Greiffrosch

Agalychnis calcarifer


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen im WWF-Kalender 1987)



Die Regenwälder Südamerikas beherbergen unzählige Froscharten. So ist zum Beispiel der Grossteil der über 250 Laubfroscharten aus der Familie Hylidae, zu denen auch der abgebildete Greiffrosch Agalychnis calcarifer gehört, im tropischen Amerika zu Hause. Tatsächlich ist der Dschungel mit seinem feuchtwarmen Triebhausklima der ideale Lebensraum für die wechselwarmen Tiere, die wegen ihrer wasserdurchlässigen Haut anderenorts ständig in Gefahr stehen auszutrocknen.

In den Amazonaswäldern ist die Luftfeuchtigkeit dermassen hoch, dass zahlreiche Froscharten ganzjährig in den Wipfeln der Urwaldbäume zu leben vermögen. Sie sind diesem luftigen Leben hervorragend angepasst. So haben sie, da sich auch bei ihnen das Larvenstadium im Wasser vollzieht, vielerlei interessante Brutpflegemethoden entwickelt: Die Giftlaubfrösche der Gattung Phrynohyas etwa legen ihre Eier in wassergefüllte Baumlöcher oder Astgabeln. Baumsteigerfrösche der Gattung Dendrobates setzen ihre Kaulquappen in das Wasserreservoir von Bromeliengewächsen ab. Beutelfroschweibchen der Gattung Gastrotheca tragen die Eier und Kaulquappen in einer feuchten Hauttasche auf dem Rücken herum. Bei den Nasenfröschen der Gattung Rhinoderma nehmen die Männchen die Eier in den Mund und schützen sie in einem Kehlsack, bis sie sich in Kaulquappen verwandeln.

Und die Greiffrösche der Gattungen Agalychnis (Bild) und Phyllomedusa legen ihre Eier in selbstgebaute Nester ab, welche über einer Wasserfläche hängen: Männchen und Weibchen suchen sich zur Laichablage ein geeignetes Blatt. Mit den Hinterbeinen halten sie gemeinsam die Ränder des Blattes zusammen, so dass es einen Trichter bildet. Dort hinein legt das Weibchen seine bis zu hundert Eier, die das Männchen sofort befruchtet. Das Paar hält die Ränder des Blattes noch so lange fest, bis sie durch den Gallertschleim des Laichs von alleine zusammenkleben. Dabei beachten die zierlichen Tiere, dass am unteren Ende der Blatt-Tüte eine Oeffnung bleibt, durch welche die ausgeschlüpften Kaulquappen später ins darunterliegende Wasser purzeln können.

In Anpassung an das Baumleben weisen die Greiffrösche des weiteren - wie ihr Name sagt - hochspezialisierte Greifhände und -füsse auf: Im Gegensatz zu den anderen Laubfroscharten besitzen sie nicht nur gut entwickelte Haftscheiben an Fingern und Zehen, sondern können überdies ihre Daumen und ersten Zehen den anderen Fingern bzw. Zehen gegenüberstellen, was sie zu ausgezeichneten Kletterern im Blattwerk und Gezweig macht.

Leider droht den Greiffröschen gerade ihre starke Anpassung an das Leben in den Wipfeln der Urwaldbäume zum Verhängnis zu werden. Sie sind auf Tod und Leben an dieses feuchtwarme Habitat gebunden und können anderswo nicht existieren. Mit der fortschreitenden Rodung der Amazonaswälder auf breiter Front ist darum ihr Ueberleben stark in Frage gestellt. Der WWF trägt durch zahlreiche Projekte im tropischen Amerika, welche der Erhaltung ganzheitlicher Ökosysteme dienen, zur Erhaltung der Greiffrösche - und mit ihnen vieler anderer einzigartiger Bewohner der tropischen Regenwälder - bei.




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