Gerfalke

Falco rusticolus


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Unter den Brutvögeln Islands befinden sich nur wenige Greifvögel: neben der nachtaktiven Sumpfohreule (Asio flammeus) sind dies der Seeadler (Haliaeetus albicilla), der Merlin (Falco columbarius) und der Gerfalke (Falco rusticolus). Letzterer ist mit einer Länge von 51 bis 60 Zentimetern der grösste und kraftvollste Falke der Welt und wird seiner hervorragenden jagdlichen Leistungen wegen vom Menschen seit jeher sehr bewundert. Die Beobachtung eines Gerfalken steht denn auch auf der «Wunschliste» der Naturfreunde, welche die vulkanische Insel im Nordatlantik besuchen, stets an oberster Stelle.

 

Rund um das Nordpolarmeer heimisch

Ungefähr 60 Arten umfasst die Familie der Falken (Falconidae). Von ihnen allen weist der Gerfalke das am weitesten nördlich liegende Verbreitungsgebiet auf. Er ist rund um das Nordpolarmeer zu Hause, also in Sibirien ebenso wie in Alaska und Kanada und in Skandinavien ebenso wie in Grönland und auf Island. Die nördlicheren Gerfalken-Populationen weichen jeweils im Winter den unwirtlichen klimatischen Bedingungen in ihren Lebensgebieten aus und ziehen ein Stück weit nach Süden. Die südlicheren Populationen, darunter auch diejenige Islands, sind jedoch sesshaft und bleiben ihren Lebensgebieten ganzjährig treu.

In Island hat sich im Rahmen eines grossangelegten Beringungsprogramms gezeigt, dass die «alteingesessenen» Brutvögel in der Regel ihre einmal errichteten Territorien das ganze Jahr über bewohnen, sofern das Nahrungsangebot im Winter ausreichend ist. Besonders die jugendlichen sowie andere gesellschaftlich nicht verankerte Individuen ziehen dagegen während der Nichtbrutzeit weit umher. Alljährlich zur Winterzeit wird Island im übrigen von Gerfalken aus Grönland besucht, die hier ihr Winterquartier beziehen.

Die Gerfalken Islands waren früher aufgrund ihrer Färbung und ihrer Grösse einer eigenen Unterart, Falco rusticolus islandus, zugeordnet worden. Das hat sich aber als unhaltbar erwiesen. Die Variabilität hinsichtlich Gefiederfärbung und Körpergrösse ist nämlich in der isländischen Gerfalken-Population überaus gross und eine Abgrenzung von den restlichen Gerfalken darum nicht gerechtfertigt. In Island sind die meisten Gerfalken oberseits von dunkelgrauer Grundfärbung, die restlichen sind überwiegend hellgrau, und nur wenige sind weiss. Etwas heller sind im Durchschnitt die Gerfalken Grönlands, welche sich als Wintergäste auf Island aufhalten, und es treten unter ihnen verhältnismässig viele reinweisse Exemplare auf.

 

«Grundnahrungsmittel» Alpenschneehuhn

Hinsichtlich seiner heutigen Bestandssituation könnte man den Gerfalken als «mittelmässig» bezeichnen: Nirgendwo innerhalb seines weiten Verbreitungsgebiets kommt er wirklich häufig vor; andererseits zählt er aber auch nicht zu den besonders seltenen Falkenarten, welche aufgrund der Machenschaften des Menschen heute in ihrem Fortbestand gefährdet sind. Dies ist vor allem auf den Umstand zurückzuführen, dass die Abgeschiedenheit und Ungastlichkeit der Regionen, die der Gerfalke bewohnt, einen gewissen Schutz vor dem Menschen bieten.

