Was ist eine Eule?


© 1989 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Eulen»)



Eulen sind weise. Das ist altbekannt. So wie die Biene fleissig, die Katze falsch, der Pfau eitel und der Fuchs schlau ist.

Moment mal! Stimmt denn das auch wirklich? «Überhaupt nicht!» winken die Naturwissenschaftler ab. «Die Natur hat jedes Tier nur gerade mit den Fähigkeiten ausgestattet, die es für sein tägliches Leben und Überleben braucht», sagen sie. «Für menschliche Eigenschaften wie die oben genannten ist da kein Platz. Die hat der Mensch den Tieren bloss angedichtet.»

Tatsächlich findet man, so fest man auch sucht, nirgendwo den leisesten Hinweis darauf, dass sich jemals eine Eule besonders weise verhalten hätte. Wie kommen wir aber dann auf die Idee, den Eulen Weisheit nachzusagen? Ich könnte mir die folgenden Gründe dafür vorstellen:

Erstens einmal trägt das Gesicht der Eulen irgendwie menschenähnliche Züge. Eulen können also von vornherein nicht dumm sein. Zudem wirkt das Eulengesicht eigenartig alt auf uns. Eulen haben ein «Greisengesicht» - und alte Leute gelten bei uns im allgemeinen als erfahren und besonnen. Dann besitzen die Eulen auffallend grosse Augen, aus denen sie uns ruhig und aufmerksam anschauen. Das macht einen gescheiten Eindruck. Hinzu kommt, dass sie wie wir Menschen betont das obere Augenlid nach unten schlagen können. Dieser Lidschlag wirkt sehr verständig und wissend.

Ein wichtiger Grund für die Redewendung von der weisen Eule dürfte ferner sein, dass der Mensch den Eulen meist am Tag begegnet. Da sitzen dann diese Nachtvögel, kleinen Federmännchen gleich, an ihren dämmrigen Ruheplätzen und schauen scheinbar gedankenversunken dem Treiben um sie herum zu.

Erfahren, besonnen, gescheit, verständig, wissend, gedankenversunken - all dies fassen wir unter dem Begriff «weise» zusammen. So sind denn meiner Meinung nach die Eulen nicht aufgrund besonderer Geistesfähigkeiten zum Sinnbild der Weisheit geworden, sondern wegen ihres menschenähnlichen Gesichtsschnitts und ihres ruhigen Verhaltens am Tagesruheplatz. Beides hängt aber - wie wir gleich sehen werden - einzig und allein mit ihrer speziellen Lebensweise als Nachtjäger zusammen.

 

Nächtliche Kleintierjäger

Wenn die Sonne hinter dem Horizont versinkt und die Nacht sich langsam über die Wälder und Wiesen legt, wird eine Vielzahl von Kleintieren munter. Gartenschläfer, Feldmaus und Kaninchen etwa tauchen jetzt an den Eingängen ihrer Höhlen auf, in denen sie
die Tagesstunden schlafend verbracht haben. Sie sind hungrig und wollen nun im Schutz der Dunkelheit auf Nahrungssuche gehen.

Die Finsternis bietet allerdings keinen vollkommenen Schutz. Denn bei Einbruch der Dämmerung öffnen auch Waldkauz, Schleiereule, Uhu und all die anderen Mitglieder der Eulenfamilie ihre runden Augen. Sie rüsten sich für die nächtliche Kleintierjagd. Das ist ihr «Beruf». Damit bestreiten sie ihren Lebensunterhalt.

Für das Beutegreifen in der Dunkelheit sind die Eulen vortrefflich ausgerüstet. Zu ihrem «Handwerkszeug» gehören vor allem ausserordentlich leistungsfähige Sinnesorgane:

Die Eulenaugen sind bemerkenswert lichtempfindlich: Sie brauchen zum Sehen zehn- bis zwanzigmal weniger Licht als das menschliche Auge! Wo wir Menschen längst hoffnungslos im Dunkeln tappen, da erkennen die Eulen noch jedes umherhuschende Mäuschen. Damit sie diese hohe Lichtempfindlichkeit erreichen, sind die Eulenaugen riesengross gebaut: Sie nehmen rund ein Drittel des Eulenkopfes ein! Hätten wir Menschen ähnlich bemessene Augen, dann müssten sie so gross wie Äpfel sein!

