Gelbkopf-Felshüpfer
Picathartes gymnocephalus
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die sogenannte «Dahomey-Lücke» stellt
für viele regenwaldbewohnende Tierarten Afrikas eine unüberwindbare
natürliche Verbreitungsgrenze dar. Es handelt sich dabei
um eine Trockenzone bei Benin und Togo, welche lediglich Savannenvegetation
zulässt und deshalb den äquatorialen Regenwaldgürtel
Afrikas in zwei separate Blöcke teilt: einen westafrikanischen
und einen (viel grösseren) zentralafrikanischen.
Durch die Dahomey-Lücke vollständig getrennt
werden auch die beiden einzigen Felshüpfer, die es auf der
Welt gibt. Es sind dies mittelgrosse, regenwaldlebende Mitglieder
der Sperlingsvögel (Ordnung Passeriformes), deren Kennzeichen
ein kahler Kopf mit bunter Kopfhaut ist. Der Gelbkopf-Felshüpfer
(Picathartes gymnocephalus) bewohnt die afrikanischen
Regewälder westlich der Dahomey-Lücke - vom
südlichen Ghana im Osten über die Côte d'Ivoire,
Liberia und das südliche Guinea bis Sierra Leone im Westen.
Sein Vetter, der Kamerun-Felshüpfer (Picathartes oreas)
lebt dagegen in den Regenwäldern östlich der
Dahomey-Lücke - von Nigeria im Norden über Kamerun,
die Insel Bioko und wahrscheinlich auch Äquatorial-Guinea
bis Gabun im Süden.
Raben, Stare oder Schmätzer?
Die beiden Felshüpfer sind einander hinsichtlich
Grösse und Gestalt sowie Ökologie und Verhalten sehr
ähnlich. Auch ist bei beiden das Gefieder unterseits weisslich,
oberseits dunkel- bzw. hellgrau gefärbt. Markante Unterschiede
bestehen jedoch bezüglich der Färbung ihres kahlen
Kopfes: Während der Gelbkopf-Felshüpfer einen leuchtend
orangegelben Kopf mit schwarzen «Ohrflecken» aufweist,
hat der Kamerun-Felshüpfer einen hellblauen Vorderkopf,
einen karminroten Hinterkopf und schwarze «Augenflecken».
Unklar war lange Zeit die verwandtschaftliche Zugehörigkeit
der beiden hochbeinigen und langhalsigen Vögel innerhalb
der Ordnung der Sperlingsvögel, denn nahe Verwandte waren
beim besten Willen keine auszumachen. Im letzten Jahrhundert
wurden sie gewöhnlich der Familie der Rabenvögel (Corvidae)
zugeordnet und deshalb auch als «Stelzenkrähen»
bezeichnet. In den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts kam
dann vorübergehend die Ansicht auf, sie seien Angehörige
der Familie der Stare (Sturnidae). In der Folge wurden sie aber
zumeist der vielgestaltigen Familie der Fliegenschnäpperartigen
(Muscicapidae) angegliedert, u.a. weil ein Mitglied der Familie,
der Malayische Rennschmätzer (Eupetes macrocerus),
ihnen recht ähnlich sieht.
Gegen die Zuordnung zu den Fliegenschnäpperartigen
sprach jedoch schon immer die Art und Weise, wie sie das «Mit-dem-Fuss-am-Kopf-Kratzen»
ausführen. Dieses Verhaltensmerkmal ist, weil genetisch
gesteuert, stets bei allen Mitgliedern einer Vogelfamilie konstant
und deshalb für die Sippe charakteristisch. Felshüpfer
und Fliegenschnäpperartige kratzen sich jedoch unterschiedlich:
Während sich die Fliegenschnäpperartigen allesamt «vornherum»,
also auf direktem Weg vor dem Flügel durch, kratzen, tun
es die Felshüpfer stets «hintenherum», das heisst
mit dem Fuss über den gesenkten Flügel hinweg - wie
es die Rabenvögel und die Stare tun...
Unlängst haben Molekularbiologen das Rätsel
endlich zu lösen vermocht, indem sie die Struktur der DNA
der Felshüpfer, in welcher ja das gesamte Erbgut der Art
«niedergeschrieben» ist, eingehend untersuchten.
