Eisbär
Ursus maritimus
© 1987 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der Eisbär (Ursus maritimus) ist das grösste
und stärkste Raubtier in seinem unwirtlichen Lebensraum,
den endlosen Treibeisflächen der Arktis. Ausgewachsene Männchen
wiegen im Durchschnitt 400 bis 500 Kilogramm und werden 2,4 bis
2,7 Meter lang. Sie fürchten niemanden - höchstens
einen alten Walrossbullen oder eine geschlossene Front von Moschusochsen.
Erdgeschichtlich gesehen ist der Eisbär verhältnismässig
spät in Erscheinung getreten. Untersuchungen an fossilen
Schädeln deuten darauf hin, dass der Eisbär vom selben
Vorfahren abstammt wie der Braunbär (Ursus arctos)
und dass sich die beiden Formen erst im Pleistozän (Eiszeitalter)
herausgebildet haben. Tatsächlich sind die beiden Arten
noch heute so nah verwandt miteinander, dass aus Kreuzungen,
wie sie schon öfter in Zoos erfolgt sind, fruchtbare Nachkommen
hervorgehen.
Ans Leben im Treibeis bestens angepasst
Die Verbreitung des Eisbären erstreckt sich über
den gesamten Treibeisbereich des Nördlichen Eismeers. Innerhalb
dieses riesigen Areals hält sich der grosse Bär vorzugsweise
in Gebieten auf, in denen der Wind und die Meeresströmungen
das Eis dauernd in Bewegung halten, und wo sich infolgedessen
immer wieder offene Wasserstellen und frische Eisschichten bilden.
Hier ist die Robbenjagd am erfolgversprechendsten. Gebiete dieser
Art liegen zur Hauptsache am südlichen Rand der polaren
Treibeismassen. Dehnt sich die polare Eiskappe im Winter aus,
so wandern die Bären weiter nach Süden; zieht sie sich
im Sommer zurück, so bewegen sich die Tiere wieder nordwärts.
Früher galt der Eisbär als der unermüdliche
Wanderer der Arktis, der - auf der Suche nach robbenreichen Gebieten
- ununterbrochen mit der Eisdrift im Uhrzeigersinn rund um den
Nordpol zieht. Neuere Untersuchungen an markierten Bären
haben jedoch gezeigt, dass die Tiere eine Anzahl mehr oder weniger
standorttreuer Populationen bilden.
Die kräftigen Jäger sind vorzüglich
an das harte Leben in Schnee und Eis angepasst. Das weisse Fell
lässt die Gestalt der mächtigen Tiere förmlich
mit ihrer Umgebung verschmelzen und trägt damit wesentlich
zu ihrem Jagderfolg bei. Das dichte Fell und eine mehrere Zentimeter
dicke Speckschicht isolieren bestens gegen die eisige Kälte.
Auch die kurzen «Plüschohren» und die stark
behaarten Fussohlen sind wichtige Anpassungen an die arktischen
Verhältnisse. Eisbären haben ferner einen ausserordentlich
feinen Geruchssinn, was angesichts der geringen Dichte von Beutetieren
und Artgenossen sowohl bei der Jagd wie bei der Partnersuche
von grösster Bedeutung für das Überleben der Tiere
ist.
Die Jungen kommen in Schneehöhlen zur Welt
Mit Ausnahme von Junge führenden Weibchen leben
Eisbären die meiste Zeit des Jahres als Einzelgänger.
Nur während der Paarungszeit, welche von April bis Juni
dauert, kommen Männchen und Weibchen vorübergehend
zusammen. Unermüdlich folgen in dieser Jahreszeit die Männchen
den Spuren der Bärinnen, und nicht selten kommt es zu wilden
Rivalenkämpfen. Im Oktober oder November gräbt sich
das trächtige Weibchen in einer Schneewehe eine Höhle.
Diese kann aus einer oder mehreren Kammern bestehen, von denen
jede etwa 1,75 Meter im Durchmesser und 0,75 Meter in der Höhe
misst. Wenn sich das Weibchen eingegraben hat, lässt es
sich einschneien. Dabei verschwinden alle Spuren, die seinen
Aufenthaltsort verraten könnten.