Im Gegensatz zu unseren Augen, die wir in alle Richtungen rollen können, sind die Augen der Eulen starr mit dem Schädel verbunden und damit völlig unbeweglich. Wollen die Eulen ihre Blickrichtung ändern, so müssen sie immer gleich den ganzen Kopf wenden. Das macht ihnen allerdings überhaupt keine Mühe, denn sie haben einen äusserst beweglichen Hals mit doppelt so vielen Wirbeln wie wir Menschen. Bis 270 Grad können die Eulen ihren Kopf schwenken. Ruhig dasitzend können sie also ihren Kopf so weit nach links herumdrehen, bis sie über ihre rechte Schulter schauen! Das ist sehr praktisch: Wollen sie ein Beutetier ins Auge fassen, das genau hinter ihrem Rücken raschelt, so brauchen sie sich nicht erst umzudrehen, sondern müssen lediglich ihren Kopf wenden. Das geht viel schneller. Ausserdem laufen sie nicht Gefahr, mit ihren Krallen auf der Astrinde zu schaben und durch dieses Geräusch das Beutetier zu warnen. Im übrigen befinden sich die Augen der Eulen nicht seitlich am Kopf wie bei den meisten Vögeln, sondern sie sind nach vorn gerichtet. Dies ermöglicht den Nachtjägern räumliches Sehen und damit eine genaue Entfernungsmessung. Auch dies ist für die erfolgreiche Jagd äusserst wichtig.

Hervorragend ausgebildet sind sodann die Eulenohren. Untersuchungen haben gezeigt, dass die gefiederten Nachtjäger besser hören können als alle anderen Lebewesen der Erde! Die meisten Eulen lassen sich deshalb bei der Jagd - trotz ihrer tollen Augen - zur Hauptsache von ihrem Gehör leiten. Sie sind sozusagen «Lauschjäger».

Für die Empfindlichkeit der Ohren ist der «Gesichtsschleier» der Eulen von grosser Bedeutung. So nennt man die kreisförmig um Schnabel und Augen angeordneten Kränze ziemlich starrer Federchen. Der Gesichtsschleier wirkt wie ein Schalltrichter: Er fängt selbst die leisesten Geräusche ein, bündelt sie und leitet sie links und rechts durch eine Art Gefiederkanäle zu den Ohren mit den extrem grossen Trommelfellen. Statt mit abstehenden Ohrmuscheln, wie sie die meisten Säugetiere besitzen, fangen die Eulen also den Schall mit ihren Gesichtsflächen auf: Ihr Gesicht ist tatsächlich «ganz Ohr»!

Eulen können aber nicht nur leiseste Geräusche wahrnehmen. Sie können auch räumlich hören, das heisst Richtung und Entfernung einer piepsenden Maus zum Beispiel haargenau feststellen. Für diese Fähigkeit ist vor allem der sehr komplizierte und zudem ungleiche Bau der äusseren Gehörgänge verantwortlich, den ich hier nicht näher beschreiben kann. Nur soviel sei gesagt: Die Ohröffnungen sind schlitzförmig und nicht rundlich wie bei den meisten Vögeln. Ausserdem liegt das rechte Ohr viel weiter oben am Kopf als das linke! Räumliches Hören ist für uns Menschen nur schwer vorstellbar. Für die Eulen muss es aber eine ganz tolle Sache sein, denn dadurch können sie sozusagen im Blindflug auf Beutezug gehen.

Zur Jagdausrüstung der Eulen gehört neben den fabelhaften Sinnesorganen - so seltsam dies klingen mag - auch ihr Gefieder. Es ist im Gegensatz zum Federkleid der meisten anderen Vögel samtweich und füllig und lässt die Eulen fast ein wenig pummelig erscheinen. Dafür schmiegt es sich beim Fliegen ausgezeichnet in den Flugwind. Seine Aufgabe ist es, die Fluggeräusche der nächtlichen Jäger zu verschlucken und so für einen lautlosen Flug zu sorgen. Das ist für den Jagderfolg sehr wichtig: Lautes Flattern würde nämlich die Beutetiere warnen, so dass sie beizeiten Reissaus nehmen könnten. Ausserdem würde das Flügelrauschen das leise Rascheln, Knabbern und Trippeln der Beutetiere überdecken und dadurch das Anpeilen mit dem Gehör unmöglich machen.

Wichtige Ausrüstungsstücke der Eulen sind schliesslich noch ihre gefährlichen «Waffen». Gemeint sind die krallenbewehrten Greiffüsse, mit denen die Nachtjäger ihre Opfer fest und unnachgiebig packen. Und, nicht zu vergessen, der scharfkantige Hakenschnabel, mit dem sie ihnen einen schnellen, tödlichen Biss in Nacken oder Hinterkopf versetzen.

