Dünengazelle
Gazella leptoceros
© 1987 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der "WWF Conservation Stamp Collection",
Groth AG, Unterägeri)
Die Gazellen (Gattung Gazella) gehören
innerhalb des Systems der Tiere zur grossen Ordnung der Paarhufer
(Artiodactyla), und da wiederum zur artenreichen Familie der
Hornträger (Bovidae). Die Gazellen sind eine recht weit
verbreitete Tiergattung, bewohnen sie doch die verschiedenartigsten
Lebensräume zwischen Afrika im Westen und China im Osten.
Ursprünglich hatten sie sich wahrscheinlich in Afrika herausgebildet.
Jedenfalls stammen die wenigen versteinerten Reste urtümlicher
Gazellen, welche bisher bei Ausgrabungen zum Vorschein gekommen
sind, aus Nordafrika. Die ältesten bekannten Fossilien sind
in Algerien gefunden worden und dürften etwa 16 Millionen
Jahre alt sein.
Über die genaue Anzahl verschiedener Gazellenarten
und -unterarten ist man sich in Fachkreisen bis heute ebenso
uneinig wie über die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen
den einzelnen Formen. Der Grund für diese Meinungsverschiedenheiten
liegt darin, dass sich alle Gazellen in Körperbau und Verhalten
sehr ähnlich sind. Deutlichere Unterschiede bestehen einzig
in ihrer Grösse, der Form ihrer Hörner, der Fellfärbung
und dem Lebensraum, den sie bevorzugen. Gerade diese körperlichen
Merkmale sind aber auch innerhalb der einzelnen Arten recht veränderlich.
Im allgemeinen werden mindestens 13 Gazellenarten
unterschieden, wovon zehn in Afrika leben. Eine der unbekanntesten
und seltensten unter ihnen ist die Dünengazelle (Gazella
leptoceros). Früher wurde sie in zwei verschiedene Unterarten
aufgeteilt: Gazella leptoceros leptoceros und Gazella
leptoceros loderi. Neueren Studien zufolge sind die Unterschiede
zwischen den beiden Formen aber zu gering, um diese Auftrennung
zu rechtfertigen.
Die Dünengazelle - ein Kind der Wüste
In ihrem äusseren Erscheinungsbild unterscheidet
sich die Dünengazelle verhältnismässig deutlich
von der ebenfalls im nordafrikanischen Raum lebenden Cuviergazelle
(Gazella cuvieri). Und auch von der Damagazelle (Gazella
dama), welche in der Sahara/Sahel-Zone beheimatet ist, lässt
sie sich unschwer unterscheiden. Hingegen sieht sie der ebenfalls
saharabewohnenden Dorkasgazelle (Gazella dorcas) recht
ähnlich. Ein einigermassen verlässliches Kennzeichen
der Dünengazelle ist aber ihr besonders helles Fell; keine
andere Gazellenart ist derart blass gefärbt. Charakteristisch
sind ferner das Fehlen eines ausgeprägten Seitenstreifens
sowie die gestreckte, kaum geschwungene Form der Hörner.
Die Heimat der Dünengazelle sind hauptsächlich
diejenigen Bereiche der nördlichen Sahara, in denen mächtige
Sanddünen das Landschaftsbild prägen. Diesem Habitat
verdankt die hübsche Gazelle auch ihren Namen. Als Anpassung
an das Leben in diesem schwierigen Gelände weist die Dünengazelle
deutlich verbreiterte Hufe auf, welche das Einsinken im weichen
Sand vermindern. Dieselbe Anpassungserscheinung findet sich auch
bei der Mendesantilope (Addax nasomaculatus), welche ebenfalls
eine Bewohnerin der Sahara ist. Den übrigen wüsten-
und halbwüstenbewohnenden Gazellenarten hingegen fehlt sie.
Neben sandigen Wüstenstrichen bewohnt die Dünengazelle
auch die weiten, ausgesprochen kargen Geröllwüsten
der Nordsahara. Mitunter - so vor allem in Ägypten - ist
sie auch in buschbesetzten Halbwüsten anzutreffen.
