Samoa-Flughund - Pteropus samoensis

Tonga-Flughund - Pteropus tonganus



© 1993 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die Seltenheit, mit der wir einer Fledermaus begegnen, welche im schnellen Flatterflug nach Insekten jagt, lässt uns im allgemeinen vermuten, die Fledertiere seien eine eher unscheinbare Tiersippe. Dies ist aber keineswegs der Fall, denn mit weltweit rund 950 verschiedenen Arten bilden die Fledertiere nach den Nagetieren (mit etwa 1700 Arten) die zweitgrösste Ordnung innerhalb der Klasse der Säugetiere. Rund ein Viertel aller Säugetiere sind Fledertiere! Dank ihrer Flugtüchtigkeit haben die Fledertiere praktisch alle bewohnbaren Lebensräume der Erde - selbst auf den entlegensten Ozeaninseln - erreicht, und sie spielen weltweit als Blütenbestäuber und Insektenverzehrer eine wichtige ökologische Rolle.

Die Ordnung der Fledertiere (Chiroptera) wird von den Zoologen in zwei verschiedene Unterordnungen gegliedert: Die Fledermäuse (Microchiroptera) stellen mit knapp 800 Arten in 18 Familien die grosse Mehrheit der Fledertiere dar. Sie sind gewöhnlich eher kleingewachsene Fledertiere, ernähren sich überwiegend von Insekten und sind weltweit verbreitet. Die Flughunde (Megachiroptera) setzen sich dagegen aus nur etwa 160 Arten zusammen, welche alle derselben Familie (Pteropodidae) angehören. Sie sind im allgemeinen eher grossgewachsene Fledertiere, verzehren überwiegend Früchte und sind nur in der Alten Welt heimisch. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südlichen Afrika und Madagaskar über Vorder-, Süd und Südostasien nordwärts bis nach Japan, südwärts bis nach Nordaustralien und ostwärts bis zu den Cook-Inseln inmitten des Pazifiks.

 

Fliegende Halbaffen?

Unser Wissen über die stammesgeschichtlichen Wurzeln der Fledertiere ist noch sehr lückenhaft. Unbestritten ist, dass sie sich irgendwann in grauer Vorzeit aus nichtfliegenden und wahrscheinlich kletternden Ur-Säugetieren herausgebildet haben. Doch über das Wann und Wie lassen sich keine näheren Angaben machen. Bereits die ältesten uns bekannten, in rund 60 Millionen Jahre alten Gesteinsschichten gefundenen Fledertiere waren nämlich in biologischer Hinsicht keineswegs primitiv: Sie besassen bereits einen voll funktionstüchtigen Flugapparat, der auf den bodennahen, langsamen, aber sehr wendigen Flug ausgerichtet war. Über die Umwandlung der Hand zum Flügel und der damit erlangten Fähigkeit zum aktiven Flug, welche die Fledertiere von allen anderen Säugetieren klar unterscheidet, haben wir somit keinerlei Informationen.

Es ist aufgrund dieser Sachlage kein Wunder, dass die Frage nach der Herkunft der Fledertiere und ihrer Verwandtschaft untereinander viel Raum für Spekulationen lässt. In der Tat herrscht in Fachkreisen keineswegs Einigkeit hierüber. Gemäss traditioneller Auffassung sprechen diverse Körperbaumerkmale dafür, dass sich die Fledermäuse und die Flughunde einst aus ein und derselben Stammform entwickelten wahrscheinlich aus primitiven Vorfahren der heutigen Insektenesser (Insectivora). Die Unterschiede zwischen den beiden Fledertiersippen sind gemäss dieser Auffassung als geringfügig einzustufen und lediglich die Folge ihrer heutigen Lebensweise als insektenessende «Ohrentiere» (Fledermäuse) beziehungsweise als früchteverzehrende «Augentiere» (Flughunde). Die Einordnung der beiden Sippen in ein und dieselbe Säugetierordnung wäre also gerechtfertigt.

