Vanuatu-Flughund - Pteropus anetianus
Langschwanz-Flughund - Notopteris macdonaldi
© 1996 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Republik Vanuatu, 1980 aus der anglo-französischen
Kolonie «Neue Hebriden» entstanden, befindet sich
im westlichen Pazifik - zwischen den Salomonen im Norden, Neukaledonien
im Süden und Fidschi im Osten - und besteht aus einer Kette
üppig grüner Vulkaninseln. 12 200 Quadratkilometer
misst die gesamte Landfläche der zwölf Haupt- und siebzig
Nebeninseln, wobei die grösste Insel, Espiritu Santo, 3626
Quadratkilometer gross ist und bis 1879 Meter aus dem Meer ragt.
Die vorwiegend melanesische Bevölkerung umfasst rund 160
000 Personen.
Das Klima Vanuatus ist tropisch-wechselfeucht: Von
April bis Oktober bescheren die stetig wehenden südöstlichen
Passatwinde den Inseln eine mässige Trockenzeit. Während
des Rests des Jahres (November bis März) herrschen böige
Nordwestwinde oder schwüle Windstille vor, und in dieser
Jahreszeit werden die Inseln mitunter auch von verheerenden Wirbelstürmen
heimgesucht.
Die Abgeschiedenheit Vanuatus in den Weiten des Pazifiks
hat eine Besiedlung durch landlebende Tiere beinahe unmöglich
gemacht. Tatsächlich hat kein einziger «Fussgänger»
unter den Landsäugetieren den entlegenen Archipel ohne Hilfe
des Menschen zu erreichen vermocht. Als einzige Landsäugetiere
sind Fledertiere aus eigener Kraft nach Vanuatu gelangt. Zwölf
verschiedene Arten haben sich erfolgreich niedergelassen, davon
sind acht insektenessende Mitglieder der Sippe der Fledermäuse
(Microchiroptera), vier vegetarisch lebende Mitglieder der Sippe
der Flughunde (Megachiroptera). Bei letzteren handelt es sich
um 1. den Tonga-Flughund (Pteropus tonganus), der im ganzen
südlichen Pazifik weitverbreitet ist; 2. den Langschwanz-Flughund
(Notopteris macdonaldi), der auf Vanuatu sowie auf Neukaledonien
und Fidschi vorkommt; 3. den Vanuatu-Flughund (Pteropus anetianus),
der nur auf Vanuatu heimisch ist; und 4. den Banks-Flughund (Pteropus
fundatus), der sogar nur auf den Banks-Inseln im Norden Vanuatus
zu finden ist. Vom Langschwanz-Flughund und vom Vanuatu-Flughund
soll hier berichtet werden.
Der Langschwanz-Flughund
Mit einer Kopfrumpflänge von ungefähr 10
Zentimetern und einem Gewicht von 50 bis 60 Gramm ist der Langschwanz-Flughund
ein ziemlich kleines Mitglied der Flughunde-Sippe. Von den restlichen
Flughunden unterscheidet er sich unverkennbar durch den Besitz
eines freistehenden Schwanzes, der aus zehn Wirbeln aufgebaut
ist und bis 6 Zentimeter lang sein kann. Bei allen anderen Flughunden
ist der Schwanz stummelartig oder fehlt gar vollständig.
Der Langschwanz-Flughund hat auf Vanuatu eine recht
weite Verbreitung: Man findet ihn auf allen grösseren Inseln
- von den Banks-Inseln im Norden des langgestreckten Archipels
bis Anatom ganz im Süden. Auch auf Fidschi und auf Neukaledonien
scheint die Art weitverbreitet vorzukommen. Auf Vanuatu kann
man dem Langschwanz-Flughund zwar mitunter in Höhen von
über 1000 Metern ü.M. begegnen, doch scheint er als
Lebensraum die Waldungen der tiefen Lagen zu bevorzugen.
Wie die überwiegende Mehrzahl der Fledertiere
ist der Langschwanz-Flughund ein nächtlich reges Tier. Den
Tag verbringt er gewöhnlich schlafend in einer Höhle,
wo er sich in möglichst dunkle Winkel zurückzieht.
