Sömmeringgazelle - Gazella soemmeringi

Spekegazelle - Gazella spekei


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Auf den ersten Blick erscheint der am weitesten nach Osten vorspringende Teil Afrikas, das sogenannte «Horn von Afrika», mit seinen weiten, sonnendurchglühten Küstenwüsten und seinen niederschlagsarmen, flachwelligen Hochebenen ungemein arm an tierlichem Leben. Doch der Schein trügt. Hinsichtlich bestimmter Tiergruppen ist das Horn von Afrika sogar erstaunlich reich und beherbergt neben einer bemerkenswerten Formenvielfalt auch eine ganze Anzahl endemischer, also weltweit nur hier heimischer Arten. Zu diesen Tiergruppen zählen vor allem die Schlangen und die Echsen aus der Klasse der Kriechtiere (Reptilia), dann aber auch die Antilopen aus der Klasse der Säugetiere (Mammalia).

23 verschiedene Antilopenarten kommen im Bereich des Horns von Afrika vor, von denen nicht weniger als 11 ausschliesslich in diesem Winkel der Erde zu Hause sind. Zu nennen wären etwa das zierliche Kleindikdik (Madoqua swaynei), die grossohrige Beira (Dorcatragus megalotis), der langhalsige und langbeinige Dibatag (Ammodorcas clarkei), der ebenfalls sehr feingliedrige Gerenuk (Litocranius walleri) und - nicht zuletzt - zwei Arten von «echten» Gazellen: die Sömmeringgazelle (Gazella soemmeringi) und die Spekegazelle (Gazella spekei).

 

Liebt die Geselligkeit: die Sömmeringgazelle

Die Sömmeringgazelle ist eine verhältnismässig grosse Gazelle. Erwachsene Tiere erreichen eine Schulterhöhe von 80 bis 90 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von 125 bis 150 Zentimetern und ein Gewicht von 30 bis 55 Kilogramm, wobei die Männchen durchschnittlich etwas grösser und schwerer sind als die Weibchen. Hörner tragen beide Geschlechter. Während sie aber bei den Männchen bis 60 Zentimeter lang und stark leierförmig nach hinten geschwungen sind, messen sie bei den Weibchen höchstens 40 Zentimeter und sind dünner, glatter und weniger stark gebogen.

Die Sömmeringgazelle gehört zu den weiterverbreiteten Antilopenarten am Horn von Afrika. Ausser in Somalia findet man sie auch noch in Dschibuti, in Äthiopien und im östlichen Sudan. Über ihre gegenwärtige Situation im Sudan ist wenig bekannt. Vermutlich wurde sie dort in den letzten Jahrzehnten stark zurückgedrängt. In Äthiopien kommt sie in grösserer Zahl noch in der nordöstlichen Provinz Eritrea, im nördlichen Bereich des Äthiopischen Grabens und in den tiefliegenden östlichen und südöstlichen Landesteilen vor. In Dschibuti wird sie zwar selten beobachtet, scheint aber, wenn auch in geringer Dichte, über die meisten Bereiche des Landes verbreitet zu sein. In Somalia kommt sie hauptsächlich in der Region östlich des Juba-Flusses vor, allerdings in gegenüber früher stark verminderter Zahl.

Die Sömmeringgazelle bewohnt vorzugsweise offene, grasbewachsene Ebenen, doch scheint sie hinsichtlich ihrer Lebensansprüche weniger strikt zu sein als manche anderen Gazellen. So findet man sie durchaus auch in stark verbuschten Gebieten oder in halbwüstenartigen Regionen wie etwa der Danakil-Niederung in Äthiopien. Eigentliches Hügel- und Bergland scheint sie hingegen zu meiden.

Wie die meisten Gazellen ist die Sömmeringgazelle kein reiner Gräser- und Kräuteresser, sondern «nascht» auch gerne vom Blattwerk der in ihrem Lebensraum wachsenden Sträucher und Bäume. Dabei verzehrt sie nicht einfach wahllos, was vorhanden ist, sondern sucht sich mit ihren hochempfindlichen Lippen gezielt die jeweils zartesten und damit nährstoffreichsten, wasserhaltigsten und bestverdaulichen Teile eines breiten Spektrums unterschiedlichster Pflanzenarten heraus.

