Erdwolf
Proteles cristatus
© 2001 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Tiere, die sich von lebenden Tieren ernähren,
nennen wir «Beutegreifer». Darunter fallen bei den
Säugetieren keineswegs nur die eigentlichen Raubtiere, sondern
beispielsweise auch die Fledermäuse, die Igel und die Delfine.
Die meisten Beutegreifer unter den Säugetieren sind wenig
spezialisiert und ernähren sich von einem breiten Beutetierspektrum.
Ein paar jedoch haben sich im Laufe ihrer Stammesgeschichte auf
eine bestimmte, eng begrenzte Beutetiergruppe ausgerichtet. Bemerkenswert
sind in dieser Hinsicht die spezialisierten Ameisen- und Termitenesser,
die sich in allen tropischen und subtropischen Regionen der Erde
herausgebildet haben. In Amerika besetzen diese «Nahrungsnische»
vier Arten von Ameisenbären (Familie Myrmecophagidae) und
fünf Arten von Gürteltieren (Familie Dasyproctidae).
In Australien ist der Ameisenbeutler (Myrmecobius fasciatus),
ein Beuteltier, auf Termiten spezialisiert. In Asien übernehmen
diese Rolle drei Arten von Schuppentieren (Familie Manidae).
Und in Afrika sind es vier weitere Arten von Schuppentieren sowie
das Erdferkel (Orycteropus afer), das mit keiner heutigen
Tiersippe näher verwandt ist, und der Erdwolf (Proteles
cristatus). Von letzterem soll hier berichtet werden.
Eine Hyäne mit Mähne
Während alle anderen Ameisen- und Termitenesser
sehr urtümlichen Säugetiersippen angehören, ist
der Erdwolf ein Angehöriger der stammesgeschichtlich gesehen
modernen Ordnung der Raubtiere (Carnivora). Früher wurde
er zumeist einer eigenen Familie namens Protelidae zugeordnet.
Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass er in Wirklichkeit nichts
anderes als eine spezialisierte Hyäne ist. Er wird deshalb
heute zusammen mit den drei «normalen» Hyänen
- der Schabrackenhyäne (Hyaena brunnea), der Streifenhyäne
(Hyaena hyaena) und der Tüpfelhyäne (Crocuta
crocuta) - der Familie der Hyänen (Hyaenidae) zugeordnet.
Der Erdwolf ist das kleinste Mitglied der Hyänenfamilie:
Erwachsene Individuen weisen eine Schulterhöhe von 40 bis
50 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge um 75 Zentimeter und
ein Gewicht von gewöhnlich 8 bis 12 Kilogramm auf, wobei
die Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser sind als
die Männchen.
Wie alle Hyänen hat der Erdwolf längere
Vorder- als Hinterbeine, so dass seine Rückenlinie beim
Stehen und Gehen schräg nach hinten unten abfällt.
Kennzeichnend für die Art ist die aus bis zu zwanzig Zentimeter
langen Haaren bestehende Mähne, die sich vom Hinterkopf
längs des ganzen Rückens bis zur Schwanzwurzel zieht
und sich da in den buschigen Schwanz fortsetzt. Bei entspannter
Gemütslage liegt sie dem Körper eng an. Bei Erregung
- insbesondere bei Gefahr durch einen Fressfeind oder bei Rivalitäten
unter Artgenossen - wird sie jedoch gesträubt und lässt
dann das Tier erheblich grösser erscheinen, als es in Wirklichkeit
ist. Diesem Körpermerkmal verdankt der Erdwolf seinen südafrikanischen
Namen «Maanhaarjakkals», was auf deutsch «Mähnenschakal»
bedeutet. Und auch sein wissenschaftlicher Artname cristatus
(«kammtragend») nimmt hierauf Bezug.
Ein weiteres bemerkenswertes, wenn auch äusserlich
nicht sichtbares Kennzeichen des Erdwolfs ist der Bau seines
Gebisses: Schneide- und Eckzähne sind bei ihm wie in einem
normalen Raubtiergebiss entwickelt; hingegen hat er nur zwei
kleine, spitze, nahezu funktionslose Vorbackenzähne, und
der einzige Backenzahn muss mit der Lupe gesucht werden. Die
rückgebildeten Vorbacken- und Backenzähne stellen zweifellos
eine «Einsparung» dar, die dank der Termitenkost
möglich wurde. Sie ist auch bei den meisten anderen Ameisen-
und Termitenessern zu beobachten.
Erntetermiten bestimmen sein Leben
Das Verbreitungsgebiet des Erdwolfs ist zweigeteilt.
Zum einen kommt die Art im südlichen Afrika vor - vom südlichen
Sambia und südlichen Angola quer durch Namibia, Botsuana,
Simbabwe und das südliche Mosambik bis zum zentralen Südafrika.