Dort bilden die Tiere jeweils Kleingruppen von nur 5 bis 25 Individuen,
doch kann ihr Gesamtbestand in einer grösserer Höhle
durchaus mehrere hundert Individuen umfassen.
Seinen Tagesschlafplatz verlässt der Langschwanz-Flughund
gewöhnlich gegen Ende der Abenddämmerung, um auf Nahrungssuche
zu gehen, und er kehrt stets noch vor dem Morgengrauen wieder
«heim». Nur sehr selten ist er bei heller Dämmerung
oder gar am Tag unterwegs.
Aufgrund seines ausgeprägt nächtlichen Lebens
gibt es über die Gewohnheiten des Langschwanz-Flughunds
in freier Wildbahn bislang so gut wie keine Beobachtungen. Immerhin
lässt der Bau des Munds gewisse Rückschlüsse auf
seine Kost zu: Während die Zähne stark zurückgebildet
sind, ist die Zunge schlank und weit vorstreckbar, und sie weist
an ihrer Spitze borstenartige Papillen auf, was sie zu einem
«zahnbürstenartigen» Instrument macht. Dies
lässt darauf schliessen, dass der Langschwanz-Flughund (wie
andere Flughunde mit solcherart ausgebildeten Mundwerkzeugen)
ein Blütenbesucher ist, der mit seiner Zunge den Nektar
und Pollen derselben «abbürstet». Verhältnismässig
häufig wird der Langschwanz-Flughund im Bereich von Bananenstauden
gesichtet, deren Blütendeckblätter frische, vielsagende
Krallenspuren aufweisen. Bananenblüten, die auf allen Inseln
Vanuatus sehr zahlreich zu finden sind, dürften demnach
eine wichtige Futterquelle des zierlichen Flughunds darstellen.
Wenig ist auch über die Gesellschaftsform und
das Fortpflanzungsverhalten des Langschwanz-Flughunds bekannt.
Vereinzelte Beobachtungen deuten darauf hin, dass die beiden
Geschlechter ganzjährig beisammen bleiben, während
sonst bei den Flughunden sich die Männchen gewöhnlich
während eines Teils des Jahres von den Weibchen absondern.
Dazu passt, dass beim Langschwanz-Flughund keine deutliche Fortpflanzungsperiode
zu erkennen ist: Jungtiere scheinen zu allen Jahreszeiten zur
Welt zu kommen.
Der Vanuatu-Flughund
Im Gegensatz zum Langschwanz-Flughund, der einer eigenen
Gattung (Notopteris) angehört, zählt der Vanuatu-Flughund
zur grössten Flughundegattung und einer der grössten
Fledertiergattungen überhaupt: Pteropus. Über
sechzig Arten gehören dieser Gattung an, und sie haben zusammen
ein Verbreitungsgebiet, das von Madagaskar im westlichen Indischen
Ozean ostwärts bis zu den Cook-Inseln im zentralen Pazifischen
Ozean reicht.
Die meisten Mitglieder der Gattung Pteropus
sind grossgewachsene Fledertiere: Die kleinste Art ist immerhin
17 Zentimeter lang und hat eine Spannweite um 60 Zentimeter,
während die grösste, der indomalaiische Kalong (Pteropus
vampyrus), eine Kopfrumpflänge von über 40 Zentimetern
und eine Spannweite von bis zu 170 Zentimetern aufweisen kann.
Der Vanuatu-Flughund bewegt sich diesbezüglich im Mittelfeld:
Seine Kopfrumpflänge bemisst sich auf etwa 25 Zentimeter
und seine Spannweite auf einen knappen Meter.
Auf seinem Heimatarchipel ist der Vanuatu-Flughund
weitverbreitet: Er kommt wie der Langschwanz-Flughund auf sämtlichen
grösseren Inseln vor, von den Banks-Inseln im Norden bis
zur Insel Anatom im Süden. Wie die meisten Mitglieder der
Gattung Pteropus verbringt er den Tag in kopfstarken «Schlafkolonien»
hoch oben im Geäst alter, ausladender Bäume. Und wie
die meisten seiner Vettern verlässt er seinen Schlafplatz
zumeist schon am späten Nachmittag, um noch vor der Abenddämmerung
zu seinen oft mehrere Kilometer entfernten Essplätzen zu
fliegen.