Über die Lebensweise der Dünengazelle in
freier Wildbahn ist bisher kaum etwas bekannt geworden, was angesichts
des schwer zugänglichen und besonders unwirtlichen Lebensraums
der Art nicht weiter erstaunt.
Hauptproblem: Wassermangel
Wüstenbewohnende Gazellen haben im Laufe ihrer
Stammesgeschichte gelernt, mit Wasser besonders haushälterisch
umzugehen, denn Regen fällt in ihrem Lebensraum äusserst
selten und nur in sehr geringen Mengen. Durch mannigfaltige Anpassungen
in Körperbau und Verhalten gelingt es den grazilen Tieren,
ihren Wasserbedarf allein mit der Flüssigkeit zu decken,
die ihre pflanzliche Nahrung enthält.
Eine Strategie der Gazellen, die dazu dient, möglichst
viel Flüssigkeit aufzunehmen, besteht in der Bevorzugung
besonders wasserhaltiger Pflanzen. So haben Studien über
die Ernährungsgewohnheiten freilebender Dorkasgazellen im
Sudan ergeben, dass sich diese Art fast ausschliesslich von der
dort ziemlich häufigen Pflanze Acacia tortilis ernährt.
Diese busch- bis baumgrosse Akazienart weist einen ausgesprochen
hohen Flüssigkeitsgehalt auf, welcher selbst nach einer
einjährigen Dürreperiode noch unverändert ist.
Da diese Akazie überdies immergrün ist und auch über
einen beachtlichen Eiweissgehalt verfügt, stellt sie für
die Dorkasgazelle ganzjährig eine vollwertige Flüssigkeits-
sowie Nahrungsquelle dar. Eine recht häufige und ähnlich
wasser- und nährstoffreiche Pflanze im Verbreitungsgebiet
der Dünengazelle ist die Fettpflanze Nitraria retusa.
Es ist anzunehmen, dass die Dünengazelle ihren Hunger und
ihren Durst - zumindest regional - weitgehend durch diese Pflanze
stillt.
Manche Gazellenarten - so etwa die ostafrikanische
Thomsongazelle (Gazella thomsoni) - gehen ferner vorwiegend
nachts auf Nahrungssuche. Sie machen sich dadurch die Tatsache
zunutze, dass viele Pflanzen der Wüsten und Halbwüsten
ihren Flüssigkeitsgehalt der Luftfeuchtigkeit anpassen,
nachts also «saftiger» sind als am Tag. Die Vermutung
liegt nahe, dass auch die Dünengazelle hauptsächlich
nachts Nahrung zu sich nimmt. In ihrem kargen Lebensraum kann
sie es sich wohl kaum leisten, dieses zusätzliche Flüssigkeitsangebot
auszuschlagen.
Sind wüstenbewohnende Gazellen einerseits gezwungen,
ein Maximum des Wassers zu nutzen, das in ihrer Umgebung vorhanden
ist, so müssen sie andererseits den Verlust von Körperflüssigkeit
auf ein Minimum herabsetzen. Auch hierbei beschreiten diese Uberlebenskünstler
mehrere Wege: In erster Linie geben sie nur staubtrockenen Kot
und hochkonzentrierten Harn ab. Bei der Grantgazelle (Gazella
granti) etwa wurde beobachtet, dass sie oft während
des ganzen Tages kein einziges Mal Wasser lässt. Ebenfalls
bei der Grantgazelle wurde aber noch eine weitere, sehr interessante
Wassersparmassnahme festgestellt: Die Tiere verfügen über
die ausserordentliche Fähigkeit, ihre Körpertemperatur
tagsüber - unter der sengenden afrikanischen Sonne - bis
auf 45° Celsius ansteigen zu lassen, ohne dadurch in ihren
Körperfunktionen beeinträchtigt zu sein. Die meisten
Säugetiere würden bei einer solchen Temperaturerhöhung
sterben oder zumindest bleibende Schäden davontragen. Die
Grantgazellen hingegen geben die tagsüber gespeicherte Hitze
einfach nachts wieder an die sich abkühlende Umgebung ab.
