Krähenscharbe - Phalacrocorax aristotelis

Schwarzstorch - Ciconia niger

Schmutzgeier - Neophron percnopterus

Felsenhuhn - Alectoris barbara


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Gibraltar, die strategisch bedeutende Halbinsel an der Südspitze Spaniens, ist seit 1704 in britischem Besitz. Es weist eine Fläche von 6,5 Quadratkilometern auf und wird von einem mächtigen, 425 Meter hohen Kalkfelsen beherrscht, der im Osten fast senkrecht zum Mittelmeer, an seiner Westflanke hingegen in unregelmässigen Stufen zur Stadt und zum Hafen abfällt. 31 000 Einwohner (ohne Militär) zählt die kleine Kolonie an der nur 14 Kilometer breiten Meerenge zwischen Europa und Afrika.

Gibraltar hat mediterranes Klima mit heissen, trockenen Sommern und milden, feuchten Wintern. Aus der Ferne betrachtet verleiht der vielerorts kahle Felsen der Halbinsel ein ziemlich unwirtliches Aussehen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Vegetation Gibraltars aber als recht vielfältig, und demzufolge beherbergt das kleine Territorium nicht nur jene einzigartige, etwa vierzigköpfige Berberaffenpopulation, die dem britischen Kriegsministerium «untersteht», sondern auch eine reiche Insektenwelt sowie zahlreiche Reptilien- und Vogelarten. Zu den Brutvogelarten Gibraltars gehören beispielsweise das Felsenhuhn, dessen Bestand ungefähr fünfzig Paare umfasst, und die Krähenscharbe mit einer Population von etwa fünf Paaren. Daneben erfüllt Gibraltar eine wichtige Funktion als «Brückenkopf» für all die vielen Zugvogelarten, welche jeweils im Herbst auf der «Westroute» von ihren europäischen Brutgebieten in die afrikanischen Winterquartiere und im Frühjahr auf demselben Weg wieder zurück ziehen. Unter ihnen befinden sich beispielsweise der Schmutzgeier und der Schwarzstorch. Den genannten vier Vogelarten ist die vorliegende Ausgabe gewidmet.

 

Die Krähenscharbe

Die Krähenscharbe (Phalacrocorax aristotelis), ein Mitglied der Kormoranfamilie, weist eine Länge von 76 Zentimetern und ein Gewicht von 1,8 Kilogramm auf. Sie ist ein ausschliesslicher Meeresvogel, hält sich zumeist an felsigen Küstenabschnitten auf und ernährt sich wie alle Kormorane überwiegend von Fischen. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über die Küsten Europas (von Nordnorwegen bis Griechenland) sowie Nordwestafrikas.

Die grossen, weit am Hinterende des Körpers ansetzenden «Ruderfüsse» lassen die Krähenscharbe an Land zwar etwas plump erscheinen. Für die Fortbewegung im Wasser ist sie damit aber bestens ausgerüstet. Hinzu kommt, dass ihre Knochen nur sehr kleine Lufträume aufweisen und ihr Gefieder wassereinlässig ist, was beides den Auftrieb der Krähenscharbe beim Schwimmen unter Wasser erheblich vermindert und sie zu einem tüchtigen Unterwasserjäger macht.

Die Tauchgänge der Krähenscharbe dauern durchschnittlich 40 Sekunden, und die Tauchtiefe beträgt bis 20 Meter. Ihre Beute packt sie zielsicher mit ihrem schlanken Hakenschnabel, dessen Ränder gezähnelt sind. Nur ganz kleine Beutetiere verschluckt sie gleich unter Wasser. Grössere Tiere bringt sie dagegen an die Wasseroberfläche, wirft sie dort in die Luft und verschluckt sie dann mit dem Kopf voran.

