Goldwaldsänger

Dendroica petechia


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Barbados-Goldwaldsänger (Dendroica petechia petechia) ist - sein Name sagt es - auf der Antilleninsel Barbados zu Hause. Er gehört zu jenen zwölf Rassen des Goldwaldsängers (Dendroica petechia), welche über den ganzen Westindischen Raum verteilt vorkommen - von den Grossen Antilleninseln Kuba, Jamaika, Hispaniola und Puerto Rico die Kette der Kleinen Antilleninseln «hinunter» bis fast nach Trinidad. Ausserhalb des Westindischen Raums kann man weiteren Goldwaldsänger-Rassen begegnen, und zwar auf dem nordamerikanischen Festland ebenso wie an den Küsten Mittelamerikas und Südamerikas. Ja sogar auf den Galapagosinseln und der Kokosinsel im östlichen Pazifik lebt je eine Goldwaldsänger-Rasse. Die Art als Ganzes hat somit eine ausserordentlich weite Verbreitung, und dies weist auf eine enorme Anpassungsfähigkeit des kleinen Singvogels an unterschiedliche lokale Umweltbedingungen hin.

 

Leuchtend gelb und sehr lebhaft

Innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) gehört der Goldwaldsänger zur Familie der Waldsänger (Parulidae) und da wiederum zur Gattung der Baumwaldsänger (Dendroica). Letztere bildet mit insgesamt 27 Arten die umfangreichste «Sippe» innerhalb der 120 Arten zählenden Waldsänger-Familie.

Sämtliche Waldsänger sind in der Neuen Welt beheimatet, und allesamt sind sie kleine, insektenessende, überaus lebhafte Vögel. Viele von ihnen sind echte Waldbewohner, werden also ihrem Namen gerecht. Einige bevorzugen dagegen als Lebensraum Sumpfgebiete, Buschlandschaften oder sogar Halbwüsten. Zu diesen eher untypischen Waldsängern zählt auch der Barbados-Goldwaldsänger, der ein spezialisierter Mangrovensumpf-Bewohner ist.

Das Männchen des Barbados-Goldwaldsängers ist ein ausgesprochen hübscher Vogel. Sein Gefieder weist nicht ein «ausgewaschenes» Blassgelb auf, sondern ein kräftiges, fast leuchtendes Goldgelb. Einzelheiten der Gefiederfärbung lassen sich in freier Wildbahn allerdings kaum erkennen, denn gewöhnlich erblickt man den kleinen, lediglich 14 Zentimeter langen Vogel immer nur flüchtig, wenn er im oberen Wipfelbereich der zehn bis zwölf Meter hohen Mangrovenbäume geschäftig an den Zweigenden «herumturnt» und zwischen den Blättern nach Insekten äugt. Kaum eine Sekunde lang hält er still. Nur hin und wieder unterbricht er die Nahrungssuche, um seine Anwesenheit durch ein kurzes «Wi-tschi-wi-tschi-tschi-wrrr» kundzutun, und dann vermag man mit dem Fernglas auch seine grünlichgelbe Oberseite, seinen rotbraunen Scheitel und die feine rotbraune Streifung seiner Brust zu erkennen.

Das Weibchen des Barbados-Goldwaldsängers ist schlichter gefärbt als das Männchen: Es ist oberseits etwas grünlicher, unterseits etwas heller gelb, und vor allem weist es keinen rotbraunen Scheitel auf und hat gewöhnlich auch keine gestreifte Brust. Jungvögel sind nochmals blasser, unterseits sogar weisslich.

 

Zuckerrohrplantagen und Touristenhotels

Barbados ist die östlichste der Westindischen Inseln, rund 160 Kilometer «ausserhalb» des eigentlichen Bogens der Kleinen Antillen gelegen. Mit einer Fläche von 430 Quadratkilometern und einer Bevölkerung von über 250.000 Personen gehört Barbados zu den dichtestbesiedelten Inseln der Welt (580 Einwohner/km2). Seit 1966 ist es ein eigenständiger (von der ehemaligen britischen Kolonialmacht losgelöster) Kleinstaat.

