Flusspferd

Hippopotamus amphibius


© 1984 Markus Kappeler
(erschienen im WWF-Kalender 1985)



Das gewöhnliche Flusspferd oder «Nilpferd» (Hippopotamus amphibius) und sein kleiner Bruder, das Zwergflusspferd (Choeropsis liberiensis), sind die beiden einzigen lebenden Vertreter der Familie der Flusspferde. Sie stehen nicht - wie man aus ihrem Namen schliessen könnte - den Pferden nahe, sondern gehören mit den Schweinen, Hirschen, Gazellen, Rindern und vielen anderen huftragenden Säugetieren in die grosse Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla). Am nächsten verwandt sind die Flusspferde mit den Schweinen: Sie sind die Nachfahren grosser, schwerfälliger Lebewesen mit schweineähnlichem Körperbau, welche in vorgeschichtlicher Zeit ganz Europa, Asien, Afrika und sogar Teile Nordamerikas besiedelt hatten.

Die Flusspferde sind wegen ihres plumpen Körperbaus und ihrer massigen Gestalt jedermann wohl vertraut und mit keiner anderen Tiergruppe zu verwechseln. Von den übrigen Paarhufern unterscheiden sie sich dadurch, dass sie keine echten Landtiere sind, sondern einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Wasser verbringen. Meistens liegen sie den ganzen Tag über im feuchten Element und verbringen dann die Nacht weidend an Land. Rund 180 Kilogramm Gras, Schilf und Wasserpflanzen essen die bis zu drei Tonnen schweren erwachsenen Flusspferde pro Tag.

«Die ungeheuerliche Gestalt und das unfreundliche Wesen des Flusspferds erklären es zur Genüge, dass das Tier bei den meisten Völkerschaften allerlei wunderliche Anschauungen und Sagen in das Leben gerufen haben», schreibt Alfred Brehm in seiner Enzyklopädie von 1864 über die grauen Riesentiere. Eine dieser Fabeln bezieht sich auf das eigenartige Verhalten der Männchen, den Kot mit ihrem kurzen, propellerartig sich bewegenden Schwanz zu versprühen. Sie lautet folgendermassen: «Gott schuf das Flusspferd und befahl ihm, für die anderen Tiere Gras zu schneiden. Als das Flusspferd aber nach Afrika kam und merkte, wie heiss es dort war, bat es Gott um Erlaubnis, tagsüber im Wasser bleiben zu dürfen und nur nachts Gras schneiden zu müssen. Gott zögerte, ihm dies zu erlauben, denn schliesslich konnte das Flusspferd im Dunkeln ja Fische essen statt Gras abzuschneiden. Wenn das Flusspferd jetzt kotet, so streut es den Kot mit dem Schwanz auseinander und zeigt damit Gott, dass keine Fischgräten drin sind.»

Flusspferde leben in grossen Gruppen und bewohnen Flüsse, Ströme und Seen in vorzugsweise offener Savannenlandschaft. Sie sind über ganz Afrika südlich der Sahara verbreitet. Früher kamen sie auch am Unterlauf des Nils vor, wurden aber dort schon um 1815 ausgerottet. (Der Name «Nilpferd» ist daher irreführend und sollte nicht mehr verwendet werden.) Auch in den südafrikanischen Provinzen Kapland, Transvaal und Natal gibt es die massigen Tiere nicht mehr. Die ersten weissen Entdecker, Soldaten und Siedler scheinen sich beim Anblick der Riesen geradezu herausgefordert gefühlt zu haben, ihre modernen Feuerwaffen an ihnen auszuprobieren. Unvorstellbar viele der Tiere wurden aus reiner Lust am Töten abgeknallt.

Zwar leben heute in vielen afrikanischen Naturschutzgebieten noch grosse Mengen von Flusspferden. So zum Beispiel im über 10 000 Quadratkilometer grossen Chobe-Nationalpark im nördlichen Botswana, wo dieses Bild aufgenommen wurde. Doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ausserhalb dieser Zufluchtstätten um das Flusspferd schlecht bestellt ist. Wenn sich der WWF seit vielen Jahren unermüdlich für die Errichtung und den Unterhalt grossflächiger Reservate einsetzt, so kommt dies - neben vielen anderen Lebewesen - nicht zuletzt diesen imposanten Grossäugern zugute.




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