In dieser Höhle verbringt nun das Weibchen den
gesamten Winter. Die ganze Zeit nimmt es keine Nahrung mehr zu
sich, sondern zehrt ausschliesslich vom gespeicherten Körperfett.
Sein Kreislauf ist zwar etwas verlangsamt; es hält aber
keinen richtigen Winterschlaf. Durch seine Eigenwärme hält
sich die Temperatur in der Höhle selbst bei strenger Aussenkälte
in der Nähe des Gefrierpunkts.
Die Eisbärenweibchen legen ihre Höhlen im
allgemeinen in angestammten Winterquartieren auf arktischen Inseln
oder an Festlandküsten an. Solche Quartiere befinden sich
zum Beispiel auf Spitzbergen, an der sibirischen Küste,
in der Hudson Bay und auf Grönland. Im Schutz der Höhle
kommen im Dezember - nach einer Tragzeit von acht Monaten - die
Jungen zur Welt. Meistens sind es zwei, manchmal auch nur eines,
selten drei. Die kleinen Bären sind bei der Geburt nur 20
bis 30 Zentimeter lang und wiegen lediglich 600 bis 700 Gramm.
Sie sind spärlich behaart, blind und taub und daher vollständig
auf die Betreuung durch ihre Mutter angewiesen. Dank des hohen
Fettgehalts der mütterlichen Milch wachsen sie aber rasch
heran, und schon im März oder April verlassen sie zusammen
mit der Mutter die Schneehöhle.
Im Gegensatz zu anderen Bärenarten halten sich
beim Eisbären nicht alle Individuen, sondern nur die trächtigen
Weibchen längere Zeit in Winterhöhlen auf. Die Eisbärenmännchen
sowie die jüngeren und die unfruchtbaren Weibchen ziehen
sich höchstens bei besonders harten Lebensbedingungen vorübergehend
in eine Höhle zurück.
Eisbären haben eine geringere Fortpflanzungsrate
als die meisten Säugetiere: Die Weibchen bringen erstmals
im Alter von fünf bis sechs Jahren Junge zur Welt. Zudem
vergehen zwischen zwei aufeinanderfolgenden Würfen mindestens
drei Jahre, da die Jungen rund 28 Monate lang bei der Mutter
bleiben. Bei einer Lebenserwartung von ungefähr 20 Jahren
pflanzt sich daher ein Weibchen in seinem ganzen Leben nur etwa
vier- bis sechsmal fort. Aufgrund dieser langsamen Nachzuchtrate
ist der Eisbär, der sonst keine natürlichen Feinde
kennt, sehr anfällig auf die Bejagung durch den Menschen.
Schon geringe Bestandseinbussen vermag er kaum mehr auszugleichen.
Eisbären sind ausgesprochene Fleischesser
Der Eisbär ist im Gegensatz zu seinen Verwandten
kein typischer Allesesser, sondern er ernährt sich fast
ausschliesslich von Fleisch. Zu seinen Hauptbeutetieren gehören
die Ringelrobbe (Pusa hispida) und die Bartrobbe (Erignathus
barbadus). Er nimmt aber zuweilen auch Sattelrobben (Pagophilus
groenlandicus) und Klappmützen (Cystophora cristata).
Unter Umständen erbeutet er sogar einen Belugawal (Delphinapterus
leucas) oder ein Walross (Odobenus rosmarus). Wenn
keine solchen Beutetiere aufzutreiben sind, so begnügt sich
der Eisbär aber auch mit Kleinsäugern, Vögeln,
Aas und selbst Pflanzen.
Obschon der Eisbaer nicht im Wasser nach Beute jagt,
ist er ein guter Schwimmer, der weite Strecken von einer Eisscholle
zur nächsten oder von der Küste zum Treibeisrand im
Wasser zurücklegt. Beim Tauchen kann er sich etwa zwei Minuten
unter Wasser halten, geht aber selten tiefer als ein bis zwei
Meter.
