Gough-Teichhuhn - Gallinula comeri

Gough-Ammer - Rowettia goughensis


© 1991 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Das Gough-Teichhuhn (Gallinula comeri) und die Gough-Ammer (Rowettia goughensis) sind - wie ihr Name sagt - auf der Insel Gough zu Hause. Diese ist Teil der Tristan-da-Cunha-Inselgruppe, welche mitten im Südatlantik liegt, etwa 3200 Kilometer von der südamerikanischen Ostküste und 2400 Kilometer vom südafrikanischen Kap der Guten Hoffnung entfernt. Die Gruppe umfasst nebst einer Reihe von Felseilanden vier grössere Inseln, nämlich 1. Tristan da Cunha selbst (104 km2), welches eine kleine Ortschaft namens Edinburgh mit etwa 300 Einwohnern beherbergt, 2. Gough (97 km2), welches einzig von der Besatzung der dort befindlichen südafrikanischen Wetterstation bewohnt wird, 3. Inaccessible (10 km2) und 4. Nightingale (2 km2), welche unbesiedelt sind.

Die abgeschiedenen Inseln wurden zu Beginn des 16. Jahrhunderts entdeckt, und zwar Tristan da Cunha 1506 durch den portugiesischen Admiral Tristao da Cunha, Gough wenig später durch seinen Landsmann Goncalo Alvarez. Während Tristan da Cunha noch heute den Namen seines Entdeckers trägt, wurde die Insel Alvarez später umgetauft: Bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts blieb sie nämlich infolge der ungenauen Kartierung durch ihren Erstentdecker verschollen. Erst 1741 traf dann der englische Kapitän Gough wieder auf die kleine Insel, welche 350 Kilometer südöstlich von Tristan da Cunha aus den Fluten des Südatlantiks ragt, worauf sie ihm zu Ehren ihren heutigen Namen erhielt.

1816 erfolgte die formelle Annexion der Tristan-da-Cunha-Inselgruppe durch die Briten. Sie wollten damit verhindern, dass die Franzosen die Inseln als Stützpunkt benützen könnten, um die Befreiung ihres Kaisers Napoleon Bonaparte in die Wege zu leiten. Dieser befand sich zu jener Zeit (von 1815 bis 1821) auf der «Nachbarinsel» Sankt Helena in der Gefangenschaft der Briten. Die Tristan-da-Cunha-Gruppe blieb seither britisches Aussenterritorium. 1938 wurde sie dem Amtsbereich des Gouverneurs von Sankt Helena angeschlossen.

Bereits im Jahr 1888 legte der amerikanische Robbenfänger George Comer anlässlich eines mehrwöchigen Aufenthalts auf Gough eine erste Liste der dort heimischen Tier- und Pflanzenarten an. Unter anderem hielt er in seinen Aufzeichnungen das Vorhandensein einer Ralle (des Gough-Teichhuhns) sowie das einer Ammer (der Gough-Ammer) fest. Comer gilt daher als der Entdecker dieser beiden Vogelarten, und als das Teichhuhn seinen wissenschaftlichen Artnamen erhielt, wurde es ihm zu Ehren comeri getauft.

 

Sechs endemische Landvogelarten

Trotz der aussergewöhnlichen Abgeschiedenheit der Tristan-da-Cunha-Inseln, die schon als «einer der einsamsten Orte unseres Planeten» bezeichnet wurden, hat es in der Vergangenheit eine ganze Anzahl tierlicher und pflanzlicher Organismen geschafft, sich dort niederzulassen.

Zu den auffälligsten Bewohnern der Inselgruppe gehören sicherlich die See-Elefanten und die Seebären, welche hier an den steinigen Stränden ihre Jungen grossziehen. Dann trifft man auch auf grosse Kolonien von Felsenpinguinen, Entensturmvögeln, Raubmöwen, Noddi-Seeschwalben, Wanderalbatrossen und anderen Hochseevögeln, welche hier ungestörte Nistplätze vorfinden. Sie alle, Robben wie Meeresvögel, profitieren davon, dass im Bereich der Tristan-da-Cunha-Inseln die sogenannte «subantarktische Konvergenz» verläuft - jene Meereszone, wo kaltes subantarktisches Wasser unter wärmere tropische Strömungen taucht. Dabei werden Nährstoffe, die in unbewegtem Wasser gewöhnlich nach unten sinken, verwirbelt und dann mit mineralischem Tiefenwasser nach oben gedrückt. In diesen überaus nährstoffreichen Gewässern leben besonders umfangreiche Bestände von Fischen, Tintenfischen und Krebsen aller Art, von denen wiederum die Robben und Meeresvögel ihren Nutzen ziehen.

