraums insgesamt 34 der zarten Vögel leben. Der Rarotonga-Fliegenschnäpper ist damit nicht nur der seltenste Vogel des Cook-Archipels, sondern einer der seltensten Vögel der Welt überhaupt.

Der Rarotonga-Fliegenschnäpper kommt auf seiner Heimatinsel in zwei Farbschlägen vor: Manche Individuen sind oberseits grau, unterseits weisslich; andere zeigen ein lebhaftes Orange, wie wir es etwa von unserem Kanarienvogel her kennen. Die Originalbeschreibung aus dem Jahr 1871 besagt, dass die grauen Vögel die Männchen sind und die orangefarbenen die Weibchen. Neuere Beobachtungen widersprechen jedoch dieser Ansicht: Zum einen würde man ja erwarten, dass sich Paare, welche ihr Territorium gegen Eindringlinge verteidigen, aus jeweils einem grauen und einem orangefarbenen Vogel zusammensetzen; territoriale Paare hat man aber in allen möglichen Farbkombinationen angetroffen. Und zum anderen sind mehrfach Vögel desselben Farbschlags bei der Paarung beobachtet worden.

Rarotonga-Fliegenschnäpper sind recht zutrauliche Vögel. Sie bewegen sich tagsüber rastlos und recht auffällig durchs Unterholz ihres Wohngebiets und suchen Ästchen und Blätter nach Insekten und anderen wirbellosen Kleintieren ab. Dabei äussern sie immer wieder Rufe von beachtlicher Lautstärke. Häufig zu hören sind ein «Rick-rick-ri-di», ein «Ter-wicki-der», ein «Tschep-er-wio» und ein «Tschi-tschi-dör».

Über die Einzelheiten der Lebensweise des Rarotonga-Fliegenschnäppers war bislang wenig bekannt. Nun hat aber der Biologe und Naturschutzdirektor der Cook-Inseln, Gerald McCormack, eine Studie des kleinen Vogels begonnen und bereits viele wichtige Daten zur Lebensraumnutzung gesammelt. Für seine Studie hat er mehrere Rarotonga-Fliegenschnäpper in einem speziellen Netz gefangen, mit farbigen Ringen markiert und dann wieder freigelassen. Dieses Verfahren ist für die Vögel kurz und schmerzlos; für den Wissenschaftler ergeben sich so aber enorm vielseitige Beobachtungsmöglichkeiten. So hat McCormack bereits Entscheidendes zur Lösung des «Farbschlag-Rätsels» beitragen können: Er hat nämlich anhand seiner beringten Fliegenschnäpper festgestellt, dass sich deren Färbung mit den Jahren verändert. Es scheint so zu sein, dass Jungvögel blass orange gefärbt sind, als junge Erwachsene dann ein leuchtend oranges Gefieder besitzen und schliesslich im Alter grau werden!

 

Warum ist der Rarotonga-Fliegenschnäpper so selten?

Die Ursache für die grosse Seltenheit des Rarotonga-Fliegenschnäppers ist nicht gleich auf den ersten Blick ersichtlich. Der Bergwald auf Rarotonga ist weder durch Abholzung noch durch freilaufende Ziegen merkbar geschädigt. Lebensraumzerstörung ist also für den Rückgang des kleinen Singvogels kaum verantwortlich. Im übrigen begeben sich die Rarotonga-Bewohner kaum je ins bergige Inselinnere, so dass auch Bejagung oder übermässige Störungen am Brutplatz als Schadfaktoren ausser Betracht fallen.

Vermutlich hängen die Probleme des Rarotonga-Fliegenschnäppers mit den vielen fremden Tier- und Pflanzenarten zusammen, die der Mensch auf die Insel gebracht hat. Man schätzt, dass über zwei Drittel der Flora Rarotongas nicht ursprünglich sind: Rund zwölf Prozent scheinen von den frühen polynesischen Inselsiedlern eingeführt worden zu sein, weitere sechzig Prozent haben die Europäer mitgebracht. Dies hat sicherlich schwerwiegende Verlagerungen im Ökosystem der Insel bewirkt und auch den Fliegenschnäpper nicht unberührt gelassen.

Noch mehr scheinen dem Rarotonga-Fliegenschnäpper jedoch die Ratten und Hauskatzen zuzusetzen, welche vom Menschen auf Rarotonga eingebürgert worden sind, heute in den meisten Inselbereichen umherstreifen und vor allem den Eiern, Nestlingen und flüggen Jungvögeln gefährlich werden.

Ratten sind auf Rarotonga schon seit vielen Jahrhunderten zu Hause. Bereits die polynesischen Inselbewohner hatten die Kleine Pazifikratte eingeschleppt; mit den Europäern kamen dann noch die Hausratte und die Wanderratte dazu.

Schon 1825 hielt der Naturforscher Andrew Bloxam fest, dass auf der Cook-Insel Mauke Ratten «in grossen Mengen im Wald herumrennen». Eine ernsthafte Rattenplage scheint dann nach der Jahrhundertwende ausgebrochen zu sein: Damals sah sich die englische Verwaltung gezwungen, eine Prämie von einem Penny auf jeden abgelieferten Rattenschwanz auszusetzen. Allein im Jahr 1918 bezahlte sie so für ungefähr 140.000 Rattenschwänze gegen 600 Pfund Sterling - mit dem enttäuschenden Ergebnis, dass «sie so zahlreich sind wie zuvor». Die drei Rattenarten sind zweifellos für viele Brutverluste des Rarotonga-Fliegenschnäppers verantwortlich.

