Vikunja - Vicugna vicugna

Guanako - Lama guanicoe


© 1992 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)



Die beiden Kamele der Alten Welt, das Zweihöckrige Kamel und das Dromedar, gehören sicherlich mit zu den bekanntesten Grosssäugern unseres Planeten. Weniger geläufig ist hingegen die Tatsache, dass auch in Südamerika vier Kamelarten vorkommen, welche zwar von vergleichsweise kleinem Wuchs sind, im Leben der indianischen Andenbevölkerung aber eine nicht minder bedeutsame Rolle spielten (und teilweise noch immer spielen) wie ihre grossen Vettern im Leben der arabischen Wüstenbevölkerung. Es handelt sich um die beiden Wildformen Vikunja (Vicugna vicugna) und Guanako (Lama guanicoe) sowie die beiden Haustierformen Lama (Lama glama) und Alpaka (Lama pacos). Die vier Neuweltkamele sind mit den beiden Altweltkamelen so nah verwandt, dass sie ein und derselben Paarhuferfamilie (Camelidae) zugeordnet werden. Über ihre exakten verwandtschaftlichen Beziehungen untereinander - und demzufolge über die «richtige» wissenschaftliche Namensgebung - wird in Fachkreisen allerdings noch heftig diskutiert.

 

Ihre Urheimat ist Nordamerika

Die heutigen Kamele sind die letzten Nachfahren einer recht alten und einstmals ziemlich umfangreichen Paarhufersippe. Die frühesten Fossilfunde kamelartiger Tiere stammen aus dem späten Eozän, sind also rund 40 Millionen Jahre alt. Jene «Urkamele» hatten noch wenig Ähnlichkeit mit unseren «modernen» Kamelen: Es waren hasengrosse Tiere mit vierzehigen Füssen und unspezialisiertem Pflanzenessergebiss. Im Verlauf der nächsten 35 Millionen Jahre entwickelte sich jedoch aus diesen ersten kamelartigen Paarhufern eine Vielzahl von Lebewesen, darunter zierliche, gazellenartige Geschöpfe, aber auch massige, giraffenähnliche Wesen, welche bereits alle kameltypischen Skelett- und Gebissmerkmale aufwiesen.

Während dieser ganzen Zeit waren die Kamele auf Nordamerika beschränkt gewesen. Vor etwa drei Millionen Jahren wanderten dann aber einzelne Vertreter der Kamelverwandtschaft über die damalige Beringbrücke von Nordamerika nach Asien ein und breiteten sich dort aus. Und rund zwei Millionen Jahre später, während der Eiszeiten, gelangt es weiteren Mitglieden der Sippe, über die damals neu entstandene mittelamerikanische Landbrücke Südamerika zu erreichen und sich dort festzusetzen.

In Nordamerika waren die Kamele aus nicht genau geklärten Gründen zu diesem Zeitpunkt schon weitgehend verschwunden. Der Niedergang der Familie schritt hier rasch voran, bis vor etwa 20 000 Jahren nur noch ein einziges, mit einer Schulterhöhe von über zwei Metern relativ grosses Kamel namens Camelops übrig geblieben war. Nach der Eroberung des nordamerikanischen Halbkontinents durch den (aus Ostasien stammenden) Menschen starb dann aber auch dieses letzte nordamerikanische Kamel schnell aus, wozu der Mensch vermutlich einen wesentlichen Beitrag leistete.

Die beiden Kamele, welche heute in Südamerika in freier Wildbahn vorkommen, das Vikunja und das Guanako, sehen einander auf den ersten Blick recht ähnlich, lassen sich aber bei genauem Hinsehen gut unterscheiden: Das Vikunja ist das zierlichere der beiden mit einer Schulterhöhe von 85 bis 95 Zentimetern und einem Gewicht von 45 bis 55 Kilogramm. Sein Fell ist oberseits goldbraun, unterseits weiss gefärbt und besitzt eine überaus feine Unterwolle. Das stämmigere Guanako weist eine Schulterhöhe von 110 bis 115 Zentimetern und ein Gewicht von 100 bis 120 Kilogramm auf. Es ist oberseits ebenfalls braun und unterseits weiss gefärbt, hat aber einen gräulichen Kopf und ein etwas gröberes Fell.

