Eritrea


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection)



In vorkolonialer Zeit hiess die Region, in der das heutige Eritrea liegt, «Mareb Mellash» - "Land jenseits des Flusses Mareb», so gesehen vom äthiopischen Addis Abeba aus. «Eritrea» als Begriff für das heutige Land wurde erst durch die europäischen Kolonialisten eingeführt. Der Name geht auf die griechische Bezeichnung für das Rote Meer, an welchem Eritrea liegt, zurück: Aus «Erythra Thalasso» wurde später die «Erythräische See» und daraus schliesslich «Eritrea» abgeleitet.

Eritrea in seinen heutigen Grenzen ist allerdings ein künstliches Gebilde, das die Italiener zwischen 1869 und 1885 als Kolonie geschaffen und bis zu ihrer Niederlage 1941 im Zweiten Weltkrieg beherrscht hatten. Bis 1952 regierten die Briten, dann kam Eritrea gegen den erklärten Willen der Eritreer zunächst als föderierte autonome Region, später als annektierte Provinz zu Äthiopien. Die 1952 von den Vereinten Nationen versprochene Unabhängigkeit blieb aus.

1961 ging der anfangs gewaltlose Widerstand der Eritreer gegen die Äthiopier in einen offenen Aufstand über, der in einen dreissigjährigen Befreiungskrieg, den längsten Afrikas, mündete. Nahezu 100 000 Menschen des Dreieinhalbmillionenvolks kamen in diesem Krieg um, über eine Million flüchtete ins Ausland. 1991 schlug die auf 70 000 Kämpferinnen und Kämpfer angewachsene eritreische Befreiungsarmee («Eritrean People's Liberation Front», EPLF) nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen die äthiopischen Truppen bei der eritreischen Hauptstadt Asmara. Beide Seiten setzten Panzer und Artillerie ein. Schliesslich besiegte die stärkste und bestausgerüstete Befreiungsarmee die stärkste Armee Schwarzafrikas. Der Krieg war zu Ende, der äthiopische Diktator Mariam Mengistu wurde gestürzt.

Dieser kurze historische Rückblick lässt verstehen, weshalb Eritrea noch immer stark vom Krieg geprägt ist. Zwar sieht man kaum mehr etwas: Hie und da ein verrostetes Panzerwrack am Wegrand, dann und wann das Gerippe eines zerschossenen Hauses, mitunter das unscheinbare, aus herumliegenden Steinen errichtete Grab eines Gefallenen sind alles, was äusserlich daran erinnert. Insgesamt erweckt Eritrea heute den Eindruck eines friedlichen Landes. Doch es wird noch lange dauern, bis nicht nur die Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, sondern auch die Wunden in den Seelen der Menschen geheilt sind. Immer noch leben wohl 300 000 Eritreer als Flüchtlinge im Sudan, es gibt 100 000 Obdachlose, 70 000 Waisen, 60 000 Kriegsinvalide. Und rund 50 000 "Fighters": Jene Frauen und Männer, die jahre-, wenn nicht jahrzehntelang den Krieg geführt haben und ein Zivilleben oft gar nicht kennen. Sie in ein Normalleben zu integrieren, ist eine der ganz grossen Aufgaben der eritreischen Regierung.

 

Land aus Steinen, Sand und Staub

Mit einer Fläche von etwa 121 000 Quadratkilometern ist Eritrea so gross wie Österreich und die Schweiz zusammen. Im Norden und Westen grenzt die junge afrikanische Republik an den Sudan, im Süden an Äthiopien und Dschibuti, die Ostgrenze wird vom Roten Meer gebildet. Landschaftlich ist Eritrea sehr abwechslungsreich. Man unterscheidet grob vier geografische Regionen: das zentrale Hochland, das Küstentiefland entlang des Roten Meers, das flache westliche Tiefland und das zerklüftete Hügelland im Norden.

