4 Landvögel Dominicas:

Kaiseramazone - Amazona imperialis
Blaukopfamazone - Amazona arausiaca
Zweifarbenkolibri - Cyanophaia bicolor
Grauwaldsänger - Dendroica plumbea


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Insel Dominica - nicht zu verwechseln mit der Dominikanischen Republik, dem Ostteil der Insel Hispaniola - liegt in der Mitte der Kette malerischer Karibikinseln, welche als die «Kleinen Antillen» zusammengefasst werden. Ihr benachbart liegen die Inseln Guadeloupe im Norden und Martinique im Süden. Das rund 750 Quadratkilometern grosse Dominica wurde am 3. November 1493 von Kolumbus entdeckt.

Dominica ist wie ihre Nachbarinseln vulkanischen Ursprungs und hat ein gebirgiges, zerklüftetes Relief. Der höchste Berg, Morne Diablotin, erreicht eine Höhe von über 1500 Metern. Da ein grosser Teil der Insel für die Landwirtschaft ungeeignet ist, sind weite Gebiete Dominicas noch mit ursprünglichem Regenwald bedeckt. Tatsächlich kann sich die Insel rühmen, einige der schönsten Flecken ungestörten Urwalds der ganzen Karibik bewahrt zu haben. Etwa 5000 verschiedene Pflanzenarten gedeihen hier. Seit geraumer Zeit werden allerdings für kommerzielle Zwecke Bäume gefällt, weshalb heute verschiedene Waldgebiete ernsthaft in ihrem Fortbestand gefährdet sind. Dominica eine keine reiche Insel, und Edelhölzer gehören zu den wenigen ökonomisch bedeutsamen Ressourcen. Die Regierung Dominicas wird deshalb ständig bedrängt, Bewilligungen zur weiteren Nutzung der noch verbleibenden Urwälder zu erteilen. Die Nachfrage der anwachsenden Inselbevölkerung nach Anbau- und Siedlungsfläche sowie Bau- und Brennholz bedeutet eine zusätzliche Gefahr für Dominicas Waldgebiete.

In den Jahren 1979 und 1980 wurde Dominica von zwei verheerenden Orkanen - «David» und «Allen» - heimgesucht. Sturmwinde mit Geschwindigkeiten von zeitweise über 240 Kilometern je Stunde zerstörten praktisch sämtliche Häuser der Insel, machten die Strassen unpassierbar und vernichteten die Ernten. Auch der Schaden an den Wäldern Dominicas war beträchtlich. In den am schlimmsten betroffenen Gegenden - bei Morne Anglais, Morne Watt und Morne Trois Pitons im Südteil der Insel - wurden etwa siebzig Prozent der Bäume entwurzelt oder umgeknickt. Die Auswirkung dieser Katastrophen auf die Tier- und Pflanzenwelt Dominicas war verheerend.

 

Die Kaiseramazone

Die Kaiseramazone (Amazona imperialis) kommt ausschliesslich auf der Insel Dominica vor und heisst hier «Siserou». Mit einer Länge von 46 bis 51 Zentimetern ist sie eine imposante, beinahe krähengrosse Papageienart. Sie weist eine grüne Oberseite, einen blaugrünen Kopf, einen dunkelvioletten Hals und eine purpurrote Unterseite auf.

Das Vorkommen der Kaiseramazone auf Dominica ist auf den Bergregenwald zwischen etwa 600 und 1300 Metern ü.M. beschränkt. Obwohl sie den Ehrenplatz auf dem Wappen Dominicas einnimmt, ist die Kaiseramazone stark bedroht und gehört mittlerweile zu den seltensten Vögeln der Insel. Ihr Bestand wird auf nurmehr etwa fünfzig Individuen geschätzt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Papageienarten sind Kaiseramazonen ziemlich ruhige, unauffällige Vögel. Meist trifft man sie paarweise oder in kleinen Gruppen von vier bis sechs Tieren an. Am aktivsten sind sie morgens zwischen 6 und 10 Uhr sowie am späteren Nachmittag zwischen 15 und 18 Uhr. Ihre Nahrung besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Baumfrüchte und -samen. Nachts schlafen die Vögel beisammen auf Bäumen, und zwar meist an ganz bestimmten Stellen, die sie monate- oder gar jahrelang benützen.