Immerhin 212 verschiedene Pflanzenarten haben es sodann geschafft, sich auf den Tristan-da-Cunha-Inseln anzusiedeln. Unter ihnen befinden sich viele Flechten, Moose und Farne. Sie gedeihen in der sauberen Luft der felsigen Eilande und bei regelmässig über 3000 Millimeter Niederschlag im Jahr besonders gut. Aber auch Blütenpflanzen sind vorhanden: Ein augenfälliger Vertreter davon ist das in dicken Büscheln wachsende Tussockgras, dann aber auch die Kapmyrte, ein geduckt wachsender, flechtenbehangener Strauch. Insgesamt ist die Inselvegetation geprägt durch ein dichtes, wassergetränktes Pflanzenpolster am Boden, aus dem Farnwedel, Grasbüschel und gedrungene Pflanzengestalten aufragen.

In der niedrigwüchsigen Pflanzendecke vermag der aufmerksame Beobachter eine ganze Reihe wirbelloser Tiere auszumachen, darunter viele Käfer, Fliegen und Springschwänze. Wirbeltiere sind bedeutend seltener. So haben bislang keinerlei Amphibien, Reptilien oder Landsäugetiere die gefährliche und entbehrungsreiche Ozeanüberquerung vom afrikanischen oder südamerikanischen Festland her zu den Tristan da Cunha-Inseln aus eigener Kraft durchzuführen vermocht. Und auch für landbewohnende Vögel stellen natürlich 2000 bis 3000 Kilometer offenes Meer eine schier unüberwindliche Barriere dar. Immerhin sechs verschiedene Landvogelarten haben das Kunststück gleichwohl fertiggebracht. Neben dem Gough-Teichhuhn und der Gough-Ammer, von denen in dieser Ausgabe die Rede sein soll, handelt es sich um die Tristan-Drossel (Nesocichla eremita), die Acunha-Ammer (Nesospiza acunhae), die Wilkins-Ammer (Nesospiza wilkinsi) und die Atlantis-Ralle (Atlantisia rogersi). Alle sechs Landvogelarten scheinen die Tristan-da-Cunha-Inseln schon vor langer Zeit besiedelt zu haben, denn allesamt haben sie sich in der Isolation bezüglich Aussehen und Verhalten so weit von ihren Verwandten auf dem Festland wegentwickelt, dass sie heute eigene Arten darstellen.

 

Scheu: das Gough-Teichhuhn

Das Gough-Teichhuhn, das unserem allbekannten europäischen Teichhuhn (Gallinula chloropus) recht ähnlich sieht, hält sich im allgemeinen unterhalb der 500-Meter-Höhenlinie auf und bevorzugt als Lebensstätten Sumpfgebiete und Uferzonen von Wasserläufen. Es ist ein scheuer Vogel, der zwischen den Farnen und Büschelgräsern seiner Inselheimat ein ziemlich verborgenes Leben führt und jeweils schon bei der geringsten Beunruhigung unverzüglich in Deckung geht. Man nimmt an, dass der Grund für diese heimliche Lebensweise die ständige Bedrohung des Gough-Teichhuhns durch die Tristan-Skua (Catharacta skua hamiltoni), eine Raubmöwe, ist. Diese holt sich nicht nur gerne Eier und Junge des Teichhuhns, sondern vermag durchaus auch erwachsene Vögel zu schlagen.

Hinsichtlich seiner Nahrung ist das Gough-Teichhuhn wenig wählerisch. Es pickt nach fast allem, was ihm auf seinen Fresswanderungen begegnet: von pflanzlichen Stoffen aller Art über wirbellose Kleintiere bis hin zu Resten toter Fische oder Meeresvögel. Bei der Nahrungssuche erweist sich die hübsche Inselralle als recht einfallsreich. So wurde schon ein Gough-Teichhuhn dabei beobachtet, wie es in die Nisthöhlen von Sturmschwalben eindrang, um sich dort nach Essbarem umzuschauen. Ein anderes pickte heftig auf verlassene Nester von Gelbnasenalbatrossen ein, um möglicherweise darin sich verbergende Insekten aufzuscheuchen. Einzelne Individuen besuchen auch regelmässig die Abfallgrube der Wetterstation, um sich dort an weggeworfenen Essensresten gütlich zu tun.

