Grosser Panda

Ailuropoda melanoleuca


© 1985 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Der Grosse Panda - «Wappentier» des WWF

Wie wohl kein anderes Wildtier vermag der Grosse Panda (Ailuropoda melanoleuca) die Herzen der Menschen im Handumdrehen zu erobern - und zwar nicht allein die Herzen der Tierfreunde, sondern ebenso von Leuten, die sich sonst wenig für die Natur interessieren. Wo immer Bambusbären, wie die Tiere wegen ihrer bevorzugten Nahrung auch heissen, in Zoos gezeigt werden, sind ihre Gehege von morgens bis abends von einer Menge Schaulustiger umlagert. Wann immer die schwarzweissen Bären in die Schlagzeilen der Zeitschriften geraten, werden die Berichte über sie von unzähligen Lesern förmlich verschlungen. Was ist denn der Grund für diese geradezu magnetische Anziehungskraft, die der Grosse Panda auf die Menschen ausübt? Mindestens drei verschiedene Gründe können für dieses einzigartige Phänomen angeführt werden:

1. Wie die Affen weisen Pandas in ihrem Äusseren eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Menschen auf. Das relativ flache Gesicht, der (scheinbar) fehlende Schwanz und die grossen, «nachdenklichen» Augen tragen besonders stark zum Eindruck von einem sympathischen Gesellen bei. Wenn der Panda über seine Bambusstengel gebeugt dasitzt, den Blick in die Ferne schweifen lässt und dabei zufrieden auf seiner faserigen Nahrung herumkaut, so erinnert er uns mehr an einen mit sich und der Welt zufriedenen Hafenarbeiter beim sonntäglichen Picknick als an ein Wildtier.

2. Der Grosse Panda erinnert uns aber auch wie kein zweites Tier an den kuscheligen Teddybären aus unserer Kindheit. Obschon das Pandafell in Wirklichkeit rauh, ja fast drahtig ist, wirkt es auf Distanz weich und flauschig und lädt direkt zum Kraulen ein. Und mit seinem grossen runden Kopf, den kleinen Plüschohren und den dicken Pausbacken passt der Panda ohnehin haargenau in unser «Kindchenschema», das heisst in das jedem Menschen angeborene Bild von einem Geschöpf, das umsorgt werden muss.

3. Schliesslich wirkt der Grosse Panda auch als eine Art übernatürliches Tier auf uns - als ein Tier aus einer anderen Welt. Dafür ist nicht allein seine eigenartige Schwarzweiss-Zeichnung verantwortlich, die sich so leicht in unser Unterbewusstsein einprägt. Dazu tragen auch all die sonderbaren Geschichten bei, die aus seinem Heimatland China zu uns herüber gedrungen sind und noch immer dringen. Und nicht zuletzt erscheint es uns auch sehr merkwürdig, dass der Grosse Panda bis in die jüngste Vergangenheit hinein selbst für die Wissenschaftler ein Rätseltier sondergleichen gewesen ist.

Aus dem Gesagten wird klar, dass es 1961 ein sehr weiser Entschluss gewesen ist, den Panda, der schon damals zu den seltensten Säugetierarten der Welt gehörte, zum «Wappentier» der neu gegründeten Umweltorganisation World Wildlife Fund (WWF) zu wählen. Wohl kein anderes Tier hätte werbewirksamer zur Rettung bedrohter Natur eingesetzt werden können. Tatsächlich steht heute, im Jubiläumsjahr des WWF, der Grosse Panda weltweit als das Symbol für die vom Aussterben bedrohte Tierwelt.

 

Erst 1869 entdeckt

Das Wappentier des WWF hat eine sehr interessante Entdeckungsgeschichte: 1869 fiel dem französischen Jesuitenpater und herausragenden Naturforscher Armand David am kaiserlichen Hof von China eine seltsam gemusterte, zweifarbige Felldecke auf. Diese sah so ungewöhnlich aus, dass David zuerst glaubte, sie sei aus den Fellen zweier verschiedener Tiere zusammengenäht. Bei genauer Betrachtung ergab sich aber, dass sie von einem einzigen Tier stammen musste.

