Feenseeschwalbe

Gygis alba


© 1999 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Inmitten der drei grossen Meere unseres Planeten - des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans - erheben sich hier und dort, fern von jeder kontinentalen Landmasse, kleine bis kleinste Inseln. Sie sind allesamt vulkanischen Ursprungs, bilden also die Spitzen untermeerischer, gewöhnlich mehrere tausend Meter hoher Vulkanberge und werden - im Unterschied zu den «kontinentalen» Inseln, welche durch einen untermeerischen Sockel mit einem Festland verbunden sind - als «ozeanische» Inseln bezeichnet.

Ozeanische Inseln finden sich in den allermeisten Fällen entlang der geologisch instabilen Nahtstellen zwischen den verschiedenen Platten, welche auf dem glutflüssigen Magma des Erdinnern treiben und die zusammen die Erdkruste bilden. Dort, wo während vielen Jahrmillionen immer wieder Magma durch die Erdkruste nach aussen gedrungen ist (und dann «Lava» genannt wird), haben sich nach und nach die besagten untermeerischen Vulkanberge gebildet, die in vielen Fällen bis über die Meeresoberfläche hinausgewachsen sind.

Sobald allerdings die untermeerischen Gebirgsstöcke ihr «Haupt» aus dem Meer erheben, ist dieses sogleich der immensen Erosionskraft von Wellen, Wind und Niederschlägen ausgesetzt. Stellen sie - was im allgemeinen früher oder später der Fall ist - ihre Eruptionstätigkeit ein, wird die übermeerische Bergspitze allmählich abgetragen und verschwindet irgendwann wieder von der Oberfläche. In tropisch warmen Gewässern, wo Korallen die Flanken der Vulkanberge besiedeln und die Erosion des Gesteins durch Riffbildung wettmachen, bleibt ein Atoll zurück. In anderen Klimazonen tauchen sie spurlos unter. Ozeanische Inseln haben also in der Regel eine beschränkte Lebensdauer, und darum sind die meisten, die wir heute kennen, geologisch gesehen recht jung.

Die im Südatlantik gelegene und in britischem Besitz befindliche Insel Ascension, das Ausgabeterritorium der vorliegenden Briefmarken, bildet hierin keine Ausnahme: Die ältesten Inselteile sind ungefähr eine Million Jahre alt, die jüngsten etwa 600.

 

Ascension - die «Himmelfahrtsinsel»

Keine acht Breitengrade südlich des Äquators auf halber Strecke zwischen Südamerika und Afrika gelegen, weist Ascension eine Fläche von 88 Quadratkilometern auf. In den meisten Bereichen liegt die Insel 150 bis 200 Meter über dem Meeresspiegel, doch steigt sie beim Green Mountain bis auf 859 Meter an. Das Inselklima ist warm und ausgesprochen trocken. Entsprechend spärlich ist die Vegetation, welche auf dem schwarzen Basalt, dem grauen Tuff und der rotbraunen Asche gedeiht.

Ascension war erstmals im Jahr 1501 durch den portugiesischen Seefahrer João da Nova Castella auf seinem Weg nach Indien entdeckt worden. Als er 1502 zurückfuhr, konnte er das abgeschiedene Eiland jedoch nicht mehr finden. Wahrscheinlich segelte er in der Nacht daran vorbei. Es war dann 1503 sein Landsmann Alfonso d'Albuquerque, der Ascension wiederentdeckte. Er gab dem Eiland den heute gebräuchlichen Namen, da er am Himmelfahrtstag dort an Land ging.

Während der nächsten dreihundert Jahren blieb Ascension unbewohnt, da es wegen seiner Ödheit keinerlei Nutzen als Anlegestelle für die vorbeiziehenden europäischen Seefahrer hatte. 1815 wurde die Insel dann von Grossbritannien annektiert. Anlass hierfür war die Internierung von Napoleon Bonaparte auf dem 1200 Kilometer weiter südlich gelegenen Sankt Helena. Mit der Stationierung einer Garnison auf Ascension wollte Grossbritannien verhindern, dass die Insel als Basis für etwaige militärische Aktionen der Franzosen zur Befreiung ihres Kaisers dienen konnte.