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, liegt 2400 Meter über dem Meeresspiegel auf einer fruchtbaren, hügeligen bis gebirgigen Hochebene. Dieses zentrale Hochland nimmt etwa dreissig Prozent der Landesfläche ein und hat ganzjährig ein angenehm frühlingshaftes Klima mit durchschnittlichen Jahrestemperaturen von 18°C. Nach Osten fällt das zentrale Hochland steil zum heissen Küstentiefland am Roten Meer ab, wo die Jahresdurchschnittstemperaturen bei 30°C liegen und die Tagestemperaturen in den Sommermonaten Juni, Juli und August deutlich über 40°C ansteigen. Hier, weniger als hundert Kilometer von Asmara entfernt, befindet sich die Hafenstadt Massawa. Der schmale, rund tausend Kilometer lange Küstenstreifen am Roten Meer grenzt im Süden an die Danakil-Senke, die bis zu 120 Meter unter der Meeereshöhe verläuft und - mit Tagestemperaturen von bis über 60°C - zu den heissesten Plätzen der Erde zählt. Vor Massawa erstreckt sich der Dahlak-Archipel mit Hunderten grossenteils unbewohnter Inseln, welche von glasklarem Wasser umspült sind. Das westliche Tiefland, das im nördlichen Bereich in die sudanesische Wüste und im Südwesten ins äthiopische Hochland übergeht, ist sehr flach, trocken und wie das Küstentiefland recht heiss. Ackerbau kann nur südlich des Gash-Flusses betrieben werden. Das nördliche Hügelland wiederum liegt ungefähr 1000 bis 1500 Meter ü.M. und besteht grösstenteils aus einer Steinwüste, in welcher einzig saisonale Nomadenwirtschaft möglich ist. Während des dreissigjährigen Kriegs war diese unwirtliche Region Basisgebiet der EPLF-Kämpfer.

Wassermangel ist eines der ganz grossen Probleme in Eritrea. Einzig im zentralen Hochland sorgen in normalen Jahren zwei Regenzeiten - die kleine Regenzeit von März bis April und die Hauptregenzeit von Juni bis September - für ausreichenden Niederschlag. Ansonsten scheint das Land über weite Strecken fast nur aus Staub, Sand und Steinen zu bestehen. Und wären da nicht die Ziegen in den Büschen, die vereinzelt zwischen Dornsträuchern weidenden Kamele und die Menschen, die wie aus dem Nichts auftauchen, dann könnte man es für völlig unbewohnt halten. Erst mit der Zeit lernt das Auge im Spiel der Braun-, Gelb- und Ockertöne die Spuren menschlicher Arbeit zu erkennen: die schmalen, oft winzigen Felder, die das flache Land wie mit einem feinen Netz überziehen, die Terrassierungen, die die Hänge von den höchsten Höhen bis tief hinab in die Schluchten zeichnen, die Häuser, die braun wie die Erde sind, aus der sie gebaut wurden und aus der sie organisch herauswachsen. Das Leben verläuft im eritreischen Hinterland noch in traditionellen Bahnen. Es gibt vielerorts kein Wasser, keinen Strom, und selbst das Brennholz muss oft von weit her mühsam herbeigeschafft werden.

 

Neun verschiedensprachige Volksgruppen

Eritrea ist ein Vielvölkerstaat: Seine rund 3,6 Millionen Einwohner gehören neun verschiedenen ethnischen Gruppen an, welche neun verschiedene Sprachen sprechen.

Die Tigrinya sind mit etwa fünfzig Prozent die grösste Volksgruppe Eritreas und bewohnen als sesshafte Bauern das zentrale Hochland. Sie sind überwiegend Christen, nur eine kleine Minderheit gehört dem Islam an. Die Tigre stellen mit gut dreissig Prozent die zweitgrösste Bevölkerungsgruppe Eritreas dar. Sie bewohnen vor allem das nördliche Küstentiefland einschliesslich der Hafenstadt Massawa und sind meist Viehzüchter. Überwiegend gehören sie dem muslimischen Glauben an. Viele von ihnen sprechen neben ihrer eigenen Sprache auch Arabisch und verwenden dieses in aller Regel für schriftliche Angelegenheiten. Die Afar, rund acht Prozent der eritreischen Bevölkerung, besiedeln den langen Küstenstreifen am Roten Meer zwischen Massawa und Assab. Kerngebiet ihres Siedlungsgebiets ist die Danakil-Senke. Sie sind überwiegend Nomaden, doch sind sie auch als gute Seefahrer bekannt, die vom Fischfang leben. Ihre Religion ist der Islam. Die Bilen sind im Gebiet um Keren, der zweitgrössten Stadt Eritreas, etwa achtzig Kilometer nordwestlich von Asmara gelegen, zu Hause. Sie setzen sich zu etwa gleich grossen Teilen aus sesshaften Christen und moslemischen Viehzüchtern zusammen. Die Saho besiedeln vorwiegend den Steilabfall des Hochlandes zur Küstenebene hin, und zwar südlich der Linie Asmara-Massawa. Sie sind überwiegend Moslems und leben teils als sesshafte Bauern, teils als nomadisierende Viehzüchter, welche von der Küstenebene im Winter auf das Hochplateau im Sommer wechseln. Weitere kleinere Volksgruppen sind die Hadareb, die Kunama, die Nara und die Raschaida.

