Gemse

Rupicapra rupicapra


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Bis vor kurzem wurden sämtliche Formen der Gemse [heute: Gämse] als zu einer einzigen Art (Rupicapra rupicapra) gehörig angesehen. Neuerdings will der Gemsenspezialist Sandro Lovari aus Italien jedoch die drei südlichen Gemsenunterarten (Pyrenäengemse, Kantabriengemse, Abruzzengemse) als «Südwestliche Gemse» (Rupicapra pyrenaica) von der «Nordöstlichen Gemse» (Rupicapra rupicapra), zu der er die sieben von den Alpen bis zum Kaukasus verbreiteten Gemsenunterarten zusammenfasst, abgetrennt wissen. Ausser in bestimmten genetischen und biometrischen Merkmalen sollen sich die beiden Arten auch in ihrem Verhalten und, besonders deutlich, in der Färbung ihres Winterfells unterscheiden: Während die nordöstlichen Gemsen im Winter ein dunkelbraunes bis schwarzes Haarkleid mit drei kleinen weisslichen Flecken aufweisen würden, sei das der südwestlichen Gemsen braun mit fünf grossen und einem kleinen gelblichen Flecken. Ob diese Abtrennung wirklich gerechtfertigt ist, muss sich erst noch erweisen.

Innerhalb der Familie der Hornträger (Bovidae), jener vielgestaltigen Sippe wiederkauender Paarhufer, die zumindest im männlichen Geschlecht Hörner tragen, gehört die Gemse zur Unterfamilie der Ziegenartigen (Caprinae). Da wiederum wird sie zusammen mit der nordamerikanischen Schneeziege (Oreamnos americanus) sowie dem Serau (Capricornis sumatrensis) und dem Goral (Nemorhaedus goral), beide in Südostasien beheimatet, der Gattungsgruppe der Gemsenartigen (Rupicaprini) zugeordnet. Den wissenschaftlichen Namen dieser Gruppe könnte man etwas frei als «Pustelziegen» übersetzen. Sie haben als gemeinsames Merkmal ein paar Drüsen hinter den Hörnern - Duftdrüsen, die zur Brunftzeit anschwellen und einen penetranten Moschusgeruch produzieren.

 

Eine meisterhafte Bergsteigerin

Ausgewachsene Gemsen erreichen eine Kopfrumpflänge von 110 bis 130 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 70 bis 85 Zentimetern und ein Gewicht von 25 bis 40 Kilogramm (Weibchen) bzw. 35 bis 50 Kilogramm (Männchen). Das Haarkleid ist im Sommer kurz und ziemlich glatt; im Winter ist es lang und dicht, hat eine sehr feine Unterwolle und weist auf dem Widerrist eine verlängerte Haarpartie (den sogenannten «Gamsbart») auf. Zwischen den beiden Geschlechtern besteht kein Färbungsunterschied, und es tragen sowohl die Männchen wie die Weibchen die sogenannten «Krucken» - steil aufragende, bis 27 Zentimeter lange Hörner, die im oberen Drittel hakenförmig nach hinten gebogen sind. Bei den Weibchen sind sie allerdings schwächer ausgebildet.

Obschon die Gemse heute auch in tieferen Lagen - in den Voralpen und in verschiedenen Mittelgebirgen - vorkommt, so ist sie doch in ihrem Körperbau stark an das Leben im Hochgebirge angepasst. Die Wände der Herzkammern sind beispielsweise bei der Gemse wesentlich dicker als etwa beim Reh oder anderen mittelgrossen Huftieren. Das Herz der Gemse vermag dadurch unbeschadet Frequenzen von über 200 Schlägen pro Minute zu verkraften, was etwa bei der Flucht in steilem Fels und der damit verbundenen körperlichen Höchstleistung von grösster Bedeutung ist. Tatsächlich vermögen hochflüchtige Gemsen selbst in schwierigem Gelände Höhenunterschiede von 1000 Metern in wenigen Minuten zu überwinden, ohne dadurch «ausser Atem» zu kommen. Aussergewöhnlich grosse Lungen und eine für Huftiere enorm hohe Zahl roter Blutkörperchen tragen das ihre zur Bewältigung solcher «Kraftakte» bei.