Es zeigte sich, dass die nächsten Verwandten der Felshüpfer
innerhalb der Sperlingsvögel tatsächlich die Rabenvögel
sind. Allerdings scheinen sie sich schon vor stammesgeschichtlich
sehr langer Zeit von der Rabenvogelfamilie abgespalten zu haben.
Sie können deshalb nur als entfernte Verwandte derselben
gelten und werden am besten einer eigenen Familie zugewiesen:
der Familie der Felshüpfer (Picathartidae).
Schwacher Flieger, starker Hüpfer
Der Gelbkopf-Felshüpfer ist ein schwacher Flieger.
Innerhalb seiner westafrikanischen Regenwaldheimat hält
er sich ständig am Boden auf. Mit flachen, bis über
einen Meter weiten Sprüngen, die er ohne Unterstützung
der Flügel vollführt, macht er dort hauptsächlich
Jagd auf Käfer, Heuschrecken, Schaben, Ameisen, Schnecken
und andere wirbellose Kleintiere, packt aber gelegentlich auch
kleine Wirbeltiere wie Frösche oder Mäuse. Sein robuster,
rabenähnlicher Schnabel ist ihm beim Packen und Töten
seiner Beutetiere sehr dienlich.
Bei der Nahrungssuche erweist sich der Gelbkopf-Felshüpfer
als ein überaus reger Vogel: Unermüdlich hüpft
er umher, springt auf bodennahe Äste und gleich wieder hinunter,
äugt zwischen Wurzeln, eilt um umgestürzte Baumstämme
herum, wendet Blätter oder schleudert sie mit dem Schnabel
beiseite - und pickt dazwischen immer wieder flink nach erspähten
Beutetieren. Gern begleitet er im übrigen ziehende Ameisenvölker
und hascht nach all den Kleintieren, welche durch die Ameisen
aufgeschreckt werden.
Stets verhält sich der Gelbkopf-Felshüpfer
bei seiner Tätigkeit ganz still, ist überaus aufmerksam
und reagiert auf alle ungewöhnlichen Objekte und Bewegungen
in seiner näheren Umgebung sehr misstrauisch. Dies macht
verständlich, weshalb es in freier Wildbahn kaum je gelingt,
den Vogel bei seinen täglichen Routinetätigkeiten zu
beobachten. Fast ausnahmslos nimmt nämlich der Gelbkopf-Felshüpfer
den Menschen wahr, bevor dieser den Vogel entdeckt - und verschwindet
daraufhin schnell und geräuschlos im dichten Unterwuchs
des Regenwald-Erdgeschosses. Vieles über die Lebensweise
des Vogels liegt deshalb noch im dunkeln.
Klebt Lehmnester an Felswände
Seinen dritten Namensteil verdankt der gelbköpfige
Hüpfer der Tatsache, dass er innerhalb der westafrikanischen
Regenwälder nur in felsenreichen Gebieten anzutreffen ist.
Dies hängt mit seinem ungewöhnlichen Nistverhalten
zusammen. Der Gelbkopf-Felshüpfer baut nämlich - nach
Schwalbenmanier - ein Lehmnest und klebt dieses zwei bis fünf
Meter über dem Boden an überhängende Felswände,
oft im Bereich von Höhleneingängen oder in Felsspalten.
Es handelt sich um eine napfförmige, nach oben offene Konstruktion,
deren Wände mit Gräsern verstärkt sind. Innen
ist das Nest mit trockenen pflanzlichen Stoffen gepolstert, damit
die Eier und Nestlinge nicht mit dem Lehmbaustoff in Berührung
kommen und möglicherweise festkleben.
Lange wurde darüber gerätselt, wie die Gelbkopf-Felshüpfer
wohl bei Beginn des Nestbaus an glatten Felsüberhängen
vorgehen. Die Untersuchung einiger Nester hat dann gezeigt, dass
die Lehmnester zumeist über ein kleines, leeres Wespennest
gebaut werden. An diesem halten sich die Vögel bei Baubeginn
vermutlich fest, um das «Fundament» für ihr
eigenes Nest legen zu können.
Meistens nisten die Gelbkopf-Felshüpfer in kleinen
Kolonien. Gewöhnlich werden bis zu sechs, mitunter aber
auch bis zu fünfzig Nester an einem Nistort gefunden. Beim
geselligen Brüten handelt es sich zweifellos um eine Anpassung
an das beschränkte Angebot geeigneter Felsformationen innerhalb
des Regenwalds, wie man dies von vielen anderen felsenbrütenden
Vogelarten her kennt.