Zum anderen findet man sie im nordöstlichen Afrika - vom
südöstlichen Ägypten durch den östlichen
Sudan, Eritrea und Äthiopien bis nach Somalia, Kenia, das
östliche Uganda und das zentrale Tansania. Die beiden Erdwolfvorkommen
liegen mehr als tausend Kilometer voneinander entfernt und gelten
heute als genetisch getrennt. Die Trennung dürfte nach Ansicht
der Fachleute allerdings «erst» seit rund 10 000
Jahren, d.h. seit dem Ende des Eiszeitalters (Pleistozäns),
bestehen. Damals erlebte Afrika einen erheblichen klimatischen
Wandel: Weite Gebiete erhielten erheblich mehr Niederschläge
als zuvor - was unter anderem vielerorts zu einer Verdrängung
des Erdwolfs führte. Denn der Erdwolf bewohnt ausschliesslich
trockene und halbtrockene Lebensräume, insbesondere Trockensavannen,
Trockenbuschländer und lichte Trockenwälder mit einer
durchschnittlichen Jahresniederschlagsmenge zwischen 10 und 80
Zentimetern.
Zoologische Studien haben gezeigt, dass diese «Vorliebe»
für Trockengebiete handfeste Gründe hat. Der Erdwolf
ist nämlich hinsichtlich seiner Ernährung nicht allein
auf Termiten spezialisiert, von denen es afrikaweit etwa 150
Gattungen gibt. Er ist sogar auf eine ganz bestimmte Termitengattung
ausgerichtet, nämlich die Nasen-Erntetermiten der Gattung
Trinervitermes, welche ausschliesslich in den trockenen
Bereichen der afrikanischen Tropen und Subtropen vorkommen.
Die Nasen-Erntetermiten leben wie alle Termiten in
kopfstarken, wohl organisierten Familiengemeinschaften («Staaten»);
sie ernähren sich wie alle ihre Vettern von Zellulose; und
sie bauen - wie zahlreiche andere Termitenarten Afrikas - auffällige
oberirdische Nesthügel aus Lehm («Termitenhügel»).
Im Gegensatz zu den meisten anderen Termitenarten ernähren
sie sich aber nicht von Holz, und sie bewegen sich nicht wie
diese in unterirdischen Tunnels bzw. auf gedeckten Wegen zu ihrer
Nahrung. Die Nasen-Erntetermiten sammeln Gras im Freien, bewegen
sich also regelmässig an der Erdoberfläche fort.
Gewöhnlich verlassen sie ihr Nest in dichten
Trupps von ein paar hundert bis ein paar tausend Individuen.
Zwei Drittel davon sind «Arbeiter», deren Aufgabe
es ist, Gras zu ernten und zum Nest zurückzutragen. Ein
Drittel sind «Soldaten», welche den Arbeitern auf
dem Hin- und Rückweg «Flankenschutz» bieten.
Die Soldaten verfügen über einen enormen Spritzapparat:
Er nimmt den ganzen Hinterkopf ein und hat vorne einen nasenartigen
Stirnfortsatz mit einer porendünnen Ausmündung. Mit
diesem Apparat spritzen die Soldaten jedem Feind, von räuberischen
Ameisen bis zu Vögeln und Echsen, ein klebriges, streng
riechendes Sekret entgegen. Diese chemische Waffe ist so wirkungsvoll,
dass die Nasen-Erntetermiten von praktisch allen natürlichen
Feinden in Ruhe gelassen werden. Nur den Erdwolf scheint sie
überhaupt nicht zu kümmern: Er leckt die Termiten kurzerhand
mit seiner langen Zunge auf und verschluckt sie.
Nasen-Erntetermiten haben im Übrigen wie die
meisten ihrer Verwandten einen weisslich-durchscheinenden Körper.
Ihre Haut ist also nicht durch Farbpigmente vor der Sonneneinstrahlung
geschützt, und deshalb kommen sie niemals tagsüber
hervor, sondern stets nur in der nächtlichen Dunkelheit.
Letzteres gilt auch für den Erdwolf. Nicht nur sein Vorkommen,
sondern auch sein Lebensrhythmus wird also weitgehend durch seine
Beutetiere bestimmt.
Den Tag verschläft der Erdwolf in einem Erdbau.
Erst kurz nach Sonnenuntergang wird er munter, kriecht aus seinem
Bau hervor und geht dann fast die ganze Nacht lang auf Fresswanderung.