Gut an das Leben in Fels, Eis und Schnee angepasst sind auch die Hufe der Gemse: Die Sohlenflächen sind verhältnismässig weich und plastisch wie Gummi; sie schmiegen sich jeder Rauhigkeit des Untergrunds an und vermitteln dadurch beste Bodenhaftung. Die Ränder der Hufe sind dagegen extrem hart; sie nutzen sich weniger ab, stehen als Leisten vor und wirken als Gleitschutz. Überdies sind die je zwei Hufhälften («Schalen») pro Fuss stark gegeneinander verstellbar, so dass die Gemse jederzeit auf acht Punkten unverrückbar fest steht. Die Zehen sind auch sehr weit spreizbar (über 90 Grad). Dies erleichtert zum einen das Abbremsen, wenn die Gemse einen steilen Hang hinunterläuft. Zum anderen wird auf diese Weise ein zu tiefes Einsinken im Schnee verhindert, weshalb die Gemse auch metertiefe Schneefelder mit geringem Aufwand überqueren kann.

Im übrigen verfügt die Gemse über eine erstklassige Sprungkraft: Bis zwei Meter hohe Stufen und sechs Meter weite Lücken vermag sie bei Bedarf zu überwinden. Auch die Geschwindigkeit, mit der eine Gemse selbst über schwieriges Gelände läuft, ist beachtlich: Während ein Pferd auf der flachen Rennbahn 65 Kilometer je Stunde erreicht, bringt es die Gemse auf «unpräparierter Piste» auf rund 50 Kilometer je Stunde! «Ihre Muskeln sind stramm und elastisch wie Stahlfedern, und windschnell fliegt sie in herrlichen Sätzen über Kluft und Eis», schrieb der Schweizer Naturforscher Friedrich von Tschudi 1861 in seinem Buch «Das Thierleben der Alpenwelt» voller Bewunderung über die Gemse.

 

Die Böcke kämpfen nicht Horn an Horn

In den Alpen spielt sich das typische Gemsenleben in den Sommermonaten hoch am Berg ab. Die Tiere bewohnen die alpinen Wiesen oberhalb der Baumgrenze und die Lichtungen des darunterliegenden Bergwalds, gewöhnlich in Höhen von mehr als 1500 Metern ü.M. Hier ernähren sie sich von Gras, Kräutern, Blättern, Nadeln, Trieben und Flechten.

Die Weibchen bilden mit ihren Jungtieren zusammen Rudel, deren Grösse sich nach den ökologischen Gegebenheiten, besonders dem Nahrungsangebot, richtet. So können sich im Spätsommer grössere Herden von manchmal bis 100 Tieren bilden, während sich die Tiere im Winter in Klein- und Kleinstgruppen möglichst gleichmässig über ihren Lebensraum verteilen, um das dann spärlich vorhandene Futterangebot optimal zu nutzen. Im Sommer und Herbst halten sich die Weibchenrudel meistens hoch über der Waldgrenze auf den alpinen Matten auf. Beim ersten Schnee steigen sie dann ab in ihre «Wintereinstände», welche im allgemeinen unter 1100 Metern liegen. Es handelt sich zum Teil um steile Hänge, von denen der Schnee abrutscht, oder um Kuppen und andere exponierte Stellen, die der Wind schneefrei bläst. So haben die Gemsen leichter Zugang zur Grasnarbe und müssen nicht allzuviel Energie auf das Freischarren derselben verwenden.

Trotz dieser Vorkehrungen vermögen die Gemsen im Gebirge ihre Energiezufuhr im Winter nicht vollständig durch Nahrungsaufnahme zu ersetzen. Gesunde Gemsen kommen aber trotzdem über den Winter, da sie sich im Sommer und Herbst, wenn das Nahrungsangebot reichlich ist, eine dicke Fettschicht anmästen. Das reicht dann bis zum Frühjahr - vorausgesetzt, die Gemsen bleiben in ihren Wintereinständen ungestört. Sind sie gezwungen, immer wieder nach neuen Plätzen zu suchen, so verbrauchen sie leicht ihren Energievorrat vorzeitig und halten dann nicht mehr bis zum Frühjahr durch. Der Skifahrer, der nach neuen Abfahrten sucht und dabei Gemsen aus ihren Wintereinständen heraussprengt, richtet daher oft mehr Schaden an, als er auch nur ahnt. Oft sind die Gemsen auch gezwungen, sich in lawinengefährdete Hänge, die sie sonst meiden, zurückzuziehen, weil sie nur dort Ruhe finden. Auch das kann natürlich sehr verhängnisvoll sein, und in der Tat fordern Lawinen und Steinschlag jeden Winter viele Opfer.

