Fechterschnecke

Strombus gigas


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Fechterschnecke ist ein Symbol der Karibik, denn seit Urzeiten wird sie ihrer hübschen Schale, der gelegentlich von ihr produzierten Perlen und besonders ihres schmackhaften Fleisches wegen von der karibischen Inselbevölkerung und den in grosser Zahl anreisenden Touristen gleichermassen geschätzt. Wie ungezählte andere Tierarten, deren Körperteile oder Erzeugnisse der Mensch begehrt, ist die Fechterschnecke mittlerweile leider auch zu einem Symbol der menschlichen Habgier und Masslosigkeit geworden.

 

Eine «geflügelte» Meeresschnecke

Die Fechterschnecke (Strombus gigas) ist eine Meeresschnecke aus der Familie der Flügelschnecken (Strombidae). Wie der Familienname sagt, ist bei den Flügelschnecken der sogenannte «Mundrand» der Schale flügelartig verbreitert. Im übrigen weisen sie am vorderen Ende der Schale eine rinnenartige Aufwölbung auf, durch welche gewöhnlich eines der gestielten Augen vorragt. Alle Flügelschnecken leben vorzugsweise in seichten Gewässern mit sandigem Boden und ernähren sich dort von Algen und allerlei pflanzlichen Abfällen.

Zur Gattung Strombus gehören rund fünfzig Arten, von denen die meisten im Indopazifik zu Hause sind. In der Karibik leben neben der Fechterschnecke noch die Hahnenschwanz-Schnecke (Strombus gallus) sowie S. costatus, S. pugilis und S. raninus.

Von ihren Verwandten lässt sich die Fechterschnecke leicht anhand ihrer ungewöhnlichen Grösse unterscheiden: Die Schale der erwachsenen Tiere wird durchschnittlich 21 Zentimeter lang, wobei die der Männchen im allgemeinen etwas kleiner ist als die der Weibchen. Auch das Gewicht der Fechterschnecke ist bemerkenswert: Einschliesslich ihrer Schale kann sie über 2.5 Kilogramm wiegen.

 

«Roller», «Blatt-» und «Sambaschnecken»

Das Aussehen der Fechterschnecke verändert sich im Verlauf ihres etwa sechs Jahre währenden Lebens augenfällig. Dies hat dazu geführt, dass die Bewohner der Karibikinseln den Tieren je nach Altersklasse unterschiedliche Namen geben. Auch die früheren Wissenschaftler liessen sich täuschen und unterschieden fälschlicherweise mehrere Arten.

Die Schale junger Fechterschnecken weist eine rundliche Form ohne «Flügel» auf. Solche Tiere heissen in der Karibik «Roller» oder «Rundschnecken».

Im Alter von etwa drei Jahren erreicht das eigentliche Gehäuse der Fechterschnecke seine volle Grösse. Nun beginnt das Tier mit der Bildung des flügelartigen Mundrands. Voll ausgewachsene Fechterschnecken werden dann «Starke Schnecken» oder «Blattschnecken» genannt.

Gelegentlich werden aber auch sehr kleine Fechterschnecken mit stark ausgeprägtem Flügel gefunden. Die lokale Bevölkerung nennt solche Tiere «Sambaschnecken» oder «Sangaschnecken».

Mit zunehmendem Alter nutzt sich der Flügel an den Rändern stark ab, und dasselbe geschieht auch mit den anfänglich spitzen, dornenartigen Aufsätzen des Gehäuses; sie werden zusehends stumpfer und stummelförmig. In der Regel ist das Gehäuse älterer Fechterschnecken auch dicht mit Algen, Seegräsern und Korallen bewachsen, wodurch die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung ausgezeichnet getarnt sind.

 

Ruckartiges Gehen

Die Fechterschnecke ist über den ganzen karibischen Raum verbreitet, nordwärts bis nach Bermuda und Südost-Florida, südwärts bis Kolumbien und Venezuela. Im allgemeinen hält sie sich in Seegras-«Wiesen» in seichten Gewässern auf und ernährt sich dort von Algen, die auf dem Sand und auf abgestorbenen Seegrasblättern wachsen.

