Gewöhnliches Gleithörnchen
Pteromys volans
© 1994 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die einzigen Säugetiere, welche zum aktiven Flug
befähigt sind, sind die Mitglieder der Ordnung der Fledertiere
(Chiroptera), also die Fledermäuse und die Flughunde. Sie
haben es im Laufe ihrer Stammesgeschichte fertig gebracht, ihre
Vordergliedmassen zu richtigen Flügeln umzubilden. Interessanterweise
gibt es aber unter den Säugetieren noch ein paar weitere
Formen, die sich durch die Luft fortzubewegen vermögen.
Diese besitzen zwar allesamt keine eigentlichen Flügel,
verfügen jedoch über Flughäute, die an den Körperseiten
ansetzen. Beim Springen von Ast zu Ast oder von Baum zu Baum
spannen diese Tiere ihre Flughaut durch Spreizen der Gliedmassen
zu einer Art «Tragfläche» aus und vermögen
dadurch beachtliche Strecken gleitend durch die Luft zurückzulegen.
Lageveränderungen der Gliedmassen und des Schwanzes erlauben
es ihnen, die Richtung des Gleitflugs recht präzis zu steuern.
Stets aber handelt es sich dabei um ein schräg abwärts
gerichtetes, rein passives Gleiten und niemals um einen aktiven
Flug, wie ihn die Fledertiere ausüben.
Gleitfliegende Säugetiere finden sich in vier
verschiedenen Familien aus drei verschiedenen Ordnungen, und
zwar bei den Dornschwanzhörnchen (Anomaluridae) und den
eigentlichen Hörnchen (Sciuridae) aus der Ordnung der Nagetiere
(Rodentia), bei den Gleitfliegern (Cynocephalidae) aus der Ordnung
der Riesengleiter (Dermoptera) und bei den Gleitbeutlern (Petauridae)
aus der Ordnung der Beuteltiere (Marsupialia).
Die meisten dieser gleitfliegenden Säugetiere
sind in tropischen und subtropischen Wäldern beheimatet.
Ein paar wenige kommen aber auch in Wäldern der gemässigten
Klimazonen vor. Zu letzteren gehört das Gewöhnliche
Gleithörnchen (Pteromys volans), von dem hier die
Rede sein soll.
Von Erd-, Baum- und Gleithörnchen
Die Familie der Hörnchen ist mit ungefähr
270 Arten eine sehr umfangreiche und weitverbreitete Säugetierfamilie.
Mitglieder der Familie sind die baumlebenden Eichhörnchen
und Riesenhörnchen ebenso wie die bodenlebenden Murmeltiere
und Präriehunde. Ausserdem gehören zur Familie etwa
37 Arten von Gleithörnchen. Sie werden in einer eigenen
Unterfamilie namens Petauristinae von den Erd- und Baumhörnchen
(Sciurinae) abgetrennt.
In der Grösse variieren die Gleithörnchen
vom waldmausgrossen Malaiischen Zwerggleithörnchen (Petaurillus
kinlochii), dessen Heimat die Malaiische Halbinsel ist und
das eine Kopfrumpflänge von weniger als 9 Zentimetern und
ein Gewicht von unter 50 Gramm aufweist, bis hin zum katzengrossen
Taguan (Petaurista petaurista), welcher in Südostasien
vorkommt und eine Kopfrumpflänge von gegen 60 Zentimetern
und ein Gewicht von bis zu 2,5 Kilogramm erreicht.
Die Unterfamilie der Gleithörnchen wird gewöhnlich
in 14 Gattungen gegliedert. Davon sind die meisten, nämlich
12, in Süd-, Südost- und Ostasien beheimatet. Nur 1
Gattung (Pteromys; mit 2 Arten) ist im nördlichen
Eurasien zu Hause, und ebenfalls nur 1 Gattung (Glaucomys;
mit 2 Arten) kommt in Nordamerika vor.