Einige regionale Bestände des Gerfalken haben in historischer Zeit dennoch Bestandseinbussen erlitten. So hat sich zum Beispiel in Skandinavien die südliche Verbreitungsgrenze des Greifvogels in den letzten hundert Jahren deutlich nordwärts verschoben. Neben der Verfolgung durch den Menschen dürften hierbei auch grossräumige Klimaveränderungen eine gewisse Rolle gespielt haben. Auch auf Island war im 18. Jahrhundert vorübergehend ein massiver Rückgang der Gerfalkenpopulation zu verzeichnen gewesen, auf die wir noch zu sprechen kommen werden.

Der derzeitige Gesamtbestand des Gerfalken lässt sich nur grob abschätzen, da die entsprechenden Daten für viele Bereiche seines Verbreitungsgebiets noch mangelhaft sind. Etwa 5000 bis 10.000 Brutpaare dürften es aber insgesamt sein. Davon leben zwischen 300 und 400 Paare auf Island, das damit wohl weltweit die grösste Dichte von Gerfalken aufweist. Allerdings ist diese Dichte naturgemäss - das heisst wie bei Raubtieren allgemein üblich - nicht besonders hoch: Selbst im qualitativ besten Gerfalken-Lebensraum im nördlichen Island beträgt die Distanz zwischen benachbarten Paaren im Durchschnitt etwa fünf Kilometer!

Hühnervögel aller Art bilden in den meisten Bereichen des Verbreitungsgebiets des Gerfalken dessen wichtigste Beutetiere. In Island ernährt er sich hauptsächlich vom knapp 500 Gramm schweren Alpenschneehuhn (Lagopus mutus). Daneben fallen ihm auf der nordatlantischen Insel diverse andere mittelgrosse Vogelarten zum Opfer, darunter allerlei Wat-, Wasser- und Sumpfvögel. Die genaue Zusammensetzung seiner Nahrung hängt stark vom lokalen Angebot ab. So erlegen Gerfalken, die in Küstennähe leben, verhältnismässig viele Meeresvögel. Immer aber bildet das Alpenschneehuhn gewissermassen das «Grundnahrungsmittel».

Dies hat überraschende Folgen: Die Grösse der isländischen Alpenschneehuhn-Population unterliegt nämlich zyklischen Schwankungen, die mit den natürlichen Umweltbedingungen zu tun haben und deren Intervalle ungefähr zehn Jahre dauern. Da die Populationsgrösse der Alpenschneehühner bei den Bestandsmaxima rund viermal grösser ist als bei den Bestandsminima, bleiben diese Schwankungen nicht ohne Auswirkungen auf die Gerfalkenpopulation: Deren Grösse nimmt im gleichen Rhythmus wie die der Alpenschneehuhn-Population zu und ab. Dies ist ein hübsches Beispiel dafür, dass unter natürlichen Bedingungen nicht die Raubtiere die Beutetiere «kontrollieren», wie man immer wieder liest, sondern dass genau das Gegenteil der Fall ist.

 

Begehrte Beizvögel

Die aussergewöhnlichen jagdlichen Leistungen, die der Gerfalke vollbringt, haben sich nach der Besiedlung Islands durch den Menschen im 9. Jahrhundert leider als nicht geringer Nachteil für den Vogel erwiesen: Schon damals galt er nämlich aufgrund seines schnellen Flugs und der beachtlichen Grösse der Beutetiere, die er zu überwältigen vermag, unter den Falknern als edelster und wertvollster Beizvogel der Welt und war deshalb höchst begehrt.

Die Beizjagd - die als Sport betriebene Jagd auf kleines Haar- und Federwild mit Hilfe abgerichteter Greifvögel - hat besonders in den arabischen Ländern eine jahrtausendelange Tradition. So lassen sich beispielsweise auf Wandmalereien aus dem alten Ägypten deutlich Falkner mit ihren Vögeln erkennen. Auch in Europa wurde dieser Sport schon früh betrieben, wobei die ältesten schriftlichen Hinweise, die uns bekannt sind, aus dem 11. Jahrhundert stammen. Hier war die Beizjagd lange Zeit vornehmlich den Königen oder doch zumindest dem Adel vorbehalten.

