Graufusstölpel

Sula abbotti


© 1990 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Graufusstölpel (Sula abbotti) wurde 1892 vom Amerikaner W.L. Abbott auf der Insel Assumption bei Madagaskar entdeckt und wird darum auch Abbott-Tölpel genannt. Er ist einer von weltweit neun Tölpelarten. Sechs davon - darunter der Graufusstölpel - gehören der Gattung Sula an; sie sind allesamt in tropischen Gewässern zu Hause. Drei weitere Tölpelarten gehören der Gattung Morus an und sind Vögel der gemässigten Meere. Zu ihnen zählt der im Nordatlantik brütende Basstölpel (Morus bassanus), der mit einer Spannweite von 180 Zentimetern, einer Gesamtlänge von 91 Zentimetern und einem Gewicht von gut 3 Kilogramm der grösste Vertreter der Familie der Tölpel (Sulidae) ist.

Ihren wenig schmeichelhaften Namen verdanken die Tölpel ihrer für Wildtiere ungewöhnlichen Zahmheit. Da auf ihren abgelegenen ozeanischen Brutinseln bodenlebende Feinde von Natur aus fehlen, haben sie im Verlauf ihrer Stammesgeschichte keinerlei Fluchtverhalten entwickelt. So konnten die frühen Seefahrer und Inselsiedler die zutraulichen «Tölpel» mühelos erbeuten. Viele Brutpopulationen der bedauernswerten Vögel waren darum schon bald nach ihrer Entdeckung vollständig ausgelöscht.

Mit einer Länge von 79 Zentimetern ist der Graufusstölpel ein mittelgrosses Mitglied der Tölpelfamilie. Sein spitzer Dolchschnabel, dessen Ränder mit Sägezähnchen besetzt sind, ist besonders kräftig gebaut und bei den Weibchen rosa, bei den Männchen dagegen grau gefärbt. Wie bei den anderen Tölpelarten weist er keine äusseren Nasenlöcher auf; Tölpel atmen bei geöffnetem Schnabel durch ihren besonders geformten Gaumen. Dies dürfte eine Anpassung an das spektakuläre Fischfangverhalten der eleganten Meeresvögel sein: Tölpel sind meisterhafte Stosstaucher, die sich aus grosser Höhe mit angelegten Flügeln senkrecht ins Wasser stürzen, wenn sie einen Fischschwarm ausgespäht haben.

 

Letzte Heimat: die Weihnachtsinsel

Der Graufusstölpel war einst im Bereich des westlichen Indischen Ozeans weit verbreitet. Er brütete dort auf Rodriguez und einigen weiteren Inseln östlich und nördlich Madagaskars. Er hatte aber schon früh unter dem Menschen zu leiden und ist heute im ganzen Westteil des Indischen Ozeans ausgerottet. Die einzige derzeit noch bekannte Brutpopulation des Graufusstölpels befindet sich auf der Weihnachtsinsel im östlichen Teil des Indischen Ozeans, 360 Kilometer südlich von Java und rund 1400 Kilometer westlich von Australien.

Die Weihnachtsinsel ist eine Korallenkalkinsel mit einer Fläche von 137 Quadratkilometern. Sie stellt die Spitze eines Vulkans dar, der sich vom Meeresboden in 4300 Metern Tiefe erhebt und am höchsten Punkt 361 Meter über die Wasseroberfläche emporragt.

Die Vegetation der Weihnachtsinsel ist - dem tropischen Klima entsprechend - sehr üppig und reicht vom salzverträglichen Schraubenbaum-Gürtel an der Küste bis hin zum prächtigen, vierzig Meter hohen Regenwald im Inselinnern.

Von den acht Meeresvögeln, die auf der Weihnachtsinsel brüten, ist neben dem Graufusstölpel auch der Weissbauch-Fregattvogel (Fregata andrewsi) eine endemische, also weltweit nur hier heimische Vogelart. Ferner ist eine zart goldbraun gefärbte Unterart des Weissschwanz-Tropikvogels (Phaethon lepturus fulvus) nur hier anzutreffen. Für den Rotfusstölpel (Sula sula) und den Brauntölpel (Sula leucogaster) wiederum ist die kleine Ozeaninsel einer der wichtigsten Brutplätze im Indischen Ozean.