Die Brutzeit der Gelbkopf-Felshüpfer scheint
gewöhnlich auf die regenreichen Jahreszeiten zu fallen:
In Ghana, ganz im Osten des Artverbreitungsgebiets, sind dies
- entsprechend den beiden jährlichen Regenzeiten - die Monate
März bis Juni und September bis November. In Sierra Leone,
ganz im Westen des Areals, finden die Bruten dagegen im Verlauf
der einen, langen Regenzeit zwischen April und Oktober statt.
Dies ist insofern sinnvoll, als die bodennahe Kleintierfauna
während der Regenzeit am regsten ist und somit das Nahrungsangebot
während der Aufzucht der nimmersatten Jungvögel reichlich
ist. Möglicherweise spielt auch eine Rolle, dass dann die
Beschaffung von feuchter Erde für den Nestbau kein Problem
darstellt. Das Gelege besteht meistens aus zwei beigefarbenen
Eiern, welche reichlich braun gesprenkelt sind.
Über die Brutbiologie in freier Wildbahn ist
so gut wie nichts bekannt. Das wenige Wissen, das wir haben,
stammt aus dem Frankfurter Zoo, wo in den sechziger Jahren die
Zucht von Gelbkopf-Felshüpfern gelang: Als Niststoff diente
den Vögeln feuchte Erde, vermischt mit trockenen Halmen
und schmalen Blättern. Die Erde formten sie mit dem Schnabel
zu kleinen Klümpchen, die sie jeweils am Boden wälzten,
ehe sie sie zum Nest brachten. Halme und Blätter trugen
sie gebündelt herbei. Die Brutzeit betrug ungefähr
drei Wochen, und es kam jeweils nur ein Junges aus. Beide Eltern
brüteten abwechselnd, das Männchen gewöhnlich
länger als das Weibchen. Die ersten drei Tage fütterten
die Eltern das Junge aus dem Kropf, dann trugen sie ihm die Nahrung
mit dem Schnabel zu. Die Nestlingszeit betrug wie die Brutzeit
etwa drei Wochen. Nach dem Ausfliegen wurden die Jungen von ihren
Eltern noch weitere drei Wochen lang gefüttert.
Über die Urbarmachung von Unland
Im Osten von Sierra Leone, dem Ausgabeland der vorliegenden
Briefmarken, lebt das Volk der Mendé, und dieses betrachtet
die Gelbkopf-Felshüpfer als Verkörperung jener Gottheiten,
die in den Felsen leben, an welche die Vögel ihre Nester
kleben. Die Gelbkopf-Felshüpfer selbst wie auch ihre Nistplätze
gelten als heilig und erfahren dadurch von alters her einen lokal
recht guten Schutz.
Dies waren vorab die guten Nachrichten in Sachen Artenschutz;
alle übrigen sind leider schlecht. Überall sonst in
seinem Verbreitungsgebiet wird der Gelbkopf-Felshüpfer nämlich
von alters her seines Fleischs wegen - und seit 1950 auch zwecks
Versorgung des internationalen Zootierhandels - verfolgt. Oftmals
werden zu diesem Zweck die Jungvögel aus den Nestern genommen.
Verhängnisvoll dabei ist, dass einmal entdeckte Nistplätze
von den lokalen Vogeljägern vielfach Jahr für Jahr
wiederbesucht werden, so dass die Nachzucht ganzer Kolonien jahrelang
völlig dahinfallen kann. Und da zumeist auch noch die erwachsenen
Vögel in der näheren Umgebung der Nistplätze mit
Schlingen gefangen werden, können heimgesuchte Kolonien
innerhalb weniger Jahre völlig ausgelöscht werden.
Immerhin geschieht diese Form der Nachstellung gewöhnlich
nur in den peripheren Bereichen der westafrikanischen Regenwaldgebiete
- und zudem nie mit der Gründlichkeit, die uns Mitteleuropäer
kennzeichnet. Für die Art als Ganzes dürfte darum die
traditionelle Bejagung zu keiner Zeit eine wirklich ernste Gefahr
bedeutet haben.