Krähenscharben brüten gewöhnlich in kleinen Kolonien, manchmal auch einzeln, wobei sie ihre Nester vorzugsweise auf überdeckten Felssimsen, in Felsnischen und auch in natürlichen Höhlungen anlegen. Die günstigsten Nistplätze werden im zeitigen Frühjahr von den Männchen besetzt, die sich dort als Eigentümer zu erkennen geben und mit einer «Werbebalz» ein Weibchen anzulocken suchen. Sie hüpfen in aufrechter Haltung umher, werfen den Kopf zurück und «gähnen» himmelwärts. Die Weibchen beobachten die Tänzer eingehend, bevor sie sich für ein Männchen und dessen Nistplatz entscheiden. Nach einiger Zeit treffen sie ihre Wahl, landen neben dem Auserwählten und versuchen mit einem komplexen Gehabe, von ihm angenommen zu werden.

Sind die Männchen gewillt, ein Weibchen als Brutpartner anzunehmen, so hören sie sogleich mit der Werbebalz auf und beginnen mit der «Grussbalz». Dabei verbeugen sie sich vor dem Weibchen, wiegen den Kopf hin und her und führen es dann zum Nestplatz. Sind sie jedoch mit einem Weibchen nicht einverstanden, so vertreiben sie es mit Gewalt vom Nest und tanzen - in der Hoffnung auf eine «bessere Partie» - lebhaft weiter. Die Paarbildung gilt jeweils als vollzogen, wenn ein Männchen ein Weibchen als Nestwache zurücklässt, während es Nistmaterial (hauptsächlich Wasserpflanzen) sammeln geht. Später trägt dann auch das Weibchen Nistmaterial herbei, doch achten die beiden Partner darauf, dass der Nistplatz niemals unbewacht bleibt.

Das Gelege der Krähenscharbe besteht aus zwei bis drei bläulichen Eiern und wird abwechslungsweise von beiden Partnern bebrütet. Die Jungvögel schlüpfen nach rund 30 Tagen und sind ungefähr 50 Tage später flügge. Sie verlassen dann das Nest, werden aber von den Eltern weiterhin gefüttert. Oft fliegen sie dann futterbettelnd hinter diesen her. Bald gelingt es ihnen aber auch selbst, Beute zu fangen, und schon wenig später kommt es zur Ablösung von den Eltern.

 

Der Schwarzstorch

Der Schwarzstorch (Ciconia niger) ist mit einer durchschnittlichen Länge von 97 Zentimetern und einem Gewicht um drei Kilogramm nur unwesentlich kleiner als unser allbekannter Weissstorch (Ciconia ciconia; 102 Zentimeter). Seine Heimat ist der osteuropäische sowie der vorder- und zentralasiatische Raum. Separate kleinere Brutpopulationen findet man jedoch zusätzlich in Spanien und im südlichen Afrika.

Wegen seiner Scheu vor offenen Wasserflächen umfliegt der Schwarzstorch bei seinem Zug von den eurasischen Brutgebieten in die afrikanischen Winterquartiere das Mittelmeerbecken in einem weiten Bogen und kreuzt an dessen schmalsten Stellen: Im Westen bei Gibraltar und im Osten beim Bosporus und beim Suez-Kanal. Nur verhältnismässig wenige Individuen wandern über Italien (Sizilien) oder über Griechenland (Peloponnes/Kreta) südwärts und überqueren dabei das offene Meer.

Während sich der Weissstorch gern im offenen Gelände unserer Kulturlandschaft aufhält, bevorzugt der Schwarzstorch als Lebensraum einsame Waldungen im Bereich von Flüssen, Seen und Sümpfen. Hier macht er im seichten Wasser Jagd auf Fische, Krebse und Amphibien und erbeutet in den angrenzenden Feuchtwiesen Reptilien, Nagetiere, Jungvögel und (seltener allerdings als der Weissstorch) Insekten.

Seine Nahrung erbeutet der Schwarzstorch meistens im Schreiten: Suchend wandert er durch sein Jagdgebiet und packt jeweils mit blitzartig vorschnellendem Schnabel zu, wenn ihm ein Beutetier über den Weg läuft. Mitunter wendet er aber auch eine ganz besondere Jagdlist an: Wie der Glockenreiher (Egretta ardesiaca) steht er bewegungslos mit gesenktem Kopf im seichten Wasser und breitet die Flügel nach vorne über den Kopf aus, so dass das unter ihm liegende Wasser beschattet wird. Zum einen kann er auf diese Weise, von Spiegelungen auf der Wasseroberfläche ungestört, Wasserlebewesen besser erspähen. Zum anderen suchen immer wieder Fische in seinem Schatten Zuflucht, die er dann leicht zu erbeuten vermag.