Wie alle Meeresschnecken besitzt die Fechterschnecke einen Schalenverschlussdeckel («Operculum»), der aus hornigen Stoffen aufgebaut ist. Dieser Deckel dient den meisten Schneckenarten zum Verschliessen ihres Gehäuses. Die Fechterschnecke benutzt ihn hingegen für die Fortbewegung: Das fingernagelähnliche Operculum wird von der Fechterschnecke in den Sand gesteckt, dann zieht sich der muskulöse Fuss ruckartig zusammen, und so erfolgt eine für Schnecken sehr ungewöhnliche schrittweise Vorwärtsbewegung, welche jeweils etwa eine halbe Körperlänge ausmacht.

Dieses ruckartige «Gehen» hat den Vorteil, dass die Fechterschnecke - im Gegensatz zu den anderen Schneckenarten, welche über den Meeresboden gleiten - keine chemische Geruchsspur hinterlässt, der ein Fressfeind folgen könnte. Ausserdem kann sie sich dank ihres Operculums schnell wieder aufrichten, wenn sie etwa bei schwerem Seegang auf die Seite geworfen wird.

Die Karibikbewohner behaupten im übrigen, dass die Fechterschnecke bei Beunruhigung mit dem Verschlussdeckel, welcher messerscharfe Ränder aufweist, um sich schlage und einem watenden Menschen tiefe Wunden zufügen könne. Dieser bislang unbestätigten Verhaltensweise verdankt die Fechterschnecke ihren deutschen Namen.

 

750 000 Eier pro Laichpaket

Die Geschlechtsreife erreichen Fechterschnecken mit drei oder vier Jahren. Für die Fortpflanzung, welche zumeist in den wärmeren Monaten des Jahres stattfindet, wandern die Tiere von ihren tiefer gelegenen Weidegründen in seichteres Wasser und paaren sich dort. Jedes Weibchen setzt dann in der Folge mehrere Laichklumpen ab. Diese bestehen aus einer einzelnen, klebrigen und vielfach verschlungenen Gallertschnur, in der die Eier - bis zu 750 000 Stück - eingebettet sind. Das ganze «Gebilde» misst zehn bis fünfzehn Zentimeter und ist schon bald mit Sandkörnern dermassen übersät, dass es sich kaum mehr vom Hintergrund abhebt.

Die Larven schlüpfen vier bis fünf Tage nach der Eiablage und treiben dann während zwei bis vier Wochen an der Wasseroberfläche. Sie sind mit einem Wimpergürtel für die eigenständige Fortbewegung und mit einem segelförmigen Anhängsel, der das Schweben im Wasser unterstützt, ausgestattet. Durch Umwandlung dieser Organe verwandeln sich die Larven schliesslich in winzige Fechterschneckchen, welche auf den Meeresgrund absinken und sich sofort im Sand vergraben. Dort bleiben sie etwa ein Jahr lang, ernähren sich von mikroskopisch kleinen Algen und wachsen, vor Feinden weitgehend geschützt, heran.

Die halbwüchsigen Fechterschnecken halten sich dann in möglichst dichten Seegrasbeständen auf, wo sie nachts an der Oberfläche auf Nahrungssuche gehen und sich jeweils tagsüber wieder im Sand verstecken. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen fallen viele Fechterschnecken in diesem Lebensabschnitt Fischen, Meeresschildkröten, Hummern, Krabben und anderen räuberischen Meeresschnecken zum Opfer.

Auch im Erwachsenenstadium sind die Fechterschnecken vorwiegend nachts rege. Sie haben aber kaum noch natürliche Feinde - von Karettschildkröten und Kraken vielleicht abgesehen. Ein schlimmer Feind der erwachsenen Fechterschnecken ist hingegen der Mensch. Von alters her fängt er die bedächtigen Tiere, wo immer er sie findet.