Gewöhnlich begegnet man der Sömmeringgazelle heute in Kleingruppen. An den wenigen Orten, wo sie auch heutzutage noch in grösserer Zahl vorkommt, bildet sie jedoch gerne kopfstarke Verbände. Im 19. Jahrhundert soll es - glaubwürdigen Berichten gemäss - sogar Herden von über tausend Tieren gegeben haben. Dass die Sömmeringgazelle eine recht gesellige Antilope ist, beweist sie im übrigen auch dadurch, dass sie sich oft Gruppen von Ostafrikanischen Spiessböcken (Oryx beisa), Kuhantilopen (Alcelaphus buselaphus) und verwilderten Dromedaren (Camelus dromedarius) anschliesst.

Wie die Form der Vergesellschaftung ist auch der Zeitpunkt der Fortpflanzung bei der Sömmeringgazelle wenig fest: In einigen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets ist das Fortpflanzungsgeschehen jahreszeitlich nicht gebunden, und Jungtiere kommen über das ganze Jahr verteilt zur Welt. Anderenorts ist die Paarungszeit dagegen auf ein paar wenige Wochen im Jahr begrenzt, finden alle Geburten also etwa zur selben Zeit statt. Die von Ort zu Ort unterschiedlichen Klimaverhältnisse und, davon abhängig, das im Jahresverlauf mehr oder weniger stark schwankende Nahrungsangebot dürften hierbei eine entscheidende Rolle spielen.

Zum Zweck der Fortpflanzung errichten die männlichen Sömmeringgazellen zeitweilig kleinere Territorien, aus denen sie alle anderen Männchen unnachgiebig vertreiben und in denen sie zur «Abschreckung» der Rivalen gut sichtbare Kothaufen errichten. In diesen Territorien werden die Männchen dann von den brünftigen Weibchen besucht. Je attraktiver ein Männchen und besonders sein Grundstück sind, desto öfter halten sich Weibchen bei ihm auf und desto häufiger vermag es demnach sein Erbgut weiterzugeben.

Nach einer Tragzeit von etwa sechseinhalb Monaten bringen die weiblichen Sömmeringgazellen ihre Jungen, gewöhnlich «Einzelkinder», zur Welt und zwar an einem sicheren, vor unerwünschten Blicken gut geschützten Ort. Dort verharren die Junggazellen während der ersten Lebenswochen praktisch regungslos und werden nur drei- oder viermal täglich von ihrer Mutter zum Säugen besucht. Im Alter von etwa einem Monat folgen die Gazellenkinder dann der Mutter nach und beginnen schon bald, auch feste Nahrung zu sich zu nehmen. Noch bis zum Alter von etwa sechs Monaten werden sie aber mit Muttermilch zugefüttert. Über ihre Lebenserwartung in freier Wildbahn ist nichts bekannt. In Gefangenschaft sind Sömmeringgazellen mehrfach bis zehn, in einem Fall sogar vierzehn Jahre alt geworden.

Wie alle Antilopen müssen sich die Sömmeringgazellen vor einer ganzen Reihe von Fressfeinden in acht nehmen, darunter besonders vor dem Löwen (Panthera leo), dem Leoparden (Panthera pardus), der Streifenhyäne (Hyaena hyaena) und der Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta). Droht akute Gefahr durch eines dieser Raubtiere, so reagieren die Sömmeringgazellen in einer zwar auch für andere Gazellen typischen, für den menschlichen Beobachter aber jedesmal verblüffenden Weise: Anstatt sich unverzüglich und möglichst schnell der Gefahr durch Flucht zu entziehen, schiessen sie zuerst mit allen vier Beinen gleichzeitig - wie von einer Sprungfeder getrieben - mehrfach hoch in die Luft und stürmen erst dann davon. Es ist schon viel über den Sinn der eigenartigen «Prellsprünge» der Gazellen gerätselt worden. Die einleuchtendste Erklärung ist wohl die, dass eine Gruppe Gazellen, welche unverhofft kreuz und quer durcheinanderschiesst, einen Angreifer kurzfristig zu verwirren vermag und es ihm vor allem sehr erschwert, sich auf ein bestimmtes, vielleicht beim Anschleichen schon ins Auge gefasstes Individuum zu konzentrieren. Dieser kurze Moment der Verblüffung auf Seiten des Feindes dürfte die Chance auf eine erfolgreiche Flucht der Gazellen erheblich vergrössern.