Schwarzstörche verbinden sich in jungen Jahren zu festen Paaren, die sich ein Leben lang treu bleiben. Ihr Nest legen sie meistens auf hohen Waldbäumen an, in einigen Regionen aber auch auf Felsen. Da jedes Paar möglichst Jahr für Jahr denselben Horst bezieht und diesen jeweils tüchtig ergänzt und ausbaut, handelt es sich bei den Schwarzstorchnestern oft um mehrere Zentner schwere «Burgen».

Die weiblichen Schwarzstörche legen ihre zwei bis vier Eier in Abständen von mehreren Tagen, beginnen aber schon mit dem ersten Ei zu brüten. Dies hat zur Folge, dass - ungefähr 30 Tage später - die Jungstörche ebenfalls «gestaffelt» schlüpfen und daher zumindest anfänglich beträchtliche Grössenunterschiede zwischen ihnen bestehen. Im Alter von etwa sieben Wochen fangen sie bei geeignetem Wind an, spielerisch in die Höhe zu springen und die Flügel auszubreiten. Im Alter von etwa zwei Monaten sind sie zwar flugfähig, bleiben aber vorerst noch nachts und zeitweise auch tagsüber im Nest und werden weiterhin von den Altvögeln betreut und zugefüttert. Bald darauf machen sie sich selbständig.

 

Der Schmutzgeier

Der Schmutzgeier (Neophron percnopterus) ist mit einer Gesamtlänge von etwa 60 Zentimetern und einem Gewicht um zwei Kilogramm ein verhältnismässig zierlicher Vertreter der Altweltgeier. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich über weite Bereiche Afrikas sowie Vorder- und Südasiens. Ausserdem umfasst es das westliche und östliche Südeuropa, wobei die europäischen Schmutzgeier aber keine sesshaften Vögel sind, sondern Zugvögel, welche sich nur im Sommer in Europa aufhalten und dann ihre Jungen aufziehen, den Winter hingegen in Afrika verbringen.

Der Schmutzgeier ist ein Bewohner trockener Landstriche und betätigt sich hier als natürlicher Abfallbeseitiger. Täglich fliegt er ein grosses Gebiet ab und findet dabei auf Weiden, an Landstrassen, unter Greifvogelhorsten oder auf Müllhalden allerlei Essbares. Aas ist ein wichtiger Bestandteil der Nahrung des Schmutzgeiers, aber längst nicht der einzige. Seine Kost umfasst auch alle möglichen und unmöglichen Abfälle des Menschen, was den kleinen Geier mancherorts zu einer Art natürlicher «Müllabfuhr» macht. In Afrika besucht er gerne Wasservogel-Brutkolonien und erbeutet dort beispielsweise schwächliche Flamingoküken oder raubt unbeaufsichtigte Pelikaneier, die er mit dem Schnabel hochhebt und dann zu Boden fallen lässt, damit sie zerbrechen. Oft überfällt er auf seinen Streifzügen auch allerlei unvorsichtige Kleintiere, so besonders Nager, Frösche, Eidechsen, Insekten und Schnecken. Und er verzehrt mitunter selbst Datteln und andere Pflanzenkost. Ein besonders interessanter Aspekt des Schmutzgeierverhaltens ist im übrigen der Gebrauch von Steinen als Werkzeug zum Öffnen von Strausseneiern.