Obschon mit dem Tod Napoleons im Jahr 1821 die ursprüngliche Aufgabe der britischen Garnison auf Ascension entfiel, behielten die Briten ihren militärischen Stützpunkt im Südatlantik bis heute besetzt und bauten ihn allmählich immer besser aus. Ascension ist seit geraumer Zeit als Verwaltungsdependenz dem britischen Gouverneur von Sankt Helena unterstellt und weist eine Wohnbevölkerung von etwa 1200 Personen auf.

 

Stützpunkt der südatlantischen Meeresvögel

Das geologisch junge Alter der Insel Ascension, ihr von Trockenheit geprägtes Klima und ihre Abgeschiedenheit mitten im Atlantik haben zur Folge, dass die natürliche Pflanzen- und Tierwelt ziemlich artenarm ist. Zwar werden wir nie genau wissen, welche Arten sich vor der Ankunft des Menschen anzusiedeln vermocht hatten, denn bewusst oder unabsichtlich von diesem eingeführte Tiere wie Ziegen, Katzen und Ratten haben sowohl der Flora als auch der Fauna in den vergangenen fünfhundert Jahren arg zugesetzt.

Hinsichtlich der Inselfauna lässt sich aufgrund wissenschaftlicher Grabungen immerhin mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass weder Landsäugetiere noch Amphibien oder Reptilien jemals aus eigener Kraft nach Ascension gelangt waren. Hingegen gab es einst mindestens einen einheimischen Landvogel: die fluglose Ascension-Ralle (Atlantisia elpenor). Sie war im Jahr 1650 vom britischen Handelsreisenden Peter Mundy anlässlich eines Kurzaufenthalts auf der Insel beobachtet und beschrieben worden. Subfossile Knochenfunde haben in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts seinen Bericht bestätigt. Leider scheint der bedauernswerte Vogel wenig später ausgestorben zu sein, da die vom Menschen eingeschleppten und als eifrige Nestplünderer berüchtigten Ratten sich schon früh inselweit ausgebreitet hatten.

Zumindest für eine Sippe von Tieren ist Ascension jedoch von alters her von erheblicher Bedeutung, nämlich für die Meeresvögel des Südatlantiks. Zwölf verschiedene Arten benutzen Ascension regelmässig als Brutplatz. Sie alle brüteten ursprünglich in riesigen Kolonien auf der ganzen Insel. Nachdem aber die Briten im Jahr 1815 Katzen freigesetzt hatten, um der lästigen Rattenplage Herr zu werden, nahm ihr friedliches Leben in der Abgeschiedenheit ein jähes Ende. Die Katzen hatten nämlich rasch erkannt, dass die Meeresvögel und ihre Küken eine viel leichtere Beute sind als die schlauen und wehrhaften Nager. Schon bald richteten sie enormen Schaden innerhalb der Brutkolonien an. Sie sind dafür verantwortlich, dass heute neun der zwölf ansässigen Meeresvogelarten - so auch der endemische Adlerfregattvogel (Fregata aquila) - nur noch auf unzugänglichen Meeresklippen und auf dem nordöstlich vorgelagerten, drei Hektaren grossen Boatswainbird-Inselchen brüten.

Lediglich drei Meeresvogelarten brüten noch in nennenswerter Zahl auf der Hauptinsel. Es sind dies die Russeeschwalbe (Sterna tenuirostris), die Schwarze Noddiseeschwalbe (Anous tenuirostris) und nicht zuletzt die Feenseeschwalbe (Gygis alba), von der auf diesen Seiten die Rede sein soll.

 

Geisterhafte Erscheinungen unter tropischem Himmel

Weltweit gibt es 44 Arten von Seeschwalben. Obschon sie bezüglich ihrer Körpergrösse erheblich variieren (von unter 20 bis zu fast 60 Zentimeter), bilden sie hinsichtlich ihrer Gestalt eine recht einheitliche, auch für den Laien leicht erkennbare Vogelgruppe. Einige Fachleute betrachten sie als eigenständige Vogelfamilie (Sternidae), andere ordnen sie als Unterfamilie der Familie der Möwen (Laridae) zu.

