Der Grosse Panda

Bedrohtes Leben im Bambuswald


© 1986 Markus Kappeler
(erschienen als Kindersachbuch)



Teil 1

Der Grosse Panda ist in China zu Hause. Die Menschen dort nennen ihn unter anderem «Da-Xiong-Mao». Das bedeutet «grosse Bärenkatze». Dieser Name ist nicht ganz richtig: Der Grosse Panda ist nämlich keine Katze, sondern mit den Bären verwandt. Allerdings ist er kein sehr typischer Bär. Weder in die Familie der Grossbären, zu der beispielsweise der Braunbär und der Eisbär gehören, noch in die der Kleinbären, zu der Waschbär, Nasenbär und andere zählen, passt er so recht hinein. Die Wissenschaftler stellen ihn deshalb zusammen mit seinem nächsten Verwandten, dem Kleinen Panda, in eine eigene Familie: die Familie der Pandas. In diesem Buch wirst Du eine Menge über die Eigenheiten des Grossen Pandas erfahren - und dann wissen, warum er ein so besonderer Bär ist.

Bestimmt hast du schon Bilder vom Grossen Panda gesehen. Dann weisst du ja schon, wie der tapsige Geselle aussieht: rundlich und pausbäckig, mit kleinen Plüschohren und «Trauerrändern» unter den Augen. Besonders auffällig ist natürlich sein aussergewöhnliches schwarzweisses Fell. Hast du dich schon einmal gefragt, warum der Panda denn so auffällig gefärbt ist? Das ist nämlich kein Zufall, sondern von der Natur wohl bedacht.

Um den Sinn der schwarzweissen Fellfärbung des Grossen Pandas zu verstehen, musst du vorab zwei Dinge wissen: Erstens, dass Pandas als Einzelgänger leben, also am liebsten für sich allein sind. Zweitens, dass sie zwar ausgezeichnet hören und riechen, ihre Augen aber nicht gerade die besten sind. Damit Pandas in ihrer Heimat nun nicht ständig ungewollt aufeinandertreffen und einander stören, tragen sie ihren auffälligen Pelz. Im grünen Pflanzendickicht können sie sich so schon von weitem erkennen und einander noch rechtzeitig aus dem Weg gehen.

Wenn er aber so auffällig herumläuft, so wird er doch leicht von Raubtieren erwischt, magst du jetzt einwenden. Das wäre auch bestimmt der Fall, wäre der Panda nicht ein sehr geschickter Kletterer. Schon bei der geringsten Beunruhigung steigt er schnurstracks auf den nächsten Baum, setzt sich in einer Astgabel auf sein Hinterteil und verhält sich mucksmäuschenstill. Und jetzt erweist sich sein schwarzweisser Pelz plötzlich als ausgezeichnetes Tarnkleid: Die schwarzen Teile des Fells gleichen sich dem dunklen Stamm und den Ästen an, die weissen Teile verschwinden vor dem hellen Himmel. So löst sich der Umriss des Tiers sozusagen im Nichts auf, und der Feind – sei es nun ein Leopard, ein Braunbär, ein Rudel Rothunde oder ein Wilderer – marschiert womöglich direkt unter dem Panda durch, ohne auch nur das geringste zu merken. Schutz vor unliebsamen Begegnungen mit Artgenossen und Schutz vor Feinden – das ist also der zweifache Nutzen, den der Panda aus seinem ungewöhnlichen Kleid zieht.

Noch einzigartiger als seine Fellfärbung ist die Ernährungsweise des Grossen Pandas. Von Natur aus gehört er eigentlich zur Sippe der Raubtiere. Im Gegensatz zu den meisten seiner Vettern – dem Wolf etwa oder dem Tiger – ist er aber kein Fleischesser. Und e ist auch kein Allesesser wie seine Brüder, die richtigen Bären. Der Panda ist ein reiner Pflanzenesser. Ja, er beschränkt sich gar auf eine einzige Pflanzengattung: den Bambus. Manche Leute nennen ihn deshalb treffend «Bambusbär». Es kommt zwar gelegentlich vor, dass der Panda auch einmal von einer anderen Pflanze nascht. In seltenen Fällen erwischt der tapsige Geselle sogar eine unvorsichtige Bambusratte und verspeist sie mit Haut und Haar. Ansonsten aber ernährt er sich ausnahmslos von den Stengeln, Zweigen, Blättern und frischen Trieben verschiedener Bambusarten.

