Grenadinen von Grenada
© 1991 Markus Kappeler / Groth AG
(erschienen in der «Flags of the Nations» Stamp Collection,
Groth AG, Unterägeri)
Die südlichste der kleinen Antilleninseln, jener
Kette tropischer Eilande, welche in einem sanften Bogen das Karibische
Meer gegen den Atlantischen Ozean abgrenzt, heisst Grenada und
liegt rund 160 Kilometer nördlich der venezolanischen Küste.
Die zweitsüdlichste heisst St. Vincent. Dann folgt St. Lucia...
Doch halt! Wer dies sagt, übersieht etwas Wesentliches:
Zwischen Grenada und St. Vincent liegt nämlich - verstreut
über eine Strecke von etwa sechzig Kilometern - eine Schar
von mehr als hundert kleinen, kleineren und kleinsten Inseln,
welche zusammenfassend als «die Grenadinen» bezeichnet
werden. Wie Grenada und St. Vincent sind sie in vielen Fällen
die aus dem Wasser ragenden Spitzen untermeerischer Vulkane,
die im Verlauf ungezählter Jahrmillionen vom Boden der Tiefsee
emporgewachsen sind. Sie weisen einen zentralen Berg und teils
schroffe Felsküsten auf. Andere sind flache Korallenkalkinseln,
die aus Riffen auf submarinen Vulkanen hervorgegangen sind. Sie
liegen nahezu auf Meereshöhe und verfügen über
liebliche Sandstrände und Palmenhaine.
Alle Grenadinen haben tropisch warmes Klima, das heisst
der Sommer dauert gewissermassen zwölf Monate lang, und
kühl sind höchstens die Drinks. Ziemlich gleichmässig
zwischen 24 und 28°C betragen die Temperaturen das ganze
Jahr hindurch, und die jährlichen Niederschläge messen
im allgemeinen nur zwischen 800 und 1600 Millimetern. Trübe,
wolkenverhangene Tage, die uns Mitteleuropäern gelegentlich
auf das Gemüt drücken, sind hier praktisch unbekannt.
Selbst in der «Regenzeit», zwischen Juni und November,
wirkt der Regen auf den Grenadinen eher wie ein erfrischender
Schauer, der den Sonnenschein und den blauen Himmel nie für
lange zu verdrängen vermag.
Politisch bilden die Grenadinen keine Einheit, sondern
werden durch eine künstlich gezogene Grenzlinie, welche
zwischen den beiden Nachbarinseln Petite Martinique und Petit
St. Vincent verläuft, unbarmherzig entzwei geschnitten:
Was nördlich dieser Schranke liegt, heisst «Grenadinen
von St. Vincent» und gehört zum Kleinstaat St. Vincent;
was südlich davon liegt, heisst «Grenadinen von Grenada»
und ist Teil des Zwergstaats Grenada.
Die Grenadinen von Grenada, von denen auf diesen Seiten
die Rede sein soll, sind grossenteils unbewohnte Inselchen mit
wunderschönen Badebuchten und farbenprächtigen Korallenriffen,
ein Paradies für Jachtsportler und Taucher aus aller Welt.
Von nennenswerter Grösse sind lediglich drei Inseln, und
auch hiervon sind nur zwei bewohnt: Petite Martinique weist eine
Fläche von 2 Quadratkilometern auf und wird von etwa 600
Personen bewohnt. Isle Ronde übertrifft zwar mit 3 Quadratkilometern
Fläche Petite Martinique etwas an Grösse, ist jedoch
unbewohnt. Carriacou schliesslich misst 34 Quadratkilometer und
weist eine Bevölkerung von etwa 7000 Personen auf.
Carriacou - einst Baumwoll- und Zuckerkolonie
Carriacou liegt 37 Kilometer nördlich von Grenada.
Es wird von einer zentralen Bergkette in nordsüdlicher Richtung
durchzogen, welche im Norden beim High North und im Süden
beim Chapeau Carré mehr als 250 Meter Höhe erreicht.
