Was ist eine Grosskatze?


© 1988 Markus Kappeler
(erschienen im Kindersachbuch «Grosskatzen»)



Was ist eine Grosskatze?

Die Familie der Katzen (Felidae) umfasst weltweit etwa drei Dutzend Katzenarten. Genauer lässt sich das leider nicht sagen. Denn über die Zahl der heute lebenden Katzenarten und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen ist man sich in Fachkreisen überhaupt nicht einig. Einige Wissenschaftler sprechen von 36 Arten, andere von 40 oder 41. Auch bei der Unterteilung der Katzenfamilie in Gattungen gehen die Meinungen auseinander.

Der Grund für diese Unstimmigkeiten: Die Katzen bilden eine aussergewöhnlich einheitliche Tierfamilie. Der Löwe mit seiner Mähne, der Luchs mit seinem Stummelschwanz, der Serval mit seinem Tüpfelkleid und die Wieselkatze mit ihren kurzen Beinen - sie alle sind für jedermann schon auf den ersten Blick als «Katzentiere» erkennbar. Das ist keineswegs bei allen Tierfamilien der Fall. Wer würde beispielsweise ahnen, dass Fischotter, Dachs und Wiesel zu ein und derselben Tierfamilie, nämlich zur Familie der Marder, gehören? Alle Katzen der Erde sind aber unverkennbar Geschwisterkinder. Für die Unterscheidung der verschiedenen Katzenarten und ihre Einteilung in Gattungen sind daher ziemlich nebensächliche Merkmale in ihrem Körperbau massgebend - und da kann es natürlich schon zu unterschiedlichen Meinungen bei den Katzenforschern kommen.

Wir wollen uns hier nicht in den «Streit» der Gelehrten einmischen, sondern greifen uns eine Katzengattung heraus, die von den meisten Wissenschaftlern als solche anerkannt wird: die Grosskatzen (Panthera), bestehend aus den fünf Arten: Tiger, Löwe, Leopard, Jaguar und Schneeleopard. Sie wollen wir uns in diesem Buch etwas genauer anschauen.

 

Man erkennt sie am elastischen Zungenbein

Wodurch unterscheiden sich die Grosskatzen von den übrigen Katzenarten? Wer jetzt einen handfesten Unterschied erwartet, wird leider arg enttäuscht. Die Grösse allein macht nämlich aus einer Katze noch lange keine Grosskatze. Diese sind zwar besonders grosse Katzentiere, aber zum Beispiel der Puma wird ebenso gross wie der Leopard und gehört trotzdem zu den Kleinkatzen. Auch die Pupillenform ist nicht ausschlaggebend. Zwar zieht sich die Pupille der Grosskatzen bei Tageslicht zu einem Kreis zusammen und nicht zu einem schmalen Spalt wie bei den meisten Kleinkatzen. Aber auch hier gibt es Ausnahmen: So besitzt der Luchs ebenfalls rundliche Pupillen und zählt doch zu den Kleinkatzen. Die oft genannte Fressstellung als Wesensmerkmal bei Gross- und Kleinkatzen ist ebenfalls nicht entscheidend. Es stimmt zwar, dass die Grosskatzen im allgemeinen im Liegen fressen, während die Kleinkatzen in kauernder Stellung Nahrung zu sich nehmen. Aber wieder fällt zumindest eine Art aus dem Rahmen: der Schneeleopard. Er verhält sich in dieser Beziehung wie eine Kleinkatze.

Das einzige Merkmal, durch welches sich die Grosskatzen eindeutig von den übrigen Katzen unterscheiden, ist das Zungenbein - ein hufeisenförmiges Knöchelchen am Zungenansatz, das die Zunge mit dem Schädel verbindet. Das Zungenbein der Grosskatzen weist einen elastischen Abschnitt auf, während es bei den anderen Katzen vollständig verknöchert ist. Dieser winzige Unterschied hat nun allerdings eine erstaunliche Auswirkung: Die Grosskatzen können den elastischen Abschnitt nämlich dehnen und dadurch laut und unüberhörbar brüllen. Aus demselben Grund können sie aber auch nur beim Ausatmen schnurren, während andere Katzen ihr «Motörchen» ununterbrochen laufen lassen können. Ein Meister im Brüllen ist vor allem der Löwe. Wer aber schon einmal im dichten Urwald aus nächster Nähe einen Leoparden hat rufen hören, wird bestätigen, dass sich sein Gebrüll ebenfalls «sehen» lassen kann. Seltsamerweise macht der Schneeleopard wiederum eine Ausnahme: Zwar besitzt auch er ein elastisches Zungenbein, doch brüllt er nie. Die Bezeichnung «brüllende Katzentiere» für die Grosskatzen, die man öfter lesen kann, ist also nicht ganz richtig.