Das scheint allerdings einfacher, als es in Wirklichkeit ist. Bambus ist nämlich eine ausgesprochen schwer verdauliche Kost – ähnlich unserem Gras, mit dem der Bambus verwandt ist. Um solche Nahrung richtig verwerten zu können, braucht es einen besonders angepassten Verdauungsapparat. Die Kuh zum Beispiel, die sich von Gras ernährt, hat einen Magen mit vier verschiedenen Kammern und einen vierzig bis fünfzig Meter langen Darm. Dem Panda hingegen fehlt eine solche Einrichtung. Sein Magen ist ein ganz normaler Raubtiermagen, und sein Darm ist bloss zehn Meter lang. Er kann deshalb den Bambus gar nicht richtig verdauen. Und das hat natürlich schwerwiegende Folgen: Um trotzdem satt zu werden, ist der Panda gezwungen, ungeheure Mengen von Bambus zu verzehren. Zehn bis zwanzig Kilogramm müssen es täglich sein. Und um diese Riesenmenge zu beschaffen, muss er Tag für Tag, Sommer und Winter, etwa vierzehn Stunden lang auf Esswanderung gehen. Stell Dir das einmal vor!

Fast zwei Drittel des Tages benötigt der Panda also allein für die Nahrungssuche. Die restliche Zeit ruht er meistens. Dazu sucht er keinen bestimmten Ruheplatz auf, sondern legt sich kurzerhand dort auf den Boden, wo er sich gerade befindet. Es ist ihm auch völlig egal, ob es Tag oder Nacht ist. Wenn er müde ist, legt er sich einfach für ein paar Stunden hin. Und wenn er hungrig ist, geht er für ein paar Stunden essen. So führt er ein richtiges «Faulenzerleben».

Ein weiteres Verhalten des Grossen Pandas ist wohl im ganzen Tierreich einzigartig: Er trinkt leidenschaftlich gern Wasser – und viel, riesig viel! Oft kann er sich von einem Bach, den er zum Trinken aufgesucht hat, fast nicht mehr losreissen. Zwar entfernt er sich von Zeit zu Zeit ein paar Schritte vom Wasser, wenn er offenbar genug hat. Aber dann kehrt er sofort wieder um und trinkt weiter. Manchmal ist sein Bauch vom vielen Wasser derart aufgebläht und kugelrund, dass er sich kaum noch bewegen kann. Dann legt er sich wie ein Betrunkener gleich neben dem Bach auf’s Ohr und schläft seinen «Rausch» aus. Du fragst dich sicher, warum sich der Panda denn so sinnlos «betrinkt». Dafür gibt es unter anderen diese Erklärung: Den Panda soll das ewige Plätschern und Gurgeln dermassen stören, dass er immer wieder versucht, den Bach ein für allemal leerzutrinken! So jedenfalls heisst es in einer chinesischen Legende. Warum der Panda aber wirklich so unmässig viel trinkt, weiss man noch nicht genau.


Bildlegenden zu Teil 1

Der Grosse Panda lebt in China. Früher war er weit verbreitet, doch heute kommt er nur noch in einigen Berggebieten im Südwesten des Landes vor. Wo Wasserfälle rauschend zu Tal stürzen, wo Nebelschwaden an den zerklüfteten Bergflanken hängen, wo ein Gipfel höher ist als der andere, wo weit und breit keine Strasse durchführt, und wo es genügend Bambus zu essen gibt: Da ist der Panda zu Hause.

In den üppigen Bergwäldern mit ihrem dichten Unterholz fühlt sich der Panda wohl. Hier kann er sich frei bewegen und gut verstecken. Der liebenswerte Geselle in seinem schwarzweissen Pandapelz geht oft zu den sprudelnden Bergbächen und trinkt das kühle Wasser – manchmal so viel, dass er richtig «betrunken» ist.