Ein Naturphänomen besonderer Art darf bei der Beschreibung der Inselnatur nicht unerwähnt bleiben. Gemeint sind die rotgefärbten Weihnachtsinsel-Krabben (Geocardoidea natalis), welche zu Millionen in der Streuschicht des Waldes umherkrabbeln und dort quasi die «Aufgabe» der Regenwürmer erfüllen, welche auf der Insel fehlen: Durch Frass und Ausscheidung «pflügen» sie den Boden um und sorgen so für eine gute Durchmischung, Durchlüftung und Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Wenn sich die Krabben zur Fortpflanzungszeit auf ihre Massenwanderung zum Meer begeben, um dort ihre Eier abzulegen, so fällt alljährlich etwa eine Million von ihnen dem Strassenverkehr zum Opfer. Ihr Gesamtbestand ist aber dermassen gross, dass dies keine erkennbare Schädigung der Art bewirkt.

 

Eine «Rinderherde» im Dschungeldach

Im Gegensatz zu den anderen Tölpelarten, welche zur Brutzeit zumeist Kolonien von vielen tausend Vögeln bilden, brüten die Graufusstölpel-Paare einzeln, zu zweit oder allenfalls zu dritt. Untypisch ist ferner, dass sie ihre mächtigen, aus Zweigen bestehenden Nester mitten im Regenwald, das heisst unterhalb des Kronendachs auf einer Astgabel in zehn bis dreissig Metern Höhe, anlegen. Man kann sich vorstellen, dass diese Arbeit für die grossen Meeresvögel mit viel Aufwand und schwierigsten Flugmanövern verbunden ist.

Zumeist in den Monaten Mai, Juni oder Juli legt das Graufusstölpel-Weibchen ein einzelnes kalkweisses Ei in die Nestmulde. Nach 57 Tagen schlüpft das Junge, unternimmt jedoch seinen ersten Flug erst im Alter von etwa fünf Monaten. Mit dem Flüggewerden ist der Jungvogel aber noch längst nicht selbständig: Weitere sieben bis acht Monate lang kehrt er tagtäglich nach dem «Flugtraining» zu seinem Nest zurück und lässt sich dort von den Eltern füttern. Dann erst fliegt er endgültig auf das Meer hinaus und sorgt fortan für sich selber. Eine erfolgreiche Brut dauert beim Graufusstölpel also - von der Eiablage bis zum Selbständigwerden des Jungvogels - mehr als 14 Monate. Dies bedeutet, dass ein Brutpaar im allgemeinen nur alle zwei Jahre ein Junges aufziehen kann. Erfahrene Paare schaffen manchmal zwei Bruten in drei Jahren.

Wenn die beiden erwachsenen Partner am Nest zusammenkommen, so zeigen sie jeweils ein spektakuläres Begrüssungsritual: Sie stehen einander gegenüber, schlagen mit ihren langen Schwingen, nicken kräftig mit ihren Köpfen und äussern dazu ein rauhes, stier-ähnliches «Gebrüll». Wenn die Graufusstölpel gegen Abend von ihren Fischzügen auf die Insel zurückkehren und dort mit ihren Partnern zusammentreffen, so hallt es deshalb über die Weihnachtsinsel, als würde eine Rinderherde in den Bäumen hausen.

