Dugong

Dugong dugon


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Vermutlich hat jeder von uns schon Geschichten über Meerjungfrauen gehört - jenen sagenhaft schönen Mädchen, deren untere Körperhälfte in einem Fischschwanz endet und deren Heimat die fernen Ozeane sind. Man hat lange gerätselt, worauf diese Geschichten wohl beruhen mögen und hat Seebären, Delphine, Treibgut und allerlei optische Täuschungen in Betracht gezogen. Am ehesten dürften die Meerjungfrauen der alten Seefahrer aber Seekühe gewesen sein. Zwar haben diese plumpen Tiere aus der entfernten Verwandtschaft der Elefanten nicht die geringste Ähnlichkeit mit betörenden Frauen. Vielleicht haben aber die beiden ausgeprägten Brüste, welche die Seekuh-Weibchen an ihrem Brustkorb aufweisen, genügt, um die Phantasie der Seefahrer zu beflügeln.

Tatsache ist, dass Seekühe, die sich mit Kopf und Schultern etwas aus dem Wasser erheben, von weitem durchaus mit Menschen verwechselt werden können. Dies beweist zum Beispiel der folgende (authentische) Bericht: «Im Juli 1905 kam ein Frachtdampfer bei der Insel Haramil im Roten Meer vorbei. Dort glaubte zunächst der Kapitän, drei Menschen bis zur Brust im Wasser stehen zu sehen, hielt sie für Schiffbrüchige, signalisierte sie an und steuerte auf sie zu. Es war aber eine Dugongfamilie, die sich für etwaige Hilfeleistung bedankte und wegtauchte.»

 

Weltweit nur vier Arten

Die Seekühe bilden eine der kleinsten Ordnungen (Sirenia) innerhalb der Klasse der Säugetiere (Mammalia). Es existieren nur gerade vier Arten: In der Familie der Rundschwanz-Seekühe (Trichechidae) sind dies der Fluss-Manati (Trichechus inunguis), der Afrikanische Manati (Trichechus senegalensis) und der Nagel-Manati (Trichechus manatus), in der Familie der Gabelschwanz-Seekühe (Dugonidae) ist es als einziger Vertreter der Dugong (Dugong dugon).

Wie die ebenfalls zu den Säugetieren zählenden Wale und Robben sind die Seekühe in hohem Masse dem Wasserleben angepasst. Im Gegensatz zu jenen ernähren sie sich aber nicht von Tieren, sondern sind reine Vegetarier.

Die Seekühe haben sich wahrscheinlich während des Eozäns, also vor 54 bis 38 Millionen Jahren, aus denselben Vorfahren herausgebildet wie die Elefanten. Zu jener Zeit war das Klima auf der Erde verhältnismässig warm. Es gab viele ausgedehnte Seegraswiesen in tropischen Gewässern, welche grossen wasserlebenden Pflanzenessern, wie es die Seekühe sind, eine ideale Lebensgrundlage boten. Die geologisch ältesten Seekühe stammen aus mitteleozänen Ablagerungen im Karibischen Meer und im Westatlantik.

Aus diesen frühen Vorfahren sind die beiden lebenden Seekuhfamilien hervorgegangen. Wann sich die Trennung in Rundschwanz- und Gabelschwanz-Seekühe vollzog, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall entwickelten sich erstere im Laufe der Stammesgeschichte zu Süsswassertieren, während letztere reine Meeresbewohner blieben. Dies gilt durchaus auch für den Nagel-Manati, welcher zwar in seichten Meeresküstengewässern vorkommen kann, jedoch zum Trinken Süsswasser benötigt und sich niemals weit von der Küste entfernt.

 

Dugongs sind im Indopazifik zu Hause

Der Dugong ist im indopazifischen Raum weit verbreitet. Er hält sich vorzugsweise in geschützten, seichten Küstengewässern auf, deren Temperatur nie unter 18° Celsius absinkt. Sein Reich sind darum die Küsten der Tropen und Subtropen - von der Ostküste Afrikas, dem Roten Meer und dem Persischen Golf ostwärts durch den gesamten Indischen Ozean bis nach Vanuatu und Neukaledonien im westlichen Pazifik. Leider ist der Dugong in manchen Bereichen seines Verbreitungsgebiets sehr selten geworden, und seine Bestände nehmen weiterhin ab.

