Fidschi-Baumfrosch - Platymantis vitiensis
© 1988 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Fidschi, ein im südlichen Pazifik gelegener Archipel
aus 106 bewohnten und 216 unbesiedelten Eilanden vulkanischen
Usprungs, ist die Heimat des Fidschi-Baumfroschs (Platymantis
vitiensis) sowie seines etwas grösseren und vergleichsweise
stämmigeren Bruders, des Fidschi-Bodenfroschs (Platymantis
vitianus).
Innerhalb der Klasse der Lurche (Amphibia) gehören
die beiden zur grossen Familie der Echten Frösche (Ranidae).
Diese Familie hat sich ursprünglich in Afrika herausgebildet,
ist aber heute weltweit anzutreffen. Ostwärts sind die Echten
Frösche über das gesamte asiatische Festland bis zur
indonesischen Inselwelt vorgestossen und haben von da aus dann
Australien, die Philippinen, Neuguinea, die Salomonen und - als
entferntesten «Aussenposten» - die Fidschi-Inseln
erreicht.
Die Salomonen scheinen den eroberungsfreudigen Fröschen
ganz besonders zugesagt zu haben, denn man findet heute sage
und schreibe 19 verschiedene Arten auf dieser pazifischen Inselgruppe.
Unter ihnen befinden sich die nächsten Verwandten der beiden
Fidschi-Frösche.
Keine einheitliche Farbung
Wie bei den meisten Fröschen sind die weiblichen
Fidschi-Baumfrösche deutlich grösser als die männlichen:
Erwachsene Weibchen können eine Körperlänge von
6,5 Zentimetern und ein Gewicht von gut 10 Gramm erreichen, während
die Männchen maximal 4,0 Zentimeter lang und 3 Gramm schwer
werden.
Fidschi-Baumfrösche sehen nicht alle gleich aus:
Ihre Färbung ist ausserordentlich variabel. 1984 wurden
anlässlich einer Feldstudie 22 feste, das heisst regelmässig
wiederkehrende und 17 seltene oder gar einmalige Färbungsvarianten
gezählt. Dabei handelt es sich nicht etwa um geografische,
also von Ort zu Ort abweichende Farbschläge, wie man es
von anderen Froscharten her kennt; beim Fidschi-Baumfrosch leben
unterschiedlich gefärbte Tiere Seite an Seite.
Viele Fidschi-Baumfrösche weisen eine hellbraune
Grundfärbung auf. Einige von ihnen besitzen eine etwas dunklere
Zeichnung zwischen den Schultern, andere dunkle Streifen und
Tupfen auf den Vorder- und Hintergliedmassen. Dann gibt es Tiere
mit gelber, oranger, grauer oder beiger Grundfärbung. Die
meisten von ihnen sind auf dem Rücken weisslich getupft,
manche weisen ausserdem noch zwei weissliche Streifen auf dem
Rücken oder auffällige gelbe Flecken auf den Vordergliedmassen
auf. Eigenartigerweise liess sich 1984 jedoch kein einziger Fidschi-Baumfrosch
mit grüner Grundfärbung finden.
Wozu diese enorme Färbungs- und Musterungsvielfalt
gut sein soll, ist bislang rätselhaft. Im Dienst der Feindvermeidung
scheint sie jedenfalls kaum zu stehen. Der Hauptfeind der Fidschi-Baumfrösche,
die Südseeboa Candoia bibroni, eine ungiftige, bis
über zwei Meter lange Riesenschlange, verlässt sich
nachgewiesenermassen bei der Jagd nicht auf ihre Augen, sondern
hauptsächlich auf ihre feine Nase. Der Färbung ihrer
Beutetiere dürfte also keine besondere Bedeutung zukommen.
Ein Regenwaldbewohner
Der Fidschi-Baumfrosch bewohnt innerhalb des Fidschi-Archipels
ausschliesslich die dichten, schwer zugänglichen Regenwälder.