Kaiseramazonen sind monogam: Männchen und Weibchen bleiben zeitlebens zusammen. Sein Nest baut das Paar meistens in einer Höhlung im obersten Teil eines Baums. In dieses legt das Weibchen zwei Eier und brütet sie alleine aus. Die Aufgabe des Jungenfütterns übernehmen dann aber beide Partner zu gleichen Teilen. Die Brutsaison scheint zur Hauptsache auf die Monate April, Mai und Juni zu fallen.

Kaiseramazonen reagieren empfindlich auf menschliche Störungen: Im allgemeinen essen und nisten sie in möglichst abgelegenen Gebieten. Diese Empfindlichkeit trägt - in Verbindung mir dem steten Vordringen des Menschen - erheblich zur Einschränkung des Brutgebiets der Kaiseramazone auf Dominica bei. Aus verschiedenen Studien, die im Laufe der siebziger Jahre durchgeführt wurden, ist klar geworden, dass der Bestand der Art rückläufig ist. Früher wurden Kaiseramazonen ihres Fleischs wegen und zur Belieferung des Tierhandels bejagt. Heute steht die Art erfreulicherweise unter Schutz und die Papageienjagd zählt nicht mehr zu den Hauptgefahren, auch wenn wahrscheinlich in geringem Ausmass noch immer gewildert wird.

Stark betroffen wurde die Kaieeramazone durch die beiden erwähnten Orkane. Vor 1979 wurden beim Morne Anglais im Süden der Insel regelmässig Kaiseramazonen beobachtet. Nach 1979 wurden nur noch ganz vereinzelt Papageien in dieser Gegend gesichtet. Es wird angenommen, dass der lokale Bestand auf unter ein Dutzend Vögel gesunken ist, ja vielleicht sogar ganz verschwunden ist. Im Nordteil der Insel wurden 1979 durch den Orkan viele Bäume, die in den vorangegangenen Jahren zum Nisten verwendet worden waren, beschädigt oder ganz zerstört.

Zweifellos droht aber den Kaiseramazonen die grösste Gefahr durch die fortschreitende Rodung der Urwälder Dominicas. In den vergangenen Jahren wurden grössere Waldstücke in der Umgebung des Morne Diablotin - dem letzten Refugium der Papageien - gerodet, um einerseits das Holz zu nutzen und andererseits Bananenpflanzungen anzulegen. Die Gefahr ist gross, dass diese fatale Entwicklung anhält, falls nicht die gesamte Region unter Schutz gestellt wird.

 

Die Blaukopfamazone

Die Blaukopfamazone (Amazona arausiaca), auf Dominica «Jacquot» genannt, ist mit einer Länge von 33 bis 36 Zentimetern deutlich kleiner als die Kaiseramazone. Sie hat - wie ihr Name sagt - einen blau gefärbten Kopf und einen auffälligen roten Fleck auf der Brust. Der Rest des Gefieders ist leuchtend grün.

Wie die Kaiseramazone kommt die Blaukopfamazone ausschliesslich auf Dominica vor. Sie bewohnt die Regenwälder zwischen 300 und 900 Metern ü.M. Die Verbreitung der beiden Amazonenarten auf der Insel überlappt an einigen Stellen. Dort essen sie gelegentlich in gemischten Schwärmen. Im allgemeinen bevorzugt aber die Blaukopfamazone deutlich tiefere Lagen als die Kaiseramazone. Es ist darum kaum anzunehmen, dass zwischen den beiden Arten eine ernsthafte Konkurrenz um Nahrung und Nistplätze besteht.

Hinsichtlich ihres Verhaltens und ihrer Ernährung unterscheidet sich die Blaukopfamazone wenig von ihrer grossen Schwester. Sie ist allerdings lauter und auffälliger, und sie scheint menschlichen Störungen gegenüber weniger empfindlich zu sein. So halten sich Blaukopfamazonen auch in Waldgebieten auf, die an Rodungen und Pflanzungen angrenzen. Manchmal brüten sie sogar dort. In der Regel sieht man die Vögel paarweise oder in kleinen Schwärmen von 6 bis 12 Tieren.

