Goldlangur
Presbytis geei
© 1984 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Der Goldene Schopflangur oder Goldlangur (Presbytis
geei) gehört innerhalb der Familie der Meerkatzenartigen
(Cercopithecidae) zu den Schlankaffen (Colobinae). Diese Unterfamilie
umfasst neben den Languren die Nasenaffen, Stumpfnasenaffen und
Kleideraffen in Asien sowie die Stummelaffen in Afrika. Die insgesamt
16 Langurenarten der Gattung Presbytis - zu denen auch der Goldlangur
zählt - sind über den Indischen Subkontinent, das südliche
China und ganz Südostasien verbreitet. Sie kommen ausserdem
auf den Sundainseln Sumatra, Borneo, Java, Bali, Lombok, Sumbawa
und Mentawai vor.
Der Begründer der wissenschaftlichen Systematik,
der schwedische Gelehrte Carl von Linné (1707-1778), hat
die Languren den «Primates» zugeordnet - derjenigen
Tiergruppe, die im Tierreich «an höchster Stelle steht».
In diese Ordnung der Primaten hat er nicht nur die Affen, Halbaffen
und Menschenaffen gestellt, sondern auch den Menschen. Ein ganzes
Jahrhundert vor dem Erscheinen von Darwins bedeutendem Werk über
den Ursprung der Arten war sich also Linné schon über
die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen verschiedenartigen
Tieren im klaren. Auch die von Linné stammende Beschreibung
der Primaten hat heute noch Gültigkeit: «Vier parallele
obere Schneidezähne, je ein Eckzahn, paarige brustständige
Zitzen, zum Greifen geeignete Gliedmassen, Schlüsselbeine
als für die Funktion der Arme wichtige Stützelemente,
Gang auf vier Beinen, Klettern auf Bäumen und Sammeln von
deren Früchten».
Die Schlankaffen haben sich vor über 12 Millionen
Jahren auf dem afrikanischen Kontinent herausgebildet. Fossilfunde
früher Schlankaffen zeigen, dass sich die Tiere über
Europa nach Asien ausgebreitet haben und bereits vor mehr als
vier Millionen Jahren die Himalaja-Region erreicht haben.
Wie ihr Name sagt, besitzen Schlankaffen schmalgebaute
Körper. Ihre Beine sind länger als die Arme. Mit Ausnahme
der Pageh-Stumpfnase besitzen Schlankaffen sehr lange Schwänze.
Ihre Gesichter sind unbehaart und kurzschnäuzig. Backentaschen,
wie sie andere Altweltaffen zum Versorgen von Futter haben, fehlen.
Die Daumen sind rückgebildet.
Schlankaffen ernähren sich vorwiegend von Blättern
und werden darum im Englischen «leaf monkeys» - «Blätteraffen»
- genannt. In Anpassung an ihre schwer verdauliche, nährwertarme
Nahrung besitzen Schlankaffen einen mehrteiligen Magen, der dreimal
so gross ist wie bei anderen Affen. Die ersten beiden Abteilungen
sind Gärkammern, in denen - ähnlich wie bei den Wiederkäuern,
Kamelen und Känguruhs - die stark zellulosehaltige Nahrung
von Bakterien aufgespalten wird.
Die Kopfrumpflänge männlicher Goldlanguren
beträgt 64 bis 72 cm, die Länge ihres Schwanzes durchschnittlich
94 cm. Ausgewachsene Männchen wiegen 10 bis 12 kg. Weibchen
sind kleiner und leichter.
Languren - die heiligen Affen Indiens
Von den gläubigen Hindus werden die Languren
wegen ihrer bedeutenden Rolle im grossen Hindu-Epos Ramayana
als heilige Affen verehrt. In diesem Epos wird die Geschichte
erzählt, wie Sita - die Gattin des Prinzen Rama von Ayodhya
in Nordindien - vom bösen König Ravana geraubt und
in dessen Reich auf Sri Lanka entführt wird. Rama gewinnt
die tatkräftige Unterstützung eines Affenheeres, das
von Hanuman, einem Affen göttlicher Herkunft, angeführt
wird. Hanuman, der übernatürliche Kräfte besitzt,
setzt mit einem Riesensprung von Indien nach Sri Lanka über,
kundschaftet dort die Lage aus und kehrt zu Rama zurück.