Bei der Robbenjagd wendet der Eisbär verschiedene
Jagdtechniken an: Manchmal liegt er mit grosser Geduld an den
Atemlöchern dieser Meeressäuger auf der Lauer. Taucht
eine Robbe zum Luftholen auf, so packt er sie blitzschnell mit
den scharfen Krallen seiner riesigen Pranken und reisst sie aus
dem Wasser. Gelegentlich schleicht er sich auch auf dem Bauch
rutschend ganz langsam an Robben an, die sich bei schönem
Wetter auf dem Eis sonnen, und tötet sie mit einem kräftigen
Prankenhieb. Oft sucht er auch nach Robbenhöhlen, die sich
in der meterdicken Schneeschicht auf dem Eis befinden und in
denen die Tiere ihre Jungen zur Welt bringen. Mit tief herabhängendem
Kopf sucht der Bär die Schneeflächen ab und vemag dabei
Robbenhöhlen noch durch eine Schneeschicht von einem bis
anderthalb Metern zu wittern. Mit schnellen Tatzenhieben entfernt
er die zumeist hartgefrorene obere Schneelage, erhebt sich auf
die Hinterbeine und stösst mit der ganzen Wucht seines Körpers
beide Vorderbeine in den Schnee. Auf diese Weise drückt
er die Robbenhöhle ein und lässt den Robben im allgemeinen
keine Chance mehr zur Flucht.
Eisbär und Mensch
Über die Todesursachen des Eisbären in freier
Wildbahn ist nicht viel bekannt. Der mächtige Bär scheint
so gut wie keine natürlichen Feinde zu haben. Junge Eisbären
werden gelegentlich von ausgewachsenen Männchen erlegt,
wenn nicht genügend Beutetiere vorhanden sind. Und es mag
vorkommen, dass einzelne Männchen den Wunden erliegen, die
sie in der Paarungszeit bei Rivalenkämpfen erlitten haben.
Eisbären haben jedoch seit langer Zeit im Menschen
einen gefährlichen Feind: Die grossen Raubtiere werden schon
seit Urzeiten von den arktischen Kstenvölkern bejagt. Ihr
Fell wird zu Kleidung verarbeitet, und das Fleisch dient als
Nahrung. Der Genuss von Eisbärenfleisch ist allerdings keine
ungefährliche Sache, da es oftmals Trichinen (parasitische
Fadenwürmer) beherbergt. Diese können im Menschen die
zumeist tödlich verlaufende Trichinose hervorrufen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam vorübergehend
- so besonders in Alaska und auf Spitzbergen - die Jagd von Eisbären
durch Trophäenjäger in Mode. Diesem unsinnigen Tun
wurde glücklicherweise schon früh im ganzen Verbreitungsgebiet
des Eisbären ein Riegel geschoben. Trophäenjagden finden
heute kaum mehr statt.
Heutzutage werden die Eisbärenpopulationen in
zunehmendem Mass durch die Förderung von Erdöl und
Erdgas in der Arktis beeinträchtigt. Je mehr Menschen in
die hochnordische Heimat des weissen Bären eindringen, desto
öfter kommt es zu Begegnungen zwischen den beiden, die in
der Regel mit der Tötung des Raubtiers enden. Auch auf den
Nachzuchterfolg des Eisbären haben die Aktivitäten
des Menschen einen negativen Einfluss, da die Weibchen zum Teil
aus ihren traditionellen Überwinterungsquartieren vertrieben
werden. Eine grosse Gefahr bildet ferner das gelegentliche Ausfliessen
von Öl aufgrund von Bohr- oder Förderunfällen.
Erdöl kann nicht allein für die Eisbärenpopulation,
sondern für die gesamte Tierwelt einer betroffenen Region
verheerende Folgen haben. Eine Methode zur chemischen Bindung
von audgeflossenem Öl unter der arktischen Treibeisdecke
ist bislang nicht entwickelt worden.