 

Wirtschaftlich noch auf wackligen Füssen

Wirtschaftlich steht Eritrea auf wackligen Füssen. Mit einem geschätzten Durchschnittseinkommen von 150 Dollar pro Person und Jahr zählt das Land heute zu den zehn ärmsten Ländern der Welt.

Noch in der Mitte dieses Jahrhunderts war Eritrea ein halbindustrialisiertes Land mit einer für afrikanische Verhältnisse hochentwickelten, durch die italienischen Kolonialherren aufgebauten Infrastruktur. Der Unabhängigkeitskrieg mit Äthiopien hat aber die Lebensgrundlagen des Landes weitgehend zerstört und besonders gravierende Folgen für die Landwirtschaft gezeitigt: Sie vermag heute nur noch etwa dreissig Prozent der Bevölkerung zu ernähren, obwohl traditionell rund achtzig Prozent der Bevölkerung kleinbäuerliche Agrarwirtschaft betreiben. Eritrea ist deshalb für sein Überleben sehr stark auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen. Da der Staatshaushalt diese Importe aber nicht in genügendem Mass zu finanzieren vermag, kommen sie grösstenteils noch als Hilfslieferungen über eine Vielzahl von Hilfsorganisationen ins Land.

Langsam kommt die Landwirtschaft immerhin wieder in Schwung. Doch die einst blühende Industrie Eritreas - sie belieferte früher ganz Äthiopien - liegt noch immer darnieder. Selbst die im Krieg nicht zerstörten Betriebe befinden sich zumeist in einem halbverfallenen Zustand. Eritrea will jedoch die alte vorherrschende Rolle auf dem äthiopischen Markt unbedingt zurückerobern. Vor allem der Nahrungsmittelindustrie Eritreas - den Brauereien, Pasta-Fabriken und Bisquitherstellern - bieten sich dort gute Chancen. Deshalb hat der neue Staat unter anderem darauf verzichtet, eine eigene Währung zu schaffen, und behält die einst so verhassten äthiopischen Banknoten bei.

In zehn Jahren will Eritrea überdies von ausländischer Nahrungshilfe unabhängig sein - ein ehrgeiziges Vorhaben, das nur gelingen kann, wenn gut ausgebildete Exil-Eritreer zusammen mit den fortschrittlich eingestellten Ex-Fightern ihre Aufbauarbeit weiterhin vorantreiben können. Und wenn die Natur mitmacht, von deren gnädigem oder ungnädigem Wirken noch immer so vieles in diesem Land abhängt. Seit der Unabhängigkeit habe es jedoch schon viel mehr geregnet als früher, sagt man in Eritrea. Man sagt es lachend und nimmt es doch als gütiges Zeichen dafür, dass das Land sich auf dem richtigen Weg befindet. Die Zuversicht, mit der die Eritreer in die Zukunft schauen, und die Gelassenheit, mit der sie das schier Unmögliche angehen, sind bewundernswert.

Der im Land überall spürbare Optimismus hat zweifellos damit zu tun, dass die Eritreer in ihrem Befreiungskampf dreissig Jahre lang auf sich allein gestellt waren - und allen Widerwärtigkeiten und gegenteiligen Prognosen zum Trotz schlussendlich doch gesiegt haben. Deshalb können sie heute auf eines sicher zählen: das Selbstbewusstsein eines Volkes, das sich über alle ethnische und religiöse Vielfalt hinweg als eine Einheit versteht und gewillt ist, den schwierigen Weg in die wirtschaftliche Selbständigkeit auf sich zu nehmen.

