Ganges-Gavial
Gavialis gangeticus
© 1990 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die Urahnen unserer heutigen Krokodile hatten sich
vor rund 200 Millionen Jahren herausgebildet. Im Verlauf des
Mesozoikums, des sogenannten Erdmittelalters und der klassischen
Saurierepoche, gediehen sie prächtig und hatten sich schliesslich
zu einer erfolgreichen und sehr vielgestaltigen Tiergruppe entwickelt.
Leider erging es den Krokodilen am Ende des Mesozoikums
(vor ungefähr 65 Millionen Jahren), als das grosse Reptiliensterben
einsetzte, nicht viel besser als all den Dinosauriern und Flugsauriern
der damaligen Zeit. Ganze «Äste» der Krokodilverwandtschaft
starben innerhalb kurzer Zeit aus. Immerhin schaffte es eine
offensichtlich besonders anpassungsfähige Sippe der Krokodile,
die grosse Aussterbewelle zu überleben - und sie hat sich
bis heute halten können.
In den letzten 65 Millionen Jahren haben sich diese
letzten Abkömmlinge der Grossaurier nur wenig verändert.
Und sie haben sich trotz ihrer Urtümlichkeit an die veränderten
Umweltbedingungen hervorragend angepasst: Die Krokodile sind
nicht nur die grössten und schwersten Reptilien unserer
Zeit; sie sind auch die beherrschenden Raubtiere der tropischen
Binnengewässer. Bis zum Anbruch des 20. Jahrhunderts konnte
einem Krokodil höchstens ein anderes, grösseres Krokodil
gefährlich werden - abgesehen vielleicht vom Leistenkrokodil
(Crocodylus porosus), welches häufig im Meer auf
Nahrungssuche geht und dabei grossen Haien zum Opfer fallen kann.
Dann aber erschien der Mensch mit seinen hochentwickelten
Schusswaffen auf der Szene. Anfangs schoss er die «gefährlichen
Bestien» einfach so, quasi spasseshalber, ab. Später,
als Krokodilledertaschen und -schuhe in den industrialisierten
Ländern zu Luxusartikeln geworden waren, wurde die Jagd
auf die Tiere zu einem äusserst einträglichen Geschäft.
Nun begann der rasche Niedergang des alten Kriechtiergeschlechts,
denn nun wurden die Tiere überall auf der Welt selbst in
den entlegensten Winkeln ihrer Lebensräume aufgestöbert
und niedergeschossen. Auch der Ganges-Gavial (Gavialis gangeticus)
blieb von dieser masslosen, profitorientierten Schlächterei
nicht verschont - er, der in seiner Heimat als heiliges, dem
Gott Wishnu geweihtes Tier den Menschen lange Zeit nicht zu fürchten
brauchte.
Er trägt ein Töpfchen auf der Schnauze
Die heutige Ordnung der Krokodile (Crocodylia) setzt
sich aus drei Familien zusammen: den Echten Krokodilen (Crocodylidae),
den Alligatoren (Alligatoridae) und den Gavialen (Gavialidae),
wobei letztere lediglich eine Art, nämlich den Ganges-Gavial,
umfasst. Der Sunda-Gavial (Tomistoma schlegelii) ähnelt
zwar dem Ganges-Gavial äusserlich, wird aber im allgemeinen
der Familie der Echten Krokodile zugeordnet.
Der deutsche Name «Gavial» ist eine ungenaue
Wiedergabe von «gharial»; so heisst das langschnauzige
Krokodil in weiten Teilen Indiens. «Gharial»
wiederum stammt von «ghara» ab, womit in Nordindien
ein kleiner Topf aus gebranntem Ton bezeichnet wird. Der Zusammenhang
zwischen Krokodil und Topf ist vermutlich folgender: Die älteren
Gavialmännchen weisen auf der Spitze ihres Oberkiefers eine
auffällige knollige Erhöhung auf, die sich durch eine
Wucherung des Gewebes rund um die Nasenöffnungen bildet.
Und dieser Aufsatz scheint früher offensichtlich phantasiereiche
Beobachter zur Annahme verleitet zu haben, die Tiere würden
einen kleinen Topf auf ihrer Nasenspitze balancieren...