Die Brutsaison des Gough-Teichhuhns dauert von September bis März, also den ganzen südlichen Frühling und Sommer lang. Das Nest wird zumeist gut versteckt zwischen Büschelgräsern angelegt und besteht aus Grashalmen und anderen pflanzlichen Stoffen. Das Gelege umfasst gewöhnlich zwei, manchmal auch bis fünf Eier und wird von beiden Altvögeln abwechslungsweise während 21 Tagen bebrütet. Die schwarzen Dunenjungen sind Nestflüchter, die schon bald nach dem Schlüpfen von ihren Eltern lernen, welche «Gegenstände» ihrer Umgebung sich als Futter eignen, und die sich dann rasch selbständig machen.

Es ist kaum möglich, zuverlässige Angaben über die Grösse des Gough-Teichhuhn-Bestands zu machen, da die bodenlebenden, deckungsliebenden Vögel überaus schwierig zu beobachten sind. Eine 1974 durchgeführte Bestandsabklärung ergab, dass wahrscheinlich 12 bis 20 Paare je Quadratkilometer Lebensraum vorkommen. Hochgerechnet für die ganze Fläche des vorhandenen Lebensraums ergab dies eine Gesamtpopulation von 300 bis 500 Paaren. Eine weitere Bestandsabklärung im Jahr 1983 ergab dann eine Zahl von 2000 bis 3000 Paaren. Als Grundlage für diese Schätzung diente den Ornithologen die Dichte der Vögel in einem gut untersuchten kleinen Studiengebiet. Wahrscheinlich liegt die «Wahrheit» irgendwo zwischen diesen beiden Werten.

So oder so handelt es sich bei den genannten Zahlen nicht um den Weltbestand des Gough-Teichhuhns. Seit 1956 lebt nämlich eine zweite Population dieser Rallenart auf der Insel Tristan da Cunha. In jenem Jahr wurden etwas östlich der Ortschaft Edinburgh sieben Gough-Teichhühner freigelassen. Sie vermochten sich erfolgreich anzusiedeln, denn im Jahr 1973 wurde ihr Bestand auf 170 bis 250 Paare geschätzt, und 1983 schien er sogar noch weiter angewachsen zu sein. Ferner lebt, verstreut über die ganze Welt, eine unbekannte Anzahl Gough-Teichhühner in Tierparks und Zoologischen Gärten. Der Gesamtbestand des Gough-Teichhuhns wird daher von den Fachleuten auf «ein paar tausend Exemplare» geschätzt.

 

Dreist: die Gough-Ammer

Die Gough-Ammer trägt in den ersten beiden Lebensjahren ein beigebraunes Federkleid mit markanter schwarzbrauner Streifung. Ältere Vögel sind hingegen mehr oder weniger einheitlich olivgrün gefärbt. So gross sind die Unterschiede zwischen Jugend- und Erwachsenengefieder, dass man einst der Ansicht war, es gebe auf Gough zwei verschiedene Ammernarten.

Die Gough-Ammer lebt gewöhnlich unterhalb der 600-Meter-Höhenlinie. Gerne hält sie sich an der Meeresküste im Gezeitenbereich auf, wo sie zwischen dem angeschwemmten Treibgut Jagd auf Strandflöhe und andere Insekten macht. Im «Binnenland» scheinen Fliegen, die sich auf den Felsen zum Sonnen hinsetzen, eine häufige Beute der Gough-Ammer zu sein. Aber auch andere Insekten fängt sie sehr geschickt. Daneben nimmt die Gough-Ammer ebenfalls pflanzliche Stoffe zu sich, so besonders Beeren, Samen und Blüten. Und sie verschmäht auch den Inhalt zerbrochener Meeresvogeleier sowie die Reste toter Tiere nicht. Im Gegensatz zum Gough-Teichhuhn ist die Gough-Ammer im übrigen ein recht dreister Vogel, der mitunter sogar die Hosenumschläge von Besuchern nach Insekten absucht und von deren Socken Pflanzensamen wegpickt.