Man findet ihn darum weder auf den kleineren Koralleninseln noch
auf den regenarmen Inseln im Nordwesten der Inselgruppe, sondern
lediglich auf den niederschlagsreichen grösseren Vulkaninseln
im Südosten des Archipels, wo grössere Stücke
dieser üppigen Vegetation vorhanden sind. Mit Sicherheit
nachgewiesen ist er für Vitilevu, Vanualevu, Taveuni und
Ovalau; er könnte aber auch noch auf einigen kleineren Inseln
vorkommen.
Auf einen besonderen Regenwaldtyp ist der Fidschi-Baumfrosch
nicht beschränkt: Er lebt im Küstenwald ebenso wie
im Bergwald, und er klettert im bodennahen Gebüsch genauso
umher wie im Kronendach hoch über der Erde. Eine gewisse
Vorliebe zeigt er einzig für den endemischen, also nur auf
Fidschi heimischen Schraubenbaum Pandanus vitiensis, welcher
scharf gezähnte Blätter aufweist und vor allem im Tiefland
entlang der Flussläufe wächst. In Gebieten mit grösseren
Schraubenbaum-Beständen sind die Baumfrösche ausgesprochen
häufig: So wurden einmal auf einer Fläche von lediglich
30 mal 30 Metern gegen 70 der Tiere gezählt!
Ein Frosch ohne Kaulquappen
Hinsichtlich seiner Jugendentwicklung unterscheidet
sich der Fidschi-Baumfrosch von den meisten anderen Froscharten.
Bei den «normalen» Fröschen führen die
Jungtiere, wenn sie aus den Eiern geschlüpft sind, ein Leben
als Kaulquappen. Frei im Wasser schwimmend atmen sie mithilfe
von Kiemen, bewegen sich mit einem Ruderschwanz fort und ernähren
sich von Algen sowie pflanzlichen und tierlichen Resten. Erst
viel später wandeln sie sich dann um zu fertigen Fröschen
und besteigen das Land.
Beim Fidschi-Baumfrosch verläuft die Jugendentwicklung
ohne freies Kaulquappenstadium: Seine Jungen verlassen die Eihüllen
als fertig verwandelte Fröschchen. Dies macht die Art vom
Vorhandensein stehender Gewässer unabhängig, was gegenüber
den «normalen» Fröschen einen wesentlichen Überlebensvorteil
bedeutet.
Die weiblichen Fidschi-Baumfrösche legen ihre
Eier nicht ins Wasser, sondern an einen feuchten Ort in der Höhe
oder auf dem Waldboden ab. Die Gelegegrösse beträgt
gewöhnlich 18 Eier. Sie weisen einen Durchmesser von ungefähr
8 Millimetern auf und hängen in deutlich voneinander getrennten
Kapseln in einer zähen Gallertschicht zusammen. Die Dauer
der Keimlingsentwicklung im Ei beträgt etwa 27 Tage, kann
aber je nach Aussentemperatur auch etwas kürzer oder länger
sein. Der Schlupfakt selbst ist eine Sache von wenigen Sekunden.
In den ersten Tagen ernährt sich das frischgeschlüpfte
Baumfröschchen von seinem Dottervorrat, den es als sackartigen
Darmanhang mit sich herumträgt. Dann beginnt es, sich nach
echter Froschmanier auf die Jagd nach allerlei wirbellosen Kleintieren
zu machen.
Die Weibchen rufen den Männchen
Bei den Froschlurchen sind gewöhnlich die Männchen
stimmbegabter als die Weibchen. Bekannt sind vor allem ihre «Liebeslieder»,
die sie zur Paarungszeit oftmals stundenlang im Chor hören
lassen. Die Weibchen können im allgemeinen weniger laut
rufen oder sind ganz stumm. Vom Fidschi-Baumfrosch war bis vor
kurzem lediglich ein Alarmruf, jedoch kein Lockruf bekannt. Die
Art galt als weitgehend stumm.
Umso erstaunter war Fergus Clunie, der ehemalige Direktor
des Fidschi-Museums, als sein Baumfrosch, den er in einem Terrarium
hielt, eines nachts zu rufen begann. Regelmässig wiederholte
er einen weichen Doppellaut, der stark an das Tropfen eines undichten
Wasserhahns erinnerte. Die Sensation war vollkommen, als derselbe
Frosch wenig später Eier ablegte. Ganz offensichtlich handelte
es sich also um ein Weibchen. Der Fidschi-Baumfrosch gehört
damit zu den wenigen Ausnahmen unter den Fröschen, bei denen
die Weibchen die Männchen anlocken und nicht umgekehrt.