Schutzmassnahmen
Auf internationaler Ebene dient das «Übereinkommen
von Oslo zum Schutz des Eisbären» als Grundlage für
den Schutz des mächtigen Raubtiers. Es wurde 1973 durch
alle fünf ans arktische Eismees angrenzenden Nationen -
Kanada, die USA, Grönland, Norwegen und die Sowjetunion
- gemeinsam unterzeichnet. Bei der Erarbeitung dieses für
den internationalen Artenschutz wegweisenden Übereinkommens
hatte die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) massgeblich
mitgewirkt.
Das Übereinkommen sieht unter anderem folgendes
vor:
- ein generelles Verbot der Eisbärenjagd mit
Hilfe von Flugzeugen und Schiffen,
- den ganzjährigen Schutz der Jungtiere sowie der Junge
führenden Weibchen,
- ein Verbot der Jagd in den Überwinterungsquartieren der
Weibchen,
- ein Verbot der Eisbärenjagd durch Personen, die nicht
Staatsbürger der fünf Nationen sind,
- die Markierung aller legal zum Handel zugelassenen Eisbärenfelle
zwecks Unterbindung des illegalen Fellhandels,
- die grenzüberschreitende Erforschung der Lebensweise des
Eisbären in freier Wildbahn.
Alle fünf Nationen haben mittlerweile durch die Verabschiedung
entsprechender Gesetze dem Übereinkommen weitgehend Nachachtung
verschafft:
Die Sowjetunion hatte schon 1956 jegliche Bejagung
der weissen Bären untersagt. Die einzigen Eisbären,
die seither noch aus der freien Wildbahn entnommen werden, sind
ein paar Jungtiere jährlich für den Bedarf der Zoologischen
Gärten. Darüberhinaus wurde 1978 die Wrangel-Insel,
ein wichtiges Überwinterungsquartier der Eisbärenweibchen,
als Nationalpark unter Schutz gestellt.
Die Eisbären, die in der Umgebung von Spitzbergen
leben, stehen unter der Obhut Norwegens. Seit Anfang der
siebziger Jahre ist dort die Jagd mit Selbstschussanlagen sowie
von Schiffen aus strikt verboten.
Grönland schützt seine Eisbärenbestände
durch die Bestimmung, dass nur Eingeborene bzw. schon seit langem
auf der Insel Ansässige Eisbären jagen dürfen.
Das Benützen von Motorfahrzeugen ist dabei verboten. Ferner
sind einzelne Inselteile zu speziellen Bärenschutzgebieten
erklärt worden.
In Kanada dürfen Eisbären von den
Eingeborenen für den persönlichen Bedarf erlegt werden.
Jungtiere und Junge führende Weibchen sind ganzjährig
geschützt, und eine Schonzeit soll verhindern, dass hochträchtige
Weibchen bejagt werden. Insgesamt werden in Kanada etwa 700 Bären
jährlich erlegt.
In Alaska dürfen Eisbären ebenfalls nur
von der eingeborenen Bevölkerung für den persönlichen
Bedarf gejagt werden. Die Abschussrate beträgt zwischen
75 und 200 Individuen jährlich.
Der Eisbär ist auf internationaler Ebene auch
durch das Abkommen über den internationalen Handel mit bedrohten
Pflanzen- und Tierarten (CITES) geschützt. Dieses Abkommen
ist 1975 in Kraft getreten und wurde mittlerweile von 95 Ländern
unterzeichnet. Jedes Unterzeichnerland verlangt Aus- und Einfuhrgenehmigungen
für die im Rahmen des Abkommens geschützten Pflanzen-
und Tierarten, zu denen auch der Eisbär zählt.
Die Koordination der internationalen Forschungs- und
Schutzprogramme liegt in den Händen der Eisbärenspezialistengruppe
der IUCN. Die Wissenschaftler, aus denen sich diese Gruppe zusammensetzt,
treffen sich etwa alle zwei Jahre, um die Ergebnisse der bisherigen
Forschungsarbeiten und Schutzanstrengungen zu erörtern und
um die zukünftig notwendigen Aktivitäten zu formulieren.
Sie sind auch dafür zuständig, die von der Gruppe vorgeschlagenen
Forschungs- und Schutzprogramme ihrer jeweiligen Regierung zu
unterbreiten.
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