Seine Beutetiere ortet er hauptsächlich an Hand ihrer Geräusche,
doch bietet ihm vermutlich auch der Geruch der Abwehrsekrete
der Termitensoldaten Anhaltspunkte. Ein einzelner Erdwolf verspeist
Schätzungen zufolge in einer einzigen Nacht etwa 200.000
bis 300.000 Termiten, im Laufe eines Jahres also rund 100 Millionen!
Interessanterweise vermag er nicht allein sämtliche lebensnotwendigen
Nährstoffe aus dieser «einseitigen» Kost zu
gewinnen, sondern auch sämtliche Flüssigkeit. Zugang
zu Trinkwasser braucht der Nahrungsspezialist also nicht, was
in trockenen Gegenden ein entscheidender Überlebensvorteil
ist.
In den Gebieten, in denen es das ganze Jahr über
warm ist, besteht die Nahrung des Erdwolfs praktisch zu hundert
Prozent aus Nasen-Erntetermiten. Ganz im Norden und ganz im Süden
des Artverbreitungsgebiets sind diese Termiten jedoch während
der kühleren Wintermonate viel seltener unterwegs als sonst.
In diesen Monaten erlebt der Erdwolf einen ernsthaften Nahrungsengpass.
Glücklicherweise ist gerade im Winter eine andere Erntetermitenart,
Hodotermes mossambicus, besonders aktiv. Sie gibt für
den Erdwolf einen willkommenen «Notproviant» ab.
Die stark pigmentierten Hodotermes-Erntetermiten gehen
allerdings überwiegend am Tag auf Nahrungserwerb, weshalb
auch der Erdwolf in dieser mageren Zeit vielfach tagsüber
umherstreift. Ausserdem bewegen sie sich nicht in kompakten Verbänden
fort wie die Nasen-Erntetermiten, sondern sie gehen weit verstreut
und ohne Soldatenschutz ihrer Aufgabe nach. Dem Erdwolf fällt
es darum schwer, seinen Nahrungsbedarf ausreichend zu decken.
In den südlichen und nördlichen Randzonen des Artverbreitungsgebiets
verlieren die Erdwölfe deshalb während der Wintermonate
durchschnittlich ein Fünftel ihres Körpergewichts.
Monogam und territorial
Erdwölfe führen eine monogame und territoriale
Lebensweise. Die erwachsenen Individuen bilden also feste Paare,
und jedes Paar hält ein Grundstück besetzt, in welchem
es keine fremden Artgenossen duldet. Die Grösse des Territoriums
ist abhängig von der örtlichen Dichte der Termitennester
und bemisst sich im Allgemeinen auf einen bis vier Quadratkilometer.
Um fremde Artgenossen vom Betreten des Eigenbezirks abzuhalten,
setzen sowohl die Männchen als auch die Weibchen bei ihren
Streifzügen häufig Duftmarken ab. Sie hocken sich dazu
kurz über ein Grasbüschel, stülpen ihre Afterdrüsen
etwas vor und streifen dann deren dunkle Absonderung am Gras
ab. Vor allem im Randbereich der Territorien wird eifrig markiert,
manchmal etwa alle fünfzig Meter.
Jedes Paar verfügt innerhalb seines Territoriums
über etwa ein Dutzend Erdhöhlen, bei denen es sich
zumeist um die verlassenen Baue von Erdferkeln und Stachelschweinen
handelt. Es bewohnt jeweils während etwa vier bis sechs
Wochen gemeinsam eine Höhle, dann wechselt es zur nächsten
und kehrt erst nach Monaten wieder zu dieser Höhle zurück.
So verteilt es seinen Aktivitätsbereich im Laufe des Jahres
über das ganze Territorium. Anzumerken ist, dass die beiden
Partner zwar das ganze Jahr über gemeinsam hausen, jedoch
immer getrennt auf Fresswanderung gehen.
In den meisten Bereichen des Artverbreitungsgebiets
fällt die Paarungszeit der Erdwölfe in die Wintermonate.
Nach einer Tragzeit von ungefähr drei Monaten bringt das
Weibchen dann im Frühling zwei bis vier Junge zur Welt.
Diese bleiben die ersten vier bis sechs Wochen im sicheren Erdbau.
Dann beginnen sie die nähere Umgebung des Baus zu erkunden,
wobei sie stets aufmerksam vom einen oder anderen Elternteil
bewacht werden. Während der ersten Monate verbringt das
Männchen bis zu sechs Stunden je Nacht bei der Wurfhöhle,
während das Weibchen, das ja viel Energie für die Erzeugung
der Muttermilch benötigt, auf Nahrungssuche ist. So bleiben
die Jungen, die vor allem durch Schakale (Canis spp.)
gefährdet sind, fast nie unbewacht.
