Fischotter

Lutra lutra


© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Fischotter (Lutra lutra) gehört innerhalb der Ordnung der Raubtiere (Carnivora) zur Familie der Marder (Mustelidae). Erwachsene Tiere weisen im Durchschnitt eine Kopfrumpflänge von 80 Zentimetern, eine Schwanzlänge von 40 Zentimetern und ein Gewicht von 6 bis 10 Kilogramm auf. Wie die «echten» Marder (Unterfamilie Mustelinae) hat der Fischotter einen schlanken, langgestreckten Körper und verhältnismässig kurze Beine. Er unterscheidet sich von ihnen aber durch vielfältige Anpassungen an das Leben und die Jagd im Wasser. Infolge seiner Bindung ans Wasser wurde er früher auch «Wassermarder» genannt.

«Sein Leben ist von so eigenthümlicher Art, dass es jeden Naturfreund fesseln muss. An dem Fischotter ist alles merkwürdig, sein Leben und Treiben im Wasser, seine Bewegungen, sein Nahrungserwerb und seine geistigen Fähigkeiten. Er gehört unbedingt zu den anziehendsten Thieren unseres Erdtheiles», schreibt Alfred Brehm in seiner Enzyklopädie von 1864 begeistert über den Fischotter.

 

Erfolgreicher Jäger der Binnengewässer

Der Fischotter ist über ganz Europa und weite Teile Asiens verbreitet - von den Britischen Inseln im Westen bis nach Japan und der fernöstlichen Sowjetunion im Osten, von Norwegen und Sibirien im Norden bis nach Nordafrika und Indonesien im Süden.

Der bevorzugte Lebensraum des Fischotters innerhalb dieses riesigen Verbreitungsgebiets sind die Fliess- und Stillgewässer der Niederungen, deren Ufer mit dichtem Pflanzenwuchs gesäumt sind. Hier findet er ein reiches Nahrungsangebot und vielfältige Deckungsmöglichkeiten. Die Nähe menschlicher Siedlungen scheut der Fischotter wenig. Er ist sehr anpassungs- und lernfähig und weiss Begegnungen mit dem Menschen weitgehend zu vermeiden. Weniger günstige Lebensräume, in denen der Fischotter aber ebenfalls anzutreffen ist, sind Bäche und Seen in Hügel- und Bergland.

Der Fischotter ist ein ausserordentlich gewandter, schneller und ausdauernder Schwimmer und Taucher. Zwar bewegt er sich auch an Land keineswegs langsam oder ungeschickt fort. Sein wahres Element aber ist das Wasser.

Im Wasser geht der Fischotter auch vorwiegend auf die Jagd. Dank seiner enormen Beweglichkeit und Geschwindigkeit vermag er Fische aller Art im «Spurt» einzuholen und zu packen. Tatsächlich besteht der Hauptteil seiner Nahrung aus Fischen. Der Wassermarder wurde deshalb von alters her als schlimmer «Schädling» eingestuft und vielerorts unnachgiebig verfolgt. Neben Fischen erbeutet der Fischotter vor allem noch Kleinsäuger, Vögel und Lurche. Aber auch Flusskrebse und andere Wirbellose stehen auf seinem Speiseplan.

Vielfältige Anpassungen im Körperbau machen den Fischotter zu einem sehr erfolgreichen Jäger der eurasischen Binnengewässer. Da sind etwa seine Stromlinienform und die ausserordentlich elastische Wirbelsäule zu nennen. Letztere erlaubt es ihm, sich wie ein Delphin durch wellenförmige Bewegungen seines Körpers durchs Wasser zu treiben. Sein Schwanz ist abgeflacht und wirkt wie eine langgestreckte Flosse. Als Steuerruder dienen ihm bei seinen oftmals akrobatischen Unterwasserjagden sowohl die Hinter- wie die Vorderbeine, welche beide über Schwimmhäute zwischen den Zehen verfügen. Diese Schwimmhäute befähigen ihn auch dazu, durch «Wassertreten» senkrecht im Wasser zu stehen, Kopf und Hals über die Wasseroberfläche zu strecken und seine Umgebung zu mustern. Im Vergleich zu den anderen Marderarten besitzt der Fischotter ferner recht grosse Lungen. Sie ermöglichen es ihm, selbst auf der Jagd, also bei grösster körperlicher Anstrengung, bis zu 45 Sekunden lang unter Wasser zu bleiben.

Eine wichtige Anpassung an das Wasserleben stellt schliesslich auch das wasserdichte Fell des Fischotters dar. Es besteht aus langen, öligen Grannen und einer seidenweichen Unterwolle. Die Grannen schützen wirkungsvoll vor dem Eindringen von Wasser bis zur Unterwolle. Ausserdem halten sie beim Schwimmen die in der Unterwolle befindliche Luft gefangen. Diese Luftschicht schützt gegen Kälte und verschafft dem Körper gleichzeitig einen günstigen Auftrieb. Auch wenn sich der Fischotter stundenlang im Wasser aufgehalten hat, genügt ein kräftiges Schütteln an Land, und sein Fell ist praktisch trocken.