 

Hat einen halben «Tennisball» auf der Nase: die Spekegazelle

Die Spekegazelle ist deutlich kleiner als die Sömmeringgazelle: Erwachsene Tiere weisen eine Schulterhöhe von nur 50 bis 60 Zentimetern, eine Kopfrumpflänge von etwa einem Meter und ein Gewicht von 15 bis 25 Kilogramm auf. Die Hörner sind leicht S-förmig nach hinten oben geschwungen, wobei die Hornspitzen aufwärts zeigen. Bei den Männchen können die Hörner bis 30 Zentimeter lang sein; bei den Weibchen sind sie deutlich kürzer und dünner.

Ein besonders auffälliges Körpermerkmal der Spekegazelle sind drei bis fünf quer über den Nasenrücken verlaufende Hautfalten, die zu einem «Sack» von der Grösse eines halben Tennisballs aufgeblasen werden können. Dieses bei beiden Geschlechtern vorhandene Gebilde spielt als Resonanzkörper bei der Lautgebung eine wichtige Rolle.

Die Spekegazelle hat ein deutlich kleineres Verbreitungsgebiet als die Sömmeringgazelle: Sie kommt fast nur in Somalia vor; möglicherweise bewohnt sie noch einen kleinen Bereich des angrenzenden Äthiopiens (im Osten der Provinz Harar). In Somalia ist die Spekegazelle verhältnismässig weit verbreitet und kommt sowohl in den offenen Grasländern des Nordostens als auch entlang der Küstenebenen nördlich der somalischen Hauptstadt Mogadischu vor.

Im Gegensatz zur Sömmeringgazelle ist die Spekegazelle ziemlich stark an einen bestimmten Lebensraumtypus gebunden: Sie bewohnt fast ausschliesslich steinige, flache und trockene Savannengebiete mit verhältnismässig spärlichem Graswuchs und zumeist wenig oder keinem Gebüsch.

Die Spekegazelle lebt im allgemeinen in Kleingruppen von fünf bis zehn, gelegentlich auch bis zwanzig Individuen. Es handelt sich um sogenannte «Haremsgruppen», die sich aus einem erwachsenen Männchen und mehreren Weibchen mit ihren Jungen zusammensetzen. In freier Wildbahn wurde die Spekegazelle bislang noch kaum untersucht, aber es ist aufgrund der wenigen vorhandenen Informationen anzunehmen, dass sie sich in ihrer Lebensweise nicht wesentlich von den übrigen Gazellenarten unterscheidet.

Aus Studien an Spekegazellen in Menschenobhut geht hervor, dass die Tragzeit 170 bis 190 Tage dauert und dass das Fortpflanzungsgeschehen nicht jahreszeitlich gebunden ist. Interessanterweise können die weiblichen Spekegazellen schon im Laufe ihres ersten Lebensjahrs, im Alter von nur neun oder zehn Monaten, erstmals trächtig werden. Ferner werden sie häufig schon zwei oder drei Wochen nach der Geburt eines Jungtiers erneut brünftig. Unter günstigen Bedingungen, wie sie in einem Tiergarten herrschen, vermögen sich die Spekegazellen somit erstaunlich rasch zu vermehren.

Da Spekegazellen deutlich kleiner sind als Sömmeringgazellen, stehen sie einem noch weiteren Kreis von Fressfeinden gegenüber als jene. Zusätzlich dürften ihnen auch der Karakal oder Wüstenluchs (Lynx caracal), Schakale (Canis spp.) und sogar der Felsenpython (Python sebae) gefährlich werden. Entdecken Spekegazellen einen Angreifer, so stossen sie einen überraschend lauten und weithin hörbaren Alarmruf aus, in dem sie mit viel Druck Luft durch ihren aufblähbaren Nasensack pressen. Der Ruf klingt ungefähr wie ein gedämpfter Pistolenschuss, «piokh», und man kann mutmassen, dass dieser grelle Laut nicht allein der Alarmierung der übrigen Gruppenmitglieder dient, sondern dass er auch den Angreifer kurzfristig zu erschrecken vermag und so vielleicht jenen kleinen, aber oft überlebenswichtigen Vorsprung bei der anschliessenden Flucht schafft.