Ursprünglich war Carriacou vollständig mit Tropenwald
bedeckt gewesen, doch hat der Mensch einen Grossteil des Waldes
gerodet, um Platz für Häuser, Gärten, Pflanzungen
und Viehweiden zu schaffen. Nur noch 1,5 Quadratkilometer an
den oberen, steileren Hängen der Bergkette sind Waldland.
Die tieferen Hanglagen dienen als Weideland, während sich
die Siedlungen und Kulturen der Carriacouaner hauptsächlich
im flacheren Tiefland befinden.
Hauptort Carriacous und Haupthafen der Insel ist das
an der Westküste gelegene Hillsborough. Hier befinden sich,
gleich hinter dem Pier, das Verwaltungsgebäude, die Post
und praktisch alle grösseren Läden der Insel. Auch
der Gemüse und Viehmarkt findet hier statt. Allerdings wohnen
in der «Hauptstadt» selber lediglich 600 Einwohner.
Die übrigen Bewohner Carriacous leben in malerischen Streusiedlungen
praktisch über den ganzen tieferen Bereich der Insel verteilt
- teils am Meer, teils an einer der Landstrassen oder halt einfach
inmitten des Kulturlands. Demzufolge ist die Reihe der Dorfnamen
für das kleine Eiland eigentlich viel zu lang: Windward,
L'Esterre, Harvey Vale, Belmont, Dumfries, Six Roads, La Resource,
Bogles, Grand Bay und Mount Pleasant.
«Kayriouacou ist ein schönes Eiland, gesegnet
mit einem guten Hafen und bestimmt fähig, eine blühende
Kolonie zu tragen.» Dies hielt Jean Baptiste Dutertre 1656
in seinem Bericht fest, nachdem er die Grenadinen im Auftrag
Frankreichs erkundet hatte. Obschon die in jenen Gewässern
operierenden Handelsleute, Fischer, Wal- und Schildkrötenfänger
Carriacou damals durchaus schon kannten und gelegentlich auch
besuchten, war es noch unbewohnt. Der positive Bericht Dutertres
liess die Franzosen aber nicht lange zaudern: Sie annektierten
Carriacou wenig später, und um 1700 hatten sie bereits überall
auf der Insel Baumwollpflanzungen angelegt, die sie mit der Hilfe
von etwa 900 Negersklaven bewirtschafteten. Die Kolonie blühte
wie vorausgesagt.
1763, nach dem Siebenjährigen Krieg, der sich
ausserhalb Europas zum französisch-englischen See- und Kolonialkrieg
entwickelt hatte, mussten die Franzosen jedoch (anlässlich
des Friedensschlusses von Paris) Grenada mitsamt den Grenadinen
an die Briten abtreten. Diese legten alsbald zusätzlich
auch Zuckerrohrplantagen auf Carriacou an. 1776 wurde Carriacou
erstmals statistisch erfasst: Damals gab es exakt 49 Plantagen
auf der Insel, die allesamt in privater Hand waren. Rund fünfzig
Prozent der Gutsbesitzer trugen französische Namen; sie
hatten sich offensichtlich mit den Briten zu arrangieren gewusst.
86 Europäer lebten neben 3153 schwarzen Sklaven. Die wichtigsten
Exportgüter waren Baumwolle (385 Tonnen) und Zucker (67
Tonnen). Daneben wurden kleinere Mengen Kaffee, Kakao und Indigo
ausgeführt. Und nicht zuletzt Rum mit dem Prädikat
«Grog» («Grand Rum of Grenada») - von
dem wir die Bezeichnung für unser erkältungslinderndes
Mischgetränk «Grog» herleiten.