Die Feenseeschwalbe ist mit einer Länge von 25 bis 30 Zentimetern, einer Flügelspannweite von ungefähr 80 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 90 und 140 Gramm ein eher kleines Mitglied ihrer Sippe. Als einzige Seeschwalbenart ist ihr Gefieder gänzlich weiss gefärbt. Nur ihr Auge ist von einem Kranz schwarzer Federchen eingefasst, was dieses besonders gross erscheinen lässt.

Der amerikanische Meeresvogelforscher R.C. Murphy beschrieb einst sehr treffend den «feenartigen» Eindruck, den dieser Vogel auf den Menschen macht und dem er seinen deutschen Namen verdankt: «In der Luft sind diese Seeschwalben geisterhafte Erscheinungen. Ihre aussergewöhnlich grossen, schwarzumrandeten Augen sehen manchmal wie leere Höhlen aus. Fliegen die Vögel dann unter dem tropischen Himmel dahin, so deuten auch ihre Leichtigkeit und Grazie eher auf körperlose Geister denn auf irdische Meeresvögel hin.»

Die Feenseeschwalbe ist rund um die Erdkugel herum in den tropischen und subtropischen Zonen des Atlantischen, Indischen und Pazifischen Ozeans verbreitet. Sie brütet fast ausschliesslich auf ozeanischen Inseln, doch ist sie keineswegs auf allen, die sich grundsätzlich als Brutinseln eignen würden, heimisch. So kommt sie im Atlantik einzig auf den südlich des Äquators gelegenen Inseln Ascension, Sankt Helena, Trinidade und Fernando de Noronha als Brutvogel vor. Warum sie so «wählerisch» ist, wissen wir nicht.

Auf Ascension schätzt man den Gesamtbestand der Feenseeschwalben auf 700 bis 1000 Brutpaare. Die Brutsaison dauert von Oktober bis Mai, wobei vor allem in den Monaten Januar und Februar eine rege Brutaktivität zu beobachten ist.

 

Nistplätze am Rand des Abgrunds

Soweit wir wissen, sind die Feenseeschwalben monogam. Die erwachsenen Vögel bleiben also dem von ihnen auserkorenen Partner jahrelang treu. Ferner scheinen die Paare auch ihrem einmal gewählten und erfolgreich gegenüber Konkurrenten verteidigten Nistplatz treu zu sein. Dessen ungeachtet führt jedes Feenseeschwalbenpaar alljährlich komplexe Balzrituale durch, wohl um sich so auf das bevorstehende Brutgeschäft einzustimmen.

Während manche Seeschwalben umfangreiche Nester anlegen, verzichten die Feenseeschwalben vollständig auf den Nestbau. Als Nistplatz benützen sie jedoch keineswegs sichere Mulden am Boden, sondern wählen Äste von Bäumen sowie Mittelrippen von Palmwedeln in oft beträchtlicher Höhe oder, wo solche fehlen, auch kleine bis kleinste Felsvorsprünge im Bereich steiler Küstenklippen. Nachdem das Weibchen eine geeignete - für das menschliche Auge oft kaum wahrnehmbare - Einbuchtung im gewählten Ast oder Felsvorsprung gefunden hat, legt es sein einzelnes Ei präzis hinein - und dort bleibt es dann während der gesamten Brutzeit.

Beide Altvögel beteiligen sich partnerschaftlich am Bebrüten des Eis. Die einzelnen Schichten dauern mit 48 bis 72 Stunden bemerkenswert lang. Beim Schichtwechsel, der jeweils in der Morgendämmerung erfolgt, gehen die beiden Vögel mit grösster Sorgfalt vor. Dennoch sind dies die Momente, da das Ei am ehesten aus seiner Mulde rollt und dann unrettbar in die Tiefe fällt. Die seltenen Schichtwechsel tragen wohl dazu bei, das Absturzrisiko auf ein Minimum zu beschränken.

