Drill
Papio leucophaeus
© 1988 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Tropische Regenwälder gehören zu den reichhaltigsten
Lebensräumen unseres Planeten. Die darin heimische Tierwelt
ist von einer Vielgestaltigkeit sondergleichen. Trotzdem kann
man oft stundenlang unter dem mehrstöckigen Kronendach einhergehen,
ohne auf Tiere zu stossen. Nur ab und zu durchdringt ein ferner
Vogelruf oder das Summen eines Insekts die grosse Urwaldstille.
Und gelegentlich vernimmt man vielleicht ein Rascheln im Laub,
wenn etwas Unbestimmtes flink durchs Unterholz aus dem Blickfeld
entschwindet. Mitunter aber wird die friedliche Ruhe jäh
zerbrochen und lärmiges Treiben macht sich breit. Dann ist
man in aller Regel auf eine Horde Affen gestossen. In Südostasien
beispielsweise auf eine Gibbonfamilie, die elegant an ihren langen
Armen durchs Kronendach schwingt und mit lautem Gesang ihre Anwesenheit
kundtut. Oder auch auf eine zänkische Makakengruppe, die
emsig auf allen Ebenen des Walds nach Nahrung Ausschau hält.
In Südamerika mag es etwa ein Brüllaffentrupp sein,
der die Luft mit seinen durchdringenden Rufen anfüllt. Und
in Afrika ist man vielleicht einer Stummelaffengruppe begegnet,
welche sich in waghalsigen Sprüngen durchs Geäst bewegt.
Oder - wenn man grosses Glück hat - sogar einer Gruppe von
Drills (Papio leucophaeus), die unbekümmert durch
ihr Wohngebiet streift und dabei ständig Grunz- und andere
Töne äussert.
Des Menschen nächste Verwandte
Koboldmakis, Lemuren, Altweltaffen, Neuweltaffen und
Menschenaffen werden innerhalb des Reichs der Tiere alle in ein
und dieselbe Ordnung gestellt wie der Mensch, nämlich die
der Primaten oder «Herrentiere» (Primates). Die ersten
Primaten hatten sich auf unserem Planeten vor ungefähr 60
Millionen Jahren herausgebildet - gut 100 Millionen Jahre, nachdem
die frühesten Säugetierformen in Erscheinung getreten
waren, und ungefähr zu der Zeit, als die Aera der Saurier
ihrem Ende entgegenging.
Die frühen Primaten sahen wahrscheinlich den
heutigen Spitzhörnchen (Tupaiidae) sehr ähnlich. Es
waren kleine, hörnchenartige, allesfressende Tiere, die
sich vorzugsweise am Boden oder im bodennahen Pflanzengewirr
der tropischen Regenwälder aufhielten. Vor rund 35 Millionen
Jahren hatte sich aus diesen «Urprimaten» bereits
eine grosse Vielfalt von Formen entwickelt. Sie waren aber noch
immer alle von verhältnismässig geringem Körperwuchs
und wogen höchstens drei bis vier Kilogramm. Die Fachleute
schätzen, dass sich die Primaten etwa zu dieser Zeit in
zwei grundsätzlich verschiedene Richtungen weiterentwickelten,
was schliesslich zu den heutigen Halbaffen (Prosimiae) auf der
einen und den «echten» Affen (Anthropoidae) auf der
anderen Seite führte.
Die Halbaffen oder - wie ihr wissenschaftlicher Name
besagt - «Voraffen» haben bis heute eine Reihe sehr
ursprünglicher Körpermerkmale beibehalten und stehen
darum den primitiven Urprimaten näher als die echten Affen.
Es handelt sich etwa um ein recht kleines Hirn und einen ausgeprägten
Geruchssinn. Die echten Affen besitzen demgegenüber ein
relativ grosses Hirn und einen hochentwickelten Gesichtssinn.
Die höchste Stufe dieser Entwicklung hat - zumindest aus
unserer Sicht - der Mensch erreicht.