Von den beiden eurasischen Gleithörnchen hat
das eine ein sehr kleines, das andere dagegen ein riesenhaftes
Verbreitungsgebiet: Das Japanische Gleithörnchen (Pteromys
momonga) findet sich lediglich auf den beiden zentraljapanischen
Inseln Honshu und Kyushu. Das Gewöhnliche Gleithörnchen
kommt hingegen vom Baltikum und Finnland im Westen über
die gesamte Nadelwaldzone («Taiga») Eurasiens bis
zur koreanischen Halbinsel, der russischen Insel Sachalin und
der nordjapanischen Insel Hokkaido im Osten vor.
Einem «fliegenden Teppich» gleich
Das Gewöhnliche Gleithörnchen ist ein ungefähr
goldhamstergrosses Tier mit grossen schwarzen Augen und einem
dicken, weichen Fell. Die Kopfrumpflänge erwachsener Tiere
beträgt gewöhnlich zwischen 14 und 20 Zentimetern,
die Schwanzlänge zwischen 9 und 14 Zentimetern, und das
Gewicht schwankt zumeist zwischen 90 und 170 Gramm.
Das auffälligste Körpermerkmal der Art ist
sicherlich die Flughaut seitlich am Körper. Sie ist voll
behaart und erstreckt sich beiderseits des Leibs vom Handgelenk
der Vordergliedmassen bis zum Fussgelenk der Hintergliedmassen.
Von der Handwurzel geht zudem ein Knorpelstab aus, der den seitlichen
Vorderrand der Gleithaut versteift und zusätzlich spreizt.
Wenn das Gewöhnliche Gleithörnchen wie die
meisten baumlebenden Hörnchen «quecksilbrig»
im Geäst der Bäume umherläuft, -klettert und -springt,
liegt die sehr elastische Flughaut entspannt den Flanken an.
Will es jedoch einen Baum erreichen, der ausserhalb seiner üblichen
Sprungweite liegt, so klettert es flink an eine höhergelegene
Stelle und wirft sich mit einem kräftigen Satz in die Luft,
wobei es Arme und Beine weit von sich streckt. Dadurch breitet
es seine Flughaut aus und segelt zielsicher durch die Luft zum
angepeilten Baum. Dort angekommen, klettert es sofort wieder
am Stamm empor und verschwindet im Geäst.
Wirkt das Gleithörnchen mit angelegter Flughaut
ziemlich rundlich, so verliert es beim Absprung jede körperliche
Dicke; es wird dann gewissermassen zum flachen «fliegenden
Teppich». Durch Änderungen der Arm- und Beinstellung
und unter Zuhilfenahme des langen, buschigen Schwanzes vermag
das Gleithörnchen seine Flugbahn bemerkenswert gut zu beeinflussen.
Mühelos kann es Kurven fliegen, um Hindernissen auszuweichen.
Ja es ist sogar imstande, mitten im Gleitflug rechtwinklig abzuschwenken,
um auf einem anderen Baum zu landen als dem ursprünglich
vorgesehenen.
Um zu landen, was gewöhnlich an einem senkrechten
Stamm unterhalb der Krone erfolgt, hebt das Gleithörnchen
den Schwanz und die Arme an und richtet auf diese Weise seinen
Körper in der Luft fast senkrecht auf. Dies bremst die Gleitgeschwindigkeit
stark ab und ermöglicht dem Tier eine sanfte Landung mit
dem Kopf nach oben.
Neuere Studien haben gezeigt, dass sich das Verhältnis
der horizontal zurückgelegten Strecke zum Höhenverlust
zwischen 1 und 3 bewegt. Mit anderen Worten kann das Gleithörnchen
bis zu dreimal so weit horizontal gleiten, wie es an Höhe
verliert. Strecken von 10 bis 50 Metern scheinen beim Gewöhnlichen
Gleithörnchen üblich zu sein. Bei grösseren Arten
sind sogar schon Gleitstrecken von bis zu 400 Metern beobachtet
worden.
Erst nach Sonnenuntergang munter
Das Gewöhnliche Gleithörnchen ist ein strikt
baumlebendes Waldtier, und seine Fähigkeit, Lücken
im Geäst oder lichte Stellen im Wald auf dem direkten Luftweg
zu überbrücken, bietet ihm wesentliche Überlebensvorteile:
Zum einen kann es alle Winkel und damit sämtliche Nahrungsquellen
in seinem Wohngebiet erreichen, ohne jemals auf den Boden hinuntersteigen
zu müssen. Dies hilft, Energie zu sparen. Zum anderen kann
es sich auf gleitfliegende Weise geschickt vor seinen ärgsten
Fressfeinden, den Mardern, in Sicherheit bringen.
