Sonnentau (Drosera rotundifolia)

oder

In der Not frisst Drosera Fliegen


© 1983 Markus Kappeler
(erschienen im
«Panda Journal», Nr. 3/83)



Drosera - das ist der wissenschaftliche Name des landläufig als «Sonnentau» bekannten pflanzlichen Fliegenvertilgers. Der folgende Artikel schildert die erstaunlichen Lebensumstände dieser stark bedrohten Pflanze - und weshalb mit ihr mehr als nur eine Fliegenfalle verloren gehen könnte.

 

Ruhig sitzt es da, das kleine Pflänzchen mit seiner Rosette löffelförmiger Blätter. Auch an diesem Spätsommertag, an dem die Hitze über dem Moor brütet, glitzern an den scharlachroten Tentakel-Köpfchen seiner Blätter blanke, Labung verheissende Tropfen. Als ob auf der Spitze jedes der kleinen Tentakel verlockender Nektar sässe. Weithin sind die blitzenden Lichtreflexe sichtbar.

Zu spät merkt die brummend herbeigeflogene Fliege ihren tödlichen Irrtum; die vermeintlichen Nektarperlen sind zäher, klebriger Schleim, an dem sie jetzt mit ihren Flügeln festklebt. Sie ist regelrecht geködert worden. Verzweifelte Fluchtversuche machen ihre Lage nur noch schlimmer. Mit immer mehr Klebköpfchen kommt sie in Kontakt und wird schliesslich ringsum festgeklammert.

In das Blatt kommt nun unerwartete Bewegung. Die Tentakel krümmen sich nach innen. Auch aussenliegende beugen sich über das bereits apathisch verharrende Opfer, und alle zusammen drängen es mehr und mehr gegen die Blattmitte, die sich stark nach unten aushöhlt. Schliesslich hat sich das Blatt förmlich über dem Insekt geschlossen.

Die Leimdrüsen der Tentakel schalten jetzt um auf Verdauungssaft-Produktion. Damit sollen die Weichteile des Fangs zersetzt und chemisch soweit aufgespalten werden, dass sie in den Stoffwechsel des Sonnentaus aufgenommen werden können. Binnen weniger Tage ist das der Fall. Und nun schalten die Tentakeldrüsen abermals um: Sie scheiden nicht mehr aus, sondern saugen die Nährlösung in das pflanzliche Gefässsystem ein. Bis auf den letzten Tropfen saugt der grüne Vampir sein Opfer aus.

Zurück bleibt allein das unverdauliche Hautskelett des Insekts. Gemächlich krümmen sich nun die Tentakel wieder zurück, das Blatt glättet sich, die Hülle des verschluckten Tieres fällt ab. Und bereits sitzt das harmlos dreinblickende Pflänzchen wieder da wie zuvor und wartet ruhig darauf, dass ihm der nächste saftige Bissen aus der Luft auf den Leim geht.

 

Sie lebt vom Töten

Warum - so wird sich der geneigte Leser vielleicht fragen - warum assimiliert der Sonnentau nicht friedlich vor sich hin wie jede normale Pflanze und lässt die Insekten in Ruhe? Warum verwandelt sich hier ein zierliches Pflänzchen in ein gefrässiges Raubtier?

Nun, wie (fast) immer in der Natur gibt es auch für diese aussergewöhnliche Erscheinung eine einleuchtende Erklärung: Drosera bewohnt die europäischen Hochmoore, diese - grob gesehen - meterdicken, wassertriefenden Torfmoos-Polster, die sich pfannkuchenartig und hektargross über das umliegende Land emporwölben. Oben auf diesem nassen Moospolster sitzt die Pflanze - fern von der nährenden Erde. Und da auch der Staub, den der Wind herbeibläst und den der Regen herunter wäscht, ihren Hunger bei weitem nicht zu sättigen vermag, besorgt sich der grüne Mörder eben aus der Luft, was ihm der Boden nicht bietet. Tierliche Nahrung als Zusatzkost, zum Ausgleich eines Standortdefizits - eine geniale Lösung der Natur!



Von Leimruten, Saugkapseln, Fangeisen, Fallgruben

Und wie (fast) immer in der Natur ist eine aussergewöhnliche Erscheinung nichts Einmaliges. Auch fleischfressende Pflanzen gibt es mehrfach, rund um den Erdball herum.

Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie an nährstoffarmen Standorten wachsen - auf Fels, im Moor, in Tümpeln, auf Bäumen. In allen Fällen ist die Jagd also Überlebensstrategie - und nicht etwa Sport - der Pflanze.
Durchwegs sind die Standorte der Fleischfresser aber reich an Licht und Wasser. Denn beides brauchen sie für die Photosynthese - jenen chemischen Prozess, bei dem die grünen Pflanzen aus Wasser und CO2 mittels Sonnenenergie Zucker und Stärke herstellen. Diese Energieträger benötigen nämlich auch die fleischfressenden Pflanzen: Sie sind Kraftstoff für die aufwendige Prozedur, Nahrung aus der Luft zu holen.