Geruch und Gehör des Fischotters sind ausgezeichnet entwickelt. Beide spielen vor allem bei den innerartlichen Beziehungen eine wichtige Rolle. Unter Wasser sind sie aber wohl kaum von Bedeutung; auf jeden Fall hält der Fischotter beim Tauchen sowohl seine Nasenöffnungen als auch seine Ohren fest verschlossen.

Seine Beute scheint der Wassermarder hauptsächlich optisch zu verfolgen: Seine Augen sind mit speziellen Linsen ausgestattet, die ein perfektes Sehen unter Wasser erlauben. Darüberhinaus scheint der Fischotter auch mit seinen empfindlichen Schnurrhaaren Fische orten zu können, denn sie gestatten es ihm, Vibrationen wahrzunehmen, welche durch die Bewegungen der Tiere verursacht werden. Dieser «Ferntastsinn» dürfte vor allem bei schlechten Lichtverhältnissen und in trübem Wasser von Bedeutung sein.

 

Duftmarken dienen der Verständigung

Fischotter lassen sich selten blicken. Die Beobachtung eines Fischotters, der sich in Ufernähe an der Sonne wärmt, eines Wassermarders auf der Jagd oder gar eines Weibchens, das mit seinen Jungen umherstreift, ist ein seltener Glücksfall. Biologen, welche Ökologie und Verhalten der Tiere in freier Wildbahn untersucht haben, wissen hiervon ein Lied zu singen. So stammen denn aufgrund der grossen Vor- und Umsicht, mit der sich der Fischotter in seinem Lebensraum bewegt, die meisten unserer Kenntnisse über seine Lebensweise aus der Deutung seiner Spuren und nicht aus der direkten Beobachtung.

Otter leben einzelgängerisch. Jedes Männchen und jedes Weibchen besitzt einen Eigenbezirk, dem es meistens sein ganzes Leben lang treu bleibt und in dem es jeden Winkel kennt. Die Reviere der Männchen erstrecken sich entlang von Bächen, Flüssen und Seeufern über eine Distanz von zehn bis zwanzig Kilometern und überlappen nicht mit denjenigen anderer Männchen. Die Reviere der Weibchen sind kleiner und können mit den Revieren mehrerer Männchen überlappen. Die meiste Zeit verbringt jedes Individuum in einem verhältnismässig kleinen Zentralteil seines Wohngebiets. Von Zeit zu Zeit werden aber die Grenzbereiche besucht und auf etwaige Grenzüberschreitungen von Nachbarn oder die Anwesenheit von Fremdlingen hin kontrolliert.

Innerhalb seines Reviers besitzt jeder Fischotter mehrere gut geschützte Schlaf- und Ruheplätze. Sie befinden sich etwa unter einem grossen Stein, im ausgewaschenen Wurzelwerk eines grossen Baums, im dichten Röhricht oder in einem ufernahen Kaninchen-, Fuchs- oder Dachsbau. Oft verfügt er auch noch über einen selbstgegrabenen Bau in einer Uferböschung, dessen Einschlupf unter der Wasseroberfläche liegt.

Bei seinen Wanderungen über Land hält sich der Fischotter immer wieder an dieselben Routen, so dass mit der Zeit deutlich ausgetretene Pfade entstehen. Diese «Wechsel» markiert jeder Revierinhaber mit kleinen Kothaufen, die er an auffälligen Stellen anbringt und mit einem süsslich riechenden Sekret aus seinen Duftdrüsen am Hinterteil versieht. Diese Duftmarken haben die Funktion von Visitenkarten: Sie zeigen allen Artgenossen an, dass das betreffende Gebiet besetzt ist. Ferner können sich die Männchen anhand der Duftmarken der Weibchen über deren Paarungsbereitschaft informieren.

 

Manche Jungotter sind wasserscheu

In Mitteleuropa kennen die Fischotter keine bestimmte Fortpflanzungszeit; Junge kommen in jedem Monat des Jahrs zur Welt. In Skandinavien und in der nördlichen Sowjetunion aber, wo die Binnengewässer im Winter zufrieren und das Nahrungsangebot vorübergehend knapp wird, finden die Geburten hauptsächlich im Frühjahr statt.

Nach einer Tragzeit von etwa neun Wochen bringt das Weibchen meistens zwei Junge zur Welt. Deren Augen sind anfänglich fest verschlossen und öffnen sich erst nach einem Monat. Im Alter von etwa zehn Wochen verlassen die Jungen erstmals den Schutz des mütterlichen Baus, und im Alter von drei Monaten unternehmen sie die ersten Schwimmversuche. Nicht alle Jungotter gehen allerdings freiwillig ins Wasser; manche müssen von der Mutter richtiggehend hineingezerrt werden. Dank ihres flauschigen, lufthaltigen Fells treiben sie zu Beginn wie Bojen auf dem Wasser und haben alle Mühe, unter die Wasseroberfläche zu tauchen. Im Alter von vier Monaten werden sie entwöhnt. Nun beginnen sie, die ersten Tiere zu erbeuten und werden zusehends selbständiger. Sie streifen noch etwa vier Monate lang mit der Mutter umher, dann gehen sie ihre eigenen Wege. Mit zwei bis drei Jahren sind sie geschlechtsreif. Die Lebensdauer in Menschenobhut beträgt bis 19 Jahre.