Den grössten Teil der Insel nimmt ein aus porösem Korallenkalk gebildetes, durch untermeerische Erdkrustenbewegungen über die Meeresoberfläche hinaus angehobenes Plateau ein, das in mehreren Terrassen von der Küste her ansteigt und im Mount Hillaby (338 Meter ü.M.) gipfelt. Im Nordosten bricht das Plateau jäh zum sogenannten «Scotland District» ab, einer malerischen Landschaft aus tertiärem Sedimentgestein, die von einem Flusslaufsystem tief zerfurcht ist. Hier hat die Brandung im Küstenbereich bizarre Felsformationen geschaffen. Entlang der West- und Südwestküste findet man dagegen schöne Sandstrände. Und an der Südostküste wechseln eindrucksvolle Felsbildungen mit ruhigen Badebuchten ab.

Im Jahr 1627 hatten sich die ersten Engländer auf Barbados niedergelassen. Schon wenig später begannen sie damit, Zuckerrohrplantagen anzulegen, welche in der Folge mit der Hilfe Tausender aus Westafrika «importierter» Negersklaven enorm ausgedehnt wurden. Bereits um 1665 war praktisch die gesamte Walddecke der Insel beseitigt und durch ökonomisch interessante, ökologisch hingegen wertlose Zuckerrohrfelder ersetzt worden. So vermag beispielsweise als einziger Vogel der Zweifarb-Kubafink (Tiaris bicolor) diese Monokulturen als Lebensgrundlage zu nutzen. Die anderen tierlichen Bewohner der ursprünglichen barbadischen Gehölzvegetation wurden massiv zurückgedrängt.

Noch in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts war rund ein Drittel der Inselfläche von Zuckerrohrpflanzungen bedeckt, und waren Zucker, Melasse, Sirup und Rum die wichtigsten Exportgüter des kleinen Inselstaats. Im Verlauf der achtziger Jahre verlor die Zuckerindustrie dann aber rasch an Bedeutung, während enorme Steigerungsraten den Tourismus zum weitaus wichtigsten Wirtschaftsfaktor werden liessen. Besonders rasant und tiefgreifend war die touristische Entwicklung entlang der windgeschützten West- und Südwestküste mit ihren schönen weissen Korallensandstränden und den lieblichen, zum Baden einladenden Buchten. Unzählige Hotels, Apartmenthäuser, Bungalowanlagen, Boutiquen usw. schossen im etwa 200 bis 300 Meter breiten Küstenstreifen zwischen der Hauptstrasse und dem Meer wie Pilze aus dem Boden. Und dabei wurden auf breiter Front die natürlichen Küstenlebensräume vernichtet.

Ausgerechnet hier, besonders entlang des etwa 13 Kilometer langen Westküstenabschnitts zwischen der Fresh Water Bay im Süden und der Six Men's Bay im Norden, befanden sich jedoch in Form kleiner Küstensumpfgebiete die wichtigsten Lebensräume des Barbados-Goldwaldsängers.

 

«Hauptquartier» Graeme-Hall-Sumpf

Der Barbados-Goldwaldsänger ist hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche ein ausgesprochener Spezialist: Nicht nur hält er sich fast ausschliesslich in Mangrovensümpfen auf; er besucht dort auch von den drei Mangrovenarten, die auf Barbados wachsen, die Weisse Mangrove (Laguncularia racemosa) deutlich häufiger als die Rote Mangrove (Rhizophora mangle) und die Knopfmangrove (Conocarpus erectus).

Die Weisse Mangrove kommt heute zwar noch in ein paar kleinen Restbeständen an der Westküste von Barbados vor. Den letzten grösseren Bestand der Pflanze findet man jedoch im 32 Hektar grossen Graeme-Hall-Sumpf, der sich an der Südwestküste zwischen der Inselhauptstadt Bridgetown und dem Fischerdorf Oistins befindet. Es handelt sich um das einzige permanente Feuchtgebiet der Insel, und hier ist auch der einzige Ort auf Barbados, wo die Rote Mangrove wächst. Dieses grosse Sumpfgebiet, das von der Meeresküste durch die viel befahrene Küstenhauptstrasse sowie eine Häuserzeile mit grossen Ziergärten abgegrenzt ist, bildet nunmehr das wichtigste Lebensgebiet des Barbados-Goldwaldsängers. (Ausserdem kommt das sehr seltene endemische Barbados-Teichhuhn (Gallinula chloropus barbadensis) hier noch in grösserer Zahl vor.)