Leider ist es ein seltenes Glück, die spektakulären
Sprünge des Gewöhnlichen Gleithörnchens in freier
Wildbahn beobachten zu können. Denn wie alle Gleithörnchen,
aber im Gegensatz zu den Erd- und Baumhörnchen, welche grossenteils
am Tag rege sind, ist es mehrheitlich in der Dämmerung und
nachts unterwegs. Den Tag verbringt es in einem Kugelnest aus
Flechten und Moosen, das zumeist in einer ehemaligen Spechthöhle
untergebracht ist, manchmal aber auch frei in einem Fichtenwipfel
liegt. Erst nach Sonnenuntergang wird es munter und beginnt dann,
in den Baumwipfeln umherzulaufen und nach Nahrung zu suchen.
Die Kost des Gewöhnlichen Gleithörnchens
setzt sich zur Hauptsache aus pflanzlichen Stoffen zusammen.
Je nach lokalem und saisonalem Angebot spielen Nüsse, Samen,
Beeren, Knospen, Blüten und junge Blätter, aber auch
Koniferennadeln und Rinde eine unterschiedlich grosse Rolle.
Hin und wieder scheint das wendige Hörnchen auch Insekten
zu verspeisen und Eier in Vogelnestern anzuknabbern. Im Herbst
pflegt es im übrigen, in Baumhöhlen grössere Vorräte
aus Nüssen und Samen anzulegen. Solche Futterreserven sind
wichtig, weil es selbst im Norden seines Verbreitungsgebiets
keinen Winterschlaf hält.
Unterentwickelter Nachwuchs
Nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Wochen
bringt das weibliche Gleithörnchen jeweils im Frühling
in seinem Schlafnest zwei bis vier Junge zur Welt und kümmert
sich in der Folge allein um sie, denn das Männchen will
von Vaterpflichten nichts wissen.
Die Jungen sind bei der Geburt erstaunlich «unterentwickelt»:
Sie sind völlig nackt, ihre Augen sind fest verschlossen,
und sie wiegen lediglich etwa fünf Gramm. Immerhin ist ihre
Flughaut bereits erkennbar! Nach etwa einer Woche erscheinen
die ersten Haare des Fells, und nach etwa zweieinhalb Wochen
ist das Haarkleid vollständig vorhanden, doch erst nach
viereinhalb Wochen öffnen sich die Augen. Im Alter von etwa
sechs Wochen beginnen die Jungen, das Nest zu verlassen, um die
nähere Umgebung zu erkunden und feste Nahrung zu sich zu
nehmen. Ungefähr in diesem Alter werden sie von ihrer Mutter
auch entwöhnt, doch bleiben sie noch geraume Zeit, in manchen
Fällen bis in den Winter, mit ihr zusammen.
Eigentümlich ist im Verhalten des Gewöhnlichen
Gleithörnchens eine «baumweise» Vergesellschaftung:
Oft finden sich nämlich ausserhalb der Fortpflanzungszeit
auf einem einzigen Baum mehrere erwachsene Tiere, die stets dem
gleichen Geschlecht angehören. Dahingegen scheinen die erwachsenen
Gleithörnchen im Winterhalbjahr meistens paarweise eine
Baumhöhle zu bewohnen. Diese Beobachtungen zeigen, dass
die Gesellschaftsstruktur der Art komplexer ist, als man früher
dachte; noch fehlen aber Studien, welche Klarheit hierüber
schaffen.
Gefährdete Waldheimat
In freier Wildbahn muss sich das Gewöhnliche
Gleithörnchen vor diversen Fressfeinden in acht nehmen.
Zu nennen sind besonders der Baummarder (Martes martes)
und der Zobel (Martes zibellina), ferner der Uhu (Bubo
bubo), der Bartkauz (Strix nebulosa) und weitere Eulenarten
sowie unter Umständen (in der Dämmerung) der Habicht
(Accipenser gentilis). Im übrigen wird dem kleinen
Hörnchen besonders in Sibirien vom Menschen eifrig nachgestellt,
und zwar wegen seines prächtigen Pelzes, der unter dem Namen
«Molenda» in den Handel kommt und meistens zu Besätzen
verarbeitet wird.