In der Folge gewann der einträgliche Zuckerrohranbau
immer grössere Bedeutung: 1823 wurden nur noch 192 Tonnen
Baumwolle exportiert, dagegen 1028 Tonnen Zucker, 6234 Hektoliter
Melasse und 657 Hektoliter Rum. Die Plantagenwirtschaft hatte
jetzt ihren Höhepunkt erreicht - um kurz darauf zu kollabieren.
Als 1833 das britische Parlament unter dem massiven Druck der
Öffentlichkeit verfügte, dass die Sklaverei in allen
Besitzungen aufzuheben sei, da war es mit der Herrlichkeit vorbei.
Die Bewirtschaftung der arbeitsintensiven Zuckerrohrplantagen
war mit bezahlten Arbeitern kaum mehr rentabel, die Weltmarktpreise
für Rohrzucker waren ohnehin sinkend, und zwei schwere Dürreperioden
gaben schliesslich der serbelnden Plantagenwirtschaft noch vor
dem Ende des Jahrhunderts den Gnadenstoss.
1897 war Carriacou zwar noch immer in eine Anzahl
privater Güter aufgeteilt. Die Besitzer waren aber allesamt
abwesend und zehrten zumeist in England von ihren finanziellen
Reserven. Die ehemaligen Sklaven lebten dagegen als nunmehr freie,
jedoch landlose, sich selbst versorgende Pflanzer, Fischer und
Viehzüchter auf fremdem Land. Nach 1903 wurde diese unbefriedigende
Situation von der britischen Kolonialverwaltung durch eine umfassende
Landreform behoben, in deren Verlauf die ehemaligen Gutsbesitzer
enteignet und das Land an die einheimische Bevölkerung verteilt
wurden.
Streift man heute durch das Innere von Carriacou,
so stolpert man hier und dort über Ruinen von Steinbauten.
Es sind die Überbleibsel der ehemaligen Herrschaftshäuser,
Zuckermühlen und Rumbrennereien. Auch das weitverzweigte
Strassennetz, die altehrwürdigen Lagerhäuser in Hillsborough
und die eigenwillige Mischung aus teils französischen, teils
englischen Ortsnamen sind Zeugnisse der Kolonialzeit - einer
zwar wirtschaftlich bemerkenswerten, aber in menschlicher Hinsicht
bestimmt nicht ruhmreichen Periode Carriacous.
Mano und Felicity, Cyrus und Delores
Wesentlich hat sich das Leben auf Carriacou in den
letzten hundert Jahren nicht verändert. Noch immer stammt
praktisch die ganze einheimische Bevölkerung von den Negersklaven
ab, welche seinerzeit von den Franzosen und den Briten zu Tausenden
aus den westafrikanischen Besitzungen in die Karibik verschleppt
worden waren. Und auch heute noch bilden sie eine Selbstversorgergemeinschaft,
die von dem lebt, was ihre Insel und das umliegende Meer hergeben.
Sozusagen alle Familien auf Carriacou bewohnen ein
eigenes, mehr oder weniger selbst gebautes kleines Haus und bestellen
einen kleinen Garten, in dem sie Mais, Erbsen, Kartoffeln, Maniok,
Bananen und andere Grundnahrungsmittel anpflanzen. Die meisten
halten ferner ein paar Hühner, Schweine, Schafe und Ziegen.
Und bei vielen geht das Familienoberhaupt hin und wieder mit
dem Wurfnetz an der Küste auf Fischfang. Für das tägliche
Brot ist so gesorgt.
Praktisch alle erwachsenen Carriacouaner und auch
viele Carriacouanerinnen verfügen darüberhinaus über
die eine oder andere Möglichkeit, Geld zu verdienen, um
sich beispielsweise Kleider, Werkzeug, Schulbücher, Geschirr
oder vielleicht auch ein Radio oder eine Armbanduhr zu kaufen.