Dugongs sind stattliche Tiere. Erwachsene Individuen können bis vier Meter lang und 900 Kilogramm schwer werden. Sie besitzen die klassische zylindrische und damit strömungsgünstige Gestalt vieler wasserlebender Tiere. Dicke Fettlagen runden den Körper zusätzlich ab. Die Körperanhänge der Seekühe sind auf ein Minimum reduziert. So besitzen sie beispielsweise - wie die Seehunde - keine äusseren Ohren. (Trotzdem hören sie unter Wasser ausserordentlich gut.) Und wie bei den Walen und Delphinen sind ihre Hintergliedmassen vollständig rückgebildet. Die Vordergliedmassen hingegen sind zu kräftigen «Paddeln» umgeformt, welche beim Schwimmen als Steuer und beim Fressen am Meeresboden als Stützen eingesetzt werden.

Wie die Wale treiben sich die Dugongs durch kraftvolles Auf-und-Niederschlagen ihres waagrecht liegenden, leicht gegabelten Schwanzes durchs Wasser. Die Haut der Dugongs ist von graubrauner Farbe und besonders auf dem Rücken ausgesprochen derb. Die Augen sind winzig und nicht besonders leistungsfähig.

 

Kauen mit dem Gaumen

Der Dugong ernährt sich zur Hauptsache von Seegras. Gerne beweidet er untermeerische Seegraswiesen, wie sie in warmen Gewässern häufig vorkommen. Diese Wiesen entsprechen weitgehend den Wiesen auf dem Festland, denn Seegräser sind ebenso Blütenpflanzen wie die Gräser an Land und sind keineswegs verwandt mit den Tangen und Algen, welche in den Meeren der gemässigten Klimazone häufig sind.

Wie die grasessenden Säugetiere an Land ist der Dugong an diese schwerverdauliche Nahrung bestens angepasst. Er ist zwar kein Wiederkäuer wie etwa die Rinder, besitzt also keinen vierkammerigen Magen, um die Zellulose in seiner Nahrung aufzuschlüsseln. Dafür verfügt der Dugong - nebst einem bis 45 Meter langen Darm - über einen grossen, paarigen Darmanhang («Blinddarm»), in welchem die Zellulose mit Hilfe von Darmbakterien aufgebrochen wird. Pferde, Elefanten und Flusspferde verdauen ihre pflanzliche Nahrung ebenfalls auf diese Weise.

Wurzeln, Stengel und Blätter von Gräsern stellen eine verhältnismässig energie- und nährstoffarme Kost dar. Der Dugong muss daher grosse Mengen davon verzehren, um seinen Energie- und Nährstoffbedarf zu decken. Täglich nimmt er bis zu 15 Prozent seines Eigengewichts zu sich und verwendet einen entsprechend grossen Teil seiner Zeit auf das Essen. Angesichts der enormen Futtermenge, die es zu zerkauen gibt, überrascht es sehr, dass der Dugong nur ein paar kleine und kaum funktionstüchtige Mahlzähne besitzt. Der Dugong zerkleinert denn seine faserige Nahrung auch nicht mit diesen Stummeln, sondern verwendet hierfür zwei spezielle hornige Kauplatten, die den Gaumen und den gegenüberliegenden Unterkieferteil bedecken.

Männliche Dugongs besitzen zusätzlich zu den rückgebildeten Mahlzähnen zwei verlängerte obere Schneidezähne, welche als «Stosszähne» unter der Oberlippe hervortreten. Dieses Zahnpaar hat nichts mit der Ernährung der Tiere zu tun, sondern scheint beim Werben der Männchen um die Weibchen eine gewisse Rolle zu spielen.