Pandas leben als Einzelgänger. Allein streifen sie durch ihr Wohngebiet, in dem sie jeden Winkel kennen. Nur einmal im Jahr finden sie sich für kurze Zeit als Paare zusammen, um Junge zu zeugen.

Ein Panda hat keinen bestimmten Schlafplatz. Er legt sich einfach hin, wann und wo es ihm gerade passt. Bei besonders schlechtem Wetter sucht er zum Ruhen manchmal eine Felshöhle oder einen hohlen Baum auf. In solchen geschützten Höhlen kommen auch die Pandajungen zur Welt.

Pandas können bis zu 30 Jahre alt werden und ein Gewicht von ungefähr 120 Kilogramm erreichen. Ausgewachsene Pandas sind etwa 1,5 Meter gross, manche bringen es sogar auf die stolze Grösse von 1,8 Meter. Die Weibchen sehen gleich aus wie die Männchen, sind aber im Allgemeinen ein wenig kleiner.

Der Panda braucht in seiner nebelfeuchten Heimat nicht zu frieren, denn er hat einen dicken, wetterfesten Pelz. Sein Schwanz ist kurz und zottig und meist nicht zu sehen. Gewöhnlich ist er im Fell der Hinterbeine versteckt.

Ein Panda hat es selten eilig. Auf seinen Streifzügen durch sein Wohngebiet trottet er meistens ganz gemächlich mit tiefgehaltenem Kopf dahin. Seine Zehen schauen beim Gehen nach innen.

Im Allgemeinen hält sich der Panda am Boden auf. Er ist aber ein ausgezeichneter Kletterer. Bei Gefahr sucht er sofort auf einem nahen Baum Zuflucht. Seine kräftigen Krallen helfen ihm dabei, dass er nicht hinunterpurzelt.

Pandas ernähren sich hauptsächlich von Bambus. Von dieser Pflanze, die mit unserem Gras verwandt ist, jedoch mehrere Meter hoch wird und verholzte Stengel bildet, gibt es in den chinesischen Bergwäldern jede Menge. Ganz besonders gern mag der Panda die saftigen jungen Bambustriebe. Zehn bis zwanzig Kilogramm Bambus verzehrt ein Panda jeden Tag.

Hinter den Pausbacken des Pandas verstecken sich riesige Mahlzähne und eine kräftige Kaumuskulatur. Mit ihrer Hilfe kann er die Bambusstengel mühelos abbeissen und zermalmen. Die Vordertatzen des Pandas sind sehr beweglich und eignen sich vorzüglich zum Ergreifen und Festhalten von Bambusstengeln.

Pandas sind mit den Bären verwandt, gehören also zur grossen Sippe der Raubtiere. Tatsächlich hat auch der Panda einen guten Happen Fleisch zwischendurch ganz gern. Aber er schleicht nur selten andere Tiere an, und er hat auch selten Jagdglück. Am ehesten erwischt der tapsige Kerl eine unaufmerksame Bambusratte.

Pandas ernähren sich zwar vorwiegend von Bambus. Hin und wieder naschen sie aber auch vom Blattwerk anderer Pflanzen. Sogar Früchte, Pilze und Rindenstücke stehen mitunter auf ihrem Speisezettel.





Teil 2

Dass die Grossen Pandas in China leben, weisst du nun schon. Weisst du aber auch, wo dieses Land liegt? Wenn du im Atlas nachsiehst, findest du es im Erdteil Asen ganz rechts, im Osten also. China ist riesengross – über zweihundertmal so gross wie die Schweiz und fast vierzigmal so gross wie Deutschland. Nun darfst du aber nicht glauben, dass es dort auch viele Pandas gibt. Im Gegenteil: Pandas sind ganz, ganz seltene Tiere. Ich will dir erklären, warum das so isst.