Unter diesen Pflanzen, die sämtlich einen guten Bissen Frischfleisch nicht verschmähen, wäre zunächst der andere europäische Hochmoorbewohner nennen: das Fettkraut (Pinguicula). Seine Fangvorrichtung ist recht simpel: Etwa alle fünf Tage entrollt es ein frisches Blatt - klebrig wie Fliegenpapier. Setzt sich ein Insekt da drauf, so gibt es kein Zurück mehr. Schon rollen sich die Blattränder gemächlich über die arretierte Mahlzeit, und Verdauungsdrüsen überschwemmen sie mit ihrem zersetzenden Saft. Das Opfer zergeht dem Fettkraut förmlich auf Zunge.

Der Wasserschlauch (Utricularia) ist eilie weitere Spielart
europäischer Fleischfresser. Er lebt frei schwebend in Gräben, Tümpeln, Teichen. An seinem Stengel sitzen kleine Bläschen, in deren Wand eine Falltür eingelassen ist, die sich nur nach innen öffnet. Im Innern des Bläschens herrscht Unterdruck. Berührt nun ein unvorsichtiges Wassertierchen - eine Mückenlarve etwa - eines der Reizhärchen auf der Falltür, so wird der Fangmechanismus ausgelöst: Die Klappe springt auf, das überraschte Opfer wird im Wasserstrom ins Kapselinnere gesaugt, und sofort schliesst sich die Klappe wieder. Für das verblüffte Geschöpf gibt es kein Entrinnen aus der Mördergrube mehr.

Im «Land der unbegrenzten Möglichkeiten», im nördlichen Amerika, wächst ein weiteres der absonderlichen Blümchen: die Venusfliegenfalle (Dionaea). Sie ist eine Sumpfpflanze. Ihre Doppelblätter mit Scharnier ähneln den beweglichen Schalen einer Muschel. Blitzartig - Fangeisen gleich - klappen sie zu, wenn zum Beispiel ein harmloser Schmetterling, der mit den Tücken der Pflanzenwelt noch nicht vertraut ist, auf ihr landet und dabei eine der Fühlborsten berührt. Zinken an den Blatträndern greifen ineinander wie Finger beim Händefalten. Die Beute sitzt in der Falle.

Völlig passiv verhalten sich dagegen die Kannenpflanzen (Nepenthes) des tropischen Südostasiens. Hoch klettern sie an den Urwaldbäumen empor und lassen ihre farbigen Kannen wie wunderliche Blüten herabhängen. Für die Insekten muss die Täuschung vollkommen sein, denn die Pseudoblumen strömen auch noch verführerische Düfte aus ihren Nektardrüsen aus. Doch wehe, sie lassen sich auf dem schmalen Rand einer Kanne nieder. Unweigerlich verlieren sie dort den Halt unter den Füssen und stürzen in die Tiefe. Denn der Fallenrand ist mit lauter lockeren Wachsplättchen beschichtet, die sich unter dem noch so leichten Tritt der Insekten sofort lösen und die Tierchen abgleiten lassen. In der Fallgrube aber erwartet sie ein tödliches Bad im ätzenden Verdauungssaft.


Drosera droht Heimatlosigkeit

Nach dieser kurzen botanischen Weltreise nun aber wieder zurück zu unserem Sonnentau auf dem heimischen Hochmoor. Solange noch Zeit dazu ist! Denn Drosera ist eines der unzähligen Lebewesen, die Jahrausende mit uns Menschen auf diesem Planeten gelebt haben, heute aber Gefahr laufen, unwiederbringlich verdrängt zu werden. Seine Heimat stirbt.

Seit rund zwei Jahrhunderten schreitet die Vernichtung der Moore mit Riesenschritten voran. Rastlos und in grossem Stil macht der Mensch - an die Grenzen der Naturraumkapazität gestossen - schliesslich auch dieses Urland urbar. Heute lassen sich die noch intakten und einigermassen grossflächigen Hochmoore der Schweiz an den Fingern einer Hand abzählen. Doch - man denke an Rothenthurm - selbst diese letzten Reste einer einmaligen Landschaft sind uns nicht heilig. In der immer enger werdenden Zivilisationswüste ist offenbar für diese wenigen urweltlichen Oasen kein Platz mehr. Lässt sich die fatale Entwicklung nicht jetzt - sofort - stoppen, so stirbt das Moor. Und mit ihm gehen Drosera und all die anderen wundersamen Geschöpfe, die die Natur für das Moor und nur für das Moor geschaffen hat.




ZurHauptseite