Gemeinsam marschieren sie daraufhin in Sri Lanka ein, besiegen
Ravana und befreien Sita. Als Dank für die gebotene Hilfe
erhält Hanuman von Rama ewige Jugend geschenkt.
Die grosse Verehrung, die Hanuman durch die gläubigen
Inder erfährt, kommt in den vielen Skulpturen zum Ausdruck,
die den affengesichtigen und langschwänzigen Helden zeigen.
Oft stehen solche Skulpturen als Wächter an Tempeleingängen.
Besonders die schwarzgesichtigen Hulmans (Presbytis entellus)
gelten in Indien als «Hanuman-Affen». Sie halten
sich gern in der Umgebung von Hindutempeln auf und lassen sich
dort von Gläubigen füttern. Sie sind dem Menschen gegenüber
sehr friedfertig, richten aber gelegentlich Schaden an, wenn
sie Gärten und Felder plündern.
Über die Intelligenz Hanumans heisst es im Ramayana-Epos:
«Der Anführer der Affen ist vollkommen. Keiner kennt
die sastras (die heiligen Verse) so gut wie er. Keiner
lernt so schnell wie er. In allen Wissenschaften und auch in
den Regeln der Selbstbeherrschung kommt er den Lehrern der Götter
gleich.» Diesem Abschnitt trägt der Name Rechnung,
den die Wissenschaft den Languren Indiens gibt: Presbytis
stammt vom griechischen Wort presbuteros ab, was «Kirchenältester,
Priester» bedeutet.
Languren haben ein geradezu ehrwürdiges Aussehen,
wenn sie ruhen und sich ernst und in sich gekehrt der Verdauung
ihrer schweren Nahrung hingeben. Es sieht fast so aus, als wären
sie in ein Gebet versunken. Vielleicht werden sie deshalb auch
ausserhalb des Indischen Subkontinents verehrt. So sind zum Beispiel
die Haubenlanguren (Presbytis cristatus) beim Batakvolk
auf Sumatra in den Kult eingegangen. Und auch die afrikanischen
Verwandten der Languren, die Stummelaffen, werden von einigen
westafrikanischen Volksstämmen als Abgesandte der Götter
betrachtet.
Goldlanguren wurden erst 1956 entdeckt
Languren sind über weite Teile von Indien, Nepal,
Bhutan, Bangladesh und Sri Lanka verbreitet. Ihre Fellfarbe ist
von Gegend zu Gegend verschieden. So haben Languren in den Vorgebirgen
des Himalajas ein verhältnismässig dickes, dunkelgraues
Fell und einen hellen Kopf, während sie in den nordindischen
Ebenen stellenweise schwärzlich gefärbt sind. Je weiter
südlich sie vorkommen, desto heller ist ihr Fell. Die Bewohner
der Trockengebiete im Südosten des Landes sind schliesslich
fast weiss. All diese Languren werden aber - ungeachtet der Farbvariationen
- ein und derselben Art zugeordnet: den Hulmans (Presbytis
entellus).
Angesichts der beträchtlichen Farbunterschiede
innerhalb dieser Art überrascht es nicht, dass einigen Languren,
die im gebirgigen Grenzgebiet zwischen Bhutan und Indien leben,
lange Zeit keine besondere Beachtung geschenkt worden ist. Im
Jahr 1907 vermerkte zwar ein britischer Forstbeamter, E.O. Shebbeare,
im Gästebuch einer Herberge, dass er am Ostufer des Sankosh-Flusses
in der Nähe von Jamduar einen gelblich-weissen Languren
gesehen habe. Diese Beobachtung wurde aber wissenschaftlich nicht
untersucht.
40 Jahre später notierte C.G. Baron, Gast einer
andern Herberge in derselben Gegend, dass er «einige weisse
Affen (Languren)» gesehen habe, und mutmasste: «Soweit
ich weiss, gehören sie einer noch nicht identifizierten
Art an.»