Die Grossen Pandas sind Bewohner der nebelfeuchten Bergwälder in Höhen zwischen 1500 und 3000 Metern. Hier finden sie das ganze Jahr über einen gedeckten Tisch, denn hier wächst eine Unmenge Bambus. Und hier fliesst auch das ganze Jahr über genügend Wasser in den Bergbächen, aus denen sie so gern trinken. Zwar wird es im Winter empfindlich kalt in diesen Höhen, und es liegt auch oft Schnee. Aber das kann den Pandas wenig anhaben: Ihr dichter Pelz schützt sie bestens gegen Kälte und Feuchtigkeit.

Solche Wälder, in denen sich die Pandas wohlfühlen, gab es früher – vor vielen hundert Jahren – in China überall. Damals lebten noch verhältnismässig wenig Menschen in dem grossen Land. Dann aber vermehrten sich die Menschen. Sie rodeten die Wälder, um Platz für ihre Dörfer und ihre Reisfelder zu schaffen und um mit dem Holz ihre Hütten zu bauen und ihr Essen zu kochen. So schrumpfte der Lebensraum der Pandas Stück für Stück. Zu allem Überfluss machten die Menschen auch noch Jagd auf die schwarzweissen Tiere, denn Pandafelle waren als Schlafmatten sehr beliebt. Sie waren angenehm weich und warm, und zudem glaubte man, sie hielten böse Geister fern. Die Pandas mussten sich deshalb immer weiter in die Berge zurückziehen.

Heute kommen die Grossen Pandas nur noch in ein paar wenigen, sehr entlegenen Bergregionen im Südwesten Chinas vor: in den Qionglai-, den Daxiangling-, den Xiaoxiangling- und den Liang-Bergen (Provinz Sichuan) sowie in den Qinling-Bergen (Provinz Shaanxi). Die Wissenschaftler schätzen, dass es in diesen Rückzugsgebieten höchstens noch eintausend Pandas gibt. Das sind wirklich nicht viele! Der Grosse Panda gehört deshalb zu den seltensten Tierarten der Welt.

Nun fragst du dich wahrscheinlich, ob denn die Pandas in naher Zukunft gar aussterben werden. Leider gibt es keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Sicher ist nur, dass die letzten Pandas in grosser Not sind und dass in China alles Menschenmögliche zu ihrer Rettung getan wird. Die chinesische Regierung hat die Grossen Pandas schon vor etlichen Jahren unter gesetzlichen Schutz gestellt und die Jagd auf sie bei strenger Strafe verboten. Sie hat in den genannten Bergregionen zwölf Panda-Schutzgebiete, sogenannte Reservate, eingerichtet und dadurch den Lebensraum von 500 bis 600 Pandas wirksam geschützt. Und ausserdem sind die Pandas längst die Lieblinge des chinesischen Volkes. Jedermann würde sein letztes Hemd für die Erhaltung der gutmütigen, tapsigen Tiere hergeben. Noch vor wenigen Jahren schien daher das Überleben der letzten Pandas gar nicht gefährdet.

Dann aber geschah etwas, woran niemand so recht gedacht hatte, weil es nur etwa ein- bis zweimal in jedem Jahrhundert vorkommt: In mehreren Schutzgebieten begann stellenweise der Bambus zu blühen. Ganze Bambusdickichte standen in Blüte und sahen wunderschön aus. Für die Pandas war das jedoch gar kein erfreulicher Anblick! Wenn Bambusstauden nämlich geblüht und Samen gebildet haben, verdorren sie und sterben ab. Das ist ein ganz natürlicher, alle paar Jahrzehnte wiederkehrender Vorgang im Lebenskreislauf dieser Pflanze. Weil es aber jeweils mehrere Jahre dauert, bis aus den Samen wieder junge Bambuspflanzen gewachsen sind, bedeutet es eine grosse Hungersnot für die Pandas, die in einem betroffenen Gebiet leben.

