Grevyzebra

Equus grevyi


© 2001 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Als «Huftiere» bezeichnen wir im Volksmund alle Pflanzen essenden Grosssäugetiere, deren Zehenspitzen durch hornige Umkleidungen («Hufe») geschützt sind. Darunter fallen zum einen die Mitglieder der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) und zum anderen die Angehörigen der Ordnung der Unpaarhufer (Perissodactyla).

Hinsichtlich ihrer Artenvielfalt sind die beiden Huftiersippen sehr unterschiedlich: Die Paarhuferordnung besteht aus 220 Arten in 10 Familien (Altweltschweine, Neuweltschweine, Flusspferde, Kamele, Hirschferkel, Hirsche, Moschushirsche, Giraffen, Gabelhorntiere, Hornträger), während sich die Unpaarhuferordnung aus lediglich 16 Arten in 3 Familien (Tapire, Nashörner, Pferde) zusammensetzt. Leider stehen nicht weniger als 14 der 16 Unpaarhuferarten auf der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation (IUCN). Zu ihnen gehört auch das Grevyzebra, von dem hier die Rede sein soll.

 

Das Tigerpferd des Aristoteles

Die Familie der Pferde umfasst sieben Arten, nämlich ein Wildpferd, drei Wildesel und drei Zebras. Bei den Zebras handelt es sich um das Steppenzebra (Equus burchellii), das Bergzebra (Equus zebra) und das Grevyzebra (Equus grevyi). Alle drei sind in Afrika zu Hause.

Das Grevyzebra ist das am nördlichsten lebende Zebra: Es bewohnt die offenen, grasbewachsenen Trockenbusch- und Halbwüstengebiete im Bereich des Horns von Afrika. Mit einer Widerristhöhe von 145 bis 160 Zentimetern, einer Kopfrumpflänge von 250 bis 300 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 450 Kilogramm ist es im Übrigen das grösste der drei Zebras, ja sogar das grösste aller Mitglieder der Pferdefamilie.

Seinen Namen trägt das Grevyzebra zu Ehren des früheren französischen Staatspräsidenten Jules Grévy. Dieser erhielt 1882 von Kaiser Menelik I. von Äthiopien ein solches Tier aus dessen Heimat geschenkt. Da erst wurde die Art von der Wissenschaft «entdeckt» und benannt - obschon das «Tigerpferd», das der berühmte griechische Gelehrte Aristoteles vor 2300 Jahren schilderte, mit grösster Wahrscheinlichkeit auch ein Grevyzebra gewesen war.

 

Eine lockere Gesellschaft

Anhand seiner grossen «Eselsohren» und seiner sehr feinen Streifenzeichnung, die bis zu den Hufen hinunter reicht, lässt sich das Grevyzebra leicht vom Berg- und vom Steppenzebra unterscheiden. Doch es ist nicht nur in seiner äusseren Erscheinung verschieden von den beiden anderen «Streifenpferden». Auch hinsichtlich seiner Gesellschaftsform weicht es ab. Das Steppen- und das Bergzebra leben im Allgemeinen in festen, von einem fürsorglichen Hengst geführten Familiengruppen von zehn bis zwanzig Tieren (die sich manchmal in günstigen Weidegebieten vorübergehend mit anderen Familiengruppen zu riesigen Herden zusammenschliessen). Das fein gemusterte Grevyzebra bildet hingegen keine stabilen Verbände. Es formt lose Trupps unterschiedlicher Grösse - Männchentrupps einerseits und Weibchen-Jungen-Trupps andererseits. Deren Zusammensetzung ändert sich fortwährend. Sogar im Verlauf ein und desselben Tages können Einzeltiere mehrmals von einem Trupp zum anderen wechseln oder auch stundenlang allein bleiben. Feste Einheiten bilden einzig die Stuten mit ihren Fohlen. Sie halten jeweils rund zwei Jahre lang zusammen.

Im Unterschied zu diesen recht gesellig lebenden und in riesigen Wohngebieten frei umherstreifenden Tieren führen etwa zehn Prozent der erwachsenen Grevyzebra-Hengste eine territoriale Lebensweise: Sie erkämpfen sich ein Gebiet von bis zu zehn Quadratkilometern Grösse, in welchem sie dann nicht unerhebliche Vorrechte gegenüber den besitzlosen Männchen haben: Die brünftigen Stuten lassen sich nämlich nur von territorialen Hengsten decken. Allein die kampfstarken Männchen, die sich ein Grundstück anzueignen vermögen, können also ihr Erbgut weitergeben - was im Hinblick auf die «Fitness» der Art gewiss sinnvoll ist.