Die Berichte über die unbekannten Affen weckten
schliesslich das Interesse des in Assam lebenden britischen Teepflanzers
und begeisterten Naturfreunds E.P. Gee. Im November 1953 reiste
er nach Jamduar und fand dort zwei Gruppen der hellgefärbten
Languren - die eine mit 30 bis 40 Tieren, die andere mit etwa
15. «Sie hatten ein hell kastanienbraunes Fell. Es war
damals Winter, und ich fand später heraus, dass sich die
Farbe im Verlauf des Jahres ändert: das Gold oder helle
Kastanienbraun der kalten Jahreszeit geht im März, mit Beginn
des Sommers, in ein gelbliches Weiss über.»
Gee filmte und fotografierte die Languren und zeigte
seine Aufnahmen der Zoologischen Forschungsbehörde Indiens.
Daraufhin ging H. Khajuria, ein Angehöriger der Forschungsbehörde,
der Sache nach. Er beschaffte sich einige Exemplare der hellen
Affen und erstellte eine detaillierte Beschreibung der Tiere.
Aufgrund dieser wissenschaftlichen Arbeit wurde im Februar 1956
der Goldlangur offiziell als neue Art anerkannt. Khajuria gab
der Art den Namen Presbytis geei - zu Ehren von E.P. Gee,
der die Wissenschaft auf den Goldlanguren aufmerksam gemacht
hatte.
Goldlanguren sind Wipfelbewohner
Der Goldlangur ist ein weitgehend baumlebender Affe.
Er bewohnt die Wipfel, der vom hohen Salbaum (Shorea robusta)
geprägten Wälder. Den Boden betritt er nur, um an einem
Wasserlauf zu trinken oder um salzhaltige Erde zu sich zu nehmen.
(Der Goldlangur ist übrigens die einzige Presbytis-Art,
von der man jemals ein Individuum schwimmen gesehen hat: In einem
Fall wurde ein Tier beobachtet, das beim Springen über Felsen
ins Wasser fiel und sich schwimmend ans Ufer retten konnte.)
Der Tag des Goldlangurs fängt zeitig an. Bereits
in der Mogendämmerung verlässt die Gruppe ihren Schlafbaum
und begibt sich auf die Fresswanderung. Von einer Vielzahl verschiedener
Baumarten nehmen die Tiere Blätter, Knospen, Blüten
und Früchte zu sich. Die süssen und saftigen Blüten
des Seiden-Baumwollbaumes (Salmalia malabarica) schmecken
ihnen besonders gut. Wie alle Languren essen auch sie nur die
saftigen Blütenteile und lassen den Rest zu Boden fallen.
Oft finden sich unter den Futterbäumen der Languren Hirsche
ein und essen diese Überreste. Für die indischen Wälder
sind solche Essgemeinschaften zwischen Languren und Hirschen
typisch.
Beim Essen halten sich die Goldlanguren mit den Füssen
im Geäst fest, während sie mit beiden Händen Blätter
und Blüten pflücken und sich ins Maul stecken. Über
Mittag ruhen die Goldlanguren längere Zeit in den Baumwipfeln,
im Schatten von Kletterpflanzen. Diese Esspause erlaubt ihrem
Magen, sich mit der schwer verdaulichen Blattnahrung abzugeben.
Nach einer weiteren Essphase am Nachmittag zieht sich die Langurengruppe
auf einen ihrer Schlafbäume zurück. Selten ist es der
gleiche wie am Vortag. In der Regel versammelt sich die ganze
Gruppe im selben Baum.
Goldlanguren sind friedfertige Affen
Goldlanguren-Gruppen sind festgefügte Einheiten,
die von einem kräftigen Männchen angeführt werden.
Auf ihren Wanderungen durch die Baumkronen folgt ein Tier dem
anderen. Meistens bewegen sie sich in einer Höhe von mehr
als 15 Metern über dem Boden. Sie benützen vorzugsweise
horizontale Äste und gehen im allgemeinen auf allen Vieren.