Manche produzieren Baumwolle, Limetten oder Erdnüsse für
die Märkte von Grenada und St. Vincent. Einige bauen die
kleinen, schnittigen Segelboote, für die Carriacou weitherum
bekannt ist, gehen mit solchen auf Fischfang oder betreiben interinsularen
Warentransport. Einige arbeiten für die Inselverwaltung
im Strassenbau oder Gebäudeunterhalt. Ein paar züchten
Rinder, deren Fleisch bei Festlichkeiten aller Art sehr begehrt
ist. Über 200 (!) betreiben einen kleinen Krämerladen,
der gleichzeitig Imbissecke und Treffpunkt ist. Und viele verkaufen
auf dem Markt in Hillsborough Eier, Gemüse und Früchte
aus eigener Produktion. So führen die Carriacouaner ein
ruhiges und mehrheitlich bescheidenes Leben als eine Art Kombination
aus Selbstversorger und Taglöhner. Mit dieser Lebensweise
können sie sich zwar keinen grossen Luxus leisten. Aber
zu schinden braucht sich auch keiner. Und für sich, seine
Familie und seine Freunde hat jedermann und jedefrau immer genügend
Zeit - ganz im Gegensatz zu den sogenannt reichen Leuten des
westlichen Europas und nördlichen Amerikas.
Zwei typische Carriacouaner sind der Mechaniker Mano
Thomas und der Bootsbauer Cyrus John:
Mano Thomas lebt mit seiner Frau Felicity und seinen
drei Kindern, welche alle in die örtliche Primarschule gehen,
in Hillsborough. Mano hatte nach der Schule sieben Jahre lang
auf Grenada als Gehilfe eines Schlossers gearbeitet und sich
dabei Kenntnisse als Automechaniker angeeignet. Auf Carriacou
gehört er heute zu den wenigen, welche etwas von Motoren
verstehen, und er ist darum nicht nur für den Unterhalt
der Motorfahrzeuge der Inselverwaltung zuständig, sondern
repariert bei Bedarf auch private Autos, Motorräder und
Boote. Kein Tag verläuft wie der andere. Einmal arbeitet
Mano an einem defekten Bootsmotor bis spät in die Nacht
hinein. Ein andermal hat er den ganzen Tag lang Zeit, um in einem
der «Rum Shops» mit seinen Freunden zu trinken und
zu diskutieren. Er besitzt übrigens ein vergoldetes Feuerzeug,
das ihm einmal ein Jachtbesitzer aus New York zum Geschenk machte.
Das zeigt er bei solchen Gelegenheiten stolz herum, obwohl er
selber nicht raucht. Felicity führt ein eher zurückgezogenes
Leben. Mit dem Haus, dem Garten, den Hühnern und natürlich
auch den Kindern ist sie ziemlich stark ausgelastet, weshalb
sie nur selten aus dem Haus kommt. Den Besuch des Marktes, jeweils
am Montag, lässt sie allerdings nie ausfallen. Dies weniger
wegen des Einkaufs, sondern vielmehr, weil sie dort immer die
eine oder andere Freundin trifft, mit der sie dann ein wenig
plaudern kann.
Cyrus John und seine Frau Delores wohnen in L'Esterre,
ganz im Südwesten Carriacous. Ihre beiden Kinder sind erwachsen.
Die Tochter hat geheiratet und lebt heute in Trinidad. Der Sohn
ist Junggeselle und wohnt noch zu Hause. Cyrus war in seiner
Jugend viele Jahre lang Schiffsjunge auf einem der lokal gebauten
Transportschoner gewesen. Dabei lernte er nicht nur alle Kniffe
des Hochseesegelns (weshalb er bei der Inselregatta, die jeweils
am ersten Augustwochenende stattfindet, immer unter den Ersten
rangiert), sondern er lernte damals auch alles über die
Schiffszimmerei, die heute sein Beruf ist. Hin und wieder bestellt
jemand bei Cyrus ein Segelboot, und das baut er dann ganz in
der Nähe des Hauses am Strand mit einfachem Werkzeug und
lokalem Zedern- und Mahagoniholz. Er arbeitet immer mit seinem
Sohn zusammen, den er die Kunst des Bootsbaus lehrt. Nicht immer
hat Cyrus jedoch einen Auftrag. Dann geht er oft mit seinem eigenen
Boot am frühen Morgen auf Fischfang. Häufig besucht
er aber auch seine schon greisen Eltern, die in Windward, an
Carriacous Nordostküste wohnen, und hilft ihnen ein wenig
in Haus und Garten. Delores besorgt das Haus und den Gemüsegarten.
