Feldhamster
Cricetus cricetus
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Von den vielgestaltigen Mitgliedern der Säugetiersippe
sind es hauptsächlich die grossen und imposanten wie die
Bären, Delphine, Pferde, Katzen oder Nashörner, welche
unsere Aufmerksamkeit erregen. Dies hat zur Folge, dass sich
vor unserem geistigen Auge ein ziemlich verzerrtes Bild der Säugetierwelt
formt, denn bei der überwiegenden Mehrzahl der Säuger
handelt es sich nicht um grossgewachsene, sondern um recht kleine,
unscheinbare Tiere. Dies lässt sich daraus ersehen, dass
allein 2700 von insgesamt 4400 Säugetierarten - also rund
60 Prozent aller Säuger - zu den Nagetieren (über 1700
Arten) und den Fledertieren (etwa 950 Arten) gehören.
Einem dieser oft «vernachlässigten»
Vertreter der Säugetiere ist die vorliegende Ausgabe gewidmet:
dem im zentralen Eurasien weitverbreiteten, aber leider vielerorts
selten gewordenen Feldhamster (Cricetus cricetus) aus
der Sippe der Nagetiere.
Verwirrende verwandtschaftliche Verhältnisse
Die Gliederung der formenreichen Ordnung der Nagetiere
(Rodentia) und insbesondere diejenige der Unterordnung der Mäuseverwandten
(Myomorpha) hat den Wissenschaftlern von alters her Kopfzerbrechen
bereitet - und liefert auch heute noch Stoff für hitzige
Diskussionen. Gemäss der heute gängigsten, das heisst
von den meisten Fachleuten anerkannten Version, lassen sich die
Mäuseverwandten jedoch in eine Anzahl kleiner Familien (mit
jeweils weniger als 100 Arten) unterteilen - nebst einer riesenhaften
Familie mit mindestens 1100 Arten, also rund einem Viertel aller
Säugetierarten. Letztere, bei der es sich um die Familie
der Mäuseartigen (Muridae) handelt, lässt sich sodann
weiter gliedern in eine noch nicht genau festgelegte Anzahl Unterfamilien,
von denen die weitaus grösste (mit nahezu 500 Arten) die
der Mäuse (Murinae) ist. Eine weitere bereits feststehende
Unterfamilie ist diejenige der Wühler (Cricetinae), zu welcher
neben den Blindmullen, Neuweltmäusen, Mähnenratten,
Stachelbilchen und anderen Formen auch die Hamster gehören.
Die Hamster werden innerhalb der Wühler in eine
eigene Gattungsgruppe (Cricetini) gestellt, wobei aber auch hier
hinsichtlich der genauen Zahl der zuzuordnenden Gattungen und
Arten noch Uneinigkeit herrscht. Eine neuere wissenschaftliche
Publikation nennt 18 Arten in 7 Gattungen, welche allesamt in
Eurasien beheimatet sind. Unter ihnen befindet sich - neben dem
Feldhamster - auch der Syrische Goldhamster (Mesocricetus
auratus), der ja zu unseren beliebtesten Heimtieren zählt.
Der Feldhamster gilt als der grösste aller Hamster.
Wie bei vielen Nagetieren sind seine Körpermasse jedoch
erheblichen Schwankungen unterworfen: Erwachsene Tiere können
eine Kopfrumpflänge von 24 bis 34 Zentimetern, eine Schwanzlänge
von 4 bis 6 Zentimetern und ein Gewicht von 200 bis 900 Gramm
aufweisen.
Emsiger Baumeister
Der Feldhamster ist ein hervorragender Baumeister,
der die meiste Zeit seines Lebens in seinem weitläufigen
unterirdischen Bau verbringt. Es verwundert deshalb nicht, dass
er innerhalb seines Verbreitungsgebiets nur dort anzutreffen
ist, wo ihm die Bodenbeschaffung das Anlegen seiner «Hamsterburg»
erlaubt. Dies ist hauptsächlich in sonnigen, trockenen,
gut entwässerten Gebieten mit tiefgründigen, formstabilen
Lehm- und Lössböden der Fall. Der Feldhamster bewohnt
deshalb vor allem die tiefliegenden eurasischen Graslandschaften
(Steppen) - und zwar auch dort, wo dieselben vom Menschen zu
landwirtschaftlichen Nutzflächen umgewandelt worden sind.
