Fahlgeier

Gyps coprotheres


© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Innerhalb der Ordnung der Greifvögel (Falconiformes) gehört der Fahlgeier (Gyps coprotheres) zur Familie der Habichtartigen (Accipitridae) und da zur Unterfamilie der Altweltgeier (Aegypiinae), welche aus fünfzehn Arten besteht. Sein nächster Verwandter ist der Gänsegeier (Gyps fulvus), der von Spanien und Marokko im Westen in einem breiten Gürtel über das südliche Europa und das nördliche Afrika sowie den Nahen und Mittleren Osten bis nach Kasachstan und Indien im Osten verbreitet ist. Die beiden Geier sind in ihrer Erscheinung und in ihrem Verhalten dermassen ähnlich, dass sie von verschiedenen Ornithologen als artgleich betrachtet werden.

 

Zweieinhalb Meter Spannweite

Mit einem Gewicht von gewöhnlich etwa 8 Kilogramm und einer Flügelspannweite um 250 Zentimeter gehört der Fahlgeier zu den grössten flugfähigen Vögeln der Erde. In seinem allgemeinen Erscheinungsbild ist er ein typischer Altweltgeier. Das hat damit zu tun, dass er sich wie alle seine Vettern auf das Ausweiden grosser Tierleichen spezialisiert hat. So verfügt er über einen spitzen Hakenschnabel, der sich zum Aufreissen von Tierhäuten gut eignet. Zum Wühlen in den Eingeweiden toter Tiere verfügt er über einen gänseartig langen Hals. Und damit sich Kopf und Hals, welche beim Essen jeweils stark verschmutzen, leicht reinigen lassen, sind diese Körperteile nur dürftig bedunt.

Die Heimat des Fahlgeiers ist das südliche Afrika, wo er in den Ländern Botsuana, Lesotho, Mosambik, Namibia, Simbabwe, Südafrika und Swasiland vorkommt. Mitunter können Einzeltiere allerdings weiter nach Norden streifen und dann auch in Sambia, in Angola und sogar im Kongo (Ex-Zaire) gesichtet werden. Die Population verfügt über zwei Hauptbrutgebiete: Das grössere der beiden befindet sich im Norden der südafrikanischen Provinz Transvaal und im angrenzenden Osten Botsuanas, das kleinere liegt in Lesotho, im angrenzenden südafrikanischen Homeland Transkei und in der ebenfalls angrenzenden südafrikanischen Provinz Natal.

In Lesotho, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, dessen Landschaft auf weiten Flächen durch schneebedeckte Berge, baumlose, von tiefen Schluchten durchschnittene Hochflächen und einsame Täler geprägt ist, hat der Fahlgeier eine weite Verbreitung. Es sind mindestens zwanzig Brutkolonien bekannt, so vor allem in den Drakensbergen, in den Malutibergen und im Central-Range-Gebirge. Die höchstgelegene Brutkolonie befindet sich in einer Höhe von 2900 Metern ü.M. bei Sehlabathebe in den Drakensbergen.

Seine Nahrung sucht der Fahlgeier im freien Gelände, vorzugsweise im Bereich von Grasländern aller Art, doch besucht er auf seinen Suchflügen auch Wüsten, Trockenbuschländer und lichte Baumsavannen, während er Waldgebiete nach Möglichkeit meidet. Seine Schlaf- und Nistplätze wählt er hingegen in schroffen Gebirgsgegenden. Er ist ein geselliger Vogel, der zum Schlafen und Brüten kopfstarke Kolonien bildet, in denen die Ruhe- und Nistplätze der einzelnen Vögel dicht beieinander liegen.

 

Im Segelflug auf Tierleichensuche

Wie für manche anderen grossgewachsenen und schweren Vögel ist für die Fahlgeier das Auffliegen keine leichte Sache. Sie können sich nicht einfach aus dem Stand in die Luft erheben, indem sie mit den Flügeln flattern, wie dies die meisten Kleinvögel tun. Dazu reicht ihre Kraft nicht aus. Ihre Schlafplätze wählen sie deshalb an einer erhöhten Stelle, gewöhnlich auf Felsen, seltener auf Bäumen, und werfen sich von da in die Luft. Sind sie gezwungen, vom Boden aus zu starten, was beispielsweise nach einer Mahlzeit der Fall ist, so müssen sie zuerst ein Stück weit rennen und gleichzeitig kräftig mit den Flügeln schlagen, um den nötigen Auftrieb zu erzeugen.