Als eindeutiges Kennzeichen der Grosskatzen bleibt wirklich nur das elastische Zungenbein. Wer also von einer ihm unbekannten Katze wissen möchte, ob es sich um eine Grosskatze handelt, der muss wohl oder übel seinen Kopf in deren Rachen stecken und nachsehen. Spass beiseite: Die einfachste Methode, Grosskatzen zu erkennen, ist wohl, dass man sich die fünf Grosskatzen-Arten einmal sorgfältig einprägt. Wer dieses Buch liest, sollte das eigentlich ein für allemal geschafft haben.

 

Beutegreifer mit vollendeter Ausrüstung

Wie alle Katzen gehören die Grosskatzen zur Ordnung der Raubtiere (Carnivora). Sie sind also Beutegreifer, welche andere Tiere erjagen und sich von ihnen ernähren. Diesen «Beruf» üben die Grosskatzen seit Urzeiten aus. Schon vor vierzig Millionen Jahren streiften ihre Vorfahren, die Scheinsäbelkatzen, auf der Suche nach Beutetieren durch die urweltlichen Wälder. In den Jahrmillionen, die seither vergangen sind, hat sich ihre Fähigkeit, Beute zu ergreifen, zur höchsten Vollkommenheit ausgebildet. Unübertroffen ist die Sehkraft ihrer Augen, mit denen sie ihre Beute erspähen. Sowohl das Auflösungsvermögen als auch die Lichtempfindlichkeit sind etwa sechsmal grösser als beim Menschen. Die Grosskatzen sehen darum auch in der Dämmerung und selbst in der Nacht ausgezeichnet. Für die ausserordentliche Lichtempfindlichkeit sorgt eine besondere Gewebeschicht, welche sich hinter der Schicht der Sinneszellen (Netzhaut) befindet und die einfallen den Lichtstrahlen wie ein Spiegel ins Auge zurück wirft. Diese Schicht heisst «Tapetum lucidum», was wörtlich übersetzt «Leuchttapete» bedeutet. Sie verursacht, dass die Sinneszellen von den einfallenden Lichtstrahlen gleich nochmals von hinten gereizt werden. Ausserdem leuchten deshalb die Augen der Grosskatzen im Dunkeln auf, wenn sie von einem Lichtstrahl getroffen werden.

Unvergleichlich sind ferner die grossen, muskulösen Pfoten der Grosskatzen, mit denen sie ihre Beute ergreifen und zu Boden zerren. Es sind die reinsten Fangeisen aus Muskeln, Sehnen und spitzen, messerscharfen Krallen. Haben sie ein Opfer einmal gepackt, so gibt es kein Entrinnen mehr. Beim Laufen sind die sichelförmigen Krallen geschützt in Hauttaschen zurückgezogen. So werden sie nicht abgewetzt und bleiben immer scharf. Nur beim Beutefang und beim Klettern werden sie mit Hilfe besonderer Muskeln vorgestreckt.

Einzigartig ist auch das Gebiss der Grosskatzen. Die mächtigen, kegelförmigen Eckzähne («Fangzähne») überragen die übrigen um mehrere Zentimeter. Es sind stahlharte Dolche, die es den Grosskatzen erlauben, ihren Beutetieren mit einem einzigen kräftigen Biss das Leben zu nehmen. Die Backenzähne («Reisszähne») sind nicht abgeflacht wie bei den Pflanzenfressern, sondern besitzen scharfe Kanten. Sie eignen sich deshalb auch weniger zum Kauen als vielmehr zum Schneiden: Wie mit einer Schere können die Grosskatzen mit ihnen mundgerechte Stücke aus dem Fleisch der Opfer heraustrennen. Selbst zähe Sehnen lassen sich mühelos mit einem Biss zerteilen.

