Grosse Hufeisennase - Rhinolophus ferrumequinum
Abendsegler - Nyctalus noctula
Mausohr - Myotis myotis
Zweifarbfledermaus - Vespertilio murinus
© 1989 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Verschiedene baumlebende Arten von Säugetieren
können beim Springen von Ast zu Ast oder von Baum zu Baum
eine Flughaut durch Spreizen der Arme und Beine fallschirmartig
ausspannen und vermögen auf diese Weise zum Teil beachtliche
Strecken durch die Luft zurückzulegen. Stets handelt es
sich aber nur um ein schräg abwärts gerichtetes, passives
Gleiten, gewissermassen einen Sprungflug. Einen aktiven, ausdauernden
Flug - von der eigenen Muskelkraft angetrieben - üben von
allen Säugetieren nur die Fledertiere aus.
Die Eroberung des Luftraums hat es den Fledertieren
im Laufe der Stammesgeschichte ermöglicht, sich über
den gesamten Erdball auszubreiten und dabei alle nur denkbaren
Lebensräume und ökologischen Nischen zu besetzen. Selbst
weit entlegene ozeanische Inseln haben sie erreicht. Ja, auf
Neuseeland, Hawaii, den Azoren und vielen weiteren ozeanischen
Inseln sind die Fledertiere sogar die einzigen heimischen Säugetierarten.
Weltweit 950 Arten
Ein Mass für den grossen Erfolg, der den Fledermäusen
dank ihres Flugvermögens beschieden ist, ergibt sich nebst
ihrer weltweiten Verbreitung auch aus ihrer enormen Artenvielfalt:
Mit insgesamt 950 Arten stellen sie fast ein Viertel aller Säugetiere.
Einzig die Nagetiere bilden mit rund 1700 Arten eine noch umfangreichere
Säugetiergruppe.
Die Ordnung der Fledermäuse (Chiroptera) wird
in zwei Unterordnungen gegliedert: die Flederhunde (Megachiroptera)
und die Fledermäuse (Microchiroptera). Zur Unterordnung
der Flederhunde zählen rund 170 Arten, welche alle zur selben
Familie, nämlich den Flughunden (Pteropidae), gehören.
Sie leben ausnahmslos in den Tropen und Subtropen der Alten Welt,
von Afrika im Westen bis zu den polynesischen Cook-Inseln im
Osten. Die meisten von ihnen ernähren sich von Früchten,
Blüten und anderen pflanzlichen Stoffen. Unter den Flughunden
findet sich das grösste aller Fledertiere, der ?-Flughund
(Pteropus ?) mit einer nachgewiesenen Spannweite von zwei
Metern! Einige Flederhunde sind aber auch recht klein, so etwa
der Zwerglangzungen-Flughund (Macroglossus minimus), dessen
Spannweite sich lediglich auf 25 cm bemisst.
Zur Unterordnung der Fledermäuse gehören
etwa 780 Arten, welche in 18 Familien eingeteilt werden und -
im Gegensatz zu den Flederhunden - über die ganze Welt verbreitet
sind. Die meisten von ihnen, nämlich etwa 650 verschiedene
Arten, sind Insektenjäger. Zu den Fledermäusen gehört
das kleinste aller Fledertiere und mithin das kleinste Säugetier
der Welt: die Hummel- oder Schweinsnasenfledermaus (Craseonycteris
thonglongyai), welche nur gerade 1,5 g wiegt und erst 1974
in Thailand entdeckt worden ist. Als grösste Fledermaus
gilt dagegen die australische Gespenstfledermaus (Macroderma
gigas), welche eine Flügelspannweite um einen Meter
erreicht.
31 Arten in Europa
Die in Europa vorkommenden Fledermausarten - 31 an
der Zahl und allesamt Insektenfresser - gehören drei verschiedenen
Familien an: den Buldogg-Fledermäusen (Familie Molossidae),
den Hufeisennasen (Fam. Rhinolophidae) und den Glattnasen (Fam.
Vespertilionidae).
Die Familie der Buldoggfledermäuse ist eine tropische
Fledermaussippe mit rund 90 Arten. Eine Art, die Buldogg-Fledermaus
(Tadarida teniotis), hat jedoch ihr Verbreitungsgebiet
nordwärts über Afrika hinweg bis nach Südeuropa
ausgedehnt. Es handelt sich um eine ziemlich grosse Fledermaus
mit einer Kopfrumpflänge von 8,2 bis 8,7 cm, einer Spannweite
bis 50 cm und einem Gewicht bis 50 g. Von den anderen europäischen
Arten unterscheidet sich die Buldogg-Fledermaus deutlich durch
ihren langen, freistehenden Schwanz, der die Flughaut nach hinten
weit überragt.