 

Signalhörner, Porzellan und Broschen aus Fechterschnecken-Schale

Die Schale der Fechterschnecke wurde früher - mit abgeschliffener Spitze - von den Fischern als «Trompete» benutzt. Mit solchen Signalhörnern wurden ferner auf den Zuckerrohrplantagen die Sklaven von den Feldern gerufen. Seit langer Zeit dient die hübsche Schale auch dekorativen Zwecken: Schon im 16. Jahrhundert wurde sie als Zimmerschmuck nach Europa gebracht, und noch heute steht sie in Vorstadtvillen ebenso wie in Bauernhäusern. Die massiven Schalenteile wurden auch gerne für die Herstellung geschnittener Broschen («Kameen») verwendet. Und pulverisierte Fechterschneckenschalen dienten vorübergehend der Herstellung besonders feinen Porzellans. Allein zu diesem Zweck wurden in einem einzigen Jahr zu Beginn unseres Jahrhunderts 300 000 Schalen von den Bahamas nach Liverpool (England) verschifft.

Perlen werden von der Fechterschnecke sehr selten gebildet: Nur etwa jede Zehntausendste enthält in ihrem Körper eines der kostbaren Schmuckstücke. Wie bei den Perlmuscheln und der Auster ist die Ursache für die Bildung einer Perle im allgemeinen ein Fremdkörper, der zum Beispiel durch eine Verletzung ins Bindegewebe des Tiers gelangt ist. Fechterschnecken-Perlen können so gross sein wie die Beeren einer Weintraube. Trotz ihrer Grösse waren sie aber nie so wertvoll wie die Muschelperlen, da ihnen der Perlmutterglanz fehlt und ihre Rosafärbung im Sonnenlicht rasch verblasst.

 

10 bis 15 Millionen Fechterschnecken werden alljährlich verzehrt

Der Hauptgrund für den Fang der Fechterschnecken ist von alters her aber ihr schmackhaftes weisses Muskelfleisch. Seit Jahrhunderten ist es ein wichtiges Nahrungsmittel der Karibikinsel-Bewohner wie auch ein einträglicher Exportartikel, und noch heute gilt es als eines der bedeutendsten Fischereierzeugnisse der Karibik.

Ursprünglich wurden die Lebensgebiete der Fechterschnecken mit hölzernen Segelschiffen angesteuert, wo die Tiere dann von kleinen Ruderbooten aus mit langen Hakenstangen eingesammelt wurden. Heute werden im allgemeinen Fiberglasboote mit Aussenbordmotoren eingesetzt. Damit lassen sich auch die entlegeneren Weidegründe der Fechterschnecken erreichen, wo die Bestände noch wenig «ausgefischt» sind. Die meisten Schneckensammler verwenden lediglich Taucherbrille und Flossen und können in seichten Gewässern bis 600 Exemplare in vier Stunden sammeln. Da die Bestände der Fechterschnecken aber vielerorts stark abgenommen haben, kommen mehr und mehr auch Atemgeräte zum Einsatz, so dass die Sammler bis in Tiefen von vierzig Metern auf «Schneckenjagd» gehen können.

10 bis 15 Millionen Fechterschnecken werden schätzungsweise pro Jahr im karibischen Raum gesammelt. Etwa sechs Millionen werden jährlich in der Karibik selber verspeist. Weitere sechs Millionen werden in die USA exportiert, wo besonders in New York, Kalifornien und Florida viele karibische Auswanderer leben, die auch in ihrer neuen Heimat auf dieses Nahrungsmittel nicht verzichten wollen.

Die meisten Fechterschnecken, welche in die USA gelangen, stammen heute aus Kolumbien, Honduras und den Turks-und-Caicos-Inseln. Früher wurden auch an den Küsten Floridas Fechterschnecken gesammelt, doch waren die Bestände schon bald dermassen übernutzt, dass aus naturschützerischen Überlegungen heraus jeglicher Fang der Tiere verboten wurde.

Grosse Mengen Fechterschnecken, welche für den Verzehr in der Karibik bestimmt sind, werden auf Kuba gefangen. Aber auch die Bahamas, die Dominikanische Republik sowie all die kleinen Inseln der östlichen Karibik haben eine lange Schneckenfang-Tradition, was aus den riesigen Haufen weggeworfener Schalen ersichtlich ist, denen man auf den meisten Inseln begegnen kann.