Geht alles gut, so schlüpft das Junge nach einer ungefähr siebenwöchigen Bebrütungszeit aus dem Ei und trägt dann ein flauschiges, braunweisses Dunenkleid. Es besitzt kräftige Zehen und starke Krallen, mit denen es sich sogleich am Untergrund festklammert. So stark ist sein Griff, dass es auch kopfunter an einem Ast hängen kann, wenn es etwa durch das hastige Abfliegen eines Altvogels «umgeworfen» wird. Und es ist dann auch durchaus in der Lage, sich wieder in seine ursprüngliche Stellung zurückzuhangeln.

Das Küken wird während der ersten Tage abwechselnd von seinen beiden Eltern gehudert. Danach wird es tagsüber allein gelassen, während die Eltern auf Fischfang gehen. Erst am Abend tragen sie ihm seine Tagesration an Fischen herbei und übernachten anschliessend in seiner Nähe.

Die Feenseeschwalben gehen im allgemeinen viele Kilometer von der Küste entfernt auf Fischfang. Typischerweise fliegen die grazilen Vögel in einer Höhe von fünf bis zehn Metern über den Wellen, stossen jeweils steil hinab, wenn sie einen oberflächennahen Beutefisch entdeckt haben, und schnappen ihn zielsicher mit ihrem spitzen Schnabel, ohne zu landen. Gewöhnlich erbeuten sie Fische, die kleiner sind als fünf Zentimeter. Tagsüber verschlucken sie dieselben gleich im Flug, um sich selbst zu ernähren. Gegen Abend reihen sie dann bis zu sechs von ihnen quer in ihrem Schnabel auf und fliegen schliesslich zur Insel zurück, um den Hunger ihrer Jungen zu stillen.

In den warmen Meeren sind die Fischfangmöglichkeiten für Seeschwalbeneher mässig. Wie bei anderen tropischen Arten reicht aber auch bei der Feenseeschwalbe ein geringes Nahrungsangebot offensichtlich aus. Die Jungen wachsen allerdings langsamer heran und werden später flügge als die Jungen von Seeschwalbenarten, die in gemässigten Zonen brüten. In den meisten Fällen sind die jungen Feenseeschwalben im Alter von etwa sieben bis neun Wochen flugfähig. Sie verweilen aber nochmals zwei bis drei Wochen im Bereich ihres Geburtsorts, wo sie weiterhin von ihren Eltern mit Nahrung versorgt werden. Dann erst fliegen sie eines schönen Tages los und sorgen von da an für sich selbst. Aus Ringfunden wissen wir, dass sie in freier Wildbahn mindestens siebzehn Jahre alt werden können.

 

Weltpopulation: über 100 000 Paare

Die Feenseeschwalbe ist noch immer ein weitverbreiteter und recht häufiger Meeresvogel: Ihre Weltpopulation wird auf über 100 000 Paare geschätzt. Wie zahlreiche andere Meeresvögel hat aber auch die Feenseeschwalbe vielerorts erhebliche Bestandseinbussen erlitten, nachdem der Mensch all die abgeschiedenen ozeanischen Inseln entdeckt, besiedelt und nach seinen Wünschen verändert hat. Insbesondere haben dem zarten Vogel die vom Menschen eingeführten Raubsäuger zu schaffen gemacht.

Mehr und mehr dürfte die Feenseeschwalbe - wie all die anderen Meeresvögel, die sich von Fischen ernähren - heute auch unter der verheerenden Plünderung der marinen Ressourcen durch den Menschen leiden, denn dadurch wird ihre ohnehin nicht überreiche Nahrungsgrundlage weiter geschmälert. Es könnte gut sein, dass die Feenseeschwalbe deshalb in gewissen Regionen fehlt, wo vermeintlich nichts gegen ihr Vorhandensein spricht.

Noch gilt die Feenseeschwalbe nicht als in ihrem Fortbestand gefährdet. Doch insbesondere wegen der ungebremst fortschreitenden Übernutzung der Fischbestände durch den Menschen gilt es, der Bestandsentwicklung der reinweissen Meeresvögel die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Vor allem muss schon heute dafür gesorgt werden, dass einigermassen gesunde Brutpopulationen, darunter diejenige auf Ascension, den bestmöglichen Schutz vor menschbedingten Schadfaktoren erhalten.




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