Früher konnten die Pandas solche Katastrophen unbeschadet überleben. Verdorrte der Bambus in einem Wald, so zogen die Tiere einfach in eine andere Gegend, wo es noch genügend Nahrung gab – zum Beispiel vom Berg ins Tal oder von einem Berg auf einen anderen. Heute aber sind sie in ihren engen Rückzugsgebieten von menschlichen Siedlungen und Feldern umgeben und können nicht mehr ausweichen. Etwa zweihundert Pandas sind deshalb in den letzten Jahren an Hunger gestorben. Weil schon morgen neue Bambusdickichte in anderen Teilen der Schutzgebiete Blüten treiben und dann absterben können, sieht die Zukunft der letzten Pandas nicht eben rosig aus.

Du brauchst die aber keine allzu grossen Sorgen zu machen, denn die Menschen in China lassen ihre Liebling nicht im Stich. Eine grosse Rettungsaktion ist im Gang: In den Katastrophengebieten haben die ansässigen Bauern Futterplätze für die Pandas angelegt und tragen Tag für Tag grosse Ballen Nahrung dorthin. Rettungstrupps durchstreifen die Wälder und suchen nach schwachen oder kranken Pandas. Wenn sie einen finden, bringen sie ihn in ein Auffanglager für Pandas. Dort wird er von Fachleuten aufgepäppelt und später – gestärkt und geheilt – in einem Gebiet mit einem gesunden Bambusbestand wieder freigelassen. Unzählige Helfer pflanzen in verschiedenen Gebieten junge Bambusstauden und beugen damit zukünftigen Hungersnöten vor. Eine Gruppe chinesischer und amerikanischer Wissenschaftler erforscht in den Schutzgebieten die Lebensgewohnheiten der Pandas, denn viele Einzelheiten sind bis heute unbekannt. Je besser man die Tiere kennt, desto besser kann man ihnen auch helfen. Du siehst: Wenn nicht alles schiefgeht, sollten die Grossen Pandas trotz ihrer gegenwärtigen Gefährdung in freier Wildbahn überleben können.

Übrigens werden in China auch grosse Anstrengungen unternommen, um die Pandas in Gefangenschaft zu züchten. Etwa siebzig Grosse Pandas leben zur Zeit in chinesischen Tiergärten. Sie sind überall eine beliebte Attraktion, und ihre Gehege sind ständig von begeisterten Besuchern umlagert. Über vierzig Pandas sind bereits in Gefangenschaft zur Welt gekommen. Die Wissenschaftler geben sich damit aber noch nicht zufrieden. Sie versuchen, den bisherigen Zuchterfolg noch zu vergrössern. Ein Mittel ist zum Beispiel die «künstliche Besamung». Weil Zoopandas sich oft nicht besonders «gut riechen» können, kommt es oft auch nicht zur Hochzeit und damit zu Pandanachwuchs. Nun kann man dem Pandamännchen aber den Samen abnehmen und dem Weibchen einspritzen, damit es auch ohne natürliche Paarung Junge bekommen kann. Vielleicht gelingt es so, dass eines Tages im Zoo geborene Pandas in geeigneten Gebieten freigelassen werden können.


Bildlegenden zu Teil 2

Hier siehst du eine tief verschneite, nebelverhangene Bergflanke im Wolong-Schutzgebiet. Mit einer Fläche von 2000 Quadratkilometern – das ist viermal die Fläche des Bodensees – ist es das grösste der zwölf Panda-Reservate. Über 100 Pandas leben dort. Hier ereignete sich zu Beginn des Jahres 1984, als es bitterkalt war und der Wind durch die Täler pfiff, eine ungewöhnliche Geschichte, die ich dir zu den folgenden Bildern erzählen will.

An verschiedenen Stellen hatten im Sommer 1983 ganze Bambusdickichte geblüht. Im folgenden Winter verdorrten sie und starben allesamt ab. Es war eine schwere Zeit für die armen Pandas, die hier zu Hause waren. Womit sollten sie nun ihre Bäuche füllen?

Unter den hungrigen Pandas befand sich auch ein älteres Weibchen. «Wo finde ich hier bloss etwas zu essen?» scheint es ganz bekümmert zu fragen. Da stieg ihm plötzlich ein herrlicher Duft in die Nase. Wo mochte er herkommen?