Dem steht die neuere Auffassung gegenüber, wonach sich die Fledermäuse zwar in der Tat aus primitiven Insektenessern herausgebildet haben, die Flughunde hingegen von primitiven Vorfahren der heutigen Affen (Primaten) abstammen. Es sind vor allem Untersuchungen des optischen Systems, welche diese Auffassung stützen: Bei den Halbaffen und den Flughunden zeigen sich in dieser Hinsicht verblüffende Parallelen, welche bei allen anderen Säugetieren fehlen. Auch die Ernährungsweise der Flughunde spricht für diese Meinung. Und nicht zuletzt gleicht der Kopf der Flughunde äusserlich stark demjenigen der (zu den Halbaffen gehörenden) Lemuren. Die heutige Ähnlichkeit zwischen den Fledermäusen und den Flughunden ist gemäss dieser Auffassung nicht auf eine gemeinsame Abstammung zurückzuführen, sondern auf sogenannte «Konvergenz». Man versteht hierunter jenen in der Natur gar nicht so seltenen Prozess, bei dem Arten mit unterschiedlichem Ursprung im Laufe ihrer Stammesgeschichte auf gleiche Umweltbedingungen dieselben «Antworten» gefunden haben und sich deshalb heute ähneln. Demzufolge wäre die Einteilung der Fledermäuse und der Flughunde in ein und dieselbe Säugetierordnung falsch.

Welche Auffassung sich dereinst als richtig erweisen wird, ist schwer vorhersehbar. Wir wollen das Feld der Spekulationen hier ohnehin verlassen und uns im folgenden zwei Flughunden zuwenden, welche beide im pazifischen Raum beheimatet sind: dem Samoa-Flug hund (Pteropus samoensis) und dem Tonga-Flughund (Pteropus tonganus).

 

Meist am Tag unterwegs: der Samoa-Flughund

Der Samoa-Flughund ist ein mittelgrosser Vertreter seiner Sippe: Erwachsene Tiere wiegen ungefähr 800 Gramm und erreichen eine Spannweite von etwas unter einem Meter. Männchen und Weibchen unterscheiden sich weder in der Grösse noch in der Färbung.

Die Verbreitung des Samoa-Flughunds ist sehr begrenzt. Man findet ihn einzig auf Fidschi und auf Samoa. Im Fidschi-Archipel bewohnt er die drei Hauptinseln Viti Levu, Vanua Levu und Taveuni sowie ein paar der Nebeninseln, darunter Nayau und Ovalau. Im politisch zweigeteilten Samoa-Archipel ist er auf Savai'i und Upolu, den beiden Hauptinseln des unabhängigen Kleinstaats Westsamoa, zu Hause; ferner findet man ihn auf Tutuila, der Hauptinsel des US-Überseegebiets Amerikanisch Samoa, und auf den drei kleineren Manu'a-Inseln.

Auf den genannten Inseln bewohnen die Samoa-Flughunde vorzugsweise ausgedehnte Waldgebiete. Dort haben sie in grossen, über das Kronendach des Waldes hinausragenden Bäumen ihre Schlafplätze. Im Gegensatz zu vielen anderen Flughunden bilden sie jedoch keine vielköpfigen Schlafkolonien, sondern leben ziemlich ungesellig. Man trifft sie in ihren Schlafbäumen zumeist paarweise oder in Kleinfamilien, die aus einem erwachsenen Paar und einem Jungtier bestehen. Ja, vielfach begegnet man ihnen sogar einzeln, da Männchen und Weibchen eines Paars häufig auf separaten Bäumen schlafen.

Der Samoa-Flughund ernährt sich vornehmlich von den Früchten und Blüten der Waldbäume im Umfeld seiner Schlafplätze. Nur selten besucht er das angrenzende, vom Menschen kultivierte Land, um sich dort von jungen Kokosnüssen, Brotfrüchten und Mangos zu verpflegen. Im Samoa-Archipel ist der Samoa-Flughund hauptsächlich tagsüber rege: Er verlässt seinen Schlafplatz gewöhnlich in der Morgendämmerung und kehrt erst in der Abenddämmerung wieder zurück. Im Fidschi-Archipel scheint die Art weniger ausgeprägt tagaktiv zu sein.