Die Existenz des Gavial-Nasenaufsatzes scheint schon
den Römern bekannt gewesen zu sein. Jedenfalls berichtete
Claudius Aelianus um 200 n.Chr., dass im Ganges zwei Arten von
Krokodilen lebten, von denen das eine «oben auf der Schnauze
eine Erhöhung wie ein Horn» habe.
Über die funktionelle Bedeutung des ghara
ist nichts Genaues bekannt. Man hat einzig beobachtet, dass ghara-besitzende
Individuen beim Ausatmen infolge dieser Gewebewucherung einen
zischenden Laut verursachen. Und da das Gebilde nur bei den älteren
Männchen auftritt, nimmt man an, dass es irgendwie mit dem
Fortpflanzungsverhalten der Tiere zu tun hat - sei es als äusseres
Geschlechtsmerkmal im Dienste der Partnerfindung, sei es als
Einrichtung zur Erzeugung «männlicher» Laute.
Möglicherweise dient es auch beiden Zwecken zugleich.
Die Heimat des Gavials ist Südasien. Dort war
er einst vor allem in den grossen Fluss-Systemen von Indus, Ganges
und Brahmaputra, welche alle ihren Ursprung im Himalaja haben,
recht häufig. Heute ist er sowohl im Indus als auch im Brahmaputra
praktisch ausgestorben; in beiden Flüssen gibt es höchstens
noch ein paar wenige verstreute Individuen. Umfangreichere Gavial-Populationen
finden sich nur noch im südlichen Nepal, wo die Tiere mehrere
Zuflüsse des Ganges bewohnen, ferner im nordindischen Chambal,
ebenfalls ein Zufluss des Ganges, und schliesslich im ostindischen
Mahanadi, dem einzigen «Gavial-Fluss», der nicht
im Himalaja entspringt.
Ein spezialisierter Fischfänger
Der Ganges-Gavial kann im Laufe seines mehrere Jahrzehnte
langen Lebens eine Länge von gegen sieben Metern erreichen.
Damit gehört er zu den grössten Krokodilen unseres
Planeten. Trotz seiner beachtlichen Ausmasse ist er aber ein
recht harmloses Geschöpf, das weder grösseren Säugern
noch dem Menschen gefährlich wird. Im Gegensatz zu den anderen
grossen Krokodilen der Alten Welt, welche hauptsächlich
Säugern im Uferbereich auflauern, hat sich der Ganges-Gavial
auf den Fischfang am Grund von Fliessgewässern spezialisiert.
Auffälliges äusseres Merkmal dieser Spezialisierung
ist die enorm verlängerte schmale Schnauze des Gavials,
die fast an einen bezahnten Schnabel erinnert. Der Ganges-Gavial
wurde darum früher auch «Schnabelkrokodil» genannt.
Bis zu einer Stunde vermag der Gavial auf dem Grund
der Flüsse auf Beute zu lauern, ehe er Atem holen muss.
Gerät ein unachtsamer Fisch in die Nähe des regungslosen
Reptils, so ist sein Schicksal zumeist besiegelt: Mit einem kraftvollen
Seitwärtsschwung seiner zahnbewehrten «Pinzettkiefer»
durchkämmt der Gavial gezielt das Wasser und lässt
dem Fisch kaum eine Chance zur Flucht. Mit dem erbeuteten Fisch
taucht der Gavial oftmals auf und wirft ihn vor dem Verschlingen
in die Luft, um ihn kopfvoran - und damit «mundgerecht»
- zu fassen zu bekommen.
Bei der Unterwasserjagd des Ganges-Gavials ist eine
grosse Kieferlänge natürlich sehr vorteilhaft; sie
erweitert die Reichweite des Jägers. Und je schlanker die
Schnauze ist, desto geringer ist der Wasserwiderstand und umso
grösser die Geschwindigkeit beim Zupacken. So ist die Entwicklung
dieses kuriosen «Schnabels» im Verlauf der Stammesgeschichte
des Gavials zu verstehen. Der Nachteil dieses fast zerbrechlich
wirkenden Spezialwerkzeugs: Grosse Tiere vermag der Gavial damit
nicht zu erbeuten.
