Dorkasgazelle

Gazella dorcas



© 2000 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Tabea oder Thabita heisst in der deutschsprachigen Luther- bzw. Zwingli-Bibel (Apostelgeschichte, 9. Kapitel) eine Frau, welche «reich war an guten Werken» und deshalb von Petrus nach ihrem verfrühten Tod wieder zum Leben erweckt wurde. Ihr Name geht auf das aramäische Wort «T'abyetha» zurück, was Gazelle bedeutet. In manch anderer Bibelübersetzung wird der Name der Frau stattdessen mit dem griechischen Wort «Dorcas» wiedergegeben, welches ebenfalls Gazelle bedeutet. Daran hatte sich der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné offenbar erinnert, als er im Jahr 1758 als erster Wissenschaftler eine zierliche nordafrikanische Gazelle beschrieb und ihr den Namen Capra dorcas gab. Er stellte das Tier also in die Gattung der Ziegen (Capra) und gab ihm einen Artnamen (dorcas), der sowohl der biblischen Figur gedachte als auch die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs aufnahm.

Als später den westlichen Wissenschaftlern weitere Gazellenarten zur Kenntnis gelangten, schufen sie für die grazilen Tiere eine eigene Gattung namens Gazella. Die erste, von Carl von Linné beschriebene Art wurde in Gazella dorcas umgetauft, und daher stammt unser deutscher Name Dorkasgazelle.

Im Grunde genommen bedeutet dies «Gazellengazelle». Es handelt sich also um einen Pleonasmus, das heisst eine Wendung, bei der die Bedeutung des zweiten, beschreibenden Worts eigentlich schon im Hauptwort enthalten und somit überflüssig ist - ähnlich wie beim «weissen Schimmel», «kleinen Zwerg» oder «alten Greis».

 

Schulterhöhe: nur 60 Zentimeter

Die Gattung Gazella gehört innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur vielgestaltigen Familie der Hornträger (Bovidae), die unter anderem auch die Ducker, Waldböcke, Rinder, Kuhantilopen, Saigas, Ziegen und Schafe umfasst. Es werden heute im allgemeinen 16 Gazellenarten unterschieden, von denen allerdings die Algerische Gazelle (Gazella rufina) als definitiv ausgestorben gilt. Das Vorkommen der Gazellengattung fällt schwergewichtig in die nördliche Hälfte Afrikas, wo neun Arten heimisch sind. Die anderen Arten leben im westlichen und zentralen Asien, von der Arabischen Halbinsel ostwärts bis zur Mongolei.

Die Dorkasgazelle ist eine der kleinsten Gazellenarten: Erwachsene Individuen weisen eine Schulterhöhe von nur 55 bis 65 Zentimeter auf und wiegen im Durchschnitt 20 Kilogramm. Die von vorne betrachtet leierförmigen Hörner der Dorkasgazelle sind maximal 38 Zentimetern lang. Beide Geschlechter tragen diese Stirnwaffen, doch sind die Hörner der Weibchen mit einer Länge von 15 bis 20 Zentimetern deutlich kürzer und zudem dünner und glatter als die der Männchen.

Das Verbreitungsgebiet der Dorkasgazelle ist sehr gross: Es erstreckt sich von der Atlantikküste über das ganze nördliche Afrika ostwärts bis zum Roten Meer. Die östliche Verbreitungsgrenze hat lange Zeit für Verwirrung gesorgt. Man war früher allgemein der Ansicht gewesen, dass es sich bei den klein gewachsenen Gazellenbeständen auf der Arabischen Halbinsel um Dorkasgazellen handle. Genauere Untersuchungen australischer Wissenschaftler haben aber nun gezeigt, dass es sich dabei um andere Arten handelt, nämlich um die Jemen-Gazelle (Gazella bilkis) und die Saudi-Gazelle (Gazella saudiya). Einzig die Gazellen in Israel und Jordanien sind tatsächlich Dorkasgazellen.

 

Von Akazien-, Mimosen- und Kapernsträuchern

Innerhalb ihres weiten Verbreitungsgebiets bewohnt die Dorkasgazelle ein verhältnismässig breites Spektrum von Lebensräumen ­ von Trockensavannen über Halbwüsten bis hin zu echten Trockenwüsten. Überall zieht sie aber ebene Landstriche Hügelgebieten vor.

Auch hinsichtlich ihrer Nahrung ist die Dorkasgazelle ein recht anpassungsfähiges Tier: Sie beweidet einerseits Gräser und allerlei kleinwüchsige Krautpflanzen, nimmt andererseits aber auch Blätter, Knospen, Blüten und Früchte von Akazien-, Mimosen-, Kapern- und anderen Sträuchern. Insbesondere während Trockenzeiten, wenn das allgemeine Futterangebot spärlich ist, scharrt sie mit ihren Hufen auch häufig Speicherwurzeln frei.