Als Nahrung wählt der Vanuatu-Flughund vornehmlich
reife Früchte. Aufgrund von Beobachtungen wissen wir, dass
er sich mit Sicherheit an den Früchten von Wildfeigenbäumen
(Ficus spp.), Bananenstauden (Musa spp.), Papayabäumen
(Carica papaya) und Rosenapfelbäumen (Syzygium
jambos) gütlich tut, doch besucht er zweifellos noch
manch andere Fruchtbaumart. Kaum je verzehrt der Vanuatu-Flughund
die ganzen Früchte, sondern er quetscht sie nur aus, um
den Fruchtsaft aufzunehmen. Das faserige Fruchtfleisch und die
Fruchtkerne verschmäht er und spuckt sie jeweils wieder
aus. Unter den Fruchtbäumen, die von Vanuatu-Flughunden
während der Nacht aufgesucht werden, findet man daher am
nächsten Morgen massenhaft die ausgekauten Überreste
der Früchte. Hierauf mag es zurückzuführen sein,
dass die Eingeborenen der Vanuatu-Inseln steif und fest behaupten,
die Vanuatu-Flughunde besässen keinen After, sondern gäben
ihre Ausscheidungen aus dem Mund von sich.
Auf den besuchten Fruchtbäumen hält sich
der Vanuatu-Flughund gewöhnlich mehrere Stunden lang auf.
Er isst sich zuerst satt, danach ruht er und verdaut die aufgenommene
Nahrung, dann erst macht er sich - zumeist kurz vor der Morgendämmerung
- auf den Heimweg zu seinem Schlafplatz. Diese ausgedehnte nächtliche
«Siesta» nach der Mahlzeit ist ebenso wie das Ausspucken
der nährstoffarmen Fruchtteile eine Anpassung an die Fortbewegung
durch die Luft: Fliegen ist eine sehr energieaufwendige Fortbewegungsweise,
bei der jedes Gramm stark «ins Gewicht fällt».
Aus diesem Grund hält der Vanuatu-Flughund sein Körpergewicht
beim langen Flug von seinen Essplätzen zum Schlafplatz möglichst
gering - indem er erstens möglichst geringe Mengen nährstoffarmer
Pflanzenteile zu sich nimmt und zweitens möglichst viele
«Abfälle» bereits vor dem Rückflug ausscheidet.
Fruchtsäfte bestehen zur Hauptsache aus Wasser
und Zuckern, sind also energetisch sehr hochwertiges Futter.
Allerdings sind sie meistens arm an Eiweissen, die ja von allen
Säugetieren ebenfalls zwingend über die Nahrung aufgenommen
werden müssen. Dies dürfte der Hauptgrund dafür
sein, dass der Vanuatu-Flughund zwischendurch auch Blüten
kaut: Auf diese Weise nimmt er nämlich - nebst zuckerreichem
Nektar - grössere Mengen eiweissreichen Pollens zu sich.
Über das Fortpflanzungsgeschehen beim Vanuatu-Flughund
wissen wir erst wenig, doch ist bei ihm im Gegensatz zum Langschwanz-Flughund
eine gewisse Saisonalität zu beobachten: Die Paarungen scheinen
vornehmlich zwischen Oktober und Januar, also in der regenreichen
und stürmischen Jahreszeit, stattzufinden, so dass die Jungtiere
- nach einer Tragzeit von etwa fünf Monaten - in der vom
sanften Südostpassat geprägten Trockenzeit zur Welt
kommen. Dies ist nicht nur für die Weibchen vorteilhaft,
denen das Mittragen ihrer Kinder dann leichter fällt, sondern
auch für die Jungtiere, die somit in ruhigen Zeiten die
nötige Flugerfahrung sammeln können.
Flughunde landen im Kochtopf
Da die Fledertiere auf Vanuatu die einzigen einheimischen
Landsäugetiere sind, spielen sie eine wichtige Rolle in
den Legenden und im Brauchtum der eingeborenen Bevölkerung.