«Er müsste jedoch eben kein Krokodil sein,
wollte er einen anderen, nicht der Klasse der Fische angehörigen
fetten Bissen verschmähen», hält Alfred Brehm
aber treffend in seiner Enzyklopädie von 1878 fest. Tatsächlich
erbeuten Gaviale mitunter auch Vögel und kleinere Säugetiere,
deren sie habhaft werden können. Dies scheinen aber eher
seltene «Zufallstreffer» zu sein. Angriffe auf Menschen
sind im übrigen kaum bekannt.
Die Weibchen betreiben Brutfürsorge
Bei den meisten Krokodilarten legen die Weibchen ihre
Eier in einen Haufen aus zusammengetragenem Pflanzenmaterial.
Die bei der Zersetzung der pflanzlichen Stoffe entstehende Wärme
fördert die Entwicklung der in den Eiern heranwachsenden
Krokodilembryos. Bei einigen anderen Arten, zu denen auch der
Ganges-Gavial gehört, deponieren die Weibchen ihr Gelege
hingegen in ein Loch, das sie in den lockeren Boden einer Sandbank
oder einer anderen gut besonnten Stelle gegraben haben. Bei ihnen
sorgen dann die wärmenden Sonnenstrahlen für das Gedeihen
des Nachwuchses.
Alle Krokodileier sind hartschalig, elliptisch geformt
und milchigweiss gefärbt. Beim Ganges-Gavial betragen die
Abmessungen durchschnittlich etwa sieben Zentimeter in der Länge
und viereinhalb Zentimeter in der Breite. Interessanterweise
wächst die Gelegegrösse mit zunehmendem Alter der Tiere
stark an, und zwar von anfänglich etwa 20 Eiern bei jungen
und entsprechend kleinen Weibchen bis gegen 100 bei älteren,
grossgewachsenen Weibchen.
Wie bei allen eierlegenden Tierarten sind auch beim
Ganges-Gavial die Gelege in ständiger Gefahr, von Ei-Dieben
ausgenommen zu werden. Neben dem Menschen ist vor allem der Bengalenwaran
(Varanus bengalensis) ein eifriger Plünderer von
Gavialnestern. Möglicherweise als Reaktion auf diese stete
Gefahr sind die Gavialweibchen dazu übergegangen, ihren
Nistplatz zu bewachen, bis die Jungen schlüpfen. Ausserdem
bleiben sie noch mehrere Wochen lang in der Nähe der Jungtiere,
nachdem diese im Wasser Zuflucht gesucht haben.
Die Gavialweibchen scheinen im übrigen auch aktive
Brutfürsorge zu betreiben, indem sie den schlüpfenden
Jungen beim Verlassen des Nests helfen. Ja, man meint sogar,
dass sie ihren Nachkommen beim Aufsuchen des Wassers behilflich
sind, indem sie sie sorgsam im Maul dorthin transportieren.
In den siebziger Jahren ist entdeckt worden, dass
sich praktisch alle Krokodil-Embryos 24 Stunden nach der Eiablage
an der Oberseite des Eidotters befinden und in dieser Lage an
der Innenseite der Eihaut fixiert sind - unabhängig davon,
wie ihr Ei zu liegen kam. Dies scheint für die Entwicklung
der Embryos von grosser Bedeutung zu sein. Werden nämlich
die Eier nach Ablauf dieser ersten 24 Stunden gedreht, so stellt
der Embryo sein Wachstum unweigerlich ein und stirbt ab. Die
Unkenntnis dieser Eigenheit hat früher bei der künstlichen
Aufzucht von im Freiland abgelegten Eiern zu vielen schmerzlichen
Verlusten geführt. Heute weiss man, dass die Krokodileier
beim Einsammeln, Transportieren und Bebrüten immer in der
gleichen Lage gehalten werden müssen, in der sie angetroffen
wurden.
Staumauern zerstören Gavial-Lebensraum
Bis in die sechziger Jahre unseres Jahrhunderts war
der Gavial in seinem ganzen Verbreitungsgebiet stark bejagt worden.
Begehrt war nicht allein seine Haut, sondern auch das ghara
und das Begattungsglied der Gavialmännchen; beides fand
in der Volksmedizin Verwendung als Wundermittel zur Steigerung
der Liebeskraft.