Aus Island wurden in der Folge während mehrerer Jahrhunderte regelmässig Gerfalken als Beizvögel ausgeführt. Detaillierte Aufzeichnungen über dieses «Exportgeschäft» sind besonders ab dem 16. Jahrhundert erhalten. Sie zeigen, dass die Stückzahlen der exportierten Gerfalken von Jahr zu Jahr beträchtlichen Schwankungen unterlagen. Besieht man die Zahlen genauer, so lassen sich regelmässige Zyklen erkennen, welche zweifellos die Bestandszyklen der damaligen Alpenschneehuhn-Population widerspiegeln. Die enge Beziehung zwischen den isländischen Gerfalken und ihren Hauptbeutetieren scheint also auf eine lange Geschichte zurückzublicken.

Der geschäftsmässig betriebene Fang und Export isländischer Gerfalken wurde schliesslich 1810 aufgegeben, wohl als Folge einer Übernutzung der Inselpopulation und eines dadurch verursachten Bestandszerfalls. Tatsächlich waren zwischen 1743 und 1765 nicht weniger als 1789 Gerfalken aus Island ausgeführt worden, wovon 210 allein im traurigen Rekordjahr 1764. Das war des Guten offensichtlich zuviel gewesen.

Die isländische Gerfalkenpopulation scheint sich in der Folge recht gut erholt zu haben, erlitt dann aber im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert erneut grössere Bestandseinbussen. Verantwortlich dafür waren nun hauptsächlich Museen und private Sammler aus aller Welt, welche für eine enorme Nachfrage nach Eiern und Bälgen der Vögel sorgten. Viele Brutplätze wurden damals während Jahren regelmässig geplündert, wodurch der Nachzuchterfolg der Population massiv zurückging.

1919 erhielt der Gerfalke in Island endlich den längst erforderlichen gesetzlichen Schutz. Damals wurden die Vögel selbst unter Schutz gestellt, 1940 dann auch ihre Eier.

 

Kolkraben und Eissturmvögel als Feinde

Feinde hat der Gerfalke in Island interessanterweise auch in der gefiederten Welt. Da sind zum einen die Kolkraben (Corvus corax), die auf Island recht häufig sind und die ihm die Brutplätze streitig machen. Beide Vogelarten brüten gerne auf unzugänglichen Felssimsen und benützen möglichst Jahr für Jahr dieselben Horste. Um diese entflammen deshalb oft erbitterte Kämpfe. Beobachtungen deuten allerdings darauf hin, dass es mehrheitlich die Gerfalken sind, welche sich die aufwendig gebauten und sehr dauerhaften Nester der Kolkraben anzueignen versuchen, und dass sie bei den zwischenartlichen Streitereien gewöhnlich auch als Sieger hervorgehen. Inwiefern die Kolkraben also einen negativen Einfluss auf die Bruttätigkeit der Gerfalken haben, ist schwierig abzuschätzen.

Zum anderen machen den Gerfalken auf Island die Eissturmvögel (Fulmarus glacialis) zu schaffen. Diese Meeresvögel verfügen über eine sehr wirkungsvolle Methode der Selbstverteidigung: Sie können bei Gefahr ein übelriechendes, klebriges Öl aus ihrem Drüsenmagen hervorwürgen und gezielt meterweit gegen ihre Angreifer spritzen. Für den Gerfalken hat dies mitunter katastrophale Folgen: Zum einen verklebt das Magenöl das Falkengefieder und zerstört dessen wärmedämmende und nässeabweisende Eigenschaften, zum anderen mindert es die Flugtüchtigkeit des Falken. Beides ist für einen hochnordischen «Jäger der Lüfte» gleich verheerend, weshalb von Eissturmvögeln beworfene Gerfalken oft dem Tod geweiht sind. Es handelt sich besonders um jugendliche Gerfalken, welche auf die scheinbar harmlosen Eissturmvögel «hereinfallen». Ältere Falken scheinen aufgrund früherer Erfahrungen entweder einen weiten Bogen um die tückischen Meeresvögel zu machen oder aber gekonnter mit ihnen umgehen zu können.