Obschon die Blaukopfamazone häufiger und in ihrer Verbreitung weniger einschränkt ist als die Kaiseramazone, muss auch sie als gefährdete Art betrachtet werden. Den neusten Feldstudien zufolge dürfte ihr Gesamtbestand lediglich 200 bis 300 Exemplaren umfassen. Die Mehrzahl davon lebt in den Wäldern beim Morne Diablotin im Norden der Insel. Kleinere Gruppen halten sich im Zentrum Dominicas bei Dleau Gommier sowie im Süden bei Morne Anglais, Morne Watt und Morne Trois Pitons auf.

Wie der Bestand der Kaiseramazone hat derjenige der Blaukopfamazone in den letzten drei Jahrzehnten Jahren drastisch abgenommen. Auch in ihrem Fall ist der Rückgang im wesentlichen auf die illegale Bejagung, Orkanschäden und die Waldrodung zurückzuführen. Im Norden droht den Vögeln jetzt neue Gefahr durch die geplante Holznutzung in der Morne-Plaisance-Region. Dieses Gebiet wird von Experten als Hauptwohngebiet der Blaukopfamazone eingestuft.

 

Der Zweifarbenkolibri

Der Zweifarbenkolibri (Cyanophaia bicolor) ist mit einer Länge von 11 Zentimetern einer der kleinsten Vögel Dominicas. Das Männchen ist schillernd smaragdgrün mit violettblauem Kopf und Schwanz, das Weibchen blattgrün mit einem metallischen Bronzeglanz auf Rücken und Schwanz.

Auch der Zweifarbenkolibri lebt in den schwindenden Regenwäldern Dominicas. Er bevorzugt die Berggebiete oberhalb 600 Metern ü.M., weiter unten ist er selten anzutreffen. Ausser auf Dominica kommt der kleine Vogel noch auf der Nachbarinsel Martinique vor.

Wie die meisten Kolibris ernährt sich der Zweifarbenkolibri hautpsächlich von Nektar, den er sich beim Besuch einer Vielzahl blühender Bäume und Sträucher zusammensucht. Für die Nahrungsaufnahme bleiben diese kleinen Vögel jeweils vor einer Blüte schwirrend in der Luft stehen, strecken ihre langen, spitzen Schnäbel in den Blütenkelch und lecken mit ihren dünnen, weit vorstreckbaren Zungen den Nektar auf. Der Zweifarbkolibri ist ein unglaublich aktiver Vogel. Einen Grossteil des Tages verbringt er im Flug. Unermüdlich fliegt er von einer Blüte zur anderen und gönnt sich nur selten eine kurze Ruhepause. Beim Fliegen schlagen seine Flügel derart rasch, dass ein hörbares Summen entsteht. (Im englischen Sprachraum nennt man die Kolibris deshalb «hummingbirds» - «Summvögel».)

Die Zweifarbenkolibris brüten während der Trockenzeit zwischen Februar und Mai. Das Weibchen legt zwei weisse Eier in ein kleines, überdachtes Nest, welches sich gut getarnt im Unterholz - oft in unmittelbarer Bodennähe - befindet. Die Jungen werden von den Eltern mit kleinen Fluginsekten grossgezogen. Ausserhalb der Brutzeit leben Männchen und Weibchen weitgehend einzelgängerisch. Sie verteidigen dann keine festen Territorien, verhalten sich aber anderen nektaressenden Kleinvögeln gegenüber recht aggressiv und versuchen, sich über besonders ergiebige Blütengruppen das alleinige Nutzungsrecht zu sichern.

Die kürzlich durchgeführten Feldstudien auf Dominica haben gezeigt, dass der Zweifarbenkolibri noch ziemlich häufig ist. Nur im Südosten der Insel, wo der Orkan von 1979 grosse Schäden an den Futterpflanzen angerichtet hat, ist der Vogel selten geworden. Der Zweifarbenkolibri dürfte also derzeit in seinem Fortbestand nicht gefährdet sein. Mit Besorgnis wird jedoch die fortschreitende Zerstörung seines Lebensraumes, des Bergregenwalds, verfolgt.

 

Der Grauwaldsänger

Der Grauwaldsänger (Dendroica plumbea) gehört zu den unauffälligeren und eher weitverbreiteten Vögeln Dominicas. Er kommt auch auf den beiden benachbarten Inseln Guadeloupe und Marie Galante vor. Grauwaldsänger sind etwa 14 Zentimeter lang und - von einem schmalen weissen Augenstreif abgesehen - ziemlich einheitlich schiefergrau gefärbt. Die Männchen singen ein kurzes, melodiöses Lied.