Zugang zu Wasserstellen benötigt die Dorkasgazelle im allgemeinen nicht. Die Flüssigkeit, die sie aus ihrer Nahrung gewinnt, genügt ihr zum Leben. Sie trinkt allerdings bereitwillig, wenn sie ­ zum Beispiel nach einem Regen ­ Zugang zu einer Tränke hat.

Da in den trockenen bis dürren Lebensgebieten der Dorkasgazelle die Niederschläge unregelmässig fallen und demzufolge das örtliche Nahrungsangebot starken Schwankungen unterliegt, ist das kleine Huftier oftmals gezwungen, auf der Suche nach Nahrung weite Strecken zurückzulegen. In vielen Gebieten scheinen diese Ortsverschiebungen den Charakter von saisonalen Wanderungen zu haben. So sammeln sich die Dorkasgazellen beispielsweise im südlichen Sudan während der trockenen Sommermonate von April bis Ende Juni im Bereich des Niltals und verteilen sich jeweils wieder westwärts über grosse Flächen, sobald die ersten Regen gefallen sind.

 

Zwei Fortpflanzungszyklen im Jahr

Dorkasgazellen sind gesellige Tiere. Die Weibchen bilden zusammen mit ihren Jungen Trupps von bis zu zehn, manchmal auch bis zu zwanzig Individuen. Die jungen Männchen bewegen sich ihrerseits in so genannten «Junggesellengruppen» umher, welche mitunter bis zu fünfzig Individuen umfassen. Nur die alten Männchen leben die meiste Zeit des Jahres einzelgängerisch.

In vielen Bereichen des Artverbreitungsgebiets lassen sich im Jahresverlauf zwei getrennte Fortpflanzungszeiten beobachten, nämlich eine erste im Frühling und eine zweite im Herbst. Um das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen zu erlangen, tragen die Männchen zu diesen Zeiten heftige Wettkämpfe untereinander aus.

Nach einer Tragzeit von fünfeinhalb bis sechs Monaten bringen die Weibchen zumeist Einzelkinder, seltener Zwillinge zur Welt. Jeweils kurz vor der Geburt verlassen die Weibchen ihre Gruppe und begeben sich an einen vor den Blicken von Fressfeinden gut geschützten Ort. Die Jungen wiegen bei der Geburt etwa anderthalb Kilogramm und sind typische «Nestflüchter»: Kurze Zeit nach der Geburt vermögen sie sich bereits auf ihren dünnen Beinchen aufzurichten und ihren Müttern anfangs gemächlich, dann immer schneller nachzufolgen. Tatsächlich schliessen sich die Weibchen mit ihren Neugeborenen oft schon nach einem halben Tag wieder ihrer Gruppe an.

Unmittelbar nach einer Geburt geraten die weiblichen Dorkasgazellen jeweils wieder in Brunft und paaren sich in der Folge mit einem Männchen. Bei günstigen Umweltverhältnissen vermag so jedes Weibchen zweimal jährlich einen Wurf von ein bis zwei Jungen grosszuziehen.

Im Übrigen sind die jungen Weibchen bereits im Alter von einem Jahr geschlechtsreif und paarungsbereit. Bei den jungen Männchen dauert es gewöhnlich aufgrund der Rivalität mit den älteren, kräftigeren Geschlechtsgenossen etwas länger, bis sie sich am Fortpflanzungsgeschehen zu beteiligen vermögen. Das Höchstalter der Tiere dürfte bei etwa fünfzehn Jahren liegen.

Die Dorkasgazellen müssen sich vor einer ganzen Reihe von Fressfeinden in acht nehmen. Zu nennen sind vor allem Löwen (Panthera leo), Leoparden (Panthera pardus), Geparde (Acinonyx jubatus), Tüpfelhyänen (Crocuta crocuta), Streifenhyänen (Hyaena hyaena) und Felsenpythons (Python sebae). Für die Jungtiere stellen auch grosse Greifvögel eine Gefahr dar.

Schutz vor diesen Raubtieren bietet den Dorkasgazellen in erster Linie ihr «Tarnkleid»: Das sandfarbene, unauffällig gezeichnete Fell macht die zierlichen Gazellen in ihren trockenen bis dürren Lebensräumen so gut wie unsichtbar. Alfred Brehm schrieb hierüber 1877 in seinem «Thierleben»: «Man sieht die Dorkasgazelle nicht so leicht, als man glauben möchte: Die Gleichförmigkeit ihres Kleids mit der vorherrschenden Bodenfärbung erschwert ihr Auffinden stark. Schon auf eine Achtelmeile hin entschwindet sie unserem schwächlichen Gesichte. (...) Nur die stehende Dorkasgazelle fällt ins Auge, die liegende gleicht einem Steine der Wüste so ausserordentlich, dass selbst der erfahrene Jäger oft sich täuschen kann.»