Das westliche Drittel des Sumpfgebiets befindet sich seit langem in privater Hand und diente noch bis vor etwa zwanzig Jahren als Jagdrevier. Jeweils zwischen Juli und Oktober wurde hier auf allerlei Watvögel geschossen, die sich in dieser Jahreszeit auf dem Herbstzug in südlichere Gefilde befanden und auf Barbados ein paar Tage Rast machten bzw. machen wollten. Besonders häufige Opfer waren der Gelbschenkel (Tringa flavipes) und der Graubrust-Strandläufer (Calidris melanotos), beides Mitglieder der Familie der Schnepfenvögel. Um den Jägern eine bessere Sicht zu verschaffen, wurden jeweils kurz vor der Jagdsaison die Mangrovenbäume im Bereich des zentralen, rund 1,6 Hektar grossen Teichs bis auf den Grund zurückgeschnitten, so dass dort lediglich eine heckenartige Pflanzendecke übrigblieb. Diese jagdliche Nutzung des westlichen Sumpfteils - und damit auch das Zurückschneiden der Mangrovenbäume - hörte 1970 auf, als das Gelände einen Besitzerwechsel erfuhr.

Auch die östlichen zwei Drittel des Graeme-Hall-Sumpfs wurden lange Zeit durch den Menschen empfindlich gestört: Bis 1955 gehörte dieser Teil des Feuchtgebiets zu einer Zuckerrohrplantage, und die Plantagenbesitzer nutzten das harte Mangrovenholz gern für die Herstellung witterungsbeständiger Pfähle. 1955 erwarb die Regierung von Barbados die betreffende Zuckerrohrplantage mitsamt dem östlichen Sumpfteil, um ein landwirtschaftliches Versuchsgut aufzubauen. Seither bleibt auch der östliche Bereich des Mangrovensumpfes weitgehend sich selbst überlassen.

Ab 1955 konnte man im östlichen und ab 1970 im westlichen Teil des Graeme-Hall-Sumpfes beobachten, wie rasch sich die widerstandsfähigen Mangroven zu erholen und zu vermehren vermögen. Auch die Vogelwelt gedieh prächtig. Gestört wurde die erfreuliche Entwicklung der Vegetation nur ab und zu, wenn sich Unbefugte etwas Holz für den Eigenbedarf beschafften.

Grösseren Schaden richtete jedoch im August 1980 der Hurrikan «Allen» an, der aus südlicher Richtung kommend Barbados streifte und dabei unter anderem viele der grösseren Mangrovenbäume im Graeme-Hall-Sumpf entwurzelte. Aber erneut zeigte sich in der Folge die enorme Lebenskraft dieser Pflanzen, denn schon bald wuchsen aus den noch im Boden verankerten Wurzelteilen neue Triebe - und mit dem daraus resultierenden dichten Pflanzengewirr wurde die Lebensqualität für die ansässige Vogelwelt letztlich eher verbessert als verschlechtert.

Die «Idylle» im Graeme-Hall-Sumpf war allerdings die ganze Zeit nur vordergründig. All die Jahre hindurch bestanden nämlich irgendwelche Pläne, das Sumpfgebiet für den einen oder anderen Zweck urbar zu machen. Und diese Gefahr ist keineswegs gebannt: Waren es in den vergangenen Jahren Tourismus-, Sägerei- und Fischzuchtprojekte, die zur Diskussion standen, so lautet das neuste Projekt aus dem Jahr 1990 auf ein Luxushotel mit 27-Loch-Golfplatz und Seerosenteich.

Es ist dieses letztgenannte Projekt, welches endlich die lokalen, regionalen und internationalen Naturschutzorganisationen zu mobilisieren vermocht hat. Der Barbados-Heimatschutz (BNT), der Karibische Naturschutzbund (CCA) und der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) setzen sich beispielsweise bei der barbadischen Regierung vehement dafür ein, dass dem genannten Bauprojekt die Planungsbewilligung verweigert wird, weil sonst ein einzigartiges, für die lokale Tier- und Pflanzenwelt überaus bedeutsames Stück Inselnatur unwiederbringlich verloren geht. Ob die Regierung für einmal die ökologischen Überlegungen den ökonomischen Interessen voranstellt, ist zur Zeit der Drucklegung dieser Ausgabe leider noch ungewiss.