Das Pandaweibchen zögerte nicht lange und ging dem Duft nach. Bei jedem Schritt sank es tief im weichen Schnee ein. Hier siehst Du seine Spur. Da erblickte es mit einem Mal einen Mann bei einer seltsamen Hütte. (Es handelte sich um eine Falle, in die kranke und schwache Pandas gelockt werden, damit man ihnen helfen kann.)

In der Nähe sah die scheue Pandadame einen zweiten Mann bei einem Feuer. Sie hatte ein wenig Angst. Sie konnte ja nicht wissen, dass sie das Lager eines Panda-Rettungstrupps gefunden hatte. Ihr Hunger war aber grösser als ihre Furcht, und so rannte sie nicht gleich wieder weg. Sie griff sogar zu einem Stück Zuckerrohr, das ein Helfer ihr hinstreckte. Das schmeckte ihr offenbar gerade so gut wie Bambus!

Die Leute vom Rettungstrupp hatten grosse Freude an ihrem Gast, Noch nie war ein Grosser Panda so zutraulich gewesen. Meistens müssen sie die hungrigen Tiere in eine Falle locken und dann in einem beschwerlichen Fussmarsch den Berg hinunter ins Auffanglager tragen. Dort werden die abgemagerten Pandas dann wieder gesund gefüttert.

Bei diesem Weibchen war das überhaupt nicht nötig. Es wusste sich selbst zu helfen. Es folgte dem köstlichen Duft, der da aus der Küche und dem Zelt des Kochs strömte. Die gebratenen Lammrippchen schmeckten ihm ausgezeichnet!

Im Auffanglager wird für die hungrigen Pandas auch nahrhafter Reisbrei gekocht. Den haben alle Pandas zum Fressen gern! Nach einer Weile können manche die Schüssel ganz alleine halten und ausessen.

Unser Pandaweibchen blieb mehrere Monate lang in der Nähe des Auffanglagers und wurde immer zutraulicher. Täglich holte es sich das bereitgestellte Futter. Als sein Gewicht schliesslich von 67 auf 90 Kilogramm gestiegen war, brachte man es viele Kilometer weit weg in ein Gebiet, in dem es noch genügend Bambus gab und wo es fortan wieder für sich selbst sorgen konnte.





Teil 3

Wie Du bereits erfahren hast, ist der Verzehr von Bambus für den Grossen Panda mit einem Nachteil verbunden: Er muss sehr viel Zeit aufwenden, um richtig satt zu werden. Bambuskost hat aber auch ihre Vorteile. Erstens gibt es fast kein anderes Tier, das dem Panda die Nahrung streitig macht. Zweitens ist Bambus zu jeder Jahreszeit, selbst im Winter, reichlich vorhanden. Der Panda muss also keinen Winterschlaf halten, weil das Futter knapp wird, wie es zum Beispiel das Murmeltier tut. Er muss sich auch keinen Vorrat anlegen wie das Eichhörnchen oder im Winter in den Süden ziehen wie der Storch. Er kann das ganze Jahr über in seinem Gebiet wohnen bleiben und findet darin jederzeit genügend Nahrung – vorausgesetzt, dass nicht gerade der Bambus geblüht hat...

Ein solches Wohngebiet hat einen Durchmesser von zwei bis drei Kilometern. Meistens bleibt der Panda sein Leben lang dort. Er beansprucht sein Wohngebiet nicht für sich allein, wie das andere Tiere tun. Es stört ihn überhaupt nicht, wenn sich noch andere Pandas hier aufhalten – wenn sie ihm nur nicht ständig zu nahe kommen. Am liebsten lebt der Panda ja als Einzelgänger.

Nun verspüren natürlich auch Pandas von Zeit zu Zeit das angeborene Verlangen, sich zu paaren und Junge zu bekommen. Männchen und Weibchen müssen sich also gelegentlich schon einmal treffen. Wie finden die ungeselligen Tiere, die einander sonst doch immer aus dem Weg gehen, zum Kinderkriegen plötzlich zusammen? Wie können paarungswillige Tiere herausbekommen, wo sich ein geeigneter Partner für sie aufhält? Was denkst du?

