Damagazelle
Gazella dama
© 1986 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
In Jagd- und Reisebüchern hat es sich eingebürgert,
von «Antilopen» und «Gazellen» zu sprechen,
als ob dies verschiedene Tierformen wären. Tatsächlich
sind aber die beiden Begriffe keineswegs gleichbedeutend:
Unter der Bezeichnung «Antilopen» werden
in der Umgangssprache Tiere unterschiedlichster Grösse und
weitläufigster Verwandtschaft zusammengefasst. Die Palette
reicht von der zierlichen, mit 20 bis 30 Kilogramm Körpergewicht
kaum rehgrossen Rehantilope (Pelea capreolus) bis hin
zur massigen, mit etwa 900 Kilogramm gut rindergrossen Elenantilope
(Taurotragus oryx). Allen gemeinsam sind lediglich - zumindest
im männlichen Geschlecht - ihre Stirnwaffen, und so gehören
denn alle Antilopen zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae)
- mit über hundert verschiedenen Arten die formenreichste
Paarhufer-Familie (Ordnung Artiodactyla).
Demgegenüber wird mit der Bezeichnung «Gazelle»
eine zoologisch einheitliche Gruppe, nämlich die Gattung
der Gazellen (Gazella), benannt. Mit sechs anderen Gattungen
zusammen gehört sie zur Unterfamilie der Gazellenartigen,
welche Teil der Familie der Hornträger ist. Grundsätzlich
sind also Gazellen ebenfalls Antilopen.
Die grösste Gazellenart
Die Damagazelle (Gazella dama) ist die grösste
der zehn afrikanischen Gazellenarten. Erwachsene Tiere erreichen
eine Schulterhöhe von 120 Zentimetern und ein Gewicht von
bis zu 85 Kilogramm. Sowohl die Männchen als auch die Weibchen
tragen kurze, kräftige, stark geringelte Hörner, die
sich leierartig nach hinten winden. Auffällig ist ein weisser
Fleck auf der Halsvorderseite der Damagazelle.
Das Verbreitungsgebiet der Damagazelle erstreckt sich
über die gesamte Südsahara und die Sahelzone von Mauretanien
im Westen bis zum Sudan im Osten. Innerhalb dieses weiten Areals
ist die Färbung der schlanken Gazelle ziemlich veränderlich.
Aufgrund solcher Farbvariationen sind acht verschiedene Unterarten
beschrieben worden. Manche Zoologen halten diese Unterteilung
aber für wenig sinnvoll, denn die Färbung ist ein denkbar
ungünstiges Unterscheidungsmerkmal. Sie hängt nicht
allein mit dem geografischen Vorkommen der Tiere zusammen, sondern
wird ebenso von Lebensraum und Jahreszeit beeinflusst. Ja sogar
zwischen den einzelnen Tieren einer Herde können beträchtliche
Färbungsunterschiede bestehen.
Der bevorzugte Lebensraum der Damagazelle ist die
offene Halbwüste, welche kleinere Grasflächen aufweist
und von einigen Büschen und Bäumen durchsetzt ist.
In schroffen Bergregionen wie auch in allzu trockenen Wüstenstrichen
kommt die Art nicht vor. Verbreitung und Lebensraum der Damagazelle
decken sich also weitgehend mit denjenigen der Säbelantilope
(Oryx dammah).
Die Damagazelle ernährt sich neben Gräsern
auch gern vom Blattwerk der Büsche. In ihrem kargen Lebensraum
darf sie nicht wählerisch sein und verschmäht daher
kaum eine Pflanze. Sie kann längere Zeit ohne Wasser sein,
trinkt aber reichlich, wenn sie an eine Tränke gelangt.
Glänzendes Fell und erhöhte Körpertemperatur
Tiere, welche Halbwüsten bewohnen, müssen
mit sehr hohen Tagestemperaturen und wenig oder gar keinem Wasser
auskommen. Um unter solch erschwerten Bedingungen überleben
zu können, haben sie im allgemeinen eine ganze Reihe besonderer
Anpassungen in Körperbau und Verhalten entwickelt. So weisen
beispielsweise viele von ihnen ein glattes, stark glänzendes
Fell auf, welches Licht viel besser zu reflektieren vermag als
ein mattes oder wolliges Fell.