 

Die Nachzuchtrate ist minimal

Die Nestlingszeit ist für die jungen Graufusstölpel eine recht riskante Lebensphase. Besonders gegen Ende Jahr fegen nämlich heftige Stürme über die Weihnachtsinsel und bewirken immer wieder, dass Jungvögel aus den Nestern geworfen werden. Am Waldboden sind sie aber, selbst wenn sie sich beim Sturz nicht verletzt haben, unweigerlich dem Untergang geweiht, da sie dort von den Eltern nicht mehr mit Nahrung versorgt werden können. Ein weiterer schwieriger Lebensabschnitt für die jungen Graufusstölpel sind die Westmonsun-Monate Februar und März, wenn es für die Altvögel besonders schwierig ist, genügend Nahrung zu beschaffen. Die Jungen müssen dann oft mehrere Wochen lang mit sehr wenig Futter auskommen, und manche von ihnen verhungern in dieser schweren Zeit. So kommt es, dass rund zwei Drittel der Graufusstölpel-Jungen sterben, bevor sie sich selbständig machen können.

Ein-Ei-Gelege, langsame Entwicklung der Jungvögel und hohe Jungensterblichkeit haben zur Folge, dass die Nachzuchtrate der Graufusstölpel äusserst gering ist. Ein weiterer Grund ist der, dass die jungen Tölpel erst im Alter von fünf bis sechs Jahren erstmals zur Brut schreiten. Dies alles führt dazu, dass die eleganten Meeresvögel Bestandseinbussen nur sehr schwer verkraften können und auf Störungen aller Art sehr anfällig sind. Kein Wunder waren sie von den meisten ihrer ehemaligen Brutplätze so rasch verschwunden.

 

Gefahr durch Phosphatabbau

Die Weihnachtsinsel war an Weihnachten 1643 entdeckt und benannt worden. Die ersten Siedler liessen sich 1888 auf der kleinen Insel nieder, und seit 1958 ist sie als Inselterritorium Australien angegliedert.

Bereits seit 1897 wird auf der Weihnachtsinsel Kalziumphosphat abgebaut. Diese Stickstoffverbindung, welche auf die Ausscheidungen unzähliger Generationen brütender Meeresvögel zurückgeht, findet in der Düngemittelproduktion Verwendung. Die Schädigung der Inselnatur durch den Phosphatabbau war lange Zeit minimal, da weitgehend von Hand geschürft wurde. Seit 1965 wird der Abbau jedoch im grossen Stil, unter Einsatz von Bulldozern und anderen Maschinen, betrieben. Und diese industrielle Nutzung der Phosphatablagerungen macht es erforderlich, dass der Wald Stück für Stück abgeholzt wird. Rund dreissig Prozent des Inselregenwalds sind zu diesem Zweck bereits zerstört worden. Der Boden ist mancherorts bis auf den nackten Fels abgetragen und sieht jetzt einer öden Mondlandschaft ähnlich.

Für den Graufusstölpel bedeutet dieser schonungslose Raubbau eine grosse Gefahr, denn durch die Rodung des Walds wird er seiner allerletzten Nistplätze und damit seiner letzten Heimat auf unserem Planeten beraubt. Schon zu Beginn der siebziger Jahre wurde die Gefährdung des Graufusstölpels durch den Phosphatabbau von aufmerksamen Naturschützern erkannt und den zuständigen australischen Behörden zur Kenntnis gebracht. Es waren aber noch lange und zähe Verhandlungen nötig, bis schliesslich Naturschutzaufseher auf der Weihnachtsinsel stationiert wurden, um die Interessen der Natur gegenüber den wirtschaftlichen Interessen der Phosphatabbauer zu wahren.

1980 erfolgte ein weiterer wichtiger Schritt zur Erhaltung des Graufusstölpels: Die noch kaum berührte Südwestecke der Weihnachtsinsel wurde als Nationalpark ausgewiesen. Anfänglich umfasste der Park zwölf Prozent der Inselfläche. 1986 kamen dann weitere wertvolle Waldstücke hinzu, so dass heute etwa dreissig Prozent der Nistplätze der Graufusstölpel innerhalb der Parkgrenzen liegen. Gleichzeitig wurde ein Team von Wissenschaftlern mit einer Sechsjahresstudie zur Abklärung des Verhaltens und der Ökologie des Graufusstölpels betraut. Dank dieser aufwendigen Studie sind heute die Nöte und Bedürfnisse des Graufusstölpels recht gut bekannt, und damit sehen seine Zukunftsaussichten schon wesentlich besser aus.