Die echten Affen werden heute in sechs Familien unterteilt:
1. die Menschen (Hominidae) mit nur einer Art (Homo sapiens);
2. die Menschenaffen (Pongidae) mit den vier Arten Gorilla (Gorilla
gorilla) Orang Utan (Pongo pygmaeus), Schimpanse (Pan
troglodytes) und Bonobo (Pan paniscus); 3. die Gibbons
(Hylobatidae) mit dem Siamang (Hylobates syndactylus)
und acht kleineren Gibbonarten; 4. die Hundsaffen (Cercopithecidae);
und schliesslich die beiden Neuweltaffen-Familien 5. die Kapuzinerartigen
(Cebidae) und 6. die Krallenaffen (Callithricidae).
Die Familie der Hundsaffen, zu der auch der Drill
zählt, ist mit etwa 82 Arten bei weitem die formenreichste
Affenfamilie. Sie umfasst mehr Arten als die fünf anderen
Familien zusammen. Dabei handelt es sich allerdings um eine hinsichtlich
Körpergrösse und Gestalt recht uneinheitliche Tiersippe.
Und ebenso unterschiedlich sind auch die Lebensräume, welche
von den Hundsaffen genutzt werden. Das Spektrum reicht von trockenen
Halbwüsten über feuchtwarme Regenwälder bis hin
zu den im Winter schneereichen Wäldern der gemässigten
Zone.
Ein Hühne unter den Hundsaffen
Zusammen mit seinem Vetter, dem Mandrill (Papio
sphinx), ist der Drill der grösste Vertreter der Familie
der Hundsaffen. Erwachsene Männchen können eine Kopfrumpflänge
von 85 cm und ein Gewicht bis 50 kg erreichen. So schwer werden
unter allen Primaten nur noch die Menschenaffen und der Mensch.
Die Drillmännchen sind allerdings wesentlich mächtiger
als die Weibchen: Letztere wiegen meistens weniger als 25 kg,
also kaum die Hälfte der Männchen. Von den Weibchen
unterscheiden sich die Männchen ferner durch einen besonders
muskulösen Nacken, mächtige Backenwülste und stark
verlängerte, dolchartige Eckzähne. Doch nicht dies
allein macht das Drillmännchen so imposant. Beeindruckend
ist auch seine Färbung: Das rabenschwarze Gesicht sticht
krass ab gegen den weisslichen Haarkranz an Backen und Kinn,
wobei die Unterlippe zusätzlich noch durch eine leuchtend
rote Haarpartie betont wird. Noch auffälliger präsentiert
sich das Hinterteil des Drillmännchens: Hinterbacken und
Geschlechtsregion weisen eine ganze Palette von Lila-, Rosa-,
Karmin-, Blau-, Türkis- und Zinnobertönen auf. Nur
gerade der Schwanz des Drills ist wenig beeindruckend. Er ist
bei beiden Geschlechtern zu einem kleinen Stummel zurückgebildet,
was für Hundsaffen - deren wissen schaftlicher Name «Geschwänzte
Affen» bedeutet - eher ungewöhnlich ist.
Ein waldbewohnender Pavian
In ihrem Erscheinungsbild und auch in ihrer Lebensweise
ähneln Drill und Mandrill stark den vielfach in Zoos zu
sehenden Pavianen. Tatsächlich sind sie sehr nah verwandt
mit diesen: Trennte man Drill und Mandrill früher noch als
«Backenfurchenpaviane» (Gattung Mandrillus)
von den eigentlichen Pavianen (Gattung Papio) ab, so werden
sie heute in ein und derselben Gattung mit diesen zusammengefasst.
Trotz der engen verwandtschaftlichen Verbundenheit
mit den Pavianen unterscheiden sich Drill und Mandrill in einem
wesentlichen Punkt von jenen: der Wahl ihres Lebensraums. Während
der Gelbe Babuin (Papio cyanocephalus), der Mantelpavian
(Papio hamadryas) und der Guineapavian (Papio papio)
offenes Gelände (Savannen und Trockengebiete) bevorzugen,
findet man Drill und Mandrill ausschliesslich in Regenwaldgebieten.