 

Chemikalien im Wasser

Der Fischotter wurde schon immer vom Menschen bejagt - sei es wegen seines dicken Fells, weil er ein «Fischräuber» ist, oder einfach so, als «Sport». Trotz der gebietsweise starken Verfolgung blieb aber der Fischotter dank seines grossen Anpassungsvermögens weit verbreitet.

Gegen Ende der fünfziger Jahre fiel jedoch plötzlich auf, dass die Bestände des Fischotters in vielen Teilen Europas markant zurückgingen. Dies war vor allem aus den Jagdstatistiken klar ersichtlich. Aber auch Naturwissenschaftler und Naturschützer fanden immer weniger Spuren des Wassermarders. In der Folge strengten die Naturschutzbehörden mancher europäischer Länder Nachforschungen an. Diese ergaben, dass die Verluste in den hochindustrialisierten Ländern Mitteleuropas beträchtlich waren. In Skandinavien, Portugal, Griechenland und Osteuropa waren die Einbussen weniger ausgeprägt. Da zu befürchten stand, dass der Fischotter in manchen Regionen Mitteleuropas über kurz oder lang verschwinden würde, sofern man nichts zu seinem Schutz unternahm, änderten viele Länder ihre Gesetzgebung ab: Der Fischotter wurde nicht mehr länger als Schädling oder Jagdwild eingestuft, sondern als geschützte Art.

Nun begann die Suche nach den möglichen Ursachen für den plötzlichen Zerfall der Fischotterpopulationen. Bald fiel auf, dass der Fischotterrückgang einherging mit dem Rückgang von Wanderfalke, Sperber und anderen Greifvogelarten. Für jene stand aber bereits fest, dass sie die Opfer des Einsatzes bestimmter landwirtschaftlicher Schädlingsbekämpfungsmittel geworden waren, welche zur Stoffgruppe der Chlorierten Kohlenwasserstoffe gehörten. Die Greifvögel starben oder wurden unfruchtbar, nachdem sie Kleinvögel verzehrt hatten, welche mit diesen Chemikalien behandelte Getreidekörner gefressen hatten. Der Gedanke lag nahe, dass auch der Fischotter das Opfer von Schädlingsbekämpfungsmitteln geworden war, denn schliesslich wird immer ein Teil dieser Chemikalien von den Feldern in die Bäche und Flüsse ausgeschwemmt. Untersuchungen zeigten die Richtigkeit dieses Schlusses: Die Kohlenwasserstoffe reicherten sich tatsächlich in der Nahrungskette der Wasserlebewesen vom Plankton über verschiedene Kleintiere und Fische bis hin zum Fischotter erheblich an. Dies führte zum einen zur Abnahme der Fischbestände und damit zur Verschlechterung der Nahrungsgrundlage des Fischotters. Zum anderen wurden Fischotter direkt vergiftet und starben oder wurden durch Störungen des Hormonhaushalts unfruchtbar.

Als man sich der umwelt- und nicht zuletzt auch für den Menschen gesundheitsschädigenden Wirkungen der Chlorierten Kohlenwasserstoffe bewusst wurde, schränkte man ihre Verwendung für die Schädlingsbekämpfung drastisch ein. Mancherorts nahmen daraufhin die Greifvogelbestände schnell wieder zu. Die Fischotter hingegen erholten sich nicht mehr. Möglicherweise ist die Verunreinigung der Gewässer mit Chemikalien aller Art noch immer derart hoch, dass die Fortpflanzung der Fischotter weiterhin beeinträchtigt wird. Unter Umständen liegt es aber auch daran, dass die enormen Lebensraumveränderungen der letzten Jahrzehnte (Wasserlaufbegradigungen, Wasserspiegelsenkungen, Uferbefestigungen usw.) eine Wiederausbreitung der Fischotter unmöglich machen.

Angesichts der weiterschreitenden Industrialisierung, der verstärkten Intensivierung der Landwirtschaft und auch des zunehmenden Erholungstourismus in Gewässernähe muss damit gerechnet werden, dass der Niedergang des Fischotters trotz der erlassenen Schutzgesetze noch weitergeht. Konkretere Schritte zur Erhaltung der Art sind zwar in manchen Ländern erfolgt. So wurden zum Beispiel spezielle Otterschutzgebiete geschaffen - Flussabschnitte mit dichter Ufervegetation und künstlichen Otterunterkünften. Auch gab es erfolgreiche Wiederaussiedlungen und Umsetzungen von Fischottern. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Otter mit Biber, Bär, Wolf und Luchs zusammen zu jenen bedauernswerten Wildtieren zu rechnen ist, die nur in ein paar letzten kläglichen Resten ihrer ehemaligen Lebensräume noch Platz zum Überleben haben - umgeben von einer für sie lebensfeindlichen, vom Menschen radikal geänderten Welt.




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