 

Der genaue Bestand ist nicht bekannt

In den Jahren 1981 und 1982 wurde in aufwendiger Kleinarbeit der ganze Regenwald der Weihnachtsinsel nach Graufusstölpel-Nestern abgesucht und deren Inhalt untersucht. So konnte festgestellt werden, dass jährlich etwas weniger als 1000 Graufusstölpel-Paare Eier legen. Diese stellen natürlich längst nicht die gesamte Brutpopulation dar: Hinzu rechnen müsste man noch diejenigen Paare, welche ihre Jungen vom Vorjahr betreuen, sowie jene, welche ein «Ruhejahr» einschalten, in dem sie nicht zu brüten versuchen. Und schliesslich müsste man noch sämtliche Jungvögel dazuzählen, welche teils von den Eltern abhängig sind, teils ihre «Wanderjahre» absolvieren. Alle diese Zahlen sind jedoch nicht einmal annähernd bekannt.

Ein anderer Versuch der Bestandserfassung war am 26. Juli 1976 durchgeführt worden: Es wurden sämtliche Graufusstölpel gezählt, die vom Fischfang auf dem offenen Meer zur Insel zurückkehrten. Dies ergab eine Zahl von 3259 Vögeln, wobei auch dies natürlich längst nicht der gesamten Tölpelpopulation entspricht. Beide Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass der Gesamtbestand des Graufusstölpels auf der Weihnachtsinsel höchstens ein paar tausend Individuen umfasst. Damit gehört er klar zu den seltensten Meeresvögeln der Welt. Und da er aufgrund seiner eigentümlichen Brutbiologie zudem besonders verletzlich ist, haben ihn der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) und die Internationale Union für Naturschutz (IUCN) auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Vogelarten gesetzt.

 

Soll eine zweite Population geschaffen werden?

Die wissenschaftlichen Untersuchungen auf der Weihnachtsinsel haben unmissverständlich gezeigt, dass sich die Erhaltung der Fauna und Flora der Insel mit der maschinellen Phosphatgewinnung nicht verträgt. Ende 1987 wurde darum jeglicher Phophatabbau vorläufig eingestellt. So kann über die Zukunft der Weihnachtsinsel in Ruhe und ohne Zeitdruck nachgedacht werden.

Die australische Regierung hat mittlerweile zwingend festgelegt, dass zukünftig keine Abholzung des Regenwalds mehr erfolgen darf. Ferner sollen Methoden erarbeitet werden, wie auf den ausgebeuteten Flächen das Aufkommen einer natürlichen Pflanzendecke gefördert werden kann. Dies ist erfahrungsgemäss in tropischen Regionen eine äusserst schwierige und aufwendige Angelegenheit, soll aber trotzdem - zumindest gebietsweise - in die Wege geleitet werden. Im übrigen ist eine weitere Ausdehnung des Nationalparks vorgesehen.

Man hat sich auch Gedanken darüber gemacht, ob es wohl möglich wäre, eine zweite Brutpopulation von Graufusstölpeln auf einer anderen Insel im Indischen Ozean zu schaffen. Die Aussicht auf gutes Gelingen eines solchen Unternehmens ist aber dermassen gering, und der Bedarf an Jungtieren, die man verpflanzen müsste, so hoch, dass man von dieser an sich wünschenswerten Sache wohl besser absieht.

So bleibt von dieser prächtigen Meeresvogelart halt eine einzige, recht kleine und äusserst langsam nachzüchtende Population, welche zum Brüten auf die Waldbäume einer winzigen Ozeaninsel angewiesen ist. Trotzdem stehen ihre Überlebenschancen nicht allzu schlecht. Denn die australische Regierung hat keine Kosten gescheut, eine lebensfähige Population der Graufusstölpel zu erhalten. Und sie hat deutlich gezeigt, dass für einmal der Naturschutz nicht nach den wirtschaftlichen Interessen des Landes kommt. Bleibt zu hoffen, dass sie dies auch in Zukunft so hält.




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