Dingo

Canis l.f. dingo


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Hunde»)



Kopfrumpflänge: ca. 120 cm
Schulterhöhe: ca. 50 cm
Gewicht: 10 - 20 kg

Als die ersten europäischen Entdecker und Siedler vor rund 300 Jahren mit ihren Segelschiffen nach Australien kamen, da begegneten sie neben Wombats, Wallabys, Koalas und vielen weiteren fremdartigen Beuteltieren auch einem vertrauten «Gesicht»: dem Dingo. Wie war der grosse Wildhund wohl auf diesen abgelegenen Erdteil gelangt?

Skelett-Untersuchungen zeigten später, dass der Dingo gar kein echter Wildhund ist, sondern ein vor mehreren Jahrtausenden verwilderter Haushund. Wer ihn einst auf den «Beuteltierkontinent» Australien gebracht hatte, ist allerdings bis heute ein ungelöstes Rätsel. Die dunkelhäutigen australischen Ureinwohner, die vor etwa 50 000 Jahren nach Australien eingewandert waren, konnten es nicht gewesen sein. Denn kein Dingoknochen, der je bei Ausgrabungen gefunden wurde, ist älter als 3 500 Jahre. Vielleicht ist der kräftige Jäger in grauer Vorzeit auf den Schiffen indischer Seefahrer hergekommen. Wie auch immer: Der Dingo führt heute das freie Leben eines Wildhunds und ist zu einem festen Bestandteil der Tierwelt Australiens geworden. Merkwürdigerweise bellt er nicht, kann dafür aber mit beträchtlicher Lautstärke heulen.

Den Dingo gibt es in verschiedenen Farben: Gewöhnlich ist er rötlichbraun, manchmal aber auch schwarz, dunkelbraun, weiss oder sogar gescheckt. Unabhängig von seiner Fellfarbe ist der Dingo ein überaus tüchtiger Jäger, vor dem sich alle australischen Wildtiere in acht nehmen müssen. Besonders häufig überfällt er Känguruhs, Plumpbeutler, Beutelmarder, Nasenbeutler und all die anderen Beuteltiere seiner Heimat. Aber auch die Kaninchen, welche von den Europäern zur Jagd in Australien eingebürgert wurden, Warane und andere Echsen, bodenlebende Vögel wie der Emu, ja selbst die stacheligen Ameisenigel sind vor dem Dingo nicht sicher.

Bemerkenswert ist die Gesellschaftsform des Dingos. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern der Hundefamilie tritt er nämlich weder als Einzelgänger noch als Rudeltier auf, und er lebt auch nicht in Einehe. Der Dingo passt sich den jeweiligen Umständen an: Die meiste Zeit streift er allein in seinem Wohngebiet umher und stellt vorwiegend kleineren Beutetieren nach. Im selben Gebiet leben aber auch noch andere Artgenossen, Männchen wie Weibchen, mit denen er lockere freundschaftliche Beziehungen pflegt. Mit einigen dieser «Freunde» schliesst er sich manchmal zu einer Meute zusammen, um Jagd auf grosse Beutetiere zu machen, die er allein nicht überwältigen kann. Zur Fortpflanzungszeit wiederum verbindet er sich mit einem Geschlechtspartner zu einem festen Paar und zieht dann mit diesem zusammen seine vier bis fünf Jungen gross. Nicht zuletzt dank dieser veränderlichen Gesellschaftsform hat der Dingo sämtliche Lebensräume Australiens - von den Küstenwäldern bis zu den Wüsten im Landesinnern - besiedeln können.

Natürliche Feinde hat der Dingo kaum, auch wenn gelegentlich ein unerfahrener Welpe einem Krokodil, einer Pythonschlange oder einem Keilschwanzadler zum Opfer fallen mag. Auch vor den friedliebenden Ureinwohnern Australiens hat sich der hübsche «Wildhaushund» nie fürchten müssen. Sie vertrieben ihn zwar manchmal von seiner Beute und eigneten sie sich selber an. Und zuweilen «stahlen» sie ein Jungtier, um einen Spielgefährten und eine lebende «Wärmeflasche» für kalte Nächte zu haben. Aber sonst liessen sie ihn in Ruhe.

Mit der Ankunft der weissen Siedler begannen jedoch die Schwierigkeiten des Dingos. Denn mit ihren Schafen brachten die Europäer grosse, wehrlose und zudem recht träge Tiere nach Australien, über die sich der Dingo alsbald mit Eifer hermachte. Darauf erklärten ihm die Weissen den Krieg: Mit Fallen, Gift und Kugeln - aber glücklicherweise bis heute erfolglos - versuchten sie, den «gemeinen Schafräuber» auszurotten. So ist der Dingo leider zu einem scheuen und vielerorts sehr seltenen Jäger geworden.

1957 wurde in den Bergwäldern von Neuguinea der Neuguinea-Dingo (Canis l.f. hallstromi) entdeckt. Er stammt ebenfalls von verwilderten Haushunden ab, ist aber mit dem australischen Dingo nicht näher verwandt: Er ist kleiner als jener, hat ein längeres, dichteres Fell und erinnert mit seinem buschigen, meistens über den Rücken gerollten Schwanz ein wenig an einen Spitz.




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