Eine bemerkenswerte Anpassung mancher Antilopenarten
an die hohen Umgebungstemperaturen ist ihre Fähigkeit, starke
Schwankungen der Körpertemperatur ohne Schädigung zu
ertragen. Untersuchungen an gefangengehaltenen Säbelantilopen,
Elenantilopen, Springböcken (Antidorcas marsupialis),
Thomsongazellen (Gazella thomsoni) und Grantgazellen (Gazella
granti) haben ergeben, dass sich ihre Körpertemperatur
mit ansteigender Umgebungstemperatur erhöht und mit abkühlender
Umgebung wieder senkt. Bei Säbelantilopen und Grantgazellen
war dieser Temperaturanstieg besonders ausgeprägt: Sie konnten
während Stunden eine Körpertemperatur von 45° Celsius
aufweisen. Während der Mensch in der Regel schon bei einer
Körpertemperatur von 39 bis 40° Celsius einen Hitzeschlag
erleidet und sich nur wenige Säugetiere von einer Körpertemperatur
von 43° Celsius unbeschadet wieder erholen, waren die Körperfunktionen
der genannten Arten keineswegs beeinträchtigt.
Die Untersuchungen haben auch das Geheimnis der erstaunlichen
Hitzestau-Verträglichkeit von Säbelantilope und Grantgazelle
aufgedeckt: Ein im Bereich der Halsschlagader befindliches «Kühlsystem»
sorgt dafür, dass das Hirn - der auf Hitze anfälligste
Körperteil - mit 2 bis 3° Celsius kühlerem Blut
versorgt wird als der restliche Körper. Der Sinn dieser
einzigartigen Einrichtung ist leicht verständlich: Müssten
die Tiere nämlich tagsüber ihre Körpertemperatur
mittels Schwitzen regulieren, so würden sie zweifellos zu
viel kostbare Flüssigkeit verlieren. So aber können
sie während des Tages Hitze speichern und sie dann nachts
an die sich abkühlende Umgebung wieder abgeben.
Auch im Verhalten haben viele Antilopen ausgeprägte
Strategien entwickelt, um sich in ihrem heissen und trockenen
Lebensraum behaupten zu können. Viele von ihnen ruhen während
der heissesten Tageszeit und sind vornehmlich nachts und frühmorgens
rege. Dieser Aktivitätsrhythmus schützt die Tiere einerseits
vor einer allzu starken Überhitzung des Körpers. Andererseits
kann er dazu dienen, die Flüssigkeitsaufnahme zu erhöhen:
Viele Pflanzen passen nämlich ihren Flüssigkeitsgehalt
dem Feuchtigkeitsgehalt der umgebenden Luft an und sind daher
nachts «saftiger» als tagsüber. Eine Antilope,
welche nachts auf Nahrungssuche geht, kann also mit derselben
Futtermenge mehr Flüssigkeit aufnehmen als am Tag. Bei spärlichem
Nahrungs- und Wasserangebot kann dieses Verhalten überlebenswichtig
sein.
Über die Ernährungsgewohnheiten der Damagazelle
sind keinerlei Einzelheiten bekannt. Auch ist bislang nicht untersucht
worden, ob sie über spezielle Einrichtungen zum Ertragen
der extrem hohen Tagestemperaturen in ihrer Wüstenheimat
verfügt. Es ist aber anzunehmen, dass sie ähnliche
Überlebensstrategien entwickelt hat wie ihre Verwandten.
Es wäre ihr sonst wohl kaum möglich, in der Einöde,
die sie bewohnt, zu überleben.