Die geschlechtsreifen Gemsböcke leben fast das ganze Jahr über von den Weibchen und den Jungtieren getrennt. Sie besetzen kleinflächige Lichtungen im Waldgürtel und verbringen die meiste Zeit allein. Mit dem Beginn der Brunft, im November, begeben sie sich aber ebenfalls auf die alpinen Wiesen und gesellen sich dort zu den Weibchenherden. Untereinander bleiben sie jedoch unverträglich: Jeder besetzt ein Revier, in dessen Grenzen er eine Weibchengruppe hütet, und aus dem er Rivalen energisch vertreibt.

Gemsböcke kämpfen - im Gegensatz zu den Steinböcken und vielen anderen Hornträgern - nicht Horn an Horn. Ihr «Duell» beginnt mit langwierigen Droh und Imponiergebärden. Die Tiere stehen zuerst dicht nebeneinander, umkreisen einander drohend, und jeder will grösser erscheinen als der andere: Der Kopf wird hochgereckt und der «Gamsbart» am Rist gesträubt. Viele Auseinandersetzungen werden jetzt schon entschieden. Gibt jedoch keiner nach, so geht es in die zweite Runde: die Hetzjagd. Unvermittelt attackiert einer der beiden seinen Gegner, und der stürzt in rasender Flucht davon. Zuerst eilt er bergab, dann aber läuft er in einem weiten Bogen hangaufwärts, der Verfolger dicht hinter ihm. Plötzlich wirft sich der Gejagte, nunmehr in erhöhter Position, herum, und jetzt wird der Verfolger zum Gejagten. Das geht, mit immer wieder wechselnden Rollen, so lange, bis einer der beiden Böcke aufgibt und sich zurückzieht. Mit den Hörnern wird also bis zum Schluss nicht gekämpft; durch die Verfolgungsjagd allein können die Rivalen ihre körperlichen Kräfte messen. Sie müssen sich nicht in einen direkten Kampf einlassen, bei dem das Risiko einer Verletzung besteht. Mitunter kann es allerdings schon geschehen, dass einer der beiden Böcke den anderen im Übereifer des Gefechts erwischt. Stösst er dabei seine zu Reisshaken geformten Hörner in den Bauch seines Gegners, so können lebensgefährliche Verletzungen die Folge sein.

Gewöhnlich im Mai, rund sechs Monate nach der Brunftzeit, bringt die Gemsgeiss ihr Kitz zur Welt. Kurz vor der Geburt sondert sie sich vom Rudel ab und vertreibt ihr vorjähriges Junges. Zwanzig Minuten nach der Geburt vermag das Kitz bereits auf seinen dünnen Beinchen zu stehen, und schon ein bis zwei Stunden später folgt es seiner Mutter überallhin nach. Wenige Tage später schliesst sich die Geiss mit ihrem Neugeborenen wieder mit anderen Weibchen, deren Kitzen und den mittlerweile eigenständigen Jährlingen zu einem Rudel zusammen.

 

«Gemsenkugeln» gegen Lungenleiden

Von alters her ist die Gemse in Mittel-, Süd- und Osteuropa ein populäres Jagdwild, und sie spielte auch lange Zeit eine wichtige Rolle im Volksglauben und in der Volksmedizin. So glaubte man beispielsweise, dass aus Gemshufen gefertigte Ringe gegen Altersbeschwerden helfen würden. Und Halsketten aus Gemszähnen sollten Kleinkindern das Zahnen erleichtern. Besonders begehrt waren die sogenannten «Gemsenkugeln», die man gelegentlich im Magen erlegter Tiere findet - haselnuss- bis hühnereigrosse Kugeln aus verfestigten unverdaulichen Stoffen mit einem lederartigen, glänzenden und wohlriechenden Überzug. Ganze Bücher wurden über die Heilkräfte dieser Gemsenkugeln geschrieben. Sie sollten beispielsweise gegen Lungenleiden helfen, wenn sie in Silber gefasst oder in einen Lederbeutel eingenäht auf der Brust getragen wurden.