Die Hauskatze wurde sehr wahrscheinlich 1823 durch Missionare nach Rarotonga gebracht. Streunende Katzen kommen zwar heute nur in mässiger Zahl im Inselinnern vor. Trotzdem scheinen diese Räuber, die sich bevorzugt auf den trockeneren Hügelrücken aufhalten, zu bewirken, dass sich der Rarotonga-Fliegenschnäpper nur in den tieferen, feuchteren Tallagen zu halten vermag.

Als Feind des Rarotonga-Fliegenschnäppers kommt schliesslich auch der aus Indien stammende Hirtenstar (Acridotheres tristis) in Frage, der vom Menschen quasi als «biologisches Schädlingsbekämpfungsmittel» nach Rarotonga gebracht wurde, nachdem im Kulturland verheerende Insektenplagen aufgetreten waren. Der Hirtenstar hat sich bestens auf der Tropeninsel eingelebt und gilt heute als der häufigste Vogel Rarotongas. Auch er steht im Verdacht, die Nester des Fliegenschnäppers zu plündern.

Ein kurzer Blick auf die nächsten Verwandten des Rarotonga-Fliegenschnäppers zeigt, dass es ihnen leider kaum besser ergeht als ihrem Vetter: Der Tahiti-Fliegenschnäpper (Pomarea nigra) ist beinahe ausgestorben; in letzter Zeit konnten nur noch sehr vereinzelt Vertreter der Art beobachtet werden. Der Marquesas-Fliegenschnäpper (Pomarea mendozae) war früher auf den Marquesas-Inseln weit verbreitet, gilt aber seit Ende der siebziger Jahre (infolge Abholzung und Überweidung seines Lebensraums) als stark bedroht. Der Iphis-Fliegenschnäpper (Pomarea iphis) lebte 1975 noch in mehreren hundert Paaren auf der Marquesas-Insel Ua Huka; auf der Nachbarinsel Eiao ist er aber vermutlich ausgestorben. Über die Bestandssituation des Fatu-Hiva-Fliegenschnäppers (Pomarea whitneyi) von der Marquesas Insel Fatu Hiva schliesslich ist nichts Genaues bekannt.

 

Auch der Bestand der Cook-Flaumfusstaube ist rückläufig

Die zu den Fruchttauben gehörende Cook-Flaumfusstaube bewohnt die Wälder der beiden Cook-Inseln Rarotonga und Atiu. Auf Rarotonga lebt sie in den höheren Lagen, im selben Lebensraum wie der Rarotonga-Fliegenschnäpper; auf Atiu findet man sie in den zentralen Kalksteingebieten.

Wie alle Fruchttauben ist die Cook-Flaumfusstaube ein recht farbenfroher Vogel. Besonders auffällig sind der rote Scheitel, die gelbe «Bauchbinde» mit dem roten Fleck im Zentrum und die roten Füsse. Bei den Flaumfusstauben auf Atiu ist der rote Bauchfleck allerdings durch ein paar orangegeränderte Federn lediglich angedeutet. Sie werden darum von den Flaumfusstauben auf Rarotonga unterartlich abgetrennt.

Unterschiedlich ist auch der Ruf der Flaumfusstauben auf den beiden Inseln: Auf Atiu ist die Rufserie dreisilbig und tönt wie «uuuu-uuuu-uuuuuu», wobei die Tonhöhe bei der zweiten Silbe ansteigt und bei der dritten wieder tiefer liegt. Auf Rarotonga ist die Rufserie sechssilbig und tönt wie «uuuu-uuuu-uuu-uu-uu-u».

Die Cook-Flaumfusstaube gilt nicht als bedroht, da sie auf Atiu recht häufig vorkommt. Die Population auf Rarotonga wird allerdings auf weniger als 100 Tiere geschätzt, und auf Mauke, wo noch 1925 Fruchttauben lebten, ist sie ausgestorben. Es scheint also, dass auch die Cook-Flaumfusstaube in ihrem Bestand rückläufig ist und längerfristig als gefährdet einzustufen ist.

Die Situation der nächsten Verwandten der Cook-Flaumfusstaube ist leider nicht besser: Die Marianen-Flaumfusstaube (Ptilinopus roseicapilla) ist zwar auf den Nord-Marianen noch häufig, auf Guam aber infolge Waldrodung und Bejagung aus neunzig Prozent ihres früheren Verbreitungsgebiets verschwunden. Die Rapa-Flaumfusstaube (Ptilinopus huttoni), welche ausschliesslich auf der Insel Rapa im Tubuai-Archipel vorkommt, wird durch die massive Schädigung des Walds immer weiter zurückgedrängt. Ihr Bestand wurde 1984 auf nurmehr dreissig Individuen geschätzt. Die Marquesas-Flaumfusstaube (Ptilinopus mercieri) von den Marquesas-Inseln Hiva Oa und Nuku Hiva ist sehr wahrscheinlich ausgestorben.

 

Ein Kakerori-Reservat ist vorgesehen

Erfreulicherweise hat die Verwaltung der Cook-Inseln bereits 1975 ein Naturschutzgesetz erlassen, mit dessen Hilfe versucht werden soll, die einmalige Tier- und Pflanzenwelt der kleinen Inselnation zu erhalten. Neben direkten Artenschutzmassnahmen ermöglicht das Gesetz auch die Ausweisung von Naturschutzgebieten.

1985 wurde dann - anlässlich der Südpazifischen Nationalparks- und Reservats-Konferenz - die Schaffung eines «Kakerori-Reservats» vorgeschlagen. Dies wäre zweifellos ein entscheidender Schritt zur Sicherung der Zukunft des Rarotonga-Fliegenschnäppers. Und selbstverständlich käme ein solches Schutzgebiet auch der Cook-Flaumfusstaube und all den anderen tierlichen und pflanzlichen Bewohnern Rarotongas zugute.




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