Inzwischen hat man übrigens festgestellt, dass
die Männchen auf
die Lockrufe der Weibchen mit einem feinen Piepsen antworten.
Ein Lauerjäger
Seine Nahrung sucht und erbeutet der Fidschi-Baumfrosch
wie alle Frösche als «Bewegungsseher». Zwar
hat er auch einen Geruchssinn. Doch der allein würde ihn
nicht dazu befähigen, gezielt nach einer Beute zu schnappen.
Stundenlang lauert der Fidschi-Baumfrosch auf dem gleichen Blatt
und schnellt dann plötzlich los, wenn sich etwas Geniessbares
in seiner Nähe niederlässt. Handelt es sich um ein
kleineres Beutetier, so schleudert er die vorn am Mundboden angewachsene,
herausklappbare Zunge gegen das Tier. Dieses bleibt an der klebrigen
Zunge hängen, wird dann direkt in den weit geöffneten
Mund geworfen und sofort - ohne Kauen - verschluckt. Grössere
Beutetiere springt der Fidschi-Baumfrosch an und ergreift sie
direkt mit den Kiefern. Bei widerspenstigen Brocken hilft er
mit den Händen nach und stopft sie sich in den Mund.
Beim Nahrungserwerb erweist sich der Baumfrosch als
überhaupt nicht wählerisch: Er verschlingt alles, was
in seinem Lebensraum kreucht und fleucht und klein genug ist,
um von ihm überwältigt zu werden. Jedes kleine, sich
unregelmässig bewegende Ding löst Zuschnappen aus.
So wandelt sich denn die Speisekarte des Fidschi-Baumfroschs
nicht etwa durch sorgfältiges Auslesen, sondern vielmehr
durch das im Jahresverlauf wechselnde Angebot an Beutetieren.
Bei Gefahr bläht er sich auf
Ein recht erfolgreiches Feindabwehr-Verhalten zeigt
der Fidschi-Baumfrosch, wenn ihn unvermittelt eine Südseeboa
angreift und er keine Fluchtmöglichkeit mehr sieht: Er pumpt
seine Lungen voll Luft, erhebt sich auf alle Viere und beugt
den Kopf nach unten. Dieses Verhalten, welches auch bei der europäischen
Erdkröte (Bufo bufo) zu beobachten ist, lässt
den Frosch weit grösser erscheinen, als er in Wirklichkeit
ist. Schon dies allein dürfte manche jüngere Boa von
einem Angriff abhalten und dem Frosch das Leben retten. Es hat
sich aber ausserdem gezeigt, das Boas, welche einen aufgeblähten
Frosch angreifen, grosse Mühe haben, ihn richtig zu packen.
Die angespannte, schlüpfrige Haut lässt die Kiefer
immer wieder abrutschen. Tatsächlich schaffte es eine Südseeboa
in einem Versuch nicht, einen «aufgeblasenen» Fidschi-Baumfrosch
zu überwältigen.
In den meisten Fällen ergreift der Fidschi-Baumfrosch
angesichts eines Feindes aber die Flucht. Hält er sich irgendwo
im Unterholz auf, so springt er in einem grossen Satz auf den
Waldboden. Zumeist entleert er vorgängig noch seine Blase,
wodurch er leichter wird und weiter springen kann. Nach der Landung
auf dem Boden vollführt er in der Regel noch einen weiteren
Sprung. Dann verharrt er bewegungslos in der Laubschicht und
verlässt sich ganz auf seine Tarnfärbung. Tatsächlich
ist er dann für den Menschen - und sicher auch für
andere «Augentiere» - kaum mehr auffindbar.
Auf natürlichen Flössen gereist?
Die Frösche sind aus Vorfahren hervorgegangen,
welche im Süsswasser lebten und sind deshalb an diese Verhältnisse
angepasst. Schon in Wasser mit geringem Salzgehalt gehen die
meisten Froscharten rasch zugrunde. Die Frage, wie wohl die Fidschi-Frösche
in grauer Vorzeit auf ihre entlegene Heimat gelangt waren, gab
deshalb in Fachkreisen lange Zeit zu heftigen Diskussionen Anlass.