Auch um sich in der Luft zu halten, was anlässlich ihrer Beutesuchflüge meistens stundenlang erforderlich ist, benötigen sie Unterstützung. Solche finden sie in Form von Wärmeaufwinden. Meisterhaft verstehen sie es, diese sogenannten «Thermiken», die sich tagsüber bilden, wenn die Sonne den Boden aufheizt, für ihre Zwecke - das heisst für den energiesparenden Segelflug - zu nutzen. In Schrauben lassen sie sich mit ausgebreiteten Schwingen von einer Thermik hochtragen, gleiten dann schräg abwärts zur nächsten, wo sie erneut an Höhe gewinnen, um dann zur übernächsten zu gelangen, und so weiter. Der typische Beutesuchflug der Fahlgeier ist deshalb scheinbar keine zielstrebige Angelegenheit, sondern er vollzieht sich als gemächliche Kreis- und Spiralwanderung, deren wahre Richtung für den Menschen am Boden oft nicht leicht zu erkennen ist.

Während ihrer Beutesuchflüge in zumeist grosser Höhe beobachten die Fahlgeier mit ihren ausserordentlich leistungsfähigen Augen langsam kreisend die Erde und spähen nach frischtoten oder sterbenden Tieren. Sie «beschatten» Wild- und Viehherden, halten aber auch Ausschau nach laufenden Hyänen und Schakalen, durch die sie oft zu einer Nahrungsquelle geführt werden. Und niemals verlieren sie die anderen am Himmel kreisenden Geier aus ihrem Blickfeld. Denn hat ein Geier ein totes Tier entdeckt, so geht er in kennzeichnender Weise bei der Beute nieder. Alle Geier bemerken einen solchen «Beuteflug» eines in Sichtweite befindlichen anderen Geiers sofort und kommen unverzüglich herbei - was für noch weiter entfernte Geier wiederum ein unmissverständliches Signal darstellt, dem sie ebenfalls folgen. So können sich in kürzester Zeit oft mehrere Dutzend Geier an einer Stelle versammeln, wo vorher kein einziger zu sehen war.

Bevor die Europäer das südliche Afrika besiedelten, dürften sich die Fahlgeier hauptsächlich von toten Antilopen, Zebras und anderen Grosssäugern ernährt haben. Heute, nachdem die grossen Wildtierherden durch den Menschen weitgehend verdrängt worden sind, besteht ihre Beute hauptsächlich aus Nutztieren wie Rindern, Schafen, Ziegen und Pferden, welche auf ihren weiten Weideflächen verendet sind.

Es wird zwar immer wieder behauptet, dass Fahlgeier mitunter auch lebende Tiere anfallen. Dagegen spricht allerdings die Art und Weise, wie sie sich einer entdeckten Beute nähern: Bei völlig reglosen, also höchstwahrscheinlich toten Tieren landen sie ein gutes Stück weit weg und schreiten dann mit grosser Vorsicht darauf zu. Bei sterbenden Tieren setzen sie sich gewöhnlich in der Nähe auf einen Baum oder einen Fels und warten geduldig, bis keine Lebenszeichen mehr wahrnehmbar sind. An gesunden, wehrhaften Tieren dürften sie sich also kaum je vergreifen. Dies umso weniger, als ihre Schreitfüsse mit den stumpfen Krallen zum Greifen überhaupt nicht geeignet sind.

Der Nahrungsbedarf der erwachsenen Fahlgeier in freier Wildbahn wird auf rund ein Kilogramm je Tag geschätzt. Sie verspeisen vor allem Muskelfleisch und Eingeweide. Stets nehmen sie aber auch kleine Knochen und Knochenbruchstücke zu sich, die sie restlos zu verdauen vermögen.