Damagazellen sind Nomaden
Nur sehr wenig ist auch über die Vergesellschaftung
der Damagazelle im Freileben bekannt. Sie scheint sich aber hierin
von ihren gut untersuchten ostafrikanischen Verwandten, der Thomsongazelle
und der Grantgazelle, zu unterscheiden. Bei jenen sind einzellebende,
revierbesitzende Männchen, Junggesellengruppen und Weibchen-Jungen-Gruppen
die üblichen sozialen Einheiten. Demgegenüber werden
bei der Damagazelle einzellebende Tiere selten gesehen. Am häufigsten
scheinen Trupps von 4 bis 15 Tieren unterschiedlichen Alters
und Geschlechts zu sein. Wahrscheinlich hindert das örtlich
und zeitlich stark schwankende Nahrungsangebot die Damagazelle
daran, ein territoriales - also an den Ort gebundenes - Gesellschaftssystem
aufzubauen.
Die beobachteten, gemischtgeschlechtlichen Trupps
leben vermutlich nomadisch und können dadurch allzu kargen
Nahrungsbedingungen rasch ausweichen. Für diese Annahme
sprechen auch Beobachtungen, welche in den siebziger Jahren im
Tschad gemacht worden waren: Damals sammelten sich während
extremer Trockenzeiten die Damagazellen-Trupps zu grösseren
Herden und wanderten südwärts in Gebiete mit besserer
Weide. Bei Einsetzen von Regen zogen sie jeweils wieder in ihre
angestammten Gebiete zurück.
Die Bestände sind stark zurückgegangen
Das Verbreitungsgebiet der Damagazelle erstreckte
sich einst über die gesamte südliche Randzone der Sahara
sowie die ganze Sahelzone. Es umfasste das südliche Marokko,
die Westsahara, Mauretanien, Senegal, Mali, das südliche
Algerien, Niger, das südliche Libyen, den Tschad und den
Sudan. Während Dürreperioden wanderten die Tiere auch
regelmässig ins nördliche Nigeria und nach Kamerun
ein. In unserem Jahrhundert sind die Bestände der Damagazelle
überall in diesem riesenhaften Gebiet katastrophal zurückgegangen.
Aus der Westsahara, Mauretanien, Senegal und Libyen ist die Art
mit ziemlicher Sicherheit vollständig verschwunden. Auch
in Nigeria und Kamerun wurden die Tiere seit über einem
Jahrzehnt nicht mehr beobachtet. Bis vor kurzem war man der Ansicht,
dass die Damagazelle auch in Marokko und Algerien ausgestorben
sei. Anfang 1986 wurden in Marokko jedoch ein paar der schlanken
Gazellen südlich von Oued Draa, nahe der Grenze zur Westsahara,
entdeckt. Und auch in Algerien wurden kürzlich noch einige
Tiere im südlichen Teil des Landes gesichtet.
In Mali, im Sudan und im Tschad ist die gegenwärtige
Lage der Damagazelle ungewiss: In Mali und im Sudan wurden Vertreter
der Art letztmals Mitte der siebziger Jahre beobachtet. Im Tschad
kamen zwar die Tiere 1978 mit Sicherheit noch in mehreren Regionen
des Landes vor; die Kriegswirren der letzten Jahre dürften
sich aber auf diese Bestände vernichtend ausgewirkt haben.
So bleibt heute als einziges Land, welches noch grössere,
überlebensfähige Bestände von Damagazellen beherbergt
die Republik Niger. Hier haben die Tiere in den Air-Bergen und
beim Termit-Massiv ihre letzten Rückzugsgebiete. 1985 wurde
ihr Bestand auf 300 bis 350 Tiere geschätzt.
Einmal mehr: Bejagung und Lebensraumverlust
Der unfassbare Schwund der Damagazellen-Bestände
hat verschiedene Gründe. Zweifellos der schwerwiegendste
ist die gnadenlose, oft als reiner «Sport» betriebene
Bejagung der schönen Tiere in den letzten Jahrzehnten. Zwar
stellte die im Verbreitungsgebiet der Damagazelle ansässige
Bevölkerung den Tieren schon immer ihres Fleisches und Fells
wegen nach. Dies hat aber die Art nie ernsthaft gefährdet,
denn in den entlegenen Bereichen ihrer öden Wüstenheimat
waren die anspruchslosen Gazellen für den Menschen unerreichbar.