Von der Familie der Hufeisennasen, die mit ungefähr
70 Arten in der Alten Welt weit verbreitet ist, kommen fünf
Arten in Europa vor. Sie sind aus der Nähe leicht an ihrem
hufeisenförmigen Nasenlappen zu erkennen. Dieses Hauptgebilde
dient als Richtstrahler bei der Echopeilung, denn die Hufeisennasen
erzeugen zwar ihre Ultraschall-Rufe wie alle Fledermäuse
mit der Kehlkopfmuskulatur, stossen sie aber dann nicht durch
den Mund, sondern durch die Nase aus. Das hat den grossen Vorteil,
dass sie mit geschlossenem Mund fliegen und im Flug die gefangenen
Insekten verzehren können, ohne auf die Peilung verzichten
zu müssen.
Die grosste europäische Hufeisennase ist die
Grosse Hufeisennase (Rhinolophus ferrumequinum). Sie weist
eine Kopfrumpflänge von 5,6 bis 6,8 cm, eine Flügelspannweite
von 34 bis 39 cm und ein Gewicht bis etwa 45 g auf. Ihre Flügel
sind breit und aussen abgerundet, was auf einen nicht sehr schnellen,
dafür aber besonders wendigen Flieger hinweist. Auf die
Insektenjagd geht die Grosse Hufeisennase vorzugsweise entlang
unverbauter Flüsse und Bäche.
Mit Abstand die grösste Fledermaussippe der Welt
ist die Familie der Glattnasen: Ihr gehören insgesamt etwa
320 Arten an. 25 davon kommen in Europa vor.
Wie ihr Name sagt, tragen die Glattnasen keine besonderen
Nasenaufsätze oder sonstigen Hautgebilde am Kopf. Dafür
sind ihre Ohren im allgemeinen ziemlich gross und weisen in ihrem
Zentrum, die Ohröffnung überragend, einen sogenannten
«Ohrdeckel» auf, der wahrscheinlich für das
Richtungshören bedeutsam ist. Grösse und Form des Ohrdeckels
sind so kennzeichnend, dass man ihn zur Bestimmung der Arten
heranziehen kann.
Eine bekannte Glattnase ist der Abendsegler (Nyctalus
noctula). Er ist in Europa weit verbreitet - von Skandinavien
südwärts bis zu den Griechischen Inseln und von England
ostwärts bis nach Russland. Einzig in Portugal, Teilen Spaniens,
Südfrankreich, Schottland und Irland ist er nicht anzutreffen.
Mit einer Kopfrumpflänge von 7,9 bis 8,4 cm, einer Spannweite
von 36 cm und einem Gewicht bis über 40 g gehört der
Abendsegler zu den grössten Fledermäusen Europas. Er
besitzt lange, schmale Flügel und ist denn auch ein rassiger,
schneller Flieger.
Ebenfalls zur Familie der Glattnasen gehört das
Mausohr (Myotis myotis), nach der Buldogg-Fledermaus die
zweitgrösste Fledermausart Europas. Ihre Kopfrumpflänge
beträgt 6,8 bis 8,2 cm, die Spannweite um 40 cm und das
Gewicht bis 45 g. Ein gutes Kennzeichen dieser hübschen
Fledermaus ist ihr spitzes, fast unbehaartes rosafarbenes Gesicht.
Das Mausohr ist hauptsächlich im südeuropäischen
Raum heimisch und bewohnt dort vorzugsweise offene, von Gehölzen
durchsetzte Landschaften. Seine Hauptbeutetiere sind bodenlebende
Käferarten, die es direkt vom Boden aufnimmt.
Ein weiterer Vertreter der Glattnasen ist die Zweifarbfledermaus
(Vespertilio murinus). Sie bewohnt vornehmlich das östliche
und südliche Europa und zählt - mit einer Kopfrumpflänge
von 5,5 bis 6,3 cm, einer Spannweite von etwa 30 cm und einem
Gewicht bis 14 g - zu den mittelgrossen Vertretern ihrer Sippe.
