Donaudelta - Grüne Wildnis am Schwarzen Meer


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen in der «Schweizer Jugend», Nr. 37, 13.9.1984)



Geradezu ins Schwärmen geraten Vogelkundler, wenn vom Donaudelta die Rede ist. Kein Wunder! Hier, wo die Donau ihren langen Lauf beendet und ihre trägen Fluten ins Meer ergiesst, versammelt sich Europa's Wasservogelwelt. Löffler und Sichler, Pelikan und Kormoran, Säbelschnäbler und Stelzenläufer, Rallenreiher und Rothalgans - sie alle stehen auf der langen Liste der Vogelarten, die sich hier ein Stelldichein geben.

In Europa können höchstens noch der Coto Doñana in Spanien oder die südfranzösische Camargue dem Donaudelta in Sachen Vogelreichtum das Wasser reichen. Wie jene zuvor, muss auch dieses Paradies nun dringendst gegen die Anmassungen der modernen Zivilisation geschützt werden.


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Ein dichtes Spalier von übermannshohem Rohr stellt sich wie ein Wall dem Menschen entgegen, der zu Fuss versucht, hier einzudringen. Immer dichter wird die urweltliche Wildnis, der Boden immer morastiger. Schliesslich zwingt der Schilf zur Umkehr. Hier beginnt das Vogelland.

Am Ende ihres Weges, bei der rumänischen Hafenstadt Tulcea, teilt sich die Donau erst in drei, dann in unzählige Seiten- und Nebenarme und verzweigt sich schliesslich in ein chaotisches Labyrinth aus Wasserläufen und Inseln.

2850 Kilometer lang ist die Strecke, die der - nach der Wolga - zweitlängste Strom Europaas bis hierher zurückgelegt hat. Über 6000 Kubikmeter Wasser führt er bei mittlerem Hochwasser pro Sekunde mit sich. Nun windet er sich hin und her und verteilt seine Fluten nach allen Seiten - als zögerte er, sie dem Schwarzen Meer zu übergeben. 4300 Quadratkilometer - fast zweimal die Fläche Luxemburgs - misst dieses gigantische Mündungsgebiet der Donau: das Donaudelta.

 

Schwarzpappeln und Silberweiden

Frühsommerliche Schneeschmelze und manchmal auch lang anhaltende Regenperioden lassen die Donau bis zum Fünffachen ihrer durchschnittlichen Wasserführung anschwellen. Dann können Haupt- und Nebenarme die Fluten nicht mehr fassen. Der Strom tritt über seine Ufer und setzt das ganze Mündungsgebiet unter Wasser, oft für Monate. Dieses Schwemmwasser ist das Lebenselixier für die endlosen Schilfwälder, die den grössten Teil des immensen Deltabereichs bedecken. Neben dem hohen Schilf gibt es nur noch wenige Spezialisten im Pflanzenreich, welche die periodischen Überflutungen ertragen. Da und dort ist der knorrige Stamm einer Schwarzpappel auszumachen. Auch uralte Weiden besiedeln Plätze, die oft monatelang unter Wasser stehen. Manchmal trifft man auf eine Ulme, hie und da auf eine Esche, an deren Stamm Wilder Hopfen emporrankt. Sie alle sind typische Bäume des Auenwaldes - jenes Waldes, der mit den Füssen im Wasser steht. Jenes Waldes aber auch, der in Mitteleuropa bald nirgends mehr zu finden ist.

 

Brutgebiet, Rastplatz, Winterquartier

In diesem urtümlichen Überschwemmungsgebiet mit seinem hohen Schilfdschungel ist eine in ihrer Vielfalt sinnenverwirrende Vogelwelt zu Hause, deren Zusammensetzung sich zu allem Überfluss noch von Monat zu Monat wandelt.

Im Winter leben hier Abertausende von Wasservögeln unterschiedlichster Art und Gattung. Reiher-, Tafel-, Spiess- und Schellente etwa sind dann hier anzutreffen. Oder auch die seltene Weisskopf-Ruderente. Und nicht zu vergessen die Rothalsgans, deren ganze Weltpopulation - nurmehr 200 Tiere - im Delta überwintert. Sie alle sind Brutvögel des hohen Nordens und weichen hierher aus, wenn ihre Nahrungsgründe unter einer dicken Eisschicht verschwinden. Zeitig im Frühjahr ziehen sie dann wieder nordwärts, um dort zur Brut zu schreiten.

Im Herbst halten sich vorübergehend Millionen von Langstrecken-Zugvögeln im Delta auf. Sie befinden sich auf ihrer weiten Reise von Europa nach Afrika und machen hier Station, um sich zu stärken. Viele von ihnen sind Insektenesser und finden während der Wintermonate nur in den tropischen und subtropischen Zonen des Schwarzen Kontinents genügend Beutetiere. Sie rasten hier ein, zwei Wochen und erneuern ihre Fettreserven. Dann führen sie ihren strapaziösen Zug ins Winterquartier weiter. Auch bei ihrer Rückkehr im Frühjahr benützen diese Zugvögel das Donaudelta als lebenswichtigen Rastplatz.