Superaugen und Superohren zum Aufspüren, samtweiche Schwingen zum unbemerkten Überfallen und Greiffüsse plus Hakenschnabel zum Überwältigen der Beute - dies zusammen macht die Eulen zu dem, was sie sind: Zünftige Jäger der Nacht, vor denen sich sämtliche Kleintiere, von der Grille bis zum Kaninchen und vom Frosch bis zur Taube, sehr in acht nehmen müssen.

 

Weltweit 140 Eulenarten

Als Meister der Nachtjagd haben es die Eulen im Laufe ihrer Stammesgeschichte geschafft, alle möglichen und unmöglichen Lebensräume auf unserer Erdkugel zu besiedeln: Man begegnet ihnen auf den kleinsten Inseln im Pazifischen Ozean ebenso wie auf den höchsten Gipfeln der zentralasiatischen Gebirge, sieht sie über die Eisfelder Grönlands ebenso dahinschweben wie über die sonnendurchglühten Sanddünen der Sahara und bemerkt sie im Dickicht der südostasiatischen Urwälder ebenso wie auf den Kirchtürmen der mitteleuropäischen Dörfer.

140 verschiedene Eulenarten sind weltweit bekannt. Leider kann ich - so gern ich das auch täte - in diesem Buch nicht jede einzelne Art in Wort und Bild vorstellen. Es würde sonst aus allen Nähten platzen. Um trotzdem einen vollständigen Überblick über diese formenreiche Vogelsippe zu geben, habe ich aus jeder der heute noch lebenden 25 Eulengattungen (so nennt man die Gruppen nahe verwandter Eulenarten) einen gut bekannten Vertreter herausgepickt und beschrieben. Die restlichen Arten habe ich dann jeweils am Schluss der einzelnen Kapitelchen namentlich aufgeführt.

 

 

Legenden

Diese Silbermünze mit dem Steinkäuzchen darauf stammt aus dem alten Griechenland. Sie wurde früher kurz und bündig «Eule» genannt. Solche «Eulen» gab es in der griechischen Hauptstadt Athen, wo all die reichen Leute wohnten, natürlich in Hülle und Fülle. Noch heute bedeutet darum die Redewendung «Eulen nach Athen tragen» soviel wie «etwas Überflüssiges tun».

Till Eulenspiegel - so hiess ein Bauernsohn, der im 14. Jahrhundert in Mitteldeutschland umherzog und viele lustige Streiche spielte. Schon früh erschien seine Lebensgeschichte in Buchform. Auf dieser Titelseite eines etwa 400 Jahre alten flämischen Eulenspiegel-Buchs reitet der Schalk auf einem Pferd. Seine Wahrzeichen, Eule und Spiegel, sind gut zu sehen.

Eulen sind keine farbenprächtigen «Paradiesvögel». Wie diese Sammlung von Eulenfedern zeigt, ist das Gefieder der meisten Eulen schlicht weissbraun-schwarz gefärbt. Das hat seinen guten Grund: Eulenkleider sind «Tarnanzüge», dank derer die Nachtvögel an ihren düsteren Tagesruheplätzen ungestört vor sich hin schlummern können.

Zusätzlich zu den Augenlidern haben die Eulen eine milchig-durchsichtige Haut, die sie von der Schnabelwurzel her seitlich über das Auge schlagen können. Diese sogenannte «Nickhaut» ist eine tolle Einrichtung: Mit ihr können die Vögel - etwa auf der Jagd - ihre Augen feucht halten und reinigen, ohne sie schliessen zu müssen.

Der Schnabel der Eulen ist viel grösser, als man denkt: Er reicht seitlich bis hinter die Augen. Darum können die Nachtjäger ihre Beutetiere unzerteilt verschlingen.

Die beiden Aussenzehen der Eulen sind enorm beweglich. Je nach Bedarf können sie nach vorne oder nach hinten gerichtet werden und heissen deshalb « Wendezehen».

Wo auf Bildern und in Trickfilmen eine Eule ihre runden Augen aufschlägt, da ist garantiert die Nacht hereingebrochen. Zeichner und Maler verwenden die Eule gerne als Symbol der Nacht, wie hier der bekannte Künstler Celestino Piatti. Dieses Bild war jahrelang der Auftakt zur «Gutenachtgeschichte» des Schweizer Fernsehens.

Weltweit begegnet man der Eule auch als Sinnbild der Weisheit. Manchmal trägt sie Doktorhut und Talar, manchmal eine Brille. Gelegentlich sitzt sie - wie hier - auf einem Buch: Schliesslich macht Lesen klug!




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