Wie ihr Name sagt, ist die Zweifarbfledermaus anhand ihrer Färbung
leicht erkennbar: Oberseits ist ihr Fell dunkelbraun mit weissen
Haarspitzen («bereift»), unterseits weisslich. Über
die Lebensweise der Zweifarbfledermaus ist wenig bekannt. Man
weiss lediglich, dass sie jeweils im Herbst südwärts
gerichtete Wanderungen von bis zu 1000 km durchführt.
Sie orientieren sich mittels Echopeilung
Fledermäuse sind im Gegensatz zu den meisten
Vögeln nachts unterwegs. Das Fliegen bei Nacht wirft aber
besondere Probleme auf. So müssen einerseits Hindernisse
(z.B. Bäume) rechtzeitig erkannt und umflogen und andererseits
Ziele (z.B. Beutetiere) sicher geortet und angesteuert werden.
Während vieler Jahrhunderte hatte der Mensch
gerätselt, wie es die Fledermäuse wohl schaffen, in
stockdunkler Nacht auf Insektenfang gehen zu können. Im
Jahr 1933 kam man dann dem «Betriebsgeheimnis» der
Fledermäuse endlich auf die Spur. Nach der Erfindung hochsensibler
Mikrophone entdeckte der Amerikaner Donald Griffin, dass Fledermäuse
Ultraschall-Töne zu erzeugen vermögen - Töne also,
deren Frequenz oberhalb des menschlichen Hörvermögens
liegt - und dass ihr ausserordentlich empfindliches Gehör
sie offenbar dazu befähigt, die Echos dieser Töne zur
Orientierung im Raum zu verwenden.
Beim Beutesuchflug stösst die Fledermaus im allgemeinen
fünf bis zehn kurze Töne pro Sekunde aus, wobei deren
Lautstärke, Höhe und Form von Art zu Art sehr unterschiedlich
sind. Werden die abgegebenen Signale während dieser Suchphase
von einem Beutetier reflektiert, so erhöht die Fledermaus
den Signalrhythmus schlagartig: Sie gibt nun bis 200 Rufe pro
Sekunde ab - genug, um sich dem Opfer zielsicher nähern
und es schliesslich erbeuten zu können.
So ausgetüftelt uns das Ortungssystem der Fledermäuse
auch erscheinen mag, so haben doch einige Nachtfalterarten den
«Trick» der Fledermäuse längst «durchschaut»
und im Laufe ihrer Stammesgeschichte erfolgreiche Feindvermeidungs-Strategien
entwickelt. So verfügen sie über spezielle Hörmembranen,
mit denen sie die Ortungsrufe der Fledermäuse wahrnehmen
können, und «tauchen» bei Gefahr schleunigst
im Zickzackflug Richtung Boden oder lassen sich kurzerhand fallen.
Ein paar dieser «findigen» Insekten scheinen sogar
die unheilvollen Peiltöne mit Klicklauten zu «beantworten»
und dadurch das Betriebssystem angreifender Fledermäuse
verwirren zu können.
Schon nach drei bis vier Wochen machen sich die
Jungen selbständig
In Europa bringen die Fledermausweibchen ihre Jungen
zumeist in den Sommermonaten zur Welt. In der Regel wird ein
einzelnes Junges pro Wurf geboren. In südlichen Lebensräumen
und bei gut ernährten Tieren in Menschenhand treten aber
häufig auch Zwillinge auf. Während des Geburtsvorgangs
drehen sich die kopfabwärts am Schlafplatz hängenden
Weibchen im allgemeinen nach oben und fangen ihr Kind mit der
Schwanzflughaut auf.
Die Jungen der meisten Fledermausarten sind bei der
Geburt recht gross; oft wiegen sie gut ein Drittel ihrer Mutter.
Bereits wenige Minuten nach der Geburt suchen sie die Zitzen
im mütterlichen Fell und beginnen zu saugen. In den ersten
Tagen nach der Geburt tragen die Weibchen ihre Kinder selbst
während der nächtlichen Insektenjagd mit sich herum.
Später müssen die rasch heranwachsenden Jungtiere nachtsüber
«daheim» bleiben und warten dann dort in belebten
«Kinderkrippen» ungeduldig auf die Rückkehr
ihrer Mütter. Schon im Alter von drei bis vier Wochen werden
die Fledermaus-Kinder entwöhnt. Sie sind zu diesem Zeitpunkt
voll flugfähig und unternehmen nun ihre ersten Jagdausflüge.