Trotz ihrer für unser Empfinden «unappetitlichen» Ernährungsweise sind die Fahlgeier im übrigen recht saubere Vögel, welche viel baden. Nach einer Mahlzeit fliegen sie wenn immer möglich zu einer Rindertränke oder einer anderen Wasserstelle, um zu trinken und ihren Kopf und Hals zu reinigen. Dann erst kehren sie zu ihren Schlafplätzen zurück.

 

Erst mit sechs erwachsen

Die Brutkolonien der Fahlgeier befinden sich gewöhnlich in einer nach Süden gerichteten Felswand und können bis zu dreihundert Horste umfassen. Die Niststätten werden aus Zweigen, Gras und Federn erbaut, finden sich an den verschiedensten Stellen - von der gutgeschützten Felshöhle bis zum völlig ungedeckten Felsband - und werden gewöhnlich mehrere Jahre lang benützt.

Zumeist beginnt das Fahlgeierpaar im März mit dem Bau bzw. Ausbau seines Horsts. Im April, Mai oder Juni legt dann das Geierweibchen ein einzelnes Ei. Da die grossen Vögel keine fliegenden Feinde besitzen, genügt es offenbar zur Arterhaltung, wenn je Paar und Jahr nur ein Junges heranwächst. Das Bebrüten des Eis dauert ungefähr zwei Monate. Die beiden Altvögel wechseln sich dabei regelmässig ab, und sie teilen sich hernach auch partnerschaftlich in die Pflichten der Jungenaufzucht.

Das Fahlgeierjunge, das anfänglich ein weisses Dunenkleid trägt, entwickelt sich recht langsam: Flugfähig ist es erst im Alter von etwa fünf Monaten, und es bleibt hernach weitere vier Monate von seinen Eltern abhängig. Erst bei Beginn der nächsten Brutsaison löst es sich schliesslich von ihnen. Während sich die erwachsenen, sesshaften Brutvögel selten weiter als etwa hundert Kilometer von ihrer Kolonie entfernen, ziehen die jugendlichen Individuen in der Folge weit umher. Sie halten sich gewöhnlich weit ausserhalb des Streifgebiets der Altvögel auf, verhalten sich aber wie jene gesellig und versammeln sich jeweils abends mit ihresgleichen an günstigen Schlafplätzen.

Mehrere Jahre bleiben die Junggeier den Brutkolonien der Erwachsenen fern. Erst wenn sie das brutfähige Alter erreicht haben, was bei den Weibchen gewöhnlich mit sechs Jahren der Fall ist, kehren sie zurück, und zwar in der Regel zu der Kolonie, in welcher sie zur Welt kamen. Über die durchschnittliche Lebenserwartung der Fahlgeier in freier Wildbahn ist nichts bekannt.

 

Knochenmangel führt zu Knochenschwäche

Obschon uns kaum Informationen über die ursprüngliche Grösse der Fahlgeierpopulation vorliegen, ist davon auszugehen, dass die Bestände beträchtlich schrumpften, nachdem sich die Europäer im südlichen Afrika niedergelassen hatten. Die Kolonisten verminderten die grossen Wildtierherden, welche seinerzeit die Grasländer der Region bevölkerten, drastisch und legten zum einen grossflächige Weizen-, Mais- und Zuckerrohrfelder an, zum anderen bürgerten sie Nutztierherden ein. Zwar sind die Fahlgeier hinsichtlich ihrer Kost nicht wählerisch und ernähren sich bereitwillig auch von toten Rindern, Schafen, Ziegen und Pferden. Damals wie heute sind die Viehzüchter jedoch bestrebt, die Zahl ihrer auf der freien Weide sterbenden Nutztiere so gering wie möglich zu halten, indem sie sie tierärztlich versorgen, Unfallgefahren beseitigen bzw. auszäunen, ältere Individuen beizeiten schlachten und Grossraubtiere bekämpfen. Die Nahrungsgrundlage der Fahlgeier war und ist deshalb erheblich dünner als zuvor.