Pater David ging dem rätselhaften Tier nach und konnte schliesslich in der Provinz Szetschuan ein Fell und ein Skelett davon erwerben. Diese Teile sandte er ins Naturhistorische Museum Paris, wo sie vom Zoologen Alphons Milne-Edwards begutachtet wurden. Es zeigte sich, dass das Tier, welches von den Chinesen «Weisser Bär» genannt wurde, tatsächlich mit den Bären verwandt war. Allerdings konnte Milne-Edwards nicht schlüssig herausfinden, ob diese neu entdeckte Bärenart der Familie der Kleinbären (Procyonidae) oder aber derjenigen der Grossbären (Ursidae) zuzurechnen sei. Viele Eigenheiten im Knochenbau wiesen eher auf eine Zugehörigkeit zu den Kleinbären hin, die stattliche Grösse des Tiers sprach jedoch klar dagegen. Die Frage nach der Familienzugehörigkeit ist bis auf den heutigen Tag unbeantwortet geblieben. Gegenwärtig neigen die Wissenschaftler dazu, den Grossen Panda - mit dem Kleinen Panda (Ailurus fulgens) zusammen - in eine eigene Familie (Ailuridae) zu stellen.

Vorerst bekam kein weisser Mann den Grossen Panda lebend zu Gesicht. Endlich, beinahe fünfzig Jahre nach der Entdeckung dieser Grossäugerart, hatte der spätere langjährige Direktor der Vogelwarte Helgoland, Hugo Weigold, während einer zweijährigen China Expedition (1913-1915) das Glück, einen erwachsenen Grossen Panda in seinem Lebensraum beobachten zu können. Es vergingen aber weitere zwanzig Jahre, bis schliesslich ein lebender Panda in den Westen gelangte: Ruth Harkness, die Witwe eines Amerikaners, der während einer Panda-Suchexpedition sein Leben verloren hatte, war es 1936 gelungen, ein junges Weibchen lebend in den Zoo von New York zu bringen. 1938 konnte dann der amerikanische Tierfänger Floyd Tangier-Smith gleich fünf Pandas lebend fangen und in den verschiedensten Zoos der Welt zeigen. Eines dieser Tiere, das Weibchen «Happy», bereiste im Frühjahr 1939 auch mehrere deutsche Zoos, so zum Beispiel die in Berlin, Leipzig, München und Hannover, und erregte überall grosses Aufsehen.

Im Jahr 1939 stellte die chinesische Regierung den Bambusbären unter strikten Naturschutz. Darüber hinaus war während und nach dem Zweiten Weltkrieg das von inneren Unruhen geschüttelte China für westliche Personen praktisch unzugänglich. So kam es, dass man erst 1958 wieder etwas von dem schwarzweissen Bären aus dem Land der Mitte hörte. In jenem Jahr konnte der österreichische Tierhändler Heini Demmer einen Grossen Panda aus dem Zoo von Peking im Tausch gegen afrikanische Antilopen erwerben und brachte ihn nach Europa. Chi-Chi, wie dieses Weibchen genannt wurde, besuchte eine Reihe von europäischen Zoos, so zum Beispiel diejenigen von Frankfurt, Ost-Berlin und Kopenhagen, bevor es in London seine endgültige Heimat fand.

Im Laufe der sechziger Jahre wurde versucht, Chi-Chi mit dem im Zoo von Moskau gepflegten männlichen Panda An-An zu verpaaren. Beide besuchten sich mehrmals gegenseitig sowohl in London als auch in Moskau. Leider war Chi-Chi aber so auf Menschen geprägt, dass die von ihrem Partner nichts wissen wollte. Chi-Chi und An-An starben kurz nacheinander im Jahr 1972.