Die Rolle, welche die Eissturmvögel als Sterblichkeitsfaktor für die Gerfalken spielen, hat an Bedeutung in den letzten zwei Jahrhunderten erheblich zugenommen. Die Population der Eissturmvögel im Nordatlantik ist nämlich in diesem Zeitraum massiv angewachsen, wahrscheinlich weil die moderne Fischerei die Ernährungsbedingungen für die Vögel verbessert hat. Nicht nur verlieren heute mehr unerfahrene oder ungeschickte Gerfalken ihr Leben als Folge eines misslungenen Angriffs auf einen Eissturmvogel. Die Eissturmvögel haben die Gerfalken inzwischen auch von manchen Felsklippen verdrängt, wo diese früher regelmässig brüteten. Während sich die Gerfalken also gegen Kolkraben gewöhnlich durchzusetzen vermögen, scheinen ihnen die Eissturmvögel überlegen zu sein.

 

Nationale isländische Kostbarkeit

Der Gerfalke war einst auf Islands Landeswappen abgebildet gewesen. Und Islands höchste Auszeichnung, welche vom Präsidenten in Anerkennung besonderer Verdienste für die Republik verliehen wird, ist der «Falkenorden». Der Gerfalke wird deshalb vielfach als Nationalvogel Islands betrachtet. Auf jeden Fall ist er der bei weitem bekannteste Vogel der Inselrepublik.

Island wird diesem Status des Gerfalken gerecht, indem es ihn zu einer der bestgeschützten Tierarten des Landes gemacht hat. So darf man sich heute ohne Spezialbewilligung nicht einmal mehr den Nestern der Gerfalken nähern, damit die Greifvögel nicht beim Brutgeschäft gestört werden. Der Gerfalke ist im übrigen in Anhang I des Washingtoner Abkommens (WA) enthalten. Import, Export und Transit von Gerfalken sind somit für die rund 120 Unterzeichnerstaaten dieser internationalen Übereinkunft über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten vollständig untersagt.

Leider ist der Gerfalke allen Schutzmassnahmen zum Trotz in Island nicht völlig sicher. Weiterhin versuchen skrupellose Leute, Eier und Nestlinge des begehrten Vogels aus den Horsten zu rauben und ausser Landes zu schmuggeln. Denn besonders in arabischen Ländern gelten Gerfalken als erstklassiges Statussymbol und erzielen deshalb unglaubliche Preise. Entsprechend gross ist der Anreiz zur Wilderei. Island betrachtet den illegalen Fang und Export von Gerfalken jedoch nicht allein als Gesetzesverstoss, sondern auch als Beleidigung der isländischen Nation und ahndet das Vergehen entsprechend hart. Die Chancen stehen so gesehen gut, dass der Gerfalke auch in Zukunft frei und ungehindert über der offenen isländischen Landschaft nach seiner Beute jagen und in geschützten Felsnischen seine Jungen aufziehen kann.

Von der globalen Chemisierung der Umwelt durch den Menschen dürfte allerdings selbst der Gerfalke in Island nicht verschont geblieben sein, denn davor schützt ihn kein Gesetz. Mittels einer wissenschaftlichen Studie wird derzeit abgeklärt, wie gross dieses Problem für den Gerfalken in Island ist, das heisst ob und wie stark er durch all die Schadstoffe gefährdet ist, mit denen der Mensch achtlos seine Umwelt befrachtet. Die Ergebnisse stehen noch aus. Die Tatsache, dass auf Island DDT und andere verhängnisvolle Schädlingsbekämpfungsmittel nie in grösseren Mengen eingesetzt wurden, lässt aber hoffen, dass sie nicht allzu besorgniserregend sein werden.




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