Nicht zuletzt die Nachfrage nach «Gemsenmedizin» hatte besonders im 19. Jahrhundert zu einer übermässigen Bejagung der Gemsen geführt, so dass um die Jahrhundertwende viele Gemsenbestände stark zurückgegangen und aus manchen Gebieten sogar ganz verschwunden waren. Doch das ist glücklicherweise heute nicht mehr so. Wirksame Jagd- und Naturschutzgesetze haben zusammen mit vielen erfolgreich verlaufenen Ausbürgerungen während der letzten siebzig Jahre dazu geführt, dass nicht nur die Bestände der Gemse wieder stark angewachsen sind (man schätzt den heutigen Gesamtbestand auf über 500 000 Individuen), sondern dass sich auch ihr Verbreitungsgebiet beträchtlich ausgedehnt hat.

Erfolgreiche Gemsenaussetzungen wurden in der Chartreuse, den Vogesen und den Cevennen (Frankreich), im Schwarzwald, der Schwäbischen Alb und dem Elbsandsteingebirge (Deutschland), im Jura (Schweiz), im Lausitzer-Gebirge, den östlichen Sudeten, dem Slowenischen Erzgebirge und der Niederen Tatra (Tschechoslowakei) sowie in mehreren Berggebieten Jugoslawiens vorgenommen. Natürliche Arealausweitungen haben im südöstlichen Frankreich (Provence) und auch im übrigen Mittelmeerraum stattgefunden. Ausserdem sind die Tiere in Frankreich, Deutschland, Österreich und der Schweiz von den Hochalpen in die Voralpen und teilweise sogar in Hügelregionen des Flachlands vorgedrungen. Heute findet man Gemsen in trockenen Oliven- und Eichenwäldern auf Meereshöhe bei Nizza ebenso wie in eintönigen deutschen Fichtenwäldern und unwirtlichen Hochgebirgszügen der Hohen Tatra. Manche Gemsenpopulationen haben sich sogar mitten in landwirtschaftlich genutztem und dicht besiedeltem Gebiet niedergelassen. Die Gemse weist damit die bei weitem grösste ökologische Anpassungsfähigkeit aller europäischen Gebirgstiere auf.

Leider ist einzelnen Gemsenunterarten gerade durch die Aussetzungen von Gemsen zu jagdlichen Zwecken eine ernsthafte Gefahr erwachsen. Oft wurde nämlich bei diesen Aktionen nicht auf die Herkunft der ausgesetzten Tieren geachtet, wodurch «falsche» Unterarten in die Verbreitungsgebiete anderer, seltener Unterarten eingeschleust wurden und sich mit diesen kreuzten. Mehrere Gemsenunterarten stehen deshalb heute in Gefahr, ihre genetische Identität zu verlieren und auf diese Weise auszusterben.

Betroffen ist vor allem die Chartreuse-Gemse, von der es heute keine hundert Tiere mehr gibt. Neben der Einbürgerung einer anderen Gemsenunterart, mit der sich die Chartreuse-Gemse vermischte, hat hierbei auch die Nahrungskonkurrenz mit den ebenfalls vom Menschen eingebürgerten Rothirschen und Mufflons eine gewisse Rolle gespielt. Die Hohe-Tatra-Gemse ist durch genau dieselben Faktoren gefährdet; ihr Bestand umfasst nur noch 500 bis 900 Tiere. Die Balkan-Gemse gilt in Griechenland als gefährdet; es überleben nur noch wenige Individuen. In Jugoslawien und möglicherweise auch in Albanien scheint die Balkan-Gemse durch Vermischung mit der an verschiedenen Stellen ausgesetzten Alpen-Gemse bedroht zu sein. Nichts Näheres ist über die Bestandssituation der türkischen Gemsenunterart bekannt, die zum Teil massiver Wilderei ausgesetzt ist.




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