In einigen Bereichen des Artverbreitungsgebiets ist allerdings bei lang anhaltender Trockenzeit die ganze ansässige Population - einschliesslich der territorialen Hengste - gezwungen, ihr übliches Streifgebiet zeitweilig zu verlassen und auf der Suche nach Nahrung und Wasser weite Wanderungen zu unternehmen. Die Männchen geben dann vorübergehend ihr territoriales Gefüge auf und klären das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen jeweils in direkten, oft sehr heftig geführten Rivalenkämpfen untereinander ab.

 

Fohlen tragen Rückenmähnen

Paarungen können beim Grevyzebra zwar das ganze Jahr über beobachtet werden, doch sind diesbezüglich zwei deutliche Aktivitätsspitzen im Jahresverlauf erkennbar. Sie fallen mit dem Einsetzen der beiden ostafrikanischen Regenzeiten - im Juli/August und im Oktober/November - zusammen. Die Tragzeit ist mit rund dreizehn Monaten recht ausgedehnt. Dies hat zur Folge, dass die zu Beginn einer Regenzeit gezeugten Fohlen im nächsten Jahr gegen Ende derselben Regenzeit geboren werden, also zu einem Zeitpunkt, da das Nahrungsangebot für die säugenden Mütter optimal ist.

Die jungen Grevyzebras kommen fast ausnahmslos als «Einzelkinder» zur Welt. Sie wiegen bei der Geburt um vierzig Kilogramm. Schon innerhalb der ersten Lebensstunde vermögen sie sich auf ihren dünnen Beinchen aufzurichten, und wenige Stunden später können sie ihrer Mutter beim Esswandern mühelos nachfolgen. Ihr Fell ist anfangs nicht schwarz-weiss gefärbt, sondern braun-weiss. Charakteristisch für die jungen Fohlen ist ferner die Mähne, welche nicht nur vom Scheitel bis zum Widerrist, sondern weiter bis zur Schwanzwurzel reicht. Die Jugendfärbung verliert sich im Alter von etwa vier Monaten, und bald darauf bildet sich auch die Rückenmähne zurück.

Schon nach wenigen Wochen beginnen die Grevyzebrafohlen, feste Nahrung in Form von Gräsern zu sich zu nehmen, doch werden sie erst im Alter von sieben bis acht Monaten von der Muttermilch entwöhnt. Obschon sie danach selbst für sich sorgen können, bleiben sie gewöhnlich noch mindestens ein weiteres Jahr lang mit ihrer Mutter zusammen.

Sowohl die Männchen als auch die Weibchen werden in ihren dritten Lebensjahr geschlechtsreif. In freier Wildbahn pflanzen sich aber nur die Weibchen dann tatsächlich fort. Die jungen Männchen erhalten normalerweise erst im Alter von sechs oder mehr Jahren die Gelegenheit, ihr Erbgut weiterzugeben. Denn erst dann sind sie «im besten Alter» und haben reale Aussichten, sich im Wettstreit mit den anderen Männchen ein Grundstück als Territorium zu sichern. Das Höchstalter der Grevyzebras liegt bei gut zwanzig Jahren.

 

Hübsches, aber verhängnisvolles Fell

Die scheinbar auffällige schwarzweisse Fellzeichnung dient den Grevyzebras überraschenderweise als Schutztracht: Erwiesenermassen lässt sie nämlich - besonders bei hohen Temperaturen und entsprechendem Luftflimmern - ihre Gestalt auf wenige hundert Meter «verschwimmen», während einfarbige Tiere noch deutlich erkennbar sind. Hinzu dürfte eine Art «Vexierbildeffekt» kommen: Eine Zebragruppe, in der sich die Tiere durcheinander bewegen, wirkt sehr verwirrend auf das menschliche Auge, da sich die Umrisse ständig verzerren und auflösen. Diese Erfahrung machen vermutlich auch Löwen und Hyänen, die hauptsächlichen Fressfeinde der Grevyzebras: Einzelne Individuen lassen sich aufgrund der Streifenzeichnung optisch nur sehr schwer aus dem Verband aussondern, so dass ein gezielter Angriff auf ein bestimmtes, beispielsweise kränkliches Tier kaum möglich ist.