Wie viele andere Tiere haben auch die Pandas dieses Problem auf eine einfache, aber wirksame Weise gelöst. Sie «benachrichtigen» einander mit Hilfe von Duftmarken. Auf seinen Esswanderungen reibt der Panda sein Hinterteil, an dem er besondere Duftdrüsen besitzt, von Zeit zu Zeit gegen einen Baumstamm oder einen Felsen. So hinterlässt er hier und dort Duftspuren. Für andere Pandas bedeuten diese gut riechbaren «Nachrichten» dann etwa: «Hier bin ich, Long-Long der Kräftige, soeben vorbeimarschiert – lasst mich ja in Ruhe!» Oder: «Hier bin ich, Han-Han die Junge, gerade gewesen. Ich möchte Junge bekommen und suche deshalb einen Mann.» So gegen Männchen und Weibchen einander also Bescheid über ihren Aufenthaltsort und ihre Bereitschaft zur Paarung, ohne dass sie sich begegnen. Der «Duft-Nachrichtendienst» funktioniert natürlich nicht nur zur Paarungszeit zwischen Weibchen und Männchen, sondern unter allen Pandas und jederzeit.

Den Trieb zur Paarung verspüren die Pandas im Frühjahr, wenn die Tage länger werden, die Bäume frisches Laub tragen und die Vögel ihre Lieder singen. Ist ein paarungswilliges Männchen auf die Duftmarken eines paarungsbereiten Weibchens getroffen, so folgt er der verlockenden Spur. Es passt aber gut auf, dass es dem Weibchen nicht zu nahe kommt, denn dieses ist anfangs noch recht abweisend. Wird das Männchen allzu aufdringlich, gibt ihm das Weibchen mit der kräftigen Tatze eine Ohrfeige oder beisst es in die Nase. Es will sich erst ein wenig an das fremde Männchen gewöhnen – Pandaweibchen haben nämlich nicht jedes Jahr denselben Partner. In dieser Zeit klettert das Männchen manchmal auf einen Baum und brüllt dumpf in die Runde. Es drückt auf diese Weise sein grosses Verlangen nach dem Weibchen aus. Gleichzeitig will der Pandamann dem Weibchen zeigen, welch toller und starker Kerl er doch ist. Und ausserdem warnt er mit seinem Gebrüll andere Männchen davor, sich in der Nähe blicken zu lassen und womöglich die Hochzeit zu stören.

Nach ein paar Tagen wehrt das Weibchen das Männchen schliesslich nicht mehr ab. Das Männchen dar sich ihm nähern und sich mit ihm paaren. Meistens kauert sich das Weibchen auf dem Boden vor dem Männchen hin, das sich mit den Vorderpfoten auf dem Rücken des Weibchens aufstützt. In dieser Stellung spritzt es dem Weibchen seinen Samen ein und zeugt damit den Nachwuchs. Kurze Zeit später trennen sich die beiden wieder, und jedes geht seine eigenen Wege. Vaterpflichten hat das Männchen nämlich gar keine!

Im Herbst, nach einer Tragzeit von fünf Monaten, bringt das Weibchen im Schutz einer Felshöhle oder eines hohlen Baums sein Junges zur Welt. Manchmal sind es auch zwei, das Zweitgeborene ist aber ganz selten lebensfähig. Das neugeborene Pandakind ist winzig klein: Es wiegt nur etwa 100 Gramm und ist nur 15 Zentimeter lang – knapp so gross wie ein Goldhamster. Anfangs kann das Pandajunge seine Augen noch nicht öffnen, und es ist fast nackt und völlig hilflos. Es sieht ganz rosa aus, denn es hat erst einen dünnen Flaum von Härchen auf seiner hellroten Haut. Zähnchen hat es auch noch keine. Die Mutter kümmert sich liebevoll und aufopfernd um ihr Kind. In den ersten Wochen lässt sie es keinen Augenblick aus ihren kräftigen Armen. Hier ist es vor Wind und Wetter und vor Feinden bestens geschützt. Zärtlich säugt sie es an ihrer Brust und leckt es immer wieder gründlich sauber.