Über das Fortpflanzungsverhalten des Samoa-Flughunds liegen erst wenige Beobachtungen vor. Sie deuten aber darauf hin, dass hierin keine wesentlichen Unterschiede zu den anderen Flughunden der Gattung Pteropus bestehen. Bei den besser bekannten Vertretern der Gattung bringen die Weibchen nur einmal jährlich, nach einer Tragzeit von vier bis sechs Monaten, ein einzelnes Junges zur Welt. Im Alter von ungefähr drei Monaten vermag das Junge zwar selbst zu fliegen und muss nicht mehr von der Mutter transportiert werden. Doch wird es erst mit etwa fünf Monaten von ihr entwöhnt und bleibt häufig noch bis zum Alter von einem Jahr in ihrer Nähe.

 

Nur am Schlafplatz gesellig: der Tonga-Flughund

Der Tonga-Flughund kann eine Spannweite von deutlich über einem Meter aufweisen und ist somit merklich grösser als der Samoa-Flughund. Wesentlich grösser ist auch sein Verbreitungsgebiet: Man findet ihn von den Schouten-Inseln bei Neuguinea ostwärts über die Salomonen, Vanuatu, Neukaledonien, Fidschi, Wallis & Futuna, Samoa, Tonga und Niue bis nach Rarotonga und Mangaia in den Cook-Inseln. Er ist der einzige Flughund, der im Pazifik so weit nach Osten vorgestossen ist.

Im Unterschied zum Samoa-Flughund ist der Tonga-Flughund ein ausgesprochen geselliger Flughund, der früher manchmal Schlafkolonien von mehreren tausend Individuen bildete. Beobachtungen der Tiere auf Vanuatu haben gezeigt, dass die Grösse und die Zusammensetzung dieser Kolonien saisonalen Schwankungen unterliegen. Dies dürfte nicht nur mit dem Fortpflanzungszyklus der Tiere zusammenhängen, sondern auch mit der unterschiedlichen Verteilung des Nahrungsangebots und der wechselnden Richtung der Passatwinde im Jahresverlauf.

Der Tonga-Flughund ernährt sich von einem breiten Spektrum unterschiedlichster Frucht- und Blütensorten. Zum Zweck der Nahrungsaufnahme besucht er nicht nur die Bäume des Waldes, sondern auch die Pflanzen in den vom Menschen kultivierten Inselbereichen, darunter Bananen-, Papaya- und Mangobäume sowie Kokospalmen. Obschon er an den Schlafplätzen grosse Kolonien bildet, erweist er sich auf den Futterbäumen gegenüber seinen Artgenossen als wenig verträglich: Häufig steckt er in einer früchtebehangenen Baumkrone ein regelrechtes «Fressterritorium» ab, aus dem er sämtliche Eindringlinge energisch vertreibt.

Unser Wissen über die Fortpflanzung des Tonga-Flughunds ist noch sehr lückenhaft. Es scheint aber, dass auch er sich in dieser Hinsicht nicht wesentlich von den anderen Vertretern der Gattung Pteropus unterscheidet.

 

Als Delikatesse geschätzt

Auf vielen Inseln des westlichen Pazifiks haben die Flughunde während mehrerer Jahrhunderte Seite an Seite mit dem Menschen gelebt, ohne dass sie durch denselben allzu grossen Schaden erlitten. Das hat sich leider in jüngerer Zeit geändert: Viele Flughundpopulationen haben in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen, und manche Arten gelten heute als vom Aussterben bedroht. Zu ihnen zählt der Samoa-Flughund. Zwei Arten, nämlich der Palau-Flughund (Pteropus pilosus) und der Guam-Flughund (Pteropus tokudae), sind sogar ausgestorben.