Leider hat sich die Streifenzeichnung als völlig wirkungslos erwiesen gegenüber dem ärgsten Feind des Grevyzebras, dem Menschen. Im Gegenteil: Gerade das attraktiv gezeichnete Fell wäre dem eleganten Einhufer beinahe zum Verhängnis geworden, denn für Grevyzebrafelle bestand auf dem Trophäen- und Ledermarkt von alters her eine grosse Nachfrage. Zu Tausenden wurden die gestreiften Wildpferde aus diesem Grund abgeschossen. So schrumpften die einstmals umfangreichen Grevyzebrabestände vielerorts stark zusammen und wurden gebietsweise sogar ausgerottet.

In historischer Zeit bewohnte das Grevyzebra die Trockensavannen und Halbwüstengebiete im ganzen Bereich des Horns von Afrika - von Eritrea im Norden durch die tiefer gelegenen Teile Äthiopiens bis in den südöstlichen Sudan, ins nördliche Kenia und ins westliche Somalia. Fossilfunde zeigen, dass sich das Artverbreitungsgebiet in prähistorischer Zeit noch erheblich weiter nach Norden ausgedehnt hatte. Tatsächlich dürfte es sich bei dem von Aristoteles erwähnten «Tigerpferd» um ein aus Ägypten stammendes Grevyzebra gehandelt haben. Der Schwund des Grevyzebra-Verbreitungsgebiets (und mithin der Grevyzebrapopulation) scheint also schon früh eingesetzt zu haben - und er hält leider bis heute an.

In Eritrea ist das Grevyzebra ebenso wie in Ägypten längst ausgestorben. In Somalia sind seit 1973 keine Grevyzebras mehr gesichtet worden. Über die Situation des Grevyzebras im von Bürgerkriegswirren gebeutelten Sudan gibt es keine neueren Informationen. Die Fachleute befürchten jedoch, dass die Art auch in diesem Land inzwischen ausgestorben ist. Nur in Äthiopien und in Kenia hat die Art also sicher überlebt.

In Äthiopien ist das Vorkommen des Grevyzebras heute beschränkt auf die Region der Alledeghi Plains im Zentrum des Landes. Die dortige Population wurde um 1990 auf etwa 1400 Individuen geschätzt; nach neusten Informationen umfasst sie noch ungefähr 700 Individuen. In Kenia kommt das Grevyzebra zwar noch immer in den meisten Bereichen seines ursprünglichen Verbreitungsgebiets (östlich des Rift Valley und des Lake Turkana, nördlich des Mount Kenya und des Tana Rivers) vor. Allerdings sind auch hier seine Bestände dramatisch zurückgegangen. Allein zwischen 1977 und 1988 nahm die Bestandsgrösse von etwa 14 000 Individuen auf 4000 Individuen ab. Heute dürfte sie bei unter 3000 Individuen liegen.

 

Verdrängte Rinder verdrängen Zebras

Bis 1977 war die Hauptursache für den Niedergang der Grevyzebras die masslose Bejagung durch den Menschen gewesen, denn bis zu diesem Jahr wurden die hübschen Felle auf dem internationalen Markt in grossen Stückzahlen gehandelt. 1977 wurde die massiv bedrohte Zebraart dann von den Vereinten Nationen in den Anhang I der «Konvention über den internationalen Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten» (CITES oder «Washingtoner Abkommen») aufgenommen, womit endlich der kommerzielle Handel mit Grevyzebrafellen verboten war. Gleichzeitig sagte Kenia den Wilddieben innerhalb seines Hoheitsgebiets den Kampf an, indem es landesweit gut ausgerüstete und hart durchgreifende Antiwilderereinheiten auf sie ansetzte.

Dank dieser beiden Massnahmen kam der internationale Handel mit Grevyzebrafellen alsbald zum Erliegen. Der Schwund der Grevyzebrabestände verlangsamte sich dadurch markant - aber er hörte leider nicht auf. Denn inzwischen macht den Grevyzebras ein anderer Tatbestand schwer zu schaffen: Unerfreulicherweise sind nämlich alle Schutzgebiete Nordkenias - mit Ausnahme des 1571 Quadratkilometer grossen Sibiloi-Nationalparks - zu klein, um gesunde Bestände der Grevyzebras ganzjährig zu beherbergen. Die Tiere können nur überleben, wenn sie zumindest saisonal auch ausserhalb der Reservate umherstreifen und sich verpflegen können. Doch dort machen ihnen heute in stetig zunehmendem Mass und in immer entlegeneren Winkeln die halbnomadisch umher-ziehenden Samburu-Hirten mit ihren kopfstarken Rinderherden Nahrung und Wasser streitig. Haupt-ursache dieses Konflikts ist der Umstand, dass die Samburu ihrerseits - aufgrund der überall in Kenia stattfindenden Ausdehnung der Siedlungsgebiete und landwirtschaftlichen Anbauflächen - immer mehr aus ihren angestammten Weidegebieten verdrängt werden.