Im Frühsommer, wenn die Wintergäste weggezogen sind und wenn der Durchreiseverkehr der Langstreckenzieher etwas abnimmt, schreiten im Donaudelta die echten Einheimischen zur Brut. So zum Beispiel die zwölf Kilogramm schweren und drei Meter spannenden Krauskopf- und Rosapelikane, die in ganz Europa nur noch im Delta und vereinzelt in Griechenland vorkommen. Oder die zu den Ibissen gehörenden Braunen Sichler. Sie sind wie die Pelikane bereits aus ganz Mitteleuropa verschwunden und nisten heute nur noch am Plattensee in Ungarn und hier im Donaudelta. Ebenso gründen die Löffler jedes Jahr ihre Brutkolonien in der kaum zugänglichen Wildnis aus Rohr und Schilf. Und auch die seltenen Silberreiher und Kormorane brüten in den ausgedehnten Rohrwäldern. Und, und, und.

 

Paradies in Gefahr

Noch ist das Donaudelta ein Paradies für die Wasser- und Sumpfvogelwelt Europa's. Aber leider verliert auch diese prächtige Wildnis Jahr für Jahr an Ursprünglichkeit und Unberührtheit. Viele Faktoren tragen zu dieser unheilvollen Entwicklung bei. So ist die «schöne blaue Donau» - am Ende ihres langen Wegs - ein brauner Strom, befrachtet mit den Abwässern aus halb Europa. Die Wasserverschmutzung droht das empfindliche Delta-Ökosystem allmählich aus dem Gleichgewicht zu bringen. Von den drei grossen Donauarmen wurde der mittlere kanalisiert. Dadurch hat nicht nur der Schiffsverkehr im Delta stark zugenommen. Es wird auch viel Wasser statt ins Schwemmgebiet direkt ins Meer geleitet. Auch die Papierindustrie trägt zur Degradierung des Deltas bei: Grosse Kähne dringen weit in die Schilfwälder ein und schneiden das Rohr in den entlegensten Deltateilen zwecks Zellulosegewinnung.

An andern Orten wird mit massiven Deichen Sumpfland in trockenes Nutzland umgewandelt. Grossflächige Pappel-Monokulturen und Reisfelder werden auf diesen «Poldern» angelegt.

Im weiteren wird versucht, durch rücksichtslosen Fang die Fischproduktion zu steigern, obwohl der ehemalige Fischreichtum infolge der Wasserverschmutzung bereits stark zurückgegangen ist. Der Zeitpunkt, an dem der letzte Stör - Lieferant des schwarzen Kaviars - aus dem Wasser gezogen wird, rückt immer näher.

Kein Zweifel: Eines der wichtigsten Rastgebiete für Millionen von Zugvögeln auf ihrer beschwerlichen Reise nach Afrika, eines der bedeutendsten Winterquartiere der nordischen Wasservogelwelt, eines der letzten grossen Rückzugsgebiete der europäischen Sumpfvögel ist in Gefahr. Bereits brütet der Triel, ein kurioser Regenpfeifervogel, der hier sein letztes Refugium in Europa hatte, nicht mehr im Delta. Auch Rauchseeschwalbe und Dünnschnabelmöwe sind verschwunden. Von einstmals hundert Seeadler-Paaren horsten nur gerade noch acht in den alten Eichenwäldern bei Letea und Caraorman. Die spektakulären Kolonien der Krauskopf- und Rosapelikane sind arg geschwunden. Vor hundert Jahren lebten die schweren Vögel hier noch in Millionenstärke. Heute halten sich vielleicht noch 5000 in einem kleinen Naturschutzgebiet.

Und die Bilanz unter all den rastenden und überwinternden Zug- und Strichvögeln sieht beileibe nicht besser aus.

 

Rettung in Sicht

Den Enthusiasten fallen meist nicht genügend Superlative ein, um in leuchtenden Farben die Schönheit und den Reichtum des Donaudeltas zu schildern. In düsteren Farben malen dagegen die rumänischen Behörden aus, wie die ansässige Bevölkerung in tiefe Not gerät, wenn sie weitere Nutzungseinschränkungen hinnehmen muss. Und mittendrin stehen die grossen internationalen Umwelt- und Vogelschutzorganisationen, die versuchen, zu retten, was zu retten ist. Die Internationale Union für Naturschutz (IUCN), der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) und das Internationale Büro für Wasservogel-Forschung (IWRB) wollen einen umfassenden Entwicklungsplan für die Donaudelta-Region ausarbeiten und der rumänischen Regierung unterbreiten. Der Plan sieht - neben der Schaffung eines grossflächigen Nationalparks - eine angemessene Form der Deltanutzung vor, durch die das Schwemmgebiet als Ökosystem und somit als langfristige Einnahmequelle erhalten bleibt. Dieser Plan ist durchaus realistisch. Denn hier - wie in unzähligen anderen Fällen - sind die Ursachen, die zur Zerstörung des Deltas führen, keineswegs zwangsläufig oder unvermeidbar, sondern auf mangelndes Wissen und Unachtsamkeit zurückzuführen.

Die Erhaltung der grünen Wildnis am Schwarzen Meer ist zweifellos mehr als nur eine lokale Angelegenheit. Sie ist ein Anliegen von internationaler Bedeutung. Und wie vor Jahren beim Coto Doñana in Südspanien oder bei der südfranzösischen Camargue ist auch im Fall des Donaudeltas internationale Hilfe notwendig, um es vor der menschlichen Unersättlichkeit zu retten. Im Rahmen der derzeit lancierten Vogelzug-Kampagne hat jeder von uns die Gelegenheit, dazu beizutragen.




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