Das Vikunja ist ein ausgepragtes Hochgebirgstier, welches ausschliesslich die hügeligen, mit kurzen Büschelgräsern, Polsterpflanzen und Zwergsträuchern bewachsenen Puna-Hochflächen der Anden in Höhen zwischen 3700 und 4600 Metern bewohnt. Ursprünglich kam es vom nördlichen Peru südwärts durch das westliche Bolivien und das nördliche Chile bis ins nordöstliche Argentinien vor und war innerhalb des genannten Lebensraums überall sehr zahlreich. In den letzten 400 Jahren führte die Habgier des Menschen jedoch beinahe zu seiner Ausrottung, und heute überleben nur noch wenige isolierte Restbestände des hübschen Paarhufers.

Das Guanako ist hinsichtlich seiner Lebensraumansprüche flexibler als das Vikunja und bewohnt ein bemerkenswert breites Spektrum von Lebensraumtypen. Man kann das Guanako sowohl im Tiefland auf Meereshöhe als auch im Hochgebirge auf über 4000 Metern Höhe antreffen. Und man kann ihm in Grasländern ebenso begegnen wie in Halbwüsten, Buschsteppen und Waldungen. Sein Verbreitungsgebiet erstreckt sich vom südlichen Ecuador über das Küstenland Perus, das westliche und südöstliche Bolivien sowie weite Teile Chiles und Argentiniens bis ins westliche Paraguay. Wie das Vikunja hat das Guanako allerdings unter der menschlichen Verfolgung im Verlauf der letzten Jahrhunderte stark gelitten, wodurch seine Population auf einen Bruchteil ihrer einstigen Grösse schrumpfte und in mehrere separate Teilbestände zerfiel. In einigen Bereichen seines Verbreitungsgebiets, besonders im südlichen Chile und Argentinien, gilt es aber im Gegensatz zu seinem kleinen Vetter noch immer als verhältnismässig häufiges und weitverbreitetes Wildtier.

 

«Sture» Vikunjas, «flexible» Guanakos

Unser Wissen über die Lebensweise der Vikunjas in freier Wildbahn verdanken wir zur Hauptsache den eingehenden Feldstudien, welche der Ökologe William L. Franklin, Direktor des Forschungszentrums für Neuweltkamele an der Universität von Iowa (USA), in jüngerer Zeit im Pampa-Galeras-Reservat im Süden Perus durchgeführt hat.

Vikunjas ernähren sich ausschliesslich von Gräsern und Kräutern. Sie leben im allgemeinen in stabilen Kleingruppen, die sich aus jeweils einem erwachsenen Männchen, durchschnittlich drei erwachsenen Weibchen und deren noch abhängigen, das heisst weniger als ein Jahr alten Kindern zusammensetzen. Diese Gruppen sind sehr standorttreu: Das ganze Jahr über halten sie sich tags in ihren «Fressterritorien», nachts in ihren «Schlafterritorien» auf. Die Tagesterritorien, welche eine Fläche von durchschnittlich 18 Hektaren aufweisen und aus denen die Männchen unnachgiebig alle männlichen, die Weibchen möglichst alle weiblichen Eindringlinge vertreiben, garantieren den ansässigen Gruppen ein ganzjährig ausreichendes Nahrungsangebot. Die Nachtterritorien sind wesentlich kleiner als die Tagesterritorien, befinden sich vielleicht ein bis zwei Kilometer von letzteren entfernt und liegen im allgemeinen auf einem schmalen Hügelrücken. Dort haben die Gruppen eine gute Rundumsicht und sind vor Überraschungsangriffen durch Fressfeinde (hauptsächlich Pumas) gut geschützt.

Die «überschüssigen» Vikunjamännchen, welche weder Grundstück noch Weibchen besitzen, schliessen sich in der Regel mit ihresgleichen zu «Junggesellengruppen» von ein paar wenigen bis manchmal gegen hundert Individuen zusammen. Meistens handelt es sich um junge, unerfahrene sowie kranke, gebrechliche und altersschwache Tiere. Sie werden tagsüber von den kräftigen «Grundbesitzern» ständig aus den ergiebigen Weideplätzen verscheucht und sind daher ständig auf Wanderschaft, um ihren Nahrungsbedarf decken zu können. Die Nacht müssen sie oftmals an ungünstigen Orten verbringen und fallen daher häufiger Fressfeinden zum Opfer als die Mitglieder der Familiengruppen.

Die Lebensweise des Guanakos unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der des Vikunjas, sie ist aber deutlich variabler. So gibt es neben sesshaften Guanakobeständen auch nomadisch lebende. Jene Tiere beispielsweise, welche in den patagonischen Vorgebirgen im südlichen Argentinien leben, führen jahreszeitlich gebundene vertikale Wanderungen aus, halten sich also je nach Saison und Nahrungsangebot in verschiedenen Höhenlagen auf.