Vor allem der Zugang zu Wasser scheint heute für die Grevyzebras ein erhebliches Problem darzustellen. Obschon die schmalstreifigen Wildpferde an das Leben in trockenen und tagsüber heissen Lebensräumen gut angepasst sind, müssen sie ihrem Körper regelmässig Wasser zuführen. Ist der Zugang zu einem Gewässer gewährleistet, so trinken sie täglich. In Gegenden, wo das Wasser rar ist, begnügen sie sich alle zwei bis fünf Tage mit dem Besuch einer Wasserstelle. Weibchen, welche Fohlen säugen, müssen jedoch mindestens jeden zweiten Tag Wasser zu sich nehmen können, um genügend Milch für ihren Nachwuchs zu erzeugen. Genau dies scheint ihnen aber heute vielfach verwehrt zu sein. Feldstudien zufolge gelingt es den Grevyzebraweibchen seit geraumer Zeit nicht mehr, genügend Jungtiere aufzuziehen, um die natürliche Sterblichkeitsrate in der Population wettzumachen - und zwar deshalb, weil ihre traditionellen Wasserstellen immer öfter von Hirten und deren Rindern in Beschlag genommen werden.

Eine für beide Seiten vertretbare Lösung dieses «Interessenkonflikts» steht bedauerlicherweise noch immer aus, und so ist - trotz ausreichenden gesetzlichen Schutzes - ein weiteres Schwinden der Restbestände des eleganten Wildpferds sowohl in Kenia als auch in Äthiopien zu befürchten.

 

 

 

Legenden

Mit einer Widerristhöhe von 145 bis 160 Zentimetern und einem Gewicht von bis zu 450 Kilogramm ist das Grevyzebra (Equus grevyi) das grösste Mitglied der Pferdefamilie. Von den anderen Zebraarten unterscheidet es sich augenfällig durch seine sehr feine Streifenzeichnung, die bis zu den Hufen hinunter reicht.

Jedes Grevyzebra ist anhand seines Streifenkleids eindeutig identifizierbar, denn keine zwei Tiere haben dasselbe Muster. Ja, es gibt nicht einmal ein Zebra mit demselben Muster rechts und links. Die Streifen sind wie die menschlichen Fingerlinien jeweils einzigartig.

Wie alle Wildpferde ist das Grevyzebra ein reiner Vegetarier. Es ernährt sich vor allem von Gräsern aller Art, nimmt aber gelegentlich auch Rinden, Blätter, Früchte und Wurzeln zu sich. Seine Heimat sind die offenen, grasbewachsenen Trockenbusch- und Halbwüstengebiete im Bereich des Horns von Afrika.

Das Grevyzebra bildet im Gegensatz zu seinen Vettern keine stabilen Verbände. Es formt lose Trupps unterschiedlicher Grösse, deren Zusammensetzung sich immer wieder ändert. Feste Einheiten bilden einzig die Stuten mit ihren Fohlen (oben). Etwa zehn Prozent der erwachsenen Grevyzebrahengste schliessen sich keinen Trupps an, sondern führen eine einzelgängerische, territoriale Lebensweise. In ihrem Territorium haben sie das Vorrecht zur Paarung mit den brünftigen Weibchen (unten).

Die jungen Grevyzebras kommen nach einer Tragzeit von etwa dreizehn Monaten zur Welt und tragen anfänglich ein braun-weisses Kleid mit einer braunen Rückenmähne. Im Alter von sieben bis acht Monaten werden sie von der Muttermilch entwöhnt und können fortan für sich selbst sorgen. Im Allgemeinen bleiben sie aber noch mindestens ein weiteres Jahr an der Seite ihrer Mutter.

Obschon die Grevyzebras an das Leben in niederschlagsarmen und tagsüber heissen Lebensräumen gut angepasst sind, müssen sie ihrem Körper regelmässig Wasser zuführen. Ist der Zugang zu einem Gewässer gewährleistet, so trinken sie täglich. In Gegenden, wo das Wasser rar ist, begnügen sie sich alle zwei bis fünf Tage mit dem Besuch einer Wasserstelle.




ZurHauptseite