Beim Essen bevorzugt der Dugong nicht etwa die «oberirdischen» Teile irgendwelcher Seegräser. Seine Lieblingsspeise sind die verdickten «unterirdischen» Wurzeln und Sprosse einiger kleiner Seegrasarten. Beim Ausgraben dieser Pflanzenteile ist ihm seine eigenartige, hufeisenförmige Schnauzenspitze, die mit rauhen und feinen Borsten übersät ist, sehr dienlich: Während die feinen Haare Essbares wahrzunehmen vermögen, also eine Sinnesfunktion besitzen, dienen die rauhen Borsten dazu, die Nahrung zur Mundspalte zu befördern. Ist seine Lieblingsspeise einmal nicht «vorrätig», so begnügt sich der Dugong durchaus auch mit den Stengeln und Blättern anderer Seegras-Arten. Er nimmt dann oft seine Vorderflossen zu Hilfe, um diese Pflanzenteile in seinen Mund zu stopfen.

 

Geheimnisvolle Dugonggesellschaft

Die Untersuchung der Lebensweise der Dugongs gestaltet sich ausserordentlich schwierig, denn die Tiere halten sich im allgemeinen in trübem, nährstoffreichem Wasser auf, und sie sind praktisch überall infolge der massiven Verfolgung durch den Menschen extrem scheu geworden. Unsere Kenntnisse über das Verhalten der Dugongs in freier Wildbahn sind daher recht spärlich.

Man trifft Dugongs sowohl einzeln und in Mutter-Kind-Paaren als auch in Herden von mehreren Dutzend Tieren an. Ob diese Herden eine bestimmte gesellschaftliche Struktur aufweisen oder ob es sich einfach um Ansammlungen grundsätzlich einzelgängerischer Tiere (zum Beispiel an günstigen Nahrungsplätzen) handelt, ist nicht bekannt.

Dugongs können ein recht hohes Alter von fünfzig Jahren und mehr erreichen. Ihre Fortpflanzungsrate ist aber sehr gering: Männchen und Weibchen werden erst mit neun bis zehn Jahren (in einigen Gebieten sogar noch später) geschlechtsreif. Ausserdem bringen die Weibchen höchstens alle drei bis sechs Jahre - nach einer Tragzeit von rund zwölf Monaten - ein einzelnes Junges zur Welt. Zwillinge sind selten.

 

Dugongs haben wenige natürliche Feinde

Dugongs sind erstaunlich schwimmfreudige Tiere: Anhand von Luftaufnahmen ist festgestellt worden, dass Dugongs bei der Nahrungssuche täglich Strecken von bis zu fünfundzwanzig Kilometern zurücklegen. In einigen Teilen ihres weiten Verbreitungsgebiets führen sie ausserdem jahreszeitliche Wanderungen von hundert und mehr Kilometern durch. Ferner suchen die Weibchen besondere Geburtsstätten auf, um ihre Jungen zur Welt zu bringen, welche ebenfalls ziemlich abseits ihrer üblichen Aufenthaltsorte liegen können. Zumeist handelt es sich um besonders seichte Gewässer mit sandigem Untergrund, wo die Neugeborenen während der ersten Tage ihres Lebens vor Fressfeinden sicher sind.

Die beachtliche Körpergrösse des Dugongs bietet einen recht guten Schutz vor Meeresraubtieren. Einzig grosse Haie, Schwertwale (Orcinus orca) und Leistenkrokodile (Crocodylus porosus) wagen sich mitunter an die massigen Seekühe heran. Bei einem Angriff verhält sich der Dugong völlig passiv. Er verlässt sich auf seine derbe Haut sowie sein spezielles Blut, das sehr rasch gerinnt, die Wunden verschliesst und so einen allzu starken Blutverlust verhindert. Es gibt Hinweise darauf, dass sich der Dugong beim Nähern eines Fressfeindes manchmal eng an den Meeresboden drückt, so dass lediglich sein mit zäher Haut versehener Rücken dem Angriff ausgesetzt ist. Diese Strategie kann allerdings nur von vorübergehendem Nutzen sein, da der Dugong über kurz oder lang auftauchen muss, um zu atmen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Meeressäugetieren vermag er nämlich nur wenige Minuten unter Wasser zu bleiben, ohne Luft zu holen.