Diesem Umstand ist es zuzuschreiben, dass die Bestände von
Drill und Mandrill weit gefährdeter sind als diejenigen
der «Steppenpaviane». Infolge ausgedehnter Waldrodungen
sind die Populationen von Drill und Mandrill auf eine kritische
Stufe gesunken. Die Steppenpaviane hingegen sind noch immer in
umfangreichen Populationen über weite Bereiche Zentral-,
Ost- und Südafrikas verbreitet.
Der Drill lebt heute beschränkt auf ein Waldgebiet
im westlichen Kamerun, das eine Fläche von ungefähr
250 auf 300 Kilometer aufweist. Die exakte Verbreitung der Art
ist - wie bei manch anderem Regenwaldbewohner - ungeklärt.
Mit Sicherheit kam der Drill früher auch noch im südlichen
Nigeria vor, dürfte aber dort mittlerweile ausgestorben
sein. Möglicherweise überlebt er noch auf der 2000
Quadratkilometer grossen Insel Bioko im Golf von Guinea. Bis
Ende der sechziger Jahre kam er dort jedenfalls noch vor.
In Kamerun scheint der Sanaga-Fluss die südliche
Grenze des Verbreitungsgebiets des Drills darzustellen. Gleichzeitig
bildet der Fluss die Grenze zwischen dem Vorkommen des Drills
und demjenigen des Mandrills. Lange Zeit war man der Ansicht
gewesen, der Drill komme auch südlich des Sanagas vor. Heute
neigt man dazu, diese Ansicht zu verwerfen. Genaue Abklärungen
haben nämlich ergeben, dass praktisch alle Angaben, die
vormals hierauf schliessen liessen, falsch waren. Entweder handelte
es sich bei den südlich des Flusses beobachteten Drills
um falsch identifizierte Mandrills, oder aber die Ortsangaben
waren unrichtig gewesen. Nur eine einzige Beobachtung von Drills
im Süden Kameruns - diejenige des Naturforschers und Jägers
J. Powell-Cotton - scheint womöglich richtig zu sein. Aus
diesem Grund lässt sich nicht ganz ausschliessen, dass Drills
doch auch südlich des Sanagas vorkommen. Schliesslich sind
die Regenwälder Afrikas voll mit Tieren, die plötzlich
an Orten aufgetaucht sind, an denen man sie niemals vermutet
hätte.
Bodenbewohner mit Stummelschwanz
Über die Lebensgewohnheiten der Drills in freier
Wildbahn ist verhältnismässig wenig bekannt: Die meiste
Zeit des Tages streifen die Tiere auf der Suche nach Nahrung
durch den Wald. Sie halten sich dabei fast ausschliesslich am
Boden auf, was zumindest für Affen recht unüblich ist.
Diese Angewohnheit dürfte denn auch der Grund für das
bei Affen ebenfalls unübliche Fehlen eines langen Schwanzes
sein. Während baumlebende Affen ihre Schwänze bei der
Fortbewegung im Geäst als Balancierhilfe benötigen,
ist dieser Körperanhang für Bodenbewohner ohne Nutzen
oder sogar hinderlich. Im Verlauf langer Zeiträume kann
darum eine Rückbildung des Schwanzes stattfinden, wie es
nicht nur bei Drill und Mandrill geschehen ist, sondern auch
bei mehreren grösseren Makakenarten wie etwa dem Berberaffen
(Macaca sylvanus) in Nordafrika und dem angesichts seines
Stummelschwänzchens treffend benannten Schweinsaffen (Macaca
nemestrinus) in Südostasien.
Die Männchen besitzen Harems
Drills sind Allesfresser. In freier Wildbahn hat man
sie schon Früchte aller Art, Insekten und Schnecken fressen
sehen. Verhalten sie sich hinsichtlich ihrer Ernährung ähnlich
wie die Steppenpaviane, so fangen sie wohl hin und wieder auch
etwas grössere Tiere (Echsen, Kleinsäuger) und machen
sich über Eier und Nestlinge bodenbrütender Vogelarten
her.