 

Sie sorgen für das Gleichgewicht in der Natur

«Blutrünstige Bestien», «mordlustige Räuber», «teuflische Viehdiebe» - diese und noch viele andere Schimpfwörter hört man immer wieder, wenn von Grosskatzen die Rede ist. Seltsam! Warum sprechen manche Leute so schlecht über diese eleganten Tiere? Tun sie denn etwas Schlimmes, wenn sie andere Tiere erjagen und sich von ihnen ernähren? Ganz bestimmt nicht! Sie tun es ja nur, um zu leben. Der Frosch, der im Sumpf eine Fliege erhascht, der Igel, der am Wegrand auf Schneckenpirsch geht, der Zaunkönig, der am bemoosten Zweig nach Schmetterlingseiern pickt, und Herr Müller, der zu Hause eine Kalbsbratwurst isst - alle tun doch genau dasselbe.

Gerade wenn sie töten, erfüllen die Grosskatzen ihre bedeutsame Aufgabe in der Natur: Häufig fallen ihnen nämlich schwache, kranke, gebrechliche oder missgebildete Tiere zum Opfer, denn diese sind viel leichter zu erbeuten als Tiere im Vollbesitz ihrer Kräfte. Dadurch wird die Ausbreitung ansteckender Krankheiten gestoppt und ausserdem verhindert, dass Tiere mit minderwertigem Erbgut sich fortpflanzen können. So leisten die Grosskatzen einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung und Überlebensfähigkeit ihrer Beutetiere - was letztlich auch in ihrem eigenen Interesse ist: Schliesslich handelt es sich bei den Beutetierbeständen ja um die Lebensgrundlage der Grosskatzen.

Im Verlauf vieler Beobachtungen hat sich gezeigt, dass Grosskatzen nie mehr Tiere töten, als sie fressen können. Sie schlagen nur dann Beute, wenn sie Hunger verspüren, und verzehren sie in den folgenden Tagen, bis nichts mehr übrig ist. Oder bis Geier, Hyänen, Schakale und andere Aasfresser mit den Resten des Kadavers aufgeräumt haben. Berichte von blutrünstigen Mördern gehören daher ins Reich der Fabeln.

 

Sinnbild für Macht und Würde

Die Grosskatzen besitzen für den Menschen seit eh und je eine geradezu magische Ausstrahlung. Die Gründe hierfür liegen wohl in der Furcht vor diesen gefährlichen Tieren und der Bewunderung ihrer Jagdkünste. Seit vielen Jahrtausenden spielen Grosskatzen darum in den Sagen, Tänzen und Bräuchen unzähliger Völker auf der ganzen Welt eine wichtige Rolle.

Allen voran natürlich der Löwe, der «König der Tiere». Auf der ganzen Welt ist er zum Sinnbild für Macht und Würde geworden. Schon der Thron des weisen Königs Salomon, so kann man in der Bibel lesen, war vor etwa 3000 Jahren von vierzehn geschnitzten Löwen umgeben gewesen. Und noch heute ziert der Löwe viele Wappen von Königshäusern - so zum Beispiel in England, Norwegen und Dänemark.

Auch der Leopard gilt mancherorts als Zeichen grosser Würde. So trägt beispielsweise Präsident Mobuto von Zaire in Afrika bei Staatsanlässen eine Leopardenfell-Mütze. Und König Jigme Singye Wangchuk von Bhutan im Himalaja empfängt seine hohen Gäste in einem Saal, der mit Leopardenfellen geschmückt ist.

Grosskatzen fanden auch in manche Religionen Eingang und versinnbildlichen hier die Macht der Götter. In der Religion der Hindus beispielsweise hat der Gott Vishnu die Gestalt eines Löwenmenschen. Auch die berühmte Katzengöttin des alten Ägyptens, Bastet, hatte einst - furchterregend und beschützend zugleich - den Kopf einer Löwin. Und bei den südamerikanischen Inkas wurde der Jaguar - Inbegriff von Kraft, Mut und Geschmeidigkeit - sogar dem Schöpfergott Vovacocha gleichgesetzt.

 

Gefährdung durch Pelzjäger

Mit der Erfindung des Feuergewehrs verloren die Grosskatzen an Bewunderung und Achtung. Nun war der Mensch mit einem Mal mächtiger als die grossen Raubtiere. Endlich vermochten die Rinderhirten ihre Schützlinge wirksam vor den Angriffen der Grosskatzen zu bewahren. Und die reichen Kolonialherren konnten sich nun mühelos einen Bettvorleger beschaffen. Die Bejagung der Grosskatzen durch Viehzüchter und Trophäensammler hatte allerdings nie einen entscheidenden Einfluss auf die natürlichen Bestände der Tiere gehabt. Sie geschah ja nicht systematisch. Als dann aber in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts Mäntel aus Katzenfellen in Mode kamen, da begann der Niedergang der schönen Tiere. Nun konnten sich gutausgerüstete Berufsjäger mit Grosskatzenfellen ein Vermögen verdienen. Unbarmherzig wurden die scheuen Wesen darum in den hintersten Winkeln ihrer Lebensräume aufgestöbert, und schon bald waren viele Landstriche völlig leergeschossen.