Dank dieser erstaunlichen Hitzestauverträglichkeit brauchen
die Tiere ihre Körpertemperatur nicht durch Schwitzen zu
regulieren und können so wertvolle Körperflüssigkeit
einsparen. Mit grosser Wahrscheinlichkeit verfügt auch die
Dünengazelle über diese spezielle Wassersparmethode.
Dünengazellen leben in kleinen Trupps
Bei mehreren Gazellenarten beruht das soziale Gefüge
- zumindest während der Fortpflanzungszeit - auf der Territorialität:
Die gesunden erwachsenen Böcke beanspruchen - jeder für
sich - ein Stück möglichst guten Weidelands. Dort werden
sie für die Paarung von den Weibchen besucht. Einzellebende
Männchen sind daher für diese territorialen Gazellenarten
sehr charakteristisch.
Bei der Dünengazelle werden jedoch einzellebende
Individuen sehr selten gesehen. Üblich sind kleine Trupps
von zwei bis höchstens zwanzig Tieren. Es ist daher kaum
anzunehmen, dass Dünengazellen ein territoriales Gefüge
aufbauen. Vielmehr scheint das spärliche und ungleichmässig
über Zeit und Raum verteilte Nahrungsangebot diese Wüstenbewohner
dazu zu zwingen, kleine bewegliche Einheiten zu bilden, welche
frei in einem weiten Gebiet herumstreifen können. Auf der
Bildung solch unabhängiger, nomadisch lebender Trupps beruht
beispielsweise auch das Gesellschaftssystem der Arabischen Kropfgazelle
(Gazella subgutturosa marica): Im Sultanat Oman leben
diese Tiere in kleinen Gruppen, die sich aus wenigen Weibchen,
deren Jungen und einem erwachsenen Männchen zusammensetzen.
Tragisches Schicksal
Die Dünengazelle gehört heute zu den vom
Aussterben bedrohten Tierarten. Ihr Schicksal unterscheidet sich
in nichts von demjenigen der anderen Huftiere, deren Heimat die
Sahara ist: Alle diese hochspezialisierten Wüstengeschöpfe
sind vom Menschen durch gnadenlose Bejagung an den Rand der Ausrottung
getrieben worden.
Den Antilopen und Gazellen der Sahara hatten zwar
von jeher die Nomaden, die ihr Fleisch und ihr Fell verwerteten,
nachgestellt. Keine Art war aber dadurch jemals in ihrem Bestand
gefährdet gewesen. Mit dem Erscheinen geländegängiger
Fahrzeuge in unserem Jahrhundert änderte sich die Situation
schlagartig. Gemäss dem französischen Naturforscher
Pierre Pfeffer organisierten die durch den Ölboom reich
gewordenen arabischen Feudalherren mancherorts «Feste»,
an denen sie mit oftmals vierzig bis sechzig Fahrzeugen ganze
Tierrudel einkesselten und auf grausame Weise niedermetzelten.
Darüberhinaus versorgten manche Ölgesellschaften ihre
Angestellten mit Gazellen- und Antilopenfleisch, welches von
Berufsjägern mit Geländewagen und Maschinengewehren
herangeschafft wurde. So waren innerhalb kürzester Zeit
ganze Wüstenstriche regelrecht leergeschossen.
Das Verbreitungsgebiet der Dünengazelle hatte
sich einstmals über die meisten nordafrikanischen Länder
erstreckt - von Ägypten im Osten bis nach Algerien (möglicherweise
sogar bis in die West-Sahara) im Westen. Heute ist die schlanke
Gazelle aus weiten Teilen dieses riesigen Areals gänzlich
verschwunden. Im allgemeinen kann man sie nur noch in völlig
unwegsamen Fels- und Geröllgebieten oder in Wüstenstrichen
mit lockerem Sand finden, welche von den todbringenden Fahrzeugen
nicht erreicht werden können.