 

Gefahr durch Brutschmarotzer und Fressfeinde

James Bond, der ehemalige Kurator für Vögel an der Akademie der Wissenschaften in Philadelphia/USA und ein guter Kenner der Vogelwelt auf Barbados, hatte bereits in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts einen starken Rückgang des Barbados-Goldwaldsängers festgestellt. Seinen Beobachtungen zufolge war die Vogelart um 1926 besonders in der Südwestecke der Insel noch weit verbreitet und recht häufig gewesen, und zwar nicht nur im unmittelbaren Küstenbereich, sondern auch in bis zu 300 Meter von der Küste entfernten Strauchdickichten. Bereits in den fünfziger Jahren, also noch vor dem Einsetzen der touristischen Entwicklung, war der Goldwaldsänger dann aber sehr selten geworden und besonders aus den küstenferneren Lebensstätten praktisch vollständig verschwunden.

Bond war der Überzeugung, dass hierfür hauptsächlich der Glanzkuhstärling (Molothrus bonariensis) verantwortlich zu machen sei - ein ausgeprägter Brutschmarotzer, der gerne seine Eier in die Nester artfremder Vögel legt und seine Jungen von den «Wirtsvögeln» ausbrüten und aufziehen lässt. Geschädigt werden die Wirtsvögel vor allem dadurch, dass die rasch heranwachsenden Glanzkuhstärling-Jungen ihre Stiefgeschwister über kurz oder lang aus dem gemeinsamen Nest werfen, wodurch der Nachzuchterfolg der Eltern massiv sinkt. Da der Glanzkuhstärling Barbados verhältnismässig spät, nämlich erst 1916, erreicht hat, ist Bonds Theorie keineswegs abwegig.

Maurice Hutt, ein pensionierter Botaniker und der derzeit wohl beste Kenner der barbadischen Vogelwelt, ist jedoch der Ansicht, dass dem Goldwaldsänger in der Vergangenheit vor allem die vom Menschen nach Barbados eingeschleppten Raubsäuger arg zu schaffen machten. Unbestrittenermassen vergreifen sich sowohl die Hauskatze und der Kleine Mungo (Herpestes javanicus), der um 1860 zur Bekämpfung der Ratten eingeführt worden war, als auch die auf Barbados sehr häufige Wanderratte (Rattus norvegicus) gern an kleinen Vögeln und an deren Eiern und Nestlingen.

 

Nur noch 25 bis 30 Paare sind übrig

Drei vom Menschen eingeschleppte Fressfeinde, ein eigenständig eingewanderter Brutschmarotzer und der lebensraumzerstörende Tourismus - dies dürfte das «geballte» Unheil sein, das den Barbados-Gold waldsänger an den Rand der Ausrottung gedrängt hat. Der Gesamtbestand des kleinen Singvogels wird gegenwärtig auf 25 bis 30 Paare geschätzt. Davon leben 6 bis 8 Paare im Graeme-Hall-Sumpf. 2 Paare bewohnen den saisonalen Chancery-Lane-Sumpf an der Südostküste, wo sich der einzige Knopfmangroven-Bestand der Insel befindet. Weitere 2 Paare sind im kläglichen Rest des Dover-Wood-Wäldchens an der Südküste zu Hause. Dieses einst künstlich angelegte Waldstück war im September 1955 durch den Hurrikan «Janet» fast vollständig zerstört worden. Die restlichen 12 bis 15 Paare finden sich weit verstreut an verschiedenen Orten entlang der Westküste, wo die letzten Überreste ursprünglicher Küstenvegetation stehen.

Etwaige Massnahmen zur Bestandsbekämpfung der Feinde des Barbados-Goldwaldsängers, vor allem des Glanzkuhstärlings und der Wanderratte, sind kaum erfolgversprechend und werden daher von den Naturschützern nicht in Betracht gezogen. Die einzige Möglichkeit, etwas für den Fortbestand dieses arg bedrängten Singvogels zu tun, besteht wohl darin, seine letzten Lebensstätten und besonders den Graeme-Hall-Sumpf so rasch wie möglich vor dem Zugriff des Menschen zu schützen.




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