 

Durch Jagd und Weideverlust gefährdet

Leider vermögen weder die Prellsprünge der Sömmeringgazelle noch die «Schreckschüsse» der Spekegazelle gegen den Hauptfeind der Neuzeit, den Menschen, etwas auszurichten. Beide Arten sind in unserem Jahrhundert massiv bejagt worden, hauptsächlich ihres Fleischs (Nahrung) und Fells (Leder), teils aber auch ihrer Hörner (Trophäe) wegen. Dies hat in allen Bereichen ihrer Verbreitungsgebiete zu einem starken Rückgang der Bestände geführt. Kommt hinzu, dass die beiden hübschen Huftiere vielerorts noch dadurch zurückgedrängt wurden, dass der Mensch immer weitere Grasländer als Weideland für seine Nutztiere beanspruchte.

Bejagung und Lebensraumverlust trafen die Sömmeringgazelle und die Spekegazelle besonders hart in Dürreperioden, wie sie sich in der Mitte der siebziger und erneut zu Beginn der achtziger Jahre ereignet haben. Da wurde nicht nur der Nahrungswettstreit mit den Nutztieren des Menschen noch viel härter als gewöhnlich, sondern es nahm auch der Jagddruck auf sämtliche Wildtiere erheblich zu, da die üblichen Nahrungsquellen des Menschen allmählich versiegten.

Diese Schadfaktoren einerseits und das Fehlen eines wirksamen Schutzes der Wildtiere im Bereich des Horns von Afrika andererseits hatten verheerende Auswirkungen auf die Sömmeringgazelle und die Spekegazelle. Die Spekegazelle scheint zwar weniger starke Bestandseinbussen erlitten zu haben als die meisten grösseren Huftierarten und soll verlässlichen Berichten zufolge auch heute noch in einigen Gebieten, so besonders in den südöstlichen Küstenebenen Somalias, recht häufig vorkommen. Eine potentielle Gefahr für die Art stellt jedoch ihr eng begrenztes Verbreitungsgebiet dar: Geografisch beschränkt vorkommende Tierarten werden unter widrigen Umständen bedeutend rascher ausgelöscht als weiterverbreitete. Die Spekegazelle kommt im übrigen noch heute in keinem einzigen Naturschutzgebiet vor - eine unangenehme Situation, die dringend der Verbesserung bedarf.

Die Sömmeringgazelle scheint durch die menschlich bedingten Schadfaktoren grössere Verluste erlitten zu haben als die Spekegazelle, verfügt jedoch über ein beträchtlich weiteres Verbreitungsgebiet. Die Chancen, dass sie zumindest in einigen entlegenen Rückzugsgebieten in ausreichender Zahl zu überleben vermag, sind deshalb wesentlich besser. Tatsächlich scheinen beispielsweise der Awash-Nationalpark und die Afar-Wüste in Äthiopien noch grössere Sömmeringgazellen-Bestände zu beherbergen. In Somalia scheinen dagegen die Bestände der Art immer weiter dahinzuschwinden. Auch in ihrem Fall lebt leider keine einzige Population in Somalia innerhalb eines Schutzgebiets, wo sie vor der Verfolgung durch den Menschen einigermassen sicher wäre.

Die Aussichten für die Sömmeringgazelle und die Spekegazelle scheinen in Somalia derzeit ziemlich düster. Dabei wären beide Arten durchaus in der Lage, ihre Bestände bei ausreichendem Schutz verhältnismässig rasch wieder aufzustocken, da ihr Fortpflanzungspotential recht gross ist. Ihre Fähigkeit, selbst in Gebieten mit spärlicher Weide und wenig offenem Trinkwasser zu gedeihen, würde sie sogar zu besonders interessanten Ressourcen für die ansässige Bevölkerung machen - vorausgesetzt, sie würden nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit, schonend, und nicht masslos genutzt.




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