Glücklicherweise stellt die Bejagung seit etwa
zwei Jahrzehnten keine Hauptgefahr mehr dar für den Ganges-Gavial.
Das ist unter anderem dem Umstand zu verdanken, dass die Art
durch die Regierungen von Indien und Nepal unter strikten Schutz
gestellt worden ist. Aber auch das zu Beginn der siebziger Jahre
zustande gekommene «Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen»,
welches den internationalen Handel mit gefährdeten Tier-
und Pflanzenarten regelt, hat hierzu beigetragen.
Eine weit grössere Gefahr stellt seit geraumer
Zeit der Verlust geeigneter Gavial-Lebensräume dar. Mehrere
Gavial-Populationen, die bereits durch Bejagung geschwächt
waren, sind dadurch für immer verschwunden. Optimale Lebensräume
der Gaviale sind tiefe, raschfliessende Flüsse mit verhältnismässig
klarem Wasser und ungestörten Sandbänken, wo die Tiere
ihre Eier legen und sich sonnen können. Selten kommen alle
diese Elemente an ein und demselben Ort zusammen. Optimaler Gavial-Lebensraum
ist daher schon von Natur aus nicht sehr häufig. Kommt hinzu,
dass gerade die tiefen und raschfliessenden Flüsse besonders
geeignet sind für die Errichtung von Stauwehren zur Gewinnung
elektrischer Energie und zur Speisung von Bewässerungskanälen.
Dadurch wird aber der Lebensraum der Gaviale unweigerlich zerstört:
Oberhalb der Staumauern werden sämtliche Sandbänke
überflutet, unterhalb fliesst das Wasser zu spärlich.
Im übrigen hat der seit den siebziger Jahren
in der Fischerei erfolgte Einsatz engmaschiger, reissfester Nylonnetze
nicht nur die Fischbestände - und damit die Nahrungsgrundlage
der Gaviale - stark vermindert, sondern auch unter den verbleibenden
Gavial-Populationen viele Todesopfer gefordert.
Die Chancen stehen trotzdem nicht schlecht
Bereits in den siebziger Jahren entwickelten Indien
und Nepal ein gemeinsames Projekt zur Erhaltung des Gavials.
Unter anderem wurde ein grossangelegtes Zuchtprogramm in die
Wege geleitet: Eier wurden im Freiland gesammelt, in Farmen ausgebrütet
und die Jungen sorgsam aufgezogen, um sie später an geeigneten
Stellen in Schutzgebieten auszusiedeln. Nach Überwindung
diverser technischer Startschwierigkeiten war diesem Programm
grosser Erfolg beschieden: Bereits 1977 konnten die ersten Gavialkinder
in Indien und 1981 in Nepal in die Freiheit entlassen werden.
Mittlerweile hat man in den Farmen zusätzlich Gavial Zuchtgruppen
aufgebaut, und auch deren Nachwuchs soll später ausgewildert
werden. Unter der Voraussetzung, dass weiterhin genügend
grosse Gavial-Lebensräume geschützt und für die
Art erhalten werden können, stehen die Chancen für
die urtümlichen Reptilien darum derzeit nicht allzu schlecht.
Artenschutz, wie er im Falle des Gavials betrieben
wird, gilt heute oft als nebensächlich, unmodern; die Erhaltung
ausgedehnter Naturlandschaften mitsamt all ihren tierlichen und
pflanzlichen Bewohnern wird gefordert. Durch den zielgerichteten
Schutz einer prominenten Tierart mitsamt ihres Lebensraums wird
aber im Grunde genommen genau dasselbe erreicht. Die Sympathie
und Hilfsbereitschaft der Öffentlichkeit sind einem solchen
Schutzvorhaben gegenüber jedoch bedeutend grösser -
und damit verbessern sich natürlich dessen Erfolgsaussichten.
Im Falle des Gavials wurden durch die Erhaltung natürlicher
Flussbereiche ganze Lebensgemeinschaften in ihrem Fortbestand
begünstigt, welche ebenfalls auf diesen Lebensraum angewiesen
sind. Darunter sind beispielsweise mehrere schutzbedürftige
Wasserschildkrötenarten, welche sich nun ungefährdet
auf denselben Sandbänken sonnen und in denselben Uferzonen
ihre Eier vergraben können wie die Gaviale.
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