Für den Schwund der pazifischen Flughundpopulationen gibt es mehrere Gründe. Zu nennen sind sicherlich die vom Menschen angerichteten Waldrodungen, durch welche den Flughunden wichtige Schlafplätze und Nahrungsquellen verloren gingen. Zwar stellen die vom Menschen kultivierten Pflanzen einen gewissen Ersatz für die abgeholzten Bäume dar - zumindest für jene Arten, die sich nicht scheuen, bei der Nahrungssuche ins Kulturland vorzudringen. Doch wenn sich die grossen Fledertiere an den Früchten derselben gütlich tun, so kommt es unweigerlich zum Konflikt mit dem Menschen, der solchen «Diebstahl» nicht dulden mag.

Schwerwiegender noch als die Lebensraumvernichtung hat sich allerdings die Bejagung der Flughunde durch den Menschen erwiesen, denn das Fleisch der Flughunde wird von alters her auf vielen Inseln als Delikatesse sehr geschätzt. Früher, als die Jagd noch mit herkömmlichen Mitteln erfolgte, bedeutete dies meistenorts eine ertragbare Beeinträchtigung der Flughundbestände. Mit der allgemeinen Verbreitung moderner Schusswaffen, welche im pazifischen Raum im Laufe unseres Jahrhunderts stattfand, änderte sich dies jedoch schlagartig: Plötzlich waren die grossen Fledertiere für den Menschen eine leichte Beute, und in der Folge gingen manche Flughundpopulationen massiv zurück.

Eine besondere Vorliebe für Flughundfleisch haben seit jeher die Bewohner der Insel Guam, eines Überseegebiets der USA ganz im Süden der Marianen. Schon in den sechziger Jahren war deshalb die inseleigene Flughundpopulation praktisch ausgerottet. Zur Befriedigung ihrer kulinarischen Bedürfnisse begannen die Guam-Insulaner daraufhin, Flughundfleisch von anderen Inseln zu importieren - zuerst vom nahegelegenen Palau, wo der Flughundbestand alsbald ebenfalls zusammenbrach, später von weiter entfernten Inseln, darunter auch von Samoa. Allein von 1981 bis 1988 wurden über 33 000 Flughunde von Samoa nach Guam exportiert.

Es zeigte sich bald, dass die samoanischen Flughundpopulationen dieses Mass von Ausbeutung nicht lange ertragen würden. Die Bestände sowohl des Samoa-Flughunds als auch des Tonga-Flughunds waren deutlich rückläufig. 1986 wurde deshalb in Amerikanisch-Samoa und 1989 auch in Westsamoa der Export von Flughunden gesetzlich verboten und die Bejagung für den lokalen Gebrauch wesentlichen Beschränkungen unterworfen. 1990 wurden zudem beide Arten in Anhang I des Washingtoner Artenschutzabkommens (WA) aufgenommen, wodurch der internationale Handel mit den Tieren praktisch vollständig unterbunden wird.

Als zusätzliche Schutzmassnahme hat Westsamoa 1989 auf der Insel Savai'i zwei Naturreservate von 121,5 und 101,2 Quadratkilometern Fläche eingerichtet. Dadurch erhielten nicht nur die beiden Flughunde, sondern mit ihnen auch all die anderen Vertreter der einzigartigen samoanischen Tier- und Pflanzenwelt, darunter die ungewöhnliche Zahntaube (Didunculus strigirostris) und der prächtige Samoa-Schwalbenschwanz (Papilio godefroyi), zwei sichere Rückzugsgebiete. Auch der 28,6 Quadratkilometer grosse, 1978 ausgewiesene O-le-Pupu-Pu'e-Nationalpark auf der Insel Upolu in Amerikanisch-Samoa bietet den beiden Flughunden eine ungefährdete Heimat.

Es ist zu hoffen, dass diese erfreulichen Schutzmassnahmen den Fortbestand der beiden interessanten Fledertiere auf lange Sicht zu gewährleisten vermögen.




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