Wenige Wochen nach der Entwöhnung erreichen die
Jungtiere bereits die Körpergrösse, jedoch noch nicht
das Gewicht der erwachsenen Tiere. Dieses stellt sich erst im
Laufe einiger Jahre ein. Die Geschlechtsreife tritt bei vielen
Arten ungefähr im zwölften Lebensmonat ein, und die
maximale Lebensdauer liegt bei etwa 30 Jahren. Allerdings erreichen
nur wenige Tiere ein solch hohes Alter. Die durchschnittliche
Lebenserwartung liegt bei vier bis fünf Jahren.
Landschaftsveränderungen machen den Fledermäusen
zu schaffen
Fledermäuse sind tagsüber meist unsichtbar.
Erst in der Nacht, wenn anständige Bürger im Bett liegen,
tauchen sie auf und huschen dann geisterhaft durch die Dunkelheit.
Schon früh hat der Mensch die Fledermäuse mit seiner
Angst vor der Finsternis in Zusammenhang gebracht und das «lichtscheue
Gesindel» nach Möglichkeit gemieden oder gar ausgemerzt.
Vom schlechten Ruf, in welchem die Fledermäuse in Europa
von alters her standen, zeugt beispielsweise die Tatsache, dass
hier Drachen und Teufel über viele Jahrhunderte hinweg mit
Fledermausflügeln dargestellt wurden. Im 20. Jahrhundert
gelangten dann noch allerlei schreckliche Gruselgeschichten über
Graf Dracula und seine Freunde, die Vampire, in Umlauf. Sie waren
bestimmt nicht dazu geeignet, den Ruf der Fledermäuse zu
verbessern. Mit sachkundiger Information über die faszinierende
Lebensweise der Fledermäuse und ihre wichtige Rolle im Haushalt
der Natur ist es den Natur- und Umweltschutzorganisationen in
jüngerer Zeit aber glücklicherweise gelungen, das Verständnis
und zum Teil sogar die Zuneigung einer breiten Öffentlichkeit
diesen scheuen Tieren gegenüber zu wecken.
Trotzdem gehen heute besonders in der westlichen Welt
die Fledermausbestände in beängstigendem Mass zurück,
und einige Arten sind sogar schon ausgestorben. Von den vier
in dieser Briefmarkenausgabe vorgestellten Fledermäusen
weist hauptsächlich die Grosse Hufeisennase in manchen Bereichen
Europas starke Bestandseinbussen auf. Aber auch die Populationen
des Abendseglers und des Mausohrs sind gebietsweise stark rückläufig.
Über die Bestandsentwicklung der Zweifarbfledermaus ist
nichts Näheres bekannt, da sie generell sehr selten ist.
Das Absinken der Fledermausbestände in den gemässigten
Breiten wird in Fachkreisen auf die allmählichen, in ihrer
Gesamtheit aber tiefgreifenden Veränderungen der Umwelt
durch den Menschen zurückgeführt. Nachteilige Auswirkungen
haben vor allem die Anbaumethoden der modernen Land- und Forstwirtschaft:
So führt etwa der massive Einsatz chemischer Schädlingsbekämpfungs-
und Düngemittel zu einem starken Rückgang der Insektenfauna,
der Nahrungsgrundlage der Fledermäuse. Durch die Ausräumung
der Landschaft zwecks Schaffung grossflächiger, maschinengerechter
Felder werden die Fledermäuse überdies auf breiter
Front ihrer ohnehin raren Schlafplätze beraubt. Hierzu tragen
leider vielerorts auch unbedachte Sanierungsarbeiten im Dachgebälk
älterer Gebäude bei.
In vielen europäischen Ländern sind Fledermäuse
heute gesetzlich geschützt. Es erweist sich aber ganz allgemein
als schwierig, geeignete Schutzmassnahmen durchzuführen,
da der schleichenden Landschaftsumgestaltung sehr schwer beizukommen
ist. Neben dem gezielten Schutz der noch vorhandenen Sommer-
und Winterquartiere der Fledermäuse gilt das Augenmerk der
europäischen Natur- und Umweltschützer darum hauptsächlich
der Erhaltung möglichst grossflächiger Naturlandschaften
und der Förderung umweltgerechter land- und fortwirtschaftlicher
Nutzungsformen. Fraglos werden diese Schutzbestrebungen nicht
allein den Fledermäusen zugute kommen, sondern ebenso allen
anderen pflanzlichen und tierlichen Lebewesen des Kontinents,
den Menschen mit eingeschlossen.
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