Die Verdrängung der Grossraubtiere aus den Ländereien der europäischen Siedler und demzufolge das Fehlen gerissener Weidetiere scheint die Fahlgeier noch auf eine andere Weise zu beeinträchtigen: Bruchstücke grosser Knochen, welche von Löwen, Hyänen und anderen bissstarken Grossraubtieren nach ihren Mahlzeiten zurückgelassen werden und von den Fahlgeiern gern verspeist werden, sind heute Mangelware. Studien haben gezeigt, dass die heranwachsenden Junggeier deshalb mancherorts nicht ausreichend mit Kalzium, Phosphor und anderen Mineralstoffen versorgt werden und eine ernährungsbedingte Knochenschwäche (Osteodystropie) aufweisen. Ihre Knochen brechen bei Belastung leicht, was oftmals bei ihrem ersten (und zugleich letzten) Flugversuch geschieht. Gewisse Fahlgeierkolonien scheinen hierdurch erhebliche Bestandseinbussen erlitten zu haben.

Ausser unter mangelndem Nahrungsangebot und ungenügender Nahrungsqualität leiden die Fahlgeier heute unter verschiedenen anderen Schadfaktoren: Viele der grossen Vögel werden von Viehzüchtern abgeschossen, weil diese der irrigen Meinung sind, dass sie auch lebende Nutztiere anfallen und überdies Krankheiten wie den gefürchteten Milzbrand verbreiten (indem sie beim Baden an Wasserstellen Erreger hinterlassen). Viele sterben durch Giftköder, welche von den Farmern ausgelegt werden, um Schakale und andere Raubtiere zu bekämpfen. Und viele verunglücken bei der Berührung von Starkstromleitungen. Allein in Transvaal sind es jährlich über hundert Individuen, die so den Tod finden.

 

Als «Hygienevogel» wertvoll

In den siebziger Jahren haben sich weitblickende Ornithologen in Südafrika zur «Vulture Study Group» («Geierstudiengruppe») zusammengetan, um dem besorgniserregenden Niedergang des Fahlgeiers entgegenzuwirken. Als erstes führten sie eine grossangelegte Informationskampagne durch, um bei den Viehzüchtern den Ruf des Fahlgeiers zu verbessern. Mit bemerkenswertem Erfolg: Vielerorts wissen die Landbesitzer heute, dass die Fahlgeier keine Beutegreifer sind, sondern allerhöchstens einmal ein schwerkrankes Tier anfallen, welches ohnehin bald gestorben wäre. Und sie wissen auch, dass die Geier, indem sie Tierleichen beseitigen, eine wichtige Funktion als «Hygienevögel» erfüllen, also die Ausbreitung von Tierseuchen nicht fördern, sondern im Gegenteil einschränken. Die direkte Verfolgung der «Aasgeier» ist deshalb markant zurückgegangen. Mancherorts (allein in Südafrika an mehr als hundert Stellen) sind sogar «Geierrestaurants» eingerichtet worden, wo den Vögeln Schlachtabfälle und auf Strassen verunglückte Tiere verfüttert werden. Zwar sind die Fahlgeierbestände gebietsweise noch immer rückläufig, dies vor allem wegen der unbeabsichtigten Tötung durch Starkstrom und Giftköder. Insgesamt scheint sich die Situation der Population aber einigermassen stabilisiert zu haben, weshalb die Art von der Weltnaturschutzunion (IUCN) nicht als «bedroht», sondern nur als «verletzlich» eingestuft wird.

Die gegenwärtige Brutpopulation der Fahlgeier wird auf rund 4400 Paare geschätzt. Davon leben mindestens 250, wahrscheinlich gar 300 bis 400, in Lesotho. Dort vermittelt ihnen das schroffe, felsige Gelände zwei wichtige Vorteile: Erstens sind ihre Kolonien für den Menschen schwer zugänglich und deshalb vor Störungen gut geschützt. Zweitens ist die Unfallrate bei den frei weidenden Nutztieren verhältnismässig hoch und damit der Tisch für die scharfäugigen Vögel stets gedeckt...




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