Weder Marder und Eulen noch Fallensteller und Jäger
können allerdings den Fortbestand des weitverbreiteten Gleithörnchens
ernstlich gefährden. Langfristig viel einschneidender wirkt
sich die zunehmende, auf verschiedene Ursachen zurückzuführende
Zerstörung seiner Waldheimat aus: Zwar bildet die Nadelwaldregion
der Taiga noch immer das grösste zusammenhängende Waldgebiet
der Erde. Doch leider sind diese Nadelwälder heute ebenso
von der Zerstörung bedroht wie die tropischen Regenwälder:
Für die Gewinnung von Bau- und Brennholz wurden bereits
grosse Teile der Taiga vollständig entwaldet. Und es gibt
Hinweise darauf, dass jetzt, aufgrund der enormen politischen
und wirtschaftlichen Umwälzungen im Osten, die Rodungen
in der Taiga noch ausgeweitet werden sollen. Nachdenklich stimmen
ferner Pläne, wonach einige der grossen sibirischen Flüsse
umgeleitet werden sollen, um die Trockensteppen der zentralasiatischen
GUS-Staaten zu bewässern. Es besteht kein Zweifel, dass
dies verheerende Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem
der Taiga haben würde.
In dichter besiedelten und stärker industrialisierten
Regionen der eurasischen Nadelwaldzone, so etwa im Baltikum,
erwächst der Waldheimat des Gewöhnlichen Gleithörnchens
eine zusätzliche Gefahr, die zwar weniger offensichtlich,
weil schleichend, aber deshalb nicht minder bedrohlich ist. Gemeint
ist die allmähliche Verminderung des Gesundheitszustands
der Wälder durch die vom Menschen in die Umwelt abgegebenen
Schadstoffe aller Art. Das Phänomen des «Waldsterbens»
ist nicht nur in West- und Mitteleuropa, sondern auch in Osteuropa
eine traurige Realität - und führt unweigerlich zum
Verlust oder doch zur massiven Schädigung weiter Waldstriche.
«Wappentier» der estnischen Naturschützer
In Estland, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken,
steht das Gewöhnliche Gleithoernchen heute auf der Roten
Liste der bedrohten Tierarten. Im übrigen wurde es vom Estnischen
Naturschutzfonds zu seinem «Wappentier» erklärt,
weil es die höchst interessante, aber leider immer stärker
bedrängte Tierwelt Nordosteuropas treffend symbolisiert.
In der Tat ist die Situation des kleinen Waldtiers
alles andere als erfreulich: Estland verfügt zwar über
mehrere Naturschutzgebiete, doch liegen die meisten davon in
Sumpfgebieten und enthalten daher keine hochwüchsigen, geschlossenen
Wälder, wie sie das Gewöhnliche Gleithörnchen
als Lebensraum benötigt. Nur in wenigen Reservaten findet
die Art günstige Lebensbedingungen. Erschwerend kommt seit
den tiefgreifenden politischen Veränderungen im Land hinzu,
dass grosse Teile des vormals verstaatlichten Landes reprivatisiert
werden sollen, was die Zukunft mancher Schutzgebiete sehr unsicher
macht.
Es bleibt zu hoffen, dass die Esten in ihrem Bestreben,
endlich den lang ersehnten wirtschaftlichen Aufschwung im Land
herbeizuführen, ihre Verantwortung für die Erhaltung
der heimischen Fauna und Flora nicht ausser acht lassen. Und
es ist ferner zu hoffen, dass es in naher Zukunft europaweit
gelingt, dem beängstigenden, grenzüberschreitenden
Phänomen des Waldsterbens endlich durch die generelle Eindämmung
des Schadstoffausstosses Einhalt zu gebieten. Das Überleben
des Gewöhnlichen Gleithörnchens und vieler weiterer
einzigartiger Vertreter der nordosteuropäischen Tier- und
Pflanzenwelt hängt davon ab.
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