Die Feldhamster-Wohnungen sind so unterschiedlich
angelegt, dass keine der anderen gleicht. Jeder Bau weist aber
mehrere schräg abwärts verlaufende Einschlupflöcher
auf sowie mehrere senkrechte Fallröhren, durch die sich
der dreifarbige Nager bei Gefahr besonders rasch in Sicherheit
zu bringen vermag. Die Eingänge führen zu den unterirdischen
Schlafkesseln, welche mit trockenen Grashalmen ausgepolstert
sind, und den geräumigen Vorratskammern. Auch «Toiletten»
finden sich, denn der Feldhamster ist ein ausgesprochen sauberes
Tier und setzt seinen Kot nur an besonders dafür geschaffenen,
blind endenden Kotplätzen ab.
Die Kammern, welche der Feldhamster im Frühling,
Sommer und Herbst benützt, liegen alle in ungefähr
derselben Tiefe, zumeist rund einen halben Meter unter der Erdoberfläche.
Während des Winters bewohnt er hingegen einen tiefergelegenen
Teil seines Baus, der manchmal bis zu zwei Meter in die Erde
hinab reicht und somit absolut frostsicher ist. Dort befinden
sich mehrere grosse Vorratskammern, die der Feldhamster jeweils
im Herbst mit lagerfähigem Futter, besonders mit energiereichen
Samen und Knollen, randvoll füllt. Die sprichwörtliche
«Raffgier» des Hamsters, die er vor dem Einbruch
des Winters an den Tag legt, ist wirklich bemerkenswert: Man
hat beim Ausgraben von Feldhamsterbauen schon über neunzig
Kilogramm Futter aus zwei Metern Tiefe hervorgeholt. Gute Dienste
leisten dem Feldhamster beim Eintragen solcher Vorratsmengen
natürlich seine geräumigen Backentaschen.
Jeweils im Spätherbst zieht sich der Feldhamster
in sein unterirdisches Winterquartier zurück und verstopft
die Röhren mit Erdreich. Wie viele andere Kleinsäuger,
die in Gebieten mit frostigen Wintern leben, senkt er in der
Folge seine Körpertemperatur von über 32°C auf
etwa 4°C ab und verfällt in eine Winterstarre, den «Winterschlaf»,
bei der alle Stoffwechselvorgänge stark vermindert sind
und der Körper verhältnismässig wenig Energie
verbraucht. Im Gegensatz zu den meisten anderen Winterschläfern
unterbricht der Feldhamster jedoch seinen Tiefschlaf alle paar
Tage durch kurze Wachzeiten, um von seinen Vorräten zu zehren.
Erst im nächsten Frühling kommt er dann - wohl genährt
- wieder zum Vorschein.
Als ausgesprochenes Dämmerungstier ist der Feldhamster
fast nur in den frühen Morgen- und Abendstunden ausserhalb
des Baus unterwegs und widmet sich dann in erster Linie der Nahrungssuche.
Seine Kost besteht hauptsächlich aus pflanzlichen Stoffen:
Neben allerlei Samen, Körnern und Früchten sowie verschiedenen
Wurzeln und Knollen nimmt er auch die grünen Teile von diversen
Pflanzen zu sich. Er ist aber auch tierlicher Nahrung nicht abgeneigt:
Gern nimmt er Regenwürmer, Raupen, Engerlinge sowie andere
wirbellose Tiere und deren Larven zu sich. Hin und wieder überfällt
er sogar einen kleinen Frosch oder eine Feldmaus. Solche Beute
bildet eine willkommene Abwechslung auf seiner «Speisekarte».