Besonders den grossgewachsenen Flughunden kommt ferner von alters
her eine nicht zu unterschätzende Bedeutung hinsichtlich
der Ernährung der eingeborenen Bevölkerung Vanuatus
zu: Neben Hühnern, Hausschweinen und Fischen stellen sie
die einzigen verhältnismässig leicht zu beschaffenden
Eiweisslieferanten dar. Eine Befragung, welche 1988 durch die
Umwelt-Abteilung des vanuatuischen Land-Ministeriums durchgeführt
wurde, zeigte, dass Flughunde auf allen grösseren Inseln
des Archipels für den Verzehr bejagt werden. Zur Hauptsache
gilt das Augenmerk dem Tonga-Flughund, also dem grössten
und wegen seiner lärmenden Schlafkolonien auffälligsten
der vier auf Vanuatu heimischen Flughundearten. In einem gewissen
Ausmass wird aber auch der Vanuatu-Flughund bejagt. Für
die Bejagung des zierlichen Langschwanz-Flughunds gibt es hingegen
keine konkreten Hinweise.
Um die Flughunde zu erlegen, wenden die Vanuatuer
vielfältige Methoden an. Meistens finden Pfeil und Bogen,
Gewehre, Stöcke und Steine Verwendung, mit denen die Tiere
an ihren Tagesschlafplätzen beschossen bzw. beworfen werden.
Hier und dort werden aber auch hakenbestückte Leinen an
bekannten Essplätzen ausgelegt und die anfliegenden Flughunde
dann durch ruckartiges Ziehen der Leinen gewissermassen aus der
Luft «geangelt».
Lokale «Tabus», welche die Bejagung oder
den Verzehr von Flughunden an bestimmten Orten oder zu bestimmten
Zeiten untersagen, scheint es auf Vanuatu keine zu geben. Einzig
auf Espiritu Santo glaubt ein Volksstamm, dass er von Flughunden
abstammt, weshalb die Stammesangehörigen strikt auf die
Bejagung ihrer «Verwandten» verzichten.
Dem Export einen Riegel vorgeschoben
Generell gesehen scheint das Ausmass der Flughundejagd
auf Vanuatu gegenwärtig keine wirklich ernste Gefahr für
die Tiere darzustellen. Im Gegensatz zur Situation auf anderen
südpazifischen Inselgruppen, wo es einen blühenden
internationalen Handel mit Flughundefleisch gibt (hauptsächlich
zur Versorgung des Marktes auf Guam, wo Flughundefleisch als
grosse Delikatesse gilt), wird den Flughunden auf Vanuatu nämlich
wenig systematisch und ausschliesslich für den lokalen Verzehr
nachgestellt. Dies scheint eine ertragbare Beeinträchtigung
der Flughundebestände zu bedeuten.
Erheblich verschlimmern würde sich die Lage aber
ohne Zweifel, wenn auch Vanuatu in den Sog des unsäglichen
Flughundebedarfs der Guam-Insulaner geraten würde. Dann
würde - wie wir es von Palau, Samoa und anderen Südseearchipelen
her kennen - der Druck auf die Flughundebestände schnell
ein Übermass erreichen. Aufgrund dieser Gefahr sind sowohl
der Langschwanz-Flughund als auch der Vanuatu-Flughund auf der
von der Weltnaturschutzunion (IUCN) publizierten Roten Liste
der gefährdeten Tierarten aufgeführt. Noch gilt ihr
Überleben auf Vanuatu nicht als tatsächlich bedroht;
es bedarf aber vernünftiger gesetzlicher Regelungen, damit
dieser Zustand auch zukünftig so bleibt.
Ein wichtiger Schritt in dieser Richtung ist erfreulicherweise
bereits erfolgt: Vanuatu hat 1993 die «Konvention über
den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten»
(CITES) ratifiziert - und dadurch dem Export von Flughundefleisch
einen Riegel vorgeschoben. Ausserdem versucht die vanuatuische
Umwelt-Abteilung im Rahmen eines breitangelegten Informationsprogramms,
die eingeborene Bevölkerung von der Notwendigkeit des Natur-
und Umweltschutzes und insbesondere der nachhaltigen Nutzung
der beschränkten natürlichen Güter innerhalb der
kleinen Inselrepublik zu überzeugen. Dies lässt hoffen,
dass die Flughunde noch viele weitere Jahre auf Vanuatu ihr nächtliches
Leben als Früchte- und Blütenesser zu führen imstande
sein werden.
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