Geflügel oder Schweine pflegt sie keine. Dafür hat
sie eine kleine Holzbude vor dem Haus als Krämerladen eingerichtet
und verkauft dort neben Getränken aller Art Seife, Kopfwehtabletten,
Zigaretten, Batterien, Lippenstifte und viele andere Kleinigkeiten
für den Alltag des Carriacouaners und besonders der Carriacouanerin.
Zu verdienen gibt es damit zwar nicht viel. Aber als Ladenbesitzerin
geniesst sie ein gewisses Ansehen bei den Nachbarn, und zudem
ist immer für Gesellschaft gesorgt.
Traumbotschaften der «Alten Eltern»
Sowohl die katholische als auch die protestantische
Kirche waren schon Ende des 18. Jahrhunderts auf Carriacou tätig,
und es gelang ihnen vortrefflich, die westafrikanischen Sklaven
zu braven Christenmenschen zu bekehren. Die heutigen Inselbewohner
bekennen sich fast ausnahmslos zum Christentum und besuchen regelmässig
die sonntäglichen Messen. Dennoch leben auf Carriacou die
spirituellen Traditionen Westafrikas ungebrochen weiter, ja sie
durchdringen den Alltag der dunkelhäutigen Insulaner weit
stärker, als dies das von den Kolonialmächten aufgedrängte
religiöse Gedankengut je tat.
Eine besonders wichtige Rolle spielen hierbei die
Seelen der Vorfahren, welche allgegenwärtig sind und in
der Welt der Lebenden weiterhin über sehr starke Kräfte
verfügen. Die Einflüsse der «Alten Eltern»,
wie die als Seelen umhergeisternden Vorfahren genannt werden,
sind dabei vielfältig: Sie können strafender oder hilfreicher,
aber auch launischer oder sogar böser Natur sein, wie eben
auch die Verstorbenen sehr unterschiedlichen Charakters waren.
Das verursacht allerlei Probleme für die Lebenden, und sie
haben es nicht immer leicht, in Harmonie mit ihren Vorfahren
zusammenzu leben.
Die «Alten Eltern» kommunizieren mit den
Lebenden über sogenannte «Traumbotschaften»,
das heisst sie übermitteln ihnen hin und wieder im Schlaf
eine Botschaft. Das kann eine Prophezeihung, ein Rat oder eine
Bitte sein. Glücklicherweise fügen sie auch immer gleich
eine genaue «Gebrauchsanweisung» hinzu. So wissen
dann diejenigen, denen die Botschaft gilt, wie sie sich aus einer
Notlage befreien, vor kommendem Ungemach schützen oder einfach
des Goodwills ihrer Vorfahren versichern können. Da nicht
alle Träume wirkliche Kontakte zum Jenseits darstellen,
und da man erst im Alter zwischen unwichtigen «Selbstträumen»
und bedeutsamen «Naturträumen» zu unterscheiden
vermag, geniessen die älteren Carriacouaner als Vermittler
zwischen den «Alten Eltern» und den Lebenden grosse
Autorität.
Mitunter kommt es sogar zu einer Art kurzfristiger
Reinkarnation der «Alten Eltern». So sind beispielsweise
die Ameisen, welche auf der von den Vorfahren gewünschten
Festtafel an den Leckerbissen knabbern, der Hund, der sich den
Schenkel eines den Vorfahren geopferten Huhns schnappt, oder
der leichte Wind, der auf der Tanzbühne des zugunsten der
Vorfahren abgehaltenen «Big Drum» Festes spürbar
wird, die Verkörperung von Verstorbenen. Ihre so direkte
Teilnahme an der Zeremonie ist in jedem Fall ein Zeichen des
Wohlwollens, über das sich jedermann sehr freut.