Diese Situation änderte sich, als geländegängige
Fahrzeuge eine immer weitere Verbreitung fanden. Nun war es den
Jägern möglich, die Tiere auch in den früher unzugänglichen
Wüstenstrichen aufzustöbern und abzuschiessen.
Ein weiterer wesentlicher Grund für die Abnahme
der Damagazellen-Bestände ist die starke Ausweitung der
Landwirtschaft und der Viehzucht durch den modernen Menschen.
Seitdem die technischen Mittel zur Förderung der tief unter
dem Wüstenboden ruhenden Grundwasservorräte zur Verfügung
stehen, sind riesige, vormals völlig unwirtliche Gegenden
für den Menschen nutzbar geworden. Dadurch haben die Damagazellen
weite Bereiche ihres früheren Lebensgebiets verloren.
Im Tschad wiederum ist es der anhaltende bewaffnete
Konflikt zwischen den regierungstreuen Truppen und den von Libyen
unterstützten Aufständischen, welcher sich auf die
Damagazelle und viele weitere bedrängte Wildtiere verheerend
auswirkt. Noch 1978 lebten im damals gut geschützten Wadi-Rime/Wadi-Achim-Reservat
mehrere tausend Damagazellen. In jenem Jahr musste aber das Reservat
wegen der ausbrechenden Unruhen aufgegeben werden. Leider ist
nicht anzunehmen, dass viele der zierlichen Gazellen die Kriegswirren
überleben werden.
Wiederaussiedlung in Senegal
Keiner der letzten freilebenden Damagazellen-Bestände
lebt derzeit innerhalb eines Naturschutzgebiets. Grosse Bedeutung
kommt daher dem in den nigerischen Air-Bergen vorgesehenen Reservat
zu. Mit einer Fläche von 90.000 Quadratkilometern - das
entspricht zweimal der Fläche der Schweiz - wird es dereinst
das grösste Naturschutzgebiet der Welt sein. An seiner Planung
massgeblich beteiligt ist der World Wildlife Fund (WWF): Seit
1976 stellt er Gelder und fachliche Hilfe für das Projekt
zur Verfügung. In diesem Reservat werden nicht nur die bald
letzten freilebenden Damagazellen ein gesichertes Zuhause finden.
Auch andere gefährdete Arten wie die Mendesantilope (Addax
nasomaculatus), die Säbelantilope und der Mähnenspringer
(Ammotragus lervia) werden in diesem Gebiet eine reale
Überlebenschance erhalten.
Während die Bestände der Damagazelle im
Freileben noch immer schwinden, ist ihre Zahl in Gefangenschaft
in den letzten Jahren erfreulich angestiegen. 1984 lebten über
500 der feingliedrigen Gazellen in verschiedenen Tiergärten
auf der ganzen Welt. Diese Tatsache hat den Rat für Wissenschaftliche
Forschung (CSR) in Spanien, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt
(ZGF) und den WWF dazu ermutigt, ein Projekt zur Wiederansiedlung
der Damagazelle in Senegal an die Hand zu nehmen. Hier war die
Art in den sechziger Jahren ausgestorben.
Im Juni 1984 sind mehrere Damagazellen in ein grosses
Freigehege im Gueumbeul-Nationalpark in der Nähe von St.
Louis eingesetzt worden. Sie stammten aus der Forschungsstation
für Wüstentiere in Almeria (Spanien). Vorerst wird
nun versucht, die Tiere in diesem Freigehege zu vermehren. Später
sollen dann nach und nach kleinere Trupps in den 720 Hektaren
grossen Park freigelassen werden. Sollte die Population im Park
weiter anwachsen, was jedermann hofft, so sind auch bereits Übersiedlungen
in die Ferlo-Region im nordöstlichen Senegal und damit die
Gründung einer zweiten Population vorgesehen.
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