Drills leben im allgemeinen in Gruppen, welche sich
ganzjährig in einem bestimmten Wohngebiet aufhalten. Die
Grösse der Drillgruppen scheint sehr variabel zu sein. Ein
Affenforscher traf im Jahr 1960 auf eine Gruppe, deren Kopfzahl
sage und schreibe 180 betrug! Die meisten beobachteten Drillgruppen
sind aber wesentlich kleiner. Man nimmt heute an, dass sich die
«Grundeinheit» der Drillgesellschaft aus einem kräftigen
Männchen, seinem «Harem» und seinen Nachkommen
zusammensetzt und im allgemeinen etwa 20 Tiere umfasst. Vermutlich
erfolgt zuweilen der Zusammenschluss solcher Einheiten zu grösseren
Verbänden, wie sie schon mehrfach beobachtet worden sind.
Warum sich solche «Grossfamilien» bilden, wie regelmässig
dies geschieht, und wie lange sie jeweils zusammenhalten, sind
noch völlig ungeklärte Fragen. Es ist nur bekannt,
dass das Zusammenfinden der Einheiten mit viel Aufregung und
Lärm verbunden ist.
Neben den Kleingruppen gibt es noch einzelgängerische
Drills, welche zumeist männlichen Geschlechts sind. Wahrscheinlich
handelt es sich um «besitzlose» Männchen, das
heisst jüngere Tiere, denen es noch nicht gelungen ist,
einen Harem zu erobern, oder aber ältere Tiere, denen der
Harem von einem kräftigeren Rivalen weggenommen worden ist.
Überlebenschance im Korup-Nationalpark
In Kamerun wird der Drill von der einheimischen Bevölkerung
stark bejagt, weil er die «üble» Angewohnheit
hat, waldnahe Felder zu plündern. Ausserdem wird sein Fleisch
sehr geschätzt. Das Aufstöbern der grossen Affen im
Wald ist nicht sonderlich schwer, da sie sich durch das ständige
Äussern von Kontaktlauten verraten. Mithilfe von Hunden
werden die Drills dann auf Bäume gejagt, auf die sie sich
bei Gefahr gerne retten. Bei der Verfolgung durch den Menschen
nützt ihnen diese Taktik allerdings wenig. Einmal «aufgebaumt»,
sind sie ein leichtes Ziel für den Jäger und können
einer nach dem anderen abgeschossen werden. Da sich die Bevölkerung
Kameruns in den letzten 20 Jahren stark vermehrt und ständig
weiter ausgedehnt hat, ist der Jagddruck auf die Affen massiv
angestiegen. Schon vor gut zehn Jahren stellte ein mit der Situation
der Drills wohlvertrauter Affenforscher fest, dass die Überlebenschancen
des Drills aufgrund der starken Bejagung durch den Menschen immer
schlechter würden. Heute ist die Situation mehr als prekär.
Die Zukunft der Drills sähe allerdings selbst
dann düster aus, wenn die Bejagung eingedämmt werden
könnte. Seit Beginn der sechziger Jahre wurden nämlich
weite Bereiche der Wälder, in denen der Drill zu Hause ist,
gerodet. Eine Wiederaufforstung der gerodeten Flächen findet
leider in den wenigsten Fällen statt. Da der Drill aber
im Offenland nicht leben kann, schrumpft sein Lebensraum Stück
für Stück.
Das einzige Waldgebiet, in welchem der Drill wohl
auch langfristig in grösserer Zahl zu überleben vermag,
ist der 1200 Quadratkilometer grosse Korup-Nationalpark nahe
der Grenze zu Nigeria. Dieses Regenwaldgebiet ist zwar vor Rodung
geschützt, leidet aber stark unter den Wilderern, die aus
Nigeria herüberkommen. Das Bewachungssystem des Korup-Nationalparks
wird gegenwärtig mit finanzieller und fachlicher Unterstützung
des Welt Natur Fonds (WWF) verbessert. Gelingt es, diesen Park
gegen Wilderei und illegales Abholzen wirksam zu schützen,
so wäre zumindest eine Population von Drills vorläufig
sicher. Dieses Ziel muss unbedingt erreicht werden, denn die
Aussichten für die anderen Populationen sind gar nicht gut.
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