Schneller Brüter
Feldhamster leben praktisch das ganze Jahr über
als unverträgliche Einzelgänger. Dass dennoch vielfach
die Wohnbauten mehrerer Feldhamster in Gruppen dicht beisammenliegen,
hat damit zu tun, dass sich oft in weitem Umkreis nur begrenzte
Gebiete für die Anlage von Hamsterburgen eignen. Die grundsätzlich
ungeselligen Tiere werden dadurch zur direkten Nachbarschaft
mit ihresgleichen gezwungen. In Gebieten, wo sich geeignete Böden
auf weiten Flächen finden, legen die Feldhamster ihre Baue
hingegen stets weit verstreut an und zeigen keineswegs die Neigung,
Kolonien zu bilden.
Die Paarungszeit fällt bei den Feldhamstern in
die Monate April bis August. Das körperlich meist kräftigere
Männchen dringt dann in das Wohngebiet eines benachbarten
Weibchens ein - und hat dort die nicht leichte Aufgabe, sich
demselben zu nähern, ohne es zum Angriff oder zur Flucht
zu veranlassen. Nach längerem «Paarungsvorspiel»
kommt es im Bau des Weibchens schliesslich zur Begattung. Nach
ein bis mehreren Tagen vertreibt das Weibchen das Männchen
aber bereits wieder aus seinem Revier. Die Aufzucht der Jungen
obliegt somit dem Weibchen allein.
Die Tragzeit dauert 18 bis 20 Tage, und je Wurf kommen
4 bis 12 Junge zur Welt. Sie sind bei der Geburt nackt und blind
und wiegen lediglich 6 bis 7 Gramm. Sie wachsen aber schnell
heran, werden schon nach drei Wochen entwöhnt und verlassen
wenig später den mütterlichen Bau, um sich selbständig
zu machen. Die Grösse der Erwachsenen erreichen sie im Alter
von ungefähr zwölf Wochen. Allerdings können die
jungen Weibchen schon als «Halbwüchsige», im
Alter von etwa zehn Wochen, erstmals trächtig werden. Die
in der ersten Hälfte der Paarungszeit gezeugten Junghamster
sind also ohne weiteres in der Lage, sich noch vor ihrem ersten
Winter selbst fortzupflanzen. Da ausserdem die erwachsenen Weibchen
meistens zwei- oder gar dreimal im Jahr Junge werfen, ist die
Vermehrungsrate der Feldhamster - wie wir es auch von anderen
Nagetieren her kennen - beträchtlich.
Ungute Ausräumung der Landschaft
Der Feldhamster ist über weite Teile Europas
und Asiens verbreitet: Ganz im Westen finden sich Feldhamster-Populationen
im Nordosten Belgiens, im Südosten der Niederlande, entlang
des Rheins in Deutschland sowie im Elsass ganz im Nordosten Frankreichs.
Weiter östlich begegnet man ihm vielerorts im östlichen
Deutschland, in Tschechien, in der Slowakei, in Ungarn und im
südöstlichen Österreich. Auch in Rumänien,
in Weissrussland, in der Ukraine und im südwestlichen Russland
scheint er weitverbreitet zu sein. In Bulgarien, dem Ausgabeland
der vorliegenden Briefmarken, kommt er hingegen nur im Norden
des Landes, entlang der Donau, vor. Wo genau die Grenze der Artverbreitung
im Osten verläuft, ist nicht bekannt. Auf jeden Fall aber
findet man den Feldhamster in weiten Bereichen des nördlichen
Kasachstans und des zentralen Russlands - ostwärts mindestens
bis zum Baikalsee.
Noch vor wenigen Jahrzehnten kam der Feldhamster in
den meisten Teilen seines riesenhaften Verbreitungsgebiets recht
häufig vor. Mancherorts waren seine Bestände dermassen
umfangreich, dass bei unverhoffter Nahrungsknappheit, etwa in
Dürrejahren, richtige Massenauswanderungen stattfanden.
In solchen Notzeiten verhielten sich die Feldhamster ähnlich
wie ihre berühmten Verwandten im hohen Norden, die Berglemminge
(Lemmus lemmus), indem sie sich bei ihrem «Exodus»
mitunter - in scheinbar selbstmörderischer Absicht - in
grosse Flüsse oder gar ins Meer stürzten. In Wirklichkeit
dienten die Wanderungen wie bei den Berglemmingen einzig der
Suche nach besseren Lebensgebieten, und dabei machten die Tiere
halt auch vor «Wasserschranken», die sich ihnen in
den Weg stellten, nicht kehrt. Dies umsomehr, als Feldhamster
leidlich gute Schwimmer sind, die jeweils vor dem «Bad»
ihre Backentaschen mit Luft füllen, wodurch sich ihr Auftrieb
stark vergrössert.