 

Massawa - Perle am Rotem Meer

Nirgend wird der Wille der Eritreer zum Neubeginn deutlicher als in der Hafenstadt Massawa, einst Äthiopiens Tor zur Welt und umkämpft wie keine andere Stadt des Landes. Sie ist schön, trotz erheblicher Kriegsschäden. Und sie wird noch schöner werden, wenn die eleganten Gebäude aus der Türkenzeit wieder instandgestellt sind und die bunte Bemalung an den Häusern in alter Frische leuchtet. Eine gelassene Betriebsamkeit herrscht schon heute. Überall gibt es Läden, Handwerksbetriebe und Lokale, die mehr zu bieten haben, als man auf den ersten Blick vermuten möchte. Zwar kommen heute keine arabischen Händler mehr übers Rote Meer, keine Kamelkarawanen ziehen mehr von hier die zweieinhalbtausend Meter hinauf ins eritreische Hochland, hochbeladen mit Stoffen, Salz und Gewürzen. Seinen orientalischen Charme hat sich Massawa gleichwohl bewahrt. Und wenn man den Männern zuschaut, die unter einem schattigen Torbogen auf die Erledigung ihrer Briefschaften warten, wenn man einen Blick in eines der winzigen Geschäfte wirft, deren blaugestrichenen Regale randvoll mit Spezereien aller Art gefüllt sind, oder draussen vor einem Restaurant auf heisses Fladenbrot und gebratenen Fisch wartet, dann scheint die Zeit stehengeblieben zu sein und die Erinnerung an den Krieg bereits in weite Ferne gerückt.

Das Leben ist nach Massawa zurückgekehrt: Im Hafen werden wieder Schiffe gelöscht, im Hinterland werden die Strassen ausgebessert, die im Krieg demontierten Eisenbahnschienen werden neu verlegt. In ein paar Jahren soll hier die Bahn wieder verkehren und mit ihren alten Dampfloks eine Touristenattraktion besonderer Art darstellen.

Im Tourismus liegt denn auch - nebst den vermuteten Erdölvorkommen im Roten Meer vor der Küste Eritreas - eine der ganz grossen Hoffnungen der Eritreer auf den ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung. Tatsächlich sagen die Branchenkenner Eritrea eine grosse touristische Zukunft voraus. Das hat gewiss mit der bizarren Landschaft und den reizvollen Siedlungen zu tun, in erster Linie aber damit, dass die Eritreerinnen und Eritreer, ob in der Stadt oder auf dem Land, dem Fremden in einer ganz besonders angenehmen Weise begegnen: stets freundlich, hilfsbereit, neugierig - aber nie unterwürfig, sondern selbstbewusst. Mit Englisch (bei der jüngeren Generation) und Italienisch (bei den Senioren) ist es ein leichtes, ins Gespräch zu kommen. Immer wieder finden sich aber auch Leute, die Deutsch sprechen - in der Emigration gelernt.

Dass der Tourismus nicht allein die Menschen verderben, sondern letztlich sich selbst zerstören kann, dessen ist sich die eritreische Regierung allerdings bewusst: In weiser Voraussicht verfolgt sie eher einen vorsichtigen Kurs, denn in Eritrea soll von Anfang an versucht werden, alte Tourismussünden zu vermeiden. «Sanfter Tourismus» lautet die Devise: Er soll der eritreischen Bevölkerung möglichst viel bringen und gleichzeitig so wenig wie möglich schaden, und zwar ökonomisch wie ökologisch und sozial. So sollen die Reisenden nie massiert auftreten, und sie sollen nach Möglichkeit nur lokale Produkte konsumieren und lokale Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Massentourismus funktioniert zwangsläufig nur mit ausländischen Kreditgebern, welche bekanntermassen die Erträge aus dem Tourismus gleich wieder aus dem Land abziehen. In Eritrea soll der Nettodeviseneffekt - also das, was den Menschen im Land bleibt - möglichst gross sein und nicht nur jene zwanzig bis dreissig Prozent betragen wie in vielen Tourismusdestinationen der sogenannten Dritten Welt.