Über das Brutverhalten der Gough-Ammer liegen bislang nur wenige Beobachtungen vor. Die Vögel scheinen ihr Nest vorwiegend im südlichen Frühjahr (September/Oktober) im bodennahen Pflanzenwuchs anzulegen, und das Gelege dürfte im allgemeinen aus zwei Eiern bestehen. Der Bestand der Gough-Ammer, die ausschliesslich auf der Insel Gough vorkommt, wurde in den fünfziger Jahren auf rund 2000 Paare geschätzt. Seither hat die Population leider stetig abgenommen. Gegenwärtig scheinen nur noch ungefähr 200 Paare die Insel zu bevölkern.

 

«Erzfeind» Ratte

Das Gough-Teichhuhn wie auch die Gough-Ammer werden in dem vom Internationalen Rat für Vogelschutz (ICBP) veröffentlichten «Rotbuch der bedrohten Vogelarten» als «selten» eingestuft. Dies bedeutet, dass sie zwar nicht akut vom Aussterben bedroht sind, jedoch aufgrund ihrer kleinen, räumlich stark begrenzten Population leicht in Bedrängnis geraten könnten, falls auf ihrer Heimatinsel irgendein unvorhergesehenes Ereignis eintreten würde. Das muss nicht unbedingt ein Hurrikan oder sonst eine Naturkatastrophe sein. Die Geschichte lehrt, dass inselbewohnende Vögel auch sehr anfällig sind auf plötzliche Veränderungen ihres Lebensraums, wie sie der Mensch und in seinem Gefolge Katzen, Ratten und andere räuberische Säugetiere hervorrufen. Vierzehn Inselrallenarten sind in den vergangenen 200 Jahren auf diese Weise ausgestorben, darunter auch das Tristan-Teichhuhn (Gallinula nesiotis): Zwischen 1875 und 1900 verschwand es spurlos von seiner Heimatinsel - zum einen wegen der Zerstörung seiner Lebensstätten durch Feuer, das der Mensch gelegt hatte, zum anderen wegen der Verfolgung durch Katzen, Ratten, Hunde und Schweine, die der Mensch eingeschleppt hatte.

Gough steht - besonders wegen seiner überragenden Bedeutung für die südatlantische Meeresvogelwelt - seit längerer Zeit unter striktem Naturschutz, und die britischen Behörden sind bestrebt, eine Invasion von Raubsäugern auf Gough mit allen Mitteln zu verhindern. Kein Mensch darf ohne Genehmigung landen, und Boote dürfen keine an der Küste anlegen. Erhalten die Männer von der Wetterstation frische Lebensmittel, Medikamente und Ersatzteile für ihre Geräte, so ankert das Versorgungsschiff aus Kapstadt weit draussen vor der Küste, Boote bringen die Waren bis dicht an die Insel, und von dort werden sie mit einem eigens installierten Kran an Land geholt. Auch Menschen erreichen und verlassen die Insel im allgemeinen durch die Luft: Hubschrauber bringen sie vom Schiff zur Insel und zurück. Damit wird die unerwünschte Landung etwaiger «blinder Passagiere» praktisch unmöglich gemacht.

Und trotzdem hat es die Hausmaus geschafft, Gough zu erobern. Allerdings dürfte dies schon vor geraumer Zeit, vermutlich noch vor der Einführung der genannten Schutzvorkehrungen, erfolgt sein. Man glaubt nämlich, dass der bereits erwähnte, mindestens seit den fünfziger Jahren währende Bestandsrückgang der Gough-Ammer hauptsächlich auf durch Mäuse verursachte Eiverluste zurückzuführen ist.

Obschon es dem Gough-Teichhuhn zu gelingen scheint, sich auf Tristan da Cunha zu halten, wo noch immer Ratten ihr «Unwesen» treiben, wird in der Fachwelt bezweifelt, dass die hübsche Ralle eine Invasion von Ratten auf Gough längerfristig überleben könnte. Der Gough-Ammer dürfte das Auftreten dieses Raubfeindes mit grösster Wahrscheinlichkeit den Todesstoss versetzen. Und nicht zuletzt hätte diese «Umweltveränderung» verheerende Auswirkungen auf die umfangreichen Brutkolonien der hier heimischen südatlantischen Meeresvögel. Es ist daher unabdingbar, dass die strenge Überwachung der menschlichen Aktivitäten auf Gough unvermindert anhält.




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