Dort, wo der Feldhamster ein Leben im menschlichen
Kulturland führte, galt er zumeist als lästiger Ernteschädling.
Und von alters her gab es vielfältige Versuche, ihn auszurotten.
Zumeist mit geringem Erfolg: Der Feldhamster erwies sich - nicht
zuletzt aufgrund seiner enormen Vermehrungsrate - als überaus
widerstandsfähig.
Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Situation
drastisch verändert. Was dem Menschen vorsätzlich nicht
gelang, erreicht er nun sozusagen beiläufig: Die heftig
vorangetriebene Intensivierung der landwirtschaftlichen Anbaumethoden
zwecks Maximierung der Erträge macht dem Feldhamster heute
das Leben schwer. Besonders hart getroffen hat ihn die zur Schaffung
grossflächiger, maschinengerechter Produktionsflächen
stattgefundene «Ausräumung» der Landschaft:
Hecken, Wegborde, Gräben, Feldraine und andere «unproduktive»
Landschaftselemente wurden in den letzten Jahrzehnten Stück
für Stück entfernt. Gerade diese Landschaftselemente
waren jedoch im Kulturland die vom Feldhamster bevorzugten Stellen
für den Wohnungsbau gewesen.
Da die tiefgründigen, fruchtbaren, grasbewachsenen
Böden, die der Feldhamster für das Anlegen seiner Erdbaue
braucht, zu den landwirtschaftlich wertvollsten gehören,
sieht er sich heute fast überall, wo er von Natur aus vorkommt,
mit dieser unheilvollen Entwicklung konfrontiert. Meistenorts
sind deshalb seine Bestände stark zurückgegangen. Der
Fortbestand des Feldhamsters gilt heute, zumindest im europäischen
Teil seines Verbreitungsgebiets, als ernstlich gefährdet
- eine Situation, die man noch vor wenigen Jahrzehnten für
völlig unmöglich gehalten hätte.
Noch ist der Feldhamster ein weitverbreitetes Nagetier,
und noch scheint sein Fortbestand in den östlichen Regionen
seines Verbreitungsgebiets kaum gefährdet zu sein. Doch
dies darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Überleben
in Europa kaum gewährleistet ist, wenn nicht alsbald gezielte
Massnahmen zu seinem Schutz getroffen werden. Vordringlich sind
vor allem - nebst der Schaffung grossräumiger Schutzgebiete
an Orten mit Feldhamstervorkommen - diverse Änderungen in
der heutigen Agrarpolitik, wie sie der WWF und andere Naturschutzorganisationen
schon seit langem fordern. Nicht ausser acht lassen darf man
im übrigen, dass die Technisierung der Landwirtschaft auch
im Osten schnell voranschreitet, weshalb auch dort beizeiten
wirksame Naturschutzmassnahmen zu ergreifen sind.
Sichere Heimat in bulgarischem Nationalpark
In der offiziellen «Roten Liste» der bedrohten
Tierarten Bulgariens wird der Feldhamster als «verletzlich»
geführt, denn naturnahe Grasländer sind auch in diesem
südosteuropäischen Land inzwischen sehr selten geworden.
Die Erhaltung dieser letzten Steppenreste ist deshalb von grösster
Bedeutung. Erfreulicherweise ist bereits ein Graslandgebiet,
welches eine lokale Feldhamsterpopulation beherbergt, in einem
Schutzgebiet enthalten, nämlich dem 1943 eingerichteten
Zlatni-Pyassatzi-Nationalpark, der sich ganz im Nordosten des
Landes, nördlich der Stadt Varga, an der Schwarzmeerküste
befindet. Er weist zwar eine Fläche von nur 13,2 Quadratkilometern
auf, kann aber trotzdem - bei umsichtiger Führung - einer
gesunden Population von Feldhamstern eine sichere Heimat bieten.
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