Neuerdings wird der Fechterschnecke übrigens von seiten der Medizin grosse Beachtung geschenkt: Zum einen scheint das Fleisch die Widerstandskraft der Karibikbewohner gegen die Kinderlähmung zu heben, zum anderen ist es wahrscheinlich für das auffallend geringe Auftreten der Kupfermangelanämie bei Säuglingen in den Bahamas verantwortlich.

 

Schutzmassnahmen sind dringend erforderlich

Der übermässige Fang der Fechterschnecken, vor allem verursacht durch den wachsenden Markt in den USA und den enormen Zuwachs der Inseltouristen, hat dazu geführt, dass die Bestände im gesamten Verbreitungsgebiet stark geschrumpft sind. Es braucht immer mehr Zeit und Aufwand seitens der Schneckensammler, um genügende Mengen der Tiere zu beschaffen. Oft werden darum auch jüngere Exemplare gefangen, welche noch keine Gelegenheit hatten, sich fortzupflanzen, und dies wirkt sich natürlich auf die ohnehin bedrängten Bestände verheerend aus.

Da der Import von Nahrungsmitteln auf den Karibikinseln wegen der weiten Transportwege sehr teuer ist, sind lokale Nahrungsquellen besonders wichtig. Es ist darum sehr im Interesse der verschiedenen Karibiknationen, dass die Nachhaltigkeit des Fechterschneckenfangs gewährleistet ist. Die meisten von ihnen haben darum die eine oder andere Form der Fangbeschränkung für Fechterschnecken eingeführt. So soll verhindert werden, dass diese wichtige Nahrungs- und Einnahmequelle über kurz oder lang völlig zerstört wird. Zu den getroffenen Massnahmen gehören beispielsweise: vollständiges Fangverbot, vorübergehende Schonzeit, festgelegte Maximalfangquoten, Verbot des Fangs halbwüchsiger Schnecken, Verbot der Verwendung von Atemgeräten und Ausweisen von Schutzgebieten.

 

WWF-Modell für die nachhaltige Nutzung der Fechterschnecke

Bereits vor Jahren hat der Welt Natur Fonds (WWF) ein Projekt an die Hand genommen, welches den verschiedenen Karibiknationen Mittel und Wege aufzeigen soll, wie sie ihre Fechterschnecken-Bestände optimal schützen und gleichzeitig nutzen können. Grosse Bedeutung wurde hierbei einer einheitlichen Gesetzgebung beigemessen: Es wurde ein umfassendes Massnahmenpaket erarbeitet und zur Verwendung vorgeschlagen. Des weiteren wurde auf der Antilleninsel St. Lucia ein Modell für die nachhaltige Nutzung der Fechterschnecken entwickelt. Dieses Modell ist bei den verschiedenen Fischereiaufsehern auf grosse Beachtung gestossen.

Fangbestimmungen und Nutzungsprogramme sind jedoch von geringem Wert, wenn die Unterstützung durch die ansässige Bevölkerung fehlt. Viele Inselbewohner wissen überhaupt nichts über die Biologie der Fechterschnecken. So glauben sie beispielsweise, die Tiere würden aus Gruben auf dem Meeresboden entspringen. Eine Schlüsselrolle im WWF-Projekt spielt daher die Entwicklung von Broschüren und anderen Informationsmaterialien, welche den komplizierten Lebenslauf der Fechterschnecken in einfachen Worten und Bildern aufzeigen. Man hofft, auf diese Weise das Verständnis der lokalen Bevölkerung für die getroffenen Nutzungsbeschränkungen zu gewinnen.

Grosse Anstrengungen sind im übrigen unternommen worden, um Fechterschnecken in Farmen zu züchten. Mehrere Anlagen sind bereits in Betrieb, so zum Beispiel auf den Turks-und-Caicos-Inseln und auf Bonaire (Niederländische Antillen). Aber obschon bereits mehrere Millionen US-Dollar in diese Zuchten investiert wurden, sind noch längst nicht alle Probleme - besonders hinsichtlich der Ausbürgerung der gezüchteten Tiere - gelöst. Bis es soweit ist, gilt es, zu den freilebenden Fechterschnecken-Populationen grösste Sorge zu tragen.




ZurHauptseite