Legenden
Carriacou, hier von Südwesten her gesehen, ist
eine vulkanische Insel mit sehr abwechslungsreicher Küstenlinie
und bis über 250 Meter hohen Bergen. Mit einer Fläche
von 34 Quadratkilometern ist sie zwar gut hundertmal kleiner
als Mallorca, aber immerhin mit Abstand die grösste der
zu Grenada gehörenden Grenadinen.
Etwa 7000 Personen leben auf Carriacou. Sie sind zum
weit überwiegenden Teil Nachfahren westafrikanischer Negersklaven,
welche im 17. und l8. Jahrhundert von Frankreich und Grossbritannien
in die Karibik verschleppt und zur Fronarbeit in den Baumwoll-
und Zuckerplantagen gezwungen worden waren. Die Carriacouaner
leben heute über die ganze Insel verteilt in malerischen
Streusiedlungen (im Bild das Dorf Belmont an der Manchineel-Bucht
ganz im Süden Carriacous).
Zwischen Grenada, St. Vincent und den dazwischenliegenden
Grenadinen findet ein reger interinsularer Warenaustausch statt,
wobei als Transportmittel hauptsächlich farbige, lokal gebaute
Schoner zum Einsatz kommen. Auch am Pier von Hillsborough, dem
Hauptort und gleichzeitig Haupthafen Carriacous, herrscht Tag
für Tag buntes Treiben beim Beladen und Entladen der grösseren
und kleineren Boote.
Die Carriacouaner sagen von sich, sie würden
ein «gebrochenes» Englisch sprechen. Tatsächlich
ist ihre Variante des westindischen Kreolisch derart stark mit
altfranzösischen und westafrikanischen Begriffen durchsetzt,
dass selbst englischsprachige Inselbesucher in den ersten Wochen
grösste Mühe haben, die keineswegs gebrochene, sondern
im Gegenteil überaus reiche Sprache der Carriacouaner zu
verstehen. Glücklicherweise sprechen die meisten Inselbewohner
für den Notfall auch Standard-Englisch.
Nach Auffassung der carriacouanischen Bevölkerung
bilden die Lebenden mit den Toten zusammen eine feste Gemeinschaft.
Die Seelen der verstorbenen Vorfahren sind allgegenwärtig,
und vielerlei rituelle Handlungen sind notwendig, um das harmonische
Zusammenleben mit ihnen zu gewährleisten. Überaus komplex
gestaltet sich daher auch das Begräbnis eines
Verstorbenen, welches weit über die eigentliche Beerdigung
hinausgeht und erst mit dem 24stündigen «Grabstein-Fest»,
oft sieben oder neun Jahre später, seinen Abschluss findet.
Die Grenadinen entsprechen in hohem Mass der Vorstellung
von einem tropischen Inselparadies und gelten seit langem als
eines der abwechslungsreichsten Segelreviere der Welt. Hin und
wieder trübt sich allerdings auch über den Grenadinen
der Himmel. Während der Regenzeit, zwischen Juni und November,
bilden sich nämlich mitunter im Osten der Kleinen Antillen
mächtige Hurrikane. Glücklicherweise suchen sie die
Grenadinen nur in Ausnahmefällen heim. Der letzte Hurrikan,
der über die Grenadinen hinwegtobte und eine Spur der Verwüstung
hinterliess, war dafür gleich einer der stärksten des
Jahrhunderts gewesen: «Allen», so sein Name, zertrümmerte
im August 1980 viele Häuser, versenkte etliche Schiffe,
zerstörte die Ernten und nahm mehreren Menschen das Leben.
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