In Ägypten lebt die Dünengazelle noch in
einigen kleinen Beständen westlich des Nils. In Libyen kam
sie während der siebziger Jahre noch in der nordwestlichen
Provinz Tripolitanien, bei Al Kufrah im Südosten des Landes
und in der Nähe der Grenzen zum Sudan und zu Ägypten
vor. Neuere Angaben sind nicht erhältlich. In Tunesien hatte
die Dünengazelle schon immer nur die südliche Landeshälfte
besiedelt gehabt. Heute ist sie dort wahrscheinlich ausgestorben.
Jedenfalls gibt es keine neueren Sichtungen der Tiere. In Algerien,
wo sie früher weit verbreitet gewesen war, kommt die Dünengazelle
heute nur noch in den Sandwüsten bei El Golea vor. Im Tschad
lebte die Dünengazelle in den siebziger Jahren noch im Tibesti-Gebirge
im Norden des Landes sowie in der Erdi- und der Mourdi-Ebene
im Nordosten. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahr
1978 dürften diese Bestände aber stark geschrumpft,
unter Umständen sogar ganz verschwunden sein. Über
die Situation der Dünengazelle in Mali ist nichts bekannt.
Auch über ihr Vorkommen in Niger gibt es keine neueren Informationen;
hier existiert aber zumindest in der Region der Air-Berge noch
eine Population der bedrängten Tiere.
Hinweise auf die Grösse der verschiedenen Restbestände
gibt es praktisch keine: Für Libyen hiess es in den siebziger
Jahren, die Dünengazelle sei «wirklich sehr selten»;
nur gelegentlich würden kleine Trupps angetroffen. Für
Ägypten wurde, ebenfalls in den siebziger Jahren, von «wenigen
Tieren» gesprochen. Und für den Tschad und Niger wurde
die Art als «sehr selten» eingestuft.
Demgegenüber zeigen Berichte von Zoologen aus
den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, dass die Dünengazelle
zumindest in Ägypten, Algerien und Tunesien ziemlich häufig
gewesen sein muss. So berichtete 1896 der Naturforscher A.E.
Pease, dass «enorme Mengen» von Dünengazellen
in der Rhadamis-Gegend in Algerien getötet worden seien.
Und im selben Jahr schrieb der Reisende J.S. Whitaker einem Freund,
dass in Tunesien jährlich 500 bis 600 der Tiere für
die Verpflegung der französischen Garnison geschossen würden.
Air-Berge als letzter Zufluchtsort?
Die Dünengazelle ist in Libyen, Algerien, Niger
und im Sudan gesetzlich geschützt. Leider liegt aber der
Vollzug der Naturschutzgesetze in diesen Ländern sehr im
argen. Die seltenen Tiere werden auch weiterhin geschossen, wo
immer sie sich zeigen. Da ferner keine der wenigen Restpopulationen
in einem Schutzgebiet lebt, sehen die Zukunftsaussichten der
Dünengazelle alles andere als rosig aus.
Die einzige Hoffnung, dass die Dünengazelle dennoch
überleben wird, knüpft sich somit an ein rund 80.000
Quadratkilometer grosses Wüstengebiet im Bereich der nigerischen
Air-Berge, welches noch 1986 offiziell zum Naturschutzgebiet
erklärt werden soll. Der World Wildlife Fund (WWF) und die
Internationale Union für Naturschutz (IUCN) sind seit 1976
massgeblich an der Projektierung dieses bedeutenden Reservats
beteiligt. Neben manchen weiteren bedrohten Huftieren der Sahara/Sahel-Zone
- etwa der Damagazelle, der Säbelantilope (Oryx dammah),
der Mendesantilope und dem Mähnenspringer (Ammotragus
lervia) - dürfte auch die Dünengazelle hier ein
gesichertes Zuhause und damit eine gute Überlebenschance
erhalten.
Zur Hauptseite
|