Unter dieser fürsorglichen Pflege wächst das Junge rasch heran. Sein spärliches Haarkleid wird immer dichter, und nach und nach kann man die typische Fellfärbung erkennen: Ab etwa dem sechsten Tag werden die Augenringe schwarz, dann die Ohren und die Schulter, schliesslich Vorder- und Hinterbeine. Nach ungefähr einem Monat öffnet das Junge die Augen und betrachtet staunend seine Umgebung. Jetzt ist es etwa ein Kilogramm schwer. Mit drei Monaten kann das Pandakind bereits allein herumkrabbeln, und die ersten Zähnchen sind auch schon da. Mit vier Monaten kann es dann auch schon richtig gehen.

In den folgenden Monaten muss der kleine Panda von seiner Mutter nun all die Dinge lernen, die er für sein späteres, eigenständiges Leben wissen und können muss. Zum Beispiel bei Gefahr schleunigst auf den nächsten Baum klettern und sich dort verstecken. Oder die saftigen jungen Bambustriebe finden und abbeissen. Wasser aus einem Bach trinken, ohne hineinzufallen. Duftmarken setzen – und noch viele andere schwierige Sachen.

Schliesslich, im Alter von ungefähr eineinhalb Jahren, ist das Junge selbständig genug, um auf eigene Faust loszuziehen. Es trennt sich von seiner Mutter und sucht sich ein Wohngebiet, das ihm gefällt. Dort lässt es sich nieder und sorgt von nun an für sich selbst. Und wenn der kleine Panda mit fünf bis sechs Jahren erwachsen ist, kann er zum ersten Mal selber auf Partnersuche gehen und Nachwuchs zeugen. Du und ich halten ihm beide Daumen, dass er lange und vor Gefahren sicher leben wird.


Bildlegenden zu Teil 3

Pandas haben sich auch in Gefangenschaft schon mehrmals fortgepflanzt. Das hier ist das Weibchen Mei-Mei. Zärtlich hält es seinen neugeborenen ersten Sohn Ron-Shun im Arm. Nur 100 Gramm wiegt der rosarote Winzling. Die beiden leben im Zoo von Chengdu in China.

Ron-Shun, nun 17 Tage alt, hat eine recht laute Stimme. Wenn Mei-Mei ihn einmal auch nur einen Augenblick lang nicht im Arm hält wie hier oder wenn ihm sonst irgendetwas nicht passt, schreit er aus voller Kehle. Sofort kümmert sich Mei-Mei um den kleinen Schreihals.

Ron-Shun ist jetzt bereits vier Wochen alt und wiegt ungefähr ein Kilogramm. Er ist auch nicht mehr so rosa wie in den ersten Tagen. Sein Fell ist dichter geworden und schwarzweiss gefärbt. Nun ist er schon ein richtiger kleiner Panda. Zwei Wochen später wird er dann erste Krabbelversuche unternehmen.

Inzwischen ist Ron-Shun nun fünf Monate alt und zehn Kilogramm schwer. Mei-Mei kann ihn nicht mehr ständig im Arm tragen. Er muss deshalb auf dem Boden halb liegen oder sitzen, um an der Brust seiner Mutter zu trinken.

Im Alter von nicht ganz drei Monaten hatte Ron-Shun seine ersten Schritte auf wackligen Beinen unternommen. Jetzt aber kann er schon wie ein Grosser herummarschieren, ohne dauernd zu stolpern und auf die Nase zu fallen.

Hier ist Ron-Shun ein Jahr alt und wiegt ungefähr 30 Kilogramm. Er wird von Mei-Mei nicht mehr gesäugt, sondern isst jetzt mit Hochgenuss Bambus. Gern tollt er im Freigehege des Zoos umher, denn da gibt es immer etwas Neues zu entdecken.

Würde Ron-Shun in freier Wildbahn leben, müsste er sich nun bald von seiner Mutter trennen und sich en eigenes Wohngebiet suchen. Das ist eine recht abenteuerliche Zeit für die jungen Pandas, denn jetzt müssen sie zeigen, dass sie all die Dinge beherrschen, die ihnen die Mutter beigebracht hat.




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