Zwar sind Grauwaldsänger nirgends häufig, doch kommen sie in fast allen Vegetationstypen vor. Nur im Innern des Bergregenwalds und in Gebieten, wo grossflächig Landwirtschaft betrieben wird, scheinen sie sich weniger wohl zu fühlen.

Grauwaldsänger brüten während der Trockenzeit von April bis Juni. Im Gebüsch, nahe dem Boden, legt das Weibchen zwei Eier in ein tassenförmiges Nest. Männchen und Weibchen scheinen die Umgebung des Nests als Territorium zu verteidigen, jedenfalls verhalten sie sich in dieser Zeit anderen kleinen Vögeln gegenüber ziemlich aggressiv.

Ausserhalb der Brutzeit leben Grauwaldsänger allein oder in kleinen Familiengruppen. Ihre Nahrung besteht zur Hauptsache aus Insekten, die sie im Unterholz aufstöbern. Gelegentlich nehmen sie auch kleine Früchte zu sich.

Der Grauwaldsänger Dominicas ist gilt nicht als in seinem Fortbestand gefährdet. Möglicherweise hat die Art in den vergangenen Jahren sogar von den kleinflächigen Waldrodungen profitiert, denn diese Form der Landnutzung fördert das Wachstum einer dichten, niedrigwüchsigen Pflanzendecke, wie sie den Grauwaldsängern behagt.

 

Am Rand des Untergangs

Inselbewohnende Vogelarten haben im allgemeinen kleine Bestände und eher niedrige Fortpflanzungsraten. Da sie sich in der Abgeschiedenheit ihrer Inselheimat entwickelt haben, reagieren sie vielfach ausgesprochen empfindlich auf Störungen und Eingriffe in ihren Lebensraum. Zudem sind sie in der Regel nur sehr beschränkt fähig, eingeführten Raubtieren, Nahrungskonkurrenten und Krankheiten standzuhalten. Bezeichnenderweise waren neunzig Prozent der Vogelarten und -unterarten, die in den letzten 400 Jahren weltweit ausgestorben sind, Inselformen. Die Kaiseramazone und die Blaukopfamazone laufen Gefahr, bald auch zu diesen «Inselopfern» zu gehören, wenn sie selbst und ihr Regenwald-Lebensraum nicht bald vor jeder weiteren Ausbeutung geschützt werden.

Dank der Initiative der Kanadischen Naturföderation (CNF) und der finanziellen Hilfe der Kanadischen Internationalen Entwicklungsagentur (CIDA) besitzt Dominica heute beim Morne Trois Pitons einen Nationalpark, der fast 7000 Hektar Wald umfasst. Dieses Gebiet wird durch die Forst- und Parkbehörde Dominicas verwaltet. WWF/IUCN und das Ostkaribische Naturschutz-Management-Programm (ECNAMP) beraten sie dabei. Ein kleinerer Nationalpark ist des weiteren in der Cabrits-Gegend an der Westküste der Insel geplant. Leider umschliesst aber keiner dieser beiden Parks das zentrale Wohngebiet der einen oder anderen Amazonenart.

Der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) unterstützt derzeit ein grösseres Programm zur Erforschung der gegenwärtigen Situation sowie der Möglichkeiten zur Erhaltung der beiden bedrohten Papageienarten Dominicas. Ein wesentlicher Teil dieser Arbeit besteht aus der sorgfältigen Schätzung der Häufigkeit jeder Art in den verschiedenen Gegenden und Höhenlagen. Es ist gewiss keine leichte Aufgabe, Tiere zu zählen, die im und über dem dichten Kronendach unzugänglicher Bergregenwälder umherfliegen. Trotzdem haben diese Untersuchungen bereits aufgezeigt, dass die überlebenden Kaiser- und Blaukopfamazonen hauptsächlich in den Tälern und an den Hängen rund um Morne Diablotin leben. Grosse Teile dieses Gebiets sind in Privatbesitz. Der Wald ist somit nicht geschützt; die Holznutzung und der landwirtschaftliche Anbau sind durchaus denkbar. Peter Evans, der Leiter des ICBP-Forschungsprogramms, ist der festen Überzeugung, dass die langfristige Erhaltung dieser Region für das Überleben der beiden einzigartigen Papageienarten Dominicas von grundlegender Bedeutung ist.




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