1959 stellte die chinesische Regierung die Ausfuhr von Grossen Pandas gänzlich ein. Erst nach 1972 sind dann wieder ein paar der liebenswerten Tiere in den Westen gekommen. Sie wurden von China bei ausgewählten Gelegenheiten als offizielle Staatsgeschenke an Länder abgegeben, mit denen China engere Beziehungen unterhält. Allerdings ist auch diese Angewohnheit mittlerweile wieder eingestellt worden. So leben gegenwärtig nur gerade 14 Grosse Pandas in sieben verschiedenen westlichen Zoos (Berlin, Paris, Madrid, London, Washington, Mexiko, Tokio).

 

Es gibt höchstens noch 1000 Grosse Pandas auf der Welt

Mitte der siebziger Jahre erreichten alarmierende Berichte über die Situation der Grossen Pandas in China den Westen. Am schlimmsten schien offensichtlich die Lage der Tiere in den Min-Bergen im nördlichen Szetschuan, wo nach dem Blühen und Absterben ausgedehnter Bambuswälder über hundert Pandas verhungert aufgefunden worden waren. Das Bambusblühen und -absterben ist ein natürlicher, alle paar Jahrzehnte wiederkehrender Vorgang im Lebenskreislauf dieser zu den Gräsern gehörenden Pflanzen. Weil es aber jeweils mehrere Jahre dauert, bis aus den Samen wieder junge Bambuspflanzen gewachsen sind, erleiden die Pandas, welche in einem betroffenen Gebiet leben, eine grosse Hungersnot.

Eine sogleich eingeleitete Untersuchung über die Situation des Grossen Pandas in seinem gesamten Verbreitungsgebiet enthüllte die erschreckende Tatsache, dass höchstens noch 1000 Pandas in China überlebten. Daraufhin bot der WWF der chinesischen Regierung seine Hilfe zur Durchführung eines grossangelegten Panda-Schutzprogramms an. Dieses Angebot wurde dankend angenommen.

So konnte 1980 ein erstes Fünfjahresprogramm in die Wege geleitet werden. Schwerpunkte dieses Programms waren die Einrichtung eines Naturschutz- und Forschungszentrums im Wolong-Reservat, die Erforschung der Lebensweise freilebender Pandas und schliesslich die Ausarbeitung eines Katastrophen-Hilfsplans für den Fall, dass weitere Bambuswälder im Lebensgebiet der Pandas blühen und absterben sollten. Als Leiter des chinesisch-amerikanischen Forschungsteams konnten der hervorragende Feldbiologe Dr. George B. Schaller einerseits und Professor Hu Jinchu von der Nanking-Universität andererseits gewonnen werden.

1980 lancierte der WWF auch mit viel Erfolg eine internationale Panda-Kampagne. Damit konnten nicht nur sämtliche finanziellen Mittel für dieses aufwendige Schutzprogramm zur Verfügung gestellt werden, sondern es wurde auch die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das tragische Schicksal des Grossen Pandas in seiner Heimat gelenkt.

Das erste Fünfjahresprogramm ist mittlerweile abgeschlossen. Die vielen neuen Forschungsergebnisse sind im Buch «Die Grossen Pandas von Wolong» veröffentlicht worden. Es ist der erste wissenschaftlich fundierte Bericht über die Ökologie und das Verhalten freilebender Pandas. Ein zweites Fünfjahresprogramm ist nun angelaufen. Die Schwerpunkte bilden diesmal der wirksame Schutz des Lebensraums des Grossen Pandas in seinem gesamten Verbreitungsgebiet sowie die Förderung der Ausbildung chinesischer Feldbiologen und Naturschutzbeamter.

Das Verständnis der Grossen Pandas und ihrer Bedürfnisse ist heute wesentlich besser als zu Beginn der Forschungsarbeiten. Die Aufgabe, die schwarzweissen Bären vor dem Aussterben zu bewahren, ist zwar nach wie vor schwierig; ihre Lösung ist aber bedeutend realistischer geworden. China wie auch die westliche Welt sind gewillt, weiterhin alles zu tun, um diesem sympathischen Lebewesen ein dauerndes Verbleiben auf unserem Planeten zu gewährleisten.




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