Umfassende Kampagnen der internationalen Natur und Umweltschutzorganisationen haben Ende der sechziger Jahre auf diesen unverantwortlichen Frevel aufmerksam gemacht. 1973 trat dann als greifbares Ergebnis dieser Aufrufe das «Internationale Abkommen über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten» in Kraft, demzufolge keine Grosskatzenfelle mehr gehandelt werden dürfen. Diesem Abkommen, welches weltweit 95 Staaten unterzeichnet haben, ist es in erster Linie zu verdanken, dass die Jagd heute keine ernste Gefahr mehr für die Tiere darstellt.

Heute macht den Grosskatzen aber die zunehmende Zerstörung ihrer natürlichen Lebensräume und die starke Verringerung ihrer Beutetierbestände durch den Menschen zu schaffen. Zum Glück haben viele Staaten riesige Schutzgebiete angelegt, in denen die prächtigen Raubtiere noch einigermassen ungestört leben können. Es ist zu hoffen, dass ihnen so ein dauerhaftes Verbleiben auf unserem Planeten ermöglicht wird.


 

Legenden

Der Löwe, der einem Büffel das Genick brechen kann und dessen dumpfes Gebrüll meilenweit dröhnt, wird vom Menschen seit Urzeiten gefürchtet und verehrt. Davon zeugt zum Beispiel dieser Löwendämon, der vor etwa 5000 Jahren im persischen Raum geschaffen wurde.

Zu allen Zeiten und bei vielen Völkern haben Grosskatzen eine wichtige Rolle in Kunst, Religion und Sage gespielt: «Schreitender Löwe», aus einer Goldschmiedearbeit der Etrusker, Süditalien, 7. Jh. v. Chr.; «Tanzender Jaguarmensch», Wandzeichnung der Maya-Indianer, Mittelamerika, vorkolumbianisch; «Geflügelter Löwe», aus einem Holzschnitt von Albrecht Dürer, Deutschland, 1498; «Herkules kämpft mit dem Nemeischen Löwen», Byzanz (Oströmisches Reich), 6. Jh. n.Chr.

Katzen sind Zehengänger. An den Vorderpfoten besitzen sie fünf Zehen; der Daumen ist aber verkürzt und berührt die Erde nicht. An den Hinterpfoten haben sie nur vier Zehen; die grosse Zehe ist rückgebildet.

Bei den Grosskatzen zieht sich die Pupille (das «Sehloch» in der Regenbogenhaut des Auges) im Sonnenlicht kreisförmig zusammen und nicht - wie bei den meisten Kleinkatzen - spaltförmig.

Die langen Schnurrhaare der Grosskatzen sind ausserordentlich wichtig für das Raumempfinden der Tiere: Sie funktionieren als eine Art «Ferntastsinn», von dem wir uns bis heute keine genaue Vorstellung machen können.

Im Zirkuszelt zeigen Grosskatzen, dass sie sehr lernfähige Tiere und ausserdem aufmerksame Beobachter sind: Auf kleinste Veränderungen von Stimmlage, Gesichtsausdruck und Körperhaltung ihres Dompteurs antworten sie mit Springen, Fauchen, Männchenmachen und vielen weiteren Kunststücken.

So fing es an: Aus wieselartigen Urraubtieren bildeten sich vor rund vierzig Millionen Jahren die Scheinsäbelkatzen heraus. Diese Vorfahren der heutigen Katzenfamilie lebten ursprünglich in Asien, verbreiteten sich aber schon bald bis nach Amerika, Europa und Afrika. Im Verlauf der Jahrmillionen entwickelten sich dann die verschiedenen Katzenarten, die heute die Erde bevölkern.

Gegenüber den Kleinkatzen gelten die Grosskatzen als verhältnismässig «moderne» Katzentiere: Sie sind nämlich «erst» zu Beginn des Eiszeitalters - vor etwa zwei Millionen Jahren - entstanden.

Nur eine Grosskatzenart (Jaguar) ist in Amerika heimisch. Die anderen vier (Leopard, Löwe, Tiger und Schneeleopard) leben in Afrika und Asien, wo auch der Gepard zu Hause ist.




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