Sein Nest legt das Schmutzgeierpaar auf gut geschützten, oft überdachten Felsvorsprüngen an. Es wird aus Zweigen unterschiedlicher Dicke gefertigt und mit allerlei bizzaren Gegenständen «geschmückt», welche die Vögel in der Umgebung zusammenlesen. Dazu zählen etwa farbige Stoffetzen und Kunststoffstückchen oder Schädel und Knochen aller Art. Gegen Ende des Frühjahrs legt das Weibchen zumeist zwei (seltener ein oder drei) Eier hinein, die auf gelblichem Grund rostbraun gefleckt und marmoriert sind und zu den schönsten Greifvogeleiern gehören. Das Gelege wird von beiden Partnern abwechselnd bebrütet, und die Nestlinge schlüpfen nach etwa sechs Wochen. Obschon zwischen den Nestlingen kaum Zänkereien zu beobachten sind, gelingt es dem Elternpaar gewöhnlich nicht, beide Jungen grosszuziehen. Offensichtlich ist das Nahrungsangebot im allgemeinen für zwei hungrige Mäuler unzureichend, so dass jeweils nur der kräftigere der beiden Jungvögel überlebt. Dieser verlässt ungefähr drei Monate nach dem Schlüpfen als weitgehend selbständiger Vogel das elterliche Nest.

 

Das Felsenhuhn

Das Felsenhuhn (Alectoris barbara), ein Hühnervogel aus der Familie der Fasanenartigen (Phasianidae), ist in Nordafrika, von Mauretanien ostwärts bis Ägypten, verbreitet und kommt ausserdem auf Sardinien, den Kanarischen Inseln sowie auf Gibraltar und im benachbarten Südspanien vor. Es bewohnt vorzugsweise felsige Berggegenden und buschbestandene Halbwüsten. Man findet es aber auch in lichten Waldungen und in Dünengelände entlang der Meeresküste. Männchen und Weibchen des Felsenhuhns sind gleich gefärbt, doch sind die Männchen etwas grösser als die Weibchen: Sie erreichen eine Länge von 33 Zentimetern und ein Gewicht um 500 Gramm.

Das Felsenhuhn ist hauptsächlich in den kühleren Morgen- und Abendstunden unterwegs und verbringt die heissen Mittagsstunden ruhend unter überhängenden Felsen oder im Schatten dichten Gesträuchs. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Sämereien, Früchten und Blättern, zwischendurch nimmt es aber auch Insekten zu sich.

Ausserhalb der Fortpflanzungszeit, im Winterhalbjahr, bewegen sich die Felsenhühner in kleinen Trupps umher. Im Frühjahr brechen diese Gruppen jeweils auseinander, denn jedes Männchen besetzt dann einen Eigenbezirk und äussert darin unermüdlich, oft während Wochen, seinen typischen Revierruf, ein kratzendes, bedächtig klingendes «Krrraiik». Beim Rufen richtet sich der Felsenhahn auf den Zehenspitzen hoch auf, fächert seinen Schwanz und präsentiert seine Halsbandfleckung und die Flankenstreifung. Mit diesem Gehabe zeigt er allen Artgenossen, welch «toller Kerl» er ist, und bezweckt damit gleich zweierlei, nämlich einerseits ein Weibchen anzulocken und andererseits etwaige Nebenbuhler fernzuhalten. Wagt sich ein Rivale trotzdem in sein Revier, so nähert er sich ihm drohend mit nach vorn gerichtetem Kopf und in Seitwärtshaltung, damit sein Flankengefieder möglichst gut zur Geltung kommt. Zieht sich der Eindringling nicht zurück, so kommt es zum Kampf: Die beiden Gegner hacken mit gesträubtem Kopf- und Halsgefieder aufeinander ein, bis einer der beiden (in der Regel der besitzlose Herausforderer) flügelflatternd flüchtet.

Das Nest des Felsenhuhns liegt im Schutz und Schatten dichten Pflanzengewirrs und besteht lediglich aus einer ausgescharrten Erdmulde. Das Gelege umfasst durchschnittlich elf Eier, die gemäss den bisher gemachten Beobachtungen vom Weibchen allein in ungefähr 25 Tagen ausgebrütet werden, während das Männchen in Nestnähe die Umgebung überwacht und vor Feinden warnt.

Da das Weibchen jeweils erst mit Brüten beginnt, wenn das Gelege vollständig ist, schlüpfen alle Küken gleichzeitig. Als typische Nestflüchter verlassen sie ihren Geburtsort sogleich, können sich vom ersten Tag an selbständig ernähren und sind mit zehn bis zwölf Tagen bereits flugfähig. Anfänglich werden sie vom Weibchen noch geführt und gehudert. Schon bald aber gehen sie ihre eigenen Wege.




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