Weit schlimmer wirkt sich für die Gelbkopf-Felshüpfer
die in den letzten Jahrhunderten in allen Regionen des Verbreitungsgebiets
massiv vorangetriebene Rodung der Regenwälder und somit
die Zerstörung ihres Lebensraums aus. Leider ist ein Ende
oder auch nur eine Besserung dieser fatalen Entwicklung nicht
absehbar, denn die mehrheitlich ausländischen Holzfällerfirmen
verhelfen den finanziell schwachen westafrikanischen Ländern
nicht nur zu dringend benötigten Devisen; ihre Aktivitäten
werden auch von den lokalen Regierungen ebenso wie von einem
Grossteil der Bevölkerung als willkommene Urbarmachung von
«Unland» betrachtet.
Noch vor wenigen hundert Jahren bildete der westafrikanische
Regenwald einen zusammenhängenden, etwa 350 Kilometer breiten
Gürtel, der von Togo im Osten bis Sierra Leone im Westen
reichte, und es ist anzunehmen, dass seinerzeit auch die Verbreitung
des Gelbkopf-Felshüpfers ungefähr diese Ausdehnung
hatte. Das hat sich inzwischen drastisch verändert. Zwar
war schon früher die Verteilung der Vögel innerhalb
ihres Verbreitungsgebiets - wegen ihrer Abhängigkeit von
felsenreichem Gelände - keineswegs gleichmässig gewesen.
Die grossflächige Regenwaldvernichtung durch den Menschen
hat aber nun einerseits das Verbreitungsgebiet des scheuen Waldvogels
enorm vermindert und andererseits die Gesamtpopulation in eine
Vielzahl inselartig isolierter Bestände aufgespalten.
Felshüpfer mit Zwergflusspferd im selben Boot
So muss der Gelbkopf-Felshüpfer heute leider
als gefährdete Vogelart eingestuft werden. Aus diesem Grund
wird er in Anhang I des Washingtoner Artenschutzübereinkommens
(WA) aufgelistet. Dies hat den internationalen Handel mit lebenden
Vögeln praktisch zum Erliegen gebracht und dem Fallenstellen
zwecks Versorgung des Zootierhandels ein Ende bereitet. Ausserdem
wird der Gelbkopf-Felshuepfer innerhalb seines Verbreitungsgebiets
durch verschiedene nationale Gesetze geschützt, in Ghana
beispielsweise schon seit 1961. Leider hapert es in Westafrika
wie anderswo vor allem aus finanziellen Gründen am Vollzug
solcher Artenschutzgesetze. Und zudem ist der Vogel deswegen
noch lange nicht vor dem verheerenden Lebensraumverlust gefeit.
Letztlich wird der Fortbestand des Gelbkopf-Felshüpfers
wohl davon abhängen, ob es gelingt, grössere Teile
des westafrikanischen Regenwalds vor dem zerstörerischen
Zugriff durch den Menschen zu bewahren. Einerseits gilt es, grösste
Sorge zu tragen zu den bereits bestehenden Schutzgebieten, darunter
den Gola-Waldreservaten in Sierra Leone, dem Belle-Nationalwald
in Liberia, dem Mont-Nimba-Naturreservat beiderseits der Grenze
zwischen Guinea und Côte d'Ivoire, dem Taï-Nationalpark
in Côte d'Ivoire und dem Bia-Nationalpark in Ghana. Andererseits
muss alles daran gesetzt werden, dass weitere grossflächige
Regenwald-Schutzgebiete eingerichtet werden. Dafür setzt
sich der Welt Natur Fonds (WWF) im Rahmen diverser Projekte mit
beträchtlichen finanziellen Mitteln und seit vielen Jahren
ein.
Nebem dem Gelbkopf-Felshüpfer kommen diese Schutzanstrengungen
selbstverständlich einer Vielzahl weiterer einzigartiger
Tierarten zugute, welche für ihr Überleben unausweichlich
auf die Existenz des westafrikanischen Regenwalds angewiesen
sind, darunter beispielsweise dem Zwergflusspferd (Cheiropsis
liberiensis). Und nicht zuletzt würde auf diese Weise
gewährleistet, dass die Nachfahren der heutigen Westafrikaner
die Gelegenheit erhalten, zumindest einen kleinen Teil des einst
unermesslich grossen natürlichen Reichtums ihrer Heimat
zu erben und dannzumal hoffentlich verantwortungsbewusster zu
verwalten.
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