Bei unmittelbarer Gefahr fliehen die Dorkasgazellen mit hoher Geschwindigkeit und vermögen so vielfach ihren Verfolgern mühelos zu entkommen. Hierzu nochmals Alfred Brehm: «Ihr Lauf ist ausserordentlich leicht; sie scheint kaum den Boden zu berühren. Ein flüchtiges Rudel gewährt einen wahrhaft prachtvollen Anblick, scheint es doch mit seiner Befähigung zu spielen. Oft springt mit zierlichen Sätzen von ein bis zwei Meter Höhe eine Gazelle, gleichsam aus reinem Übermute, über die andere hinweg, und ebenso oft sieht man sie über Steine und Büsche setzen, welche ihr gerade im Wege liegen, aber sehr leicht umgangen werden könnten.»

 

Jagd mit Geländewagen und Automatikgewehr

Die Dorkasgazelle hat im Verlauf des 20. Jahrhunderts sehr unter dem Menschen gelitten. Gebietsweise haben ihr die Umwandlung ihres angestammten Lebensraums in Kulturland und der Nahrungswettstreit mit Rinder-, Schaf- und Ziegenherden zu schaffen gemacht. Hauptsächlich geschadet hat ihr aber zweifellos die übermässige Bejagung.

Die zunehmende Ausbreitung von Geländefahrzeugen und weitreichenden Schusswaffen im Bereich des nördlichen Afrikas hatte für alle grösseren Säugetiere der Region verheerende Auswirkungen. So ist etwa die Säbelantilope (Oryx dammah) heute in der freien Wildbahn höchstwahrscheinlich ausgestorben, und die Mendesantilope (Addax nasomaculatus) ist auf ein paar wenige Restbestände in besonders schwer zugänglichen Teilen der Sahara zurückgedrängt. Die Dünengazelle (Gazelle leptoceros) und die Damagazelle (Gazella dama) gelten beide ebenfalls als vom Aussterben bedroht.

Ihre grosse Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Lebensräume und ein schwankendes Nahrungsangebot sowie ihre verhältnismässig hohe Nachzuchtrate haben die Dorkasgazelle bis vor kurzem befähigt, selbst in Gebieten zu überleben, wo sie stark bejagt wurde. In jüngster Zeit scheint jedoch der Jagddruck in vielen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets allzu gross geworden zu sein. Beispielsweise galten die Wüstengebiete des südlichen Ägyptens lange Zeit als eines der wichtigsten Vorkommensgebiete der Art. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist nun aber der dortige Bestand unversehens zusammengebrochen. Als Ursache gelten die oftmals generalstabsmässig organisierten und bestausgerüsteten Expeditionen wohlhabender Jäger aus den Golfstaaten. Neuerdings wird die Dorkasgazelle deshalb von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «verletzlich» eingestuft.

 

Zuflucht im nigrischen Aïr/Ténéré-Reservat

Die nordwestafrikanische Republik Niger, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, scheint inzwischen zu einem der wichtigsten Rückzugsgebiete der Dorkasgazelle geworden zu sein. Die örtliche Population wird auf 15 000 bis 20 000 Individuen geschätzt. Ein Grossteil davon lebt innerhalb der Grenzen des weiträumigen Nationalreservats im Bereich des Aïr-Gebirges und der Ténéré-Wüste im nördlichen Teil des Landes. Dieses Schutzgebiet, welches auch viele andere gefährdete Tierarten der Sahara und der Sahelzone beherbergt, wurde 1988 ­ nach acht Jahren vorbereitender Arbeit seitens des WWF und der IUCN ­ offiziell eingerichtet.

Leider führten die zu Beginn der Neunzigerjahre ausbrechenden Bürgerkriegswirren dazu, dass 1992 das umfangreiche WWF/IUCN-Programm eingestellt werden musste, welches das Reservat unterhielt. Immerhin hat sich nach 1997 die politische Situation im Land wieder etwas entspannt, und dies erlaubte es den genannten Organisationen, den Aufbau des Reservats 1999 erneut an die Hand zu nehmen. Es besteht also die berechtigte Hoffnung, dass die arg bedrängte Tier- und Pflanzenwelt der nordafrikanischen Wüsten und Halbwüsten in diesem grossflächigen Schutzgebiet zukünftig über ein einigermassen sicheres Rückzugsgebiet verfügt und damit eine echte Überlebenschance erhält.




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