 

Lebensgrundlage vieler Küstenvölker

Das Fleisch des Dugongs wird vom Menschen in allen Teilen seines Verbreitungsgebiets sehr geschätzt. Überall machen darum die Küstenbewohner von alters her Jagd auf das wehrlose Tier. Seine zähe Haut wird gegerbt und ist zum Beispiel bei den Küstenvölkern des Roten Meeres als Leder für Sandalen sehr beliebt. Vielerorts wird ferner seine dicke Fettschicht zu Öl verarbeitet.

Für manche Völker, so etwa für die Bewohner der Torres-Strait-Inseln (Nordaustralien), ist der Dugong das grösste und bei weitem wertvollste Tier, das sie bejagen. Es überrascht daher nicht, dass das massige Meeressäugetier in der Kultur dieser Völker einen wichtigen Platz einnimmt. So heisst es etwa von vielen Teilen des Dugongkörpers, dass ihnen magische Kräfte innewohnen. Mancherorts werden die Gräber der Verstorbenen mit Dugongknochen geschmückt. Und es gibt eine ganze Reihe heiliger Stätten, die dem Dugong geweiht sind. Vielfach gibt es bei diesen Völkern auch strenge Bestimmungen darüber, wann und wo Dugongs gejagt beziehungsweise wer Dugongs jagen oder essen darf. All dies zeigt die Achtung, welche diese Menschen dem Tier entgegenbringen, auf dem ihre Existenz aufbaut.

Tatsächlich hat die traditionelle Bejagung des Dugongs mit einfachen Booten und Waffen - und unter den selbst auferlegten Jagdbestimmungen - nie zu einer ernsthaften Bedrohung oder gar zur Ausrottung seiner Bestände geführt. Bedrohlich wurde es erst, als in jüngerer Zeit mancherorts die traditionellen Jagdmethoden in Vergessenheit gerieten und die Ausrüstung der Jäger immer besser wurde. Nun nahm der Jagddruck auf die Dugongs in verheerender Weise zu. Gleichzeitig wurden die Tiere durch die Verschmutzung ihrer Seegraswiesen und das Auslegen unzerrreissbarer Nylonnetze in ihrer Lebensweise mehr und mehr beeinträchtigt. Das Zusammenwirken dieser Faktoren hat die Dugongbestände massiv geschädigt. Im Bereich der Maskarenen, Lakkadiven und Malediven (Indischer Ozean) gibt es mittlerweile keine Dugongs mehr. Und aus den Gewässern der Karolinen und der Marianen (Stiller Ozean) werden sie wohl demnächst verschwinden.

 

Stirbt der Dugong aus?

Noch steht der Dugong nicht am Rand der Ausrottung, denn an der Ostküste Afrikas und an der Nordküste Australiens leben noch recht grosse Populationen des friedlichen Pflanzenfressers.

In den Gewässern von Vanuatu, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist der Dugong zwar nicht besonders häufig, jedoch weit verbreitet. Offensichtlich hält sich seine Bejagung in Grenzen. Auch hier spielen kulturelle Hintergründe eine wichtige Rolle: Mancherorts darf der Dugong nur anlässlich bestimmter Zeremonien bejagt werden. An einigen Orten ist es sogar vollständig verboten, Dugongfleisch zu essen. Hoffentlich bleiben diese überlieferten Bräuche noch lange erhalten, damit der Dugong in Vanuatu weiterhin heimisch bleibt. Er könnte durchaus zu einer einträglichen Touristenattraktion werden, denn unüblicherweise hält sich der Dugong entlang der Küsten Vanuatus häufig in klarem Wasser auf und kann darum gut beobachtet werden. Aus anderen Bereichen seines Verbreitungsgebiets ist im übrigen bekannt, dass sich der grosse Meeressäuger zu einem neugierigen und unterhaltsamen Gesellen entwickelt, wo immer ihn der Mensch in Frieden leben lässt.




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