Eine Reise auf Schwemmholz, von starken Strömungen und Stürmen
über den offenen Ozean getrieben, schien ziemlich unwahrscheinlich.
So neigte man eher zur Ansicht, dass die Tiere wohl - willentlich
oder nicht - von den frühen menschlichen Siedlern eingeführt
worden waren. Wie sich allerdings die Frösche in den wenigen
Jahrtausenden, seit denen der Mensch auf Fidschi lebt, zu derart
eigenständigen Arten entwickeln konnten, als die wir sie
heute antreffen, vermochte niemand zu sagen.
Inzwischen sind neue Kenntnisse gewonnen worden, welche
die Frage in einem neuen Licht erscheinen lassen: Es hat sich
nämlich gezeigt, dass manche Froscharten durchaus einen
gewissen Salzgehalt ihres Wohn- und Laichgewässers aushalten.
Der Philippinen-Frosch (Rana cancrivora) beispielsweise
lebt in Brackwassersümpfen und ernährt sich dort von
Krabben. Er benützt in der Gezeitenzone Krabbenhöhlen
als Unterschlupf, und sogar seine Kaulquappen finden sich dort
in Scharen. Und der Papua-Frosch (Rana papuensis), der
östlich Neuguineas auf der Insel Neubritannien zu Hause
ist, taucht sogar bei Gefahr ins Meer ein und kann sich mehrere
Minuten lang unter Wasser halten, ohne Schäden davonzutragen.
Auch auf Fidschi sind schon Bodenfrösche beobachtet worden,
die sich dem Gefangenwerden dadurch entzogen, dass sie sich ins
Meer flüchteten. Und in einem Fall zeigte ein gefangenes
Exemplar keinerlei Schädigung, nachdem es eine halbe Stunde
lang dem Meerwasser ausgesetzt gewesen war. Es scheint also doch
eher so zu sein, dass die Fidschi-Frösche lange vor dem
Menschen auf natürlichen Flössen den Fidschi-Archipel
erreicht und sich dort niedergelassen haben.
Hauptproblem: Rodung der Regenwälder
Als Regenwaldbewohner ist der Fidschi-Baumfrosch durch
die Rodung der Wälder zugunsten von Pflanzungen und Kulturen
sowie zur Holzgewinnung in seinem Bestand bedroht.
Leider sind sich die wenigsten Fidschianer bewusst,
dass in ihrer tropischen Inselwelt zwei einzigartige Froscharten
leben. Ja, manche bestreiten gar die Existenz dieser Tiere -
obschon vor allem der Fidschi-Bodenfrosch noch bei der Entdeckung
des Archipels durch die Europäer im 18. Jahrhundert regelmässig
als Leckerbissen auf die Tische der Inselbewohner gekommen war.
Mittels einer grossangelegten Kampagne in Schulen und Zeitschriften
soll nun jedermann auf die einheimischen Frösche aufmerksam
gemacht und über ihre hochinteressante Lebensweise in den
Regenwäldern des Archipels informiert werden. Denn bekanntlich
bilden Interesse, Verständnis und Achtung die beste Grundlage
für einen verantwortungsvollen Umgang mit Tieren und Pflanzen.
So will man also versuchen, bei der Inselbevölkerung durch
die Einsicht in das komplexe und faszinierende Ökosystem
Regenwald die Ehrfurcht vor dem Leben im allgemeinen und die
Bereitschaft zum Naturschutz im speziellen zu wecken.
Fidschi besitzt derzeit erst ein einziges kleines
Naturschutzgebiet. Die Ausweisung eines weiteren, grossflächigen
Reservats auf der Insel Taveuni, wo noch weitgehend ungestörte
Regenwälder existieren, ist dringend erforderlich. Mit der
besagten Kampagne will man nun jeden Einzelnen dazu aufrufen,
sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für dieses Projekt
einzusetzen und damit seinen Teil zur Erhaltung der reichen und
einzigartigen Flora und Fauna der Inselgruppe beizutragen.
Zur Hauptseite
|