Im Alter von etwa drei Monaten beginnen die jungen
Erdwölfe, das Weibchen oder das Männchen auf den Fresswanderungen
zu begleiten und feste Nahrung in Form von Termiten zu sich zu
nehmen. Im Alter von ungefähr vier Monaten werden sie entwöhnt,
und von da an jagen sie den grössten Teil der Nacht allein.
Sie schlafen allerdings weiterhin in derselben Höhle wie
ihre Mutter. Das Männchen schläft entweder bei der
Familie oder in einer benachbarten Höhle. Zu Beginn der
nächsten Fortpflanzungszeit beginnen sich die Jungtiere
von ihren Eltern zu lösen. Sie streifen zunächst vermehrt
in den Randzonen des Territoriums umher. Schliesslich ziehen
sie - auf der Suche nach einem eigenen Partner und einem eigenen
«Grundstück» - endgültig fort. In Menschenobhut
liegt das Höchstalter der Erdwölfe bei ungefähr
15 Jahren.
Dünne, aber stabile Bestände
Erdwölfe kommen zwar nirgendwo in grosser Dichte
vor. Das lässt die ungewöhnliche Nahrungsgrundlage
nicht zu. Die Bestände scheinen aber in den meisten Bereichen
des weiten Artverbreitungsgebiets noch immer ziemlich gesund
zu sein. Gebietsweise werden die kleinen Hyänen zwar im
irrigen Glauben erschossen, sie würden Haustiere rauben.
In anderen Gegenden werden sie ihres Fleisches wegen getötet,
oder weil ihre Innereien in der Volksmedizin eine Rolle spielen.
In dichter besiedelten Gebieten fallen immer wieder Erdwölfe
dem Strassenverkehr zum Opfer. Und dort, wo die Nester der Erntetermiten
zerstört werden, weil diese als Plage für die Viehwirtschaft
gelten, verliert der Erdwolf mitunter seine Nahrungsgrundlage.
Auf die Gesamtpopulation scheinen all diese Schadfaktoren bislang
keinen nennenswerten Einfluss gehabt zu haben, da sie allesamt
örtlich begrenzt auftreten. Solange sich dies nicht wesentlich
ändert, sind die Prognosen für den Fortbestand dieses
aussergewöhnlichen Mitglieds der Raubtierordnung recht günstig.
Legenden
Der Erdwolf (Proteles cristatus) gehört seinem deutschen
Namen zum Trotz nicht zur Hundefamilie (Canidae), sondern ist
ein Mitglied der Hyänenfamilie (Hyaenidae). Erwachsene Individuen
weisen eine Schulterhöhe von 40 bis 60 Zentimetern und ein
Gewicht von gewöhnlich 8 bis 12 Kilogramm auf, wobei die
Weibchen im Durchschnitt eine Spur grösser sind als die
Männchen.
Die Heimat des Erdwolfs sind die Trockensavannen,
Trockenbuschländer und lichten Trockenwälder des südlichen
und nordöstlichen Afrikas. Dort streift die kleine Hyäne
vornehmlich nachts umher und ernährt sich von Termiten,
die sie mit ihrer grossen Zunge aufleckt. Früher hiess es,
der Erdwolf würde gelegentlich auch Mäuse und andere
kleine Wirbeltiere zu sich nehmen. Magenuntersuchungen haben
das aber klar widerlegt.
Erdwölfe führen eine monogame und territoriale
Lebensweise. Jedes Erdwolfpaar verfügt innerhalb seines
Territoriums über etwa ein Dutzend Erdhöhlen, die ihm
abwechslungsweise als Schlafstätte dienen. Mitunter kann
aber auch - wie auf diesem Bild - ein von einem Erdferkel ausgehöhlter
Termitenhügel als Unterschlupf dienen.
Die jungen Erdwölfe kommen zumeist im Frühling,
nach einer Tragzeit von drei Monaten, in einem der elterlichen
Erdbaue zur Welt. Die ersten vier bis sechs Wochen verbringen
sie im Inneren der feindsicheren Kinderstube. Danach erst wagen
sie sich zum Baueingang vor und beginnen vorsichtig (und nur
unter Aufsicht ihrer Eltern), zunächst die nähere,
später auch die weitere Umgebung ihres Geburtsorts zu erkunden.
Der Erdwolf trägt eine ausgeprägte Mähne,
die sich vom Hinterkopf bis zur Schwanzwurzel erstreckt. Bei
Erregung - insbesondere bei Gefahr durch einen Fressfeind oder
bei Rivalitäten mit Artgenossen - richtet er sie hoch auf
und erscheint dadurch wesentlich «imposanter», als
er in Wirklichkeit ist. Der wissenschaftliche Artname cristatus
(«kammtragend») bezieht sich auf dieses Körpermerkmal.
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