Gelegentlich erheben sie sich aber auch und rennen ein kurzes
Stück auf den Hinterbeinen, wobei sie sich mit den Armen
im Blattwerk abstützen. Der lange Schwanz - der kein Greifschwanz
ist wie bei den südamerikanischen Klammeraffen - hilft ihnen
dabei, das Gleichgewicht zu halten.
Ausgewachsene Goldlanguren überspringen bis zu
sieben Meter breite Lücken zwischen Baumkronen. In der Luft
nehmen sie eine Sitzhaltung ein und strecken Arme und Beine nach
vorn - bereit, den nächstbesten Ast zu ergreifen. Hat der
Gruppenführer eine günstige Absprungstelle gefunden,
so springt er als Erster. Ein Tier nach dem anderen folgt ihm,
wobei jedes einzelne vor dem Absprung kurz innehält und
sich die Situation genau besieht. Kleinkinder hängen sich
für den Sprung an den Bauch ihrer Mutter.
Im Gegensatz zur Reihenfolge bei solchen Überquerungen
bildet der Gruppenchef bei Gefahr die Nachhut. Er wartet, bis
sich seine Gruppe in Sicherheit gebracht hat, und folgt ihr dann
nach.
Affen sind oft zänkische Wesen. Doch Goldlanguren
sind sehr friedfertig - sowohl innerhalb der eigenen Gruppe als
auch bei Begegnungen mit fremden Gruppen oder mit anderen Affenarten.
Bergrhesusaffen (Macaca assamensis), Hulmans und Schopflanguren
(Presbytis pileatus) bewohnen denselben Lebensraum wie
die Goldlanguren. Zu Streitigkeiten dieser Arten kommt es jedoch
höchst selten.
Eingehende Freilandstudien über die Goldlanguren
fehlen. Es ist darum nicht bekannt, ob auch sie das eigenartige
Verhalten des Säuglingtötens zeigen, das bei anderen
Langurenarten beobachtet worden ist. Männliche Hulmans kämpfen
sehr heftig um den Besitz von Weibchengruppen. Wenn nach einem
solchen Kampf ein Männchen eine Gruppe neu übernimmt,
tötet es nicht selten die in der Gruppe befindlichen Kleinkinder.
Durch den Verlust ihrer Säuglinge werden die Mütter
rasch wieder empfängnisbereit, so dass das neue, seinem
Vorgänger körperlich überlegene Männchen
sein Erbgut schnell vermehren kann.
Viele Goldlanguren leben im Manas-Reservat
Goldlanguren sind im allgemeinen sehr scheue Affen.
Im in Bhutan gelegenen Teil des Manas-Reservats scheinen sie
sich aber an den Menschen gewöhnt zu haben. Mehrere Gruppen,
die sich in der Umgebung der Reservatsunterkünfte aufhalten,
lassen sich durch Besucher kaum stören - sie gehen ruhig
ihrer gewohnten Tätigkeit im Kronenbereich nach.
Das Manas-Reservat liegt am östlichen Rand des
Verbreitungsgebiets des Goldlangurs. Auf der Ostseite des Manas-Flusses
wurde die Art noch nie gesehen. Von hier erstreckt sich das Verbreitungsgebiet
entlang der indisch-bhutanischen Grenze etwa 110 Kilometer weit
bis zum Sankosh-Fluss bei Jamduar, wo Shebbeare 1907 die Affen
sah. Im Norden kommen die Goldlanguren in den bhutanischen Bergwäldern
bis auf eine Höhe von 2400 Metern vor. Neueren Schätzungen
zufolge dürften gegenwärtig um 2000 Goldlanguren existieren.
Es gibt allerdings keine gesicherte Angaben für diese Schätzung.
Unbestritten ist aber, dass der Goldlangur zu den seltensten
Affenarten der Welt gehört. Obschon in neuerer Zeit Teile
seines Lebensraumes durch Waldrodungen zerstört worden sind,
gilt der Goldlangur dennoch nicht als ernsthaft bedroht. Denn
er ist sowohl in Indien wie auch in Bhutan gesetzlich geschützt.
Und zudem gehört ein beträchtlicher Teil seines Verbreitungsgebiets
zum Manas-Reservat und einigen kleineren Waldschutzgebieten.
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