 

Asmara - Italianità in Ostfrika

Die meisten der vorerst noch spärlich anreisenden Besucher Eritreas verlieren ihr Herz gleich an Asmara. Die überschaubare Hauptstadt, welche knapp eine halbe Million Einwohner zählt, bezaubert durch eine reizvolle Spannung: Die aus kolonialer Zeit stammende «Italianità» (Asmara hätte seinerzeit das Rom von Italienisch-Ostafrika werden sollen) vermischt sich mit der Atmosphäre Afrikas.

Vom eritreischen Unabhängigkeitskrieg wurde Asmara relativ verschont. Zum Glück kapitulierten im Jahr 1991 die geschlagenen Besatzer, ohne Asmara wie andere Orte in Schutt und Asche zu legen. Die palmengesäumte Unabhängigkeitsavenue ist ein Prunkstück italienischer Städtebaukunst. Sonntags flanieren hier die gesitteten Hauptstädter in Anzug und Kravatte, unterhalten sich dabei auf italienisch oder englisch und genehmigen sich gerne einen Espresso oder einen Cappuccino in einer der typischen Bars mit ihren museumsreifen Gaggia-Kaffeemaschinen - oder auch ein Asmara-Bier, das bis vor wenigen Jahren noch «Birra Merlotti» hiess und eine der meistgeschätzten Hinterlassenschaften der italienischen Zeit darstellt.

Wer jedoch Asmara nur als italienische Stadt erfährt, der hat die nördlichen Quartiere nicht besucht, wo die meisten Muslime leben und Pferdekarren über die holprigen Strassen rattern. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass - und wie nah - in Eritrea Menschen verschiedener Kulturkreise zusammenleben.

Eindrücklich ist im übrigen der Markt von Asmara. Er ist bunt und geschäftig, aber nie laut, nie hektisch. Es herrscht friedliche Betriebsamkeit und jener freundliche Ernst, der den Alltag in diesem Land insgesamt auszeichnet. Hier auf dem Markt konzentriert sich das Leben, hier werden Gespräche geführt und Geschäfte getätigt, und alles hat seine verborgene, aber festgefügte Ordnung. Die Kamele haben ihren Ort, die Rinder, die Ziegen, Schafe und Esel einen anderen. Da gibt es die Stände mit Gemüse und Obst und jene mit Getreide, mit Bohnen, mit Gewürzen. Da gibt es eine Abteilung für Kleider, für Möbel, für Matten, für Körbe, für Geschirr. Da gibt es Zierat und Gebrauchsgegenstände jeglicher Art, identifizierbare und solche, über deren Anwendung man ins Grübeln gerät.

Der Recycling-Markt von Asmara ist seinerseits ein Eldorado afrikanischen Erfindergeists. Da ist nichts zu gering, nichts zu alt, zu verbeult oder verrostet, um nicht noch einmal bearbeitet und wiederverwertet zu werden. Da wird den ganzen Tag geklopft, gehämmert, gefeilt, gelötet und genietet. Da entsteht alles vom Bettgestell über den Weihrauchbehälter bis hin zum Kohlenöfchen. Der jahrelange Kampf gegen die Besatzer einerseits und die Erfahrungen im Exil andererseits haben Kräfte freigesetzt, die jetzt in konstruktive Bahnen gelenkt werden können. Man hat gelernt, auf sich selbst zu bauen. Man ist erfinderisch geworden und weiss, wie sich aus nichts noch etwas machen lässt: Schuhe aus Autoreifen, Tragtaschen aus Getreidesäcken, Schminkbehälter aus Kronenverschlüssen und noch so manches mehr.

 

Salam! Come va? How are you?

Eritrea ist kein liebliches Land. Es ist gebirgig und schroff und voller Gegensätze: italienisch in Asmara, arabisch in Massawa, afrikanisch in Keren. Es ist von Jahrmillionen der Erosion zerklüftet, und es ist ausgelaugt vom Raubbau durch den Menschen. Aber es ist stark wie seine Bäume, deren gewaltiges Wurzelwerk bizarre Muster über die Felsen legt. Es ist ausdauernd und genügsam wie sein Wappentier, das Kamel, das würdig über das irdische Treiben hinwegzublicken scheint. Und es ist freundlich wie seine Kinder, die den Fremden mit ihrem fröhlichen «Salam!» und «How are you?» und «Come va?» willkommen heissen und manchmal, die Hand in seiner Hand, ein Stück weit mit ihm gehen - nur so, ohne etwas von ihm zu wollen.




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