Die sesshaften Guanakobestände gliedern sich in Kleingruppen, welche aus einem kräftigen Männchen und ein paar Weibchen mit ihren abhängigen Jungen bestehen und ganzjährig Eigenbezirke mit festen Grenzen besetzen. Dies entspricht exakt der gesellschaftlichen Ordnung der Vikunjas. Bei den nomadischen Guanakobeständen bildet sich diese Sozialstruktur hingegen nur im südlichen Sommer heraus, während sich im Winter kopfstarke, nicht-territoriale Verbände aus Tieren beiderlei Geschlechts und jeglichen Alters formen. Zwischen diesen beiden «Extremen» befinden sich jene Guanakobestände, bei denen die Männchen auch im Winterhalbjahr in ihren Territorien ausharren, während die Weibchen mit ihren Jungen vorübergehend in Gebiete mit milderen klimatischen Bedingungen abwandern und sich den Männchen erst im Frühjahr wieder anschliessen.

Weniger «stur» als das Vikunja erweist sich das Guanako auch hinsichtlich seiner Ernährung: Zwar bilden ebenfalls Gräser und Kräuter seine bevorzugte Nahrung, doch schmecken ihm durchaus auch Blätter und Knospen von Sträuchern und Jungbäumen, und sogar Flechten und Pilze verschmäht es nicht. Dies alles ermöglicht es dem Guanako, Lebensräume zu besiedeln, welche dem Vikunja nicht zugänglich sind. Und so erklärt sich, weshalb das Guanako das erfolgreichere der beiden Neuweltkamele ist.

 

Eine wichtige Stütze der indianischen Andenbevölkerung

Vor der Einwanderung der indianischen Urbevölkerung nach Südamerika waren Vikunja und Guanako die weitaus häufigsten Grosssäuger der südamerikanischen Graslandschaften gewesen. Man schätzt, dass allein die Gesamtpopulation des Guanakos damals zwischen 30 und 50 Millionen Individuen umfasst hat. Nach der Ankunft des Menschen, vor 10 000 bis 20 000 Jahren, wurden dann die Bestände beider Neuweltkamele innerhalb kurzer Zeit beträchtlich vermindert, denn die frühen indianischen Andenvölker stützten sich zum Überleben weitgehend auf diese Tiere ab. Archäologische Ausgrabungen zeigen, dass Vikunja und Guanako ihnen nicht nur Fleisch, Leder und Wolle lieferten, sondern auch Brennstoff in Form von Dung.

Bereits vor 4000 bis 5000 Jahren begannen die frühen menschlichen Besiedler der Anden (wahrscheinlich in der Umgebung des Titicacasees im Süden Perus, möglicherweise aber auch auf dem peruanischen Junin-Plateau östlich von Lima), die wilden Neuweltkamele zu Haustieren zu machen, und dies hat im Laufe der Jahrtausende zu den beiden heutigen Formen Lama und Alpaka geführt.

Die Frage nach der genauen Abstammung dieser beiden domestizierten Neuweltkamele konnte allerdings bis heute nicht genau geklärt werden. Im allgemeinen nimmt man an, dass sowohl das Lama als auch das Alpaka allein vom Guanako abstammen. Es wurde aber auch schon die Vermutung geäussert, dass zwar das Lama auf das Guanako zurückgehe, das Alpaka aber entweder von einem heute ausgestorbenen Neuweltkamel abstamme oder das Resultat einer frühen Kreuzung des Lamas mit dem Vikunja sei. Die besonders feine Wolle des Alpakas, welche hinsichtlich seiner Qualität beinahe an die des Vikunjas heranreicht, sowie die vikunjaähnliche Struktur der Schneidezähne geben dieser Theorie Auftrieb.

Wie auch immer: Unbestritten ist, dass die beiden Haustierformen von den ersten Anfängen ihrer Domestikation bis zum heutigen Tag eine mindestens ebenso wichtige Rolle im Leben der indianischen Andenbevölkerung spielen wie dies zuvor ihre Verwandten in freier Wildbahn getan hatten: das Lama als Lasttier, das Alpaka als Wollieferant, und alle beide als Proteinquelle.

Obschon - oder vielmehr weil - die Bejagung der Vikunjas und Guanakos bei den südamerikanischen Indianervölkern, so etwa bei den Inkas in den peruanisch-bolivianischen Hochanden, den Tehuelche-Indianern des patagonischen Tieflands und den Ona-Indianern Feuerlands, einen wichtigen wirtschaftlichen Stellenwert einnahm, sorgten eingespielte, von Generation zu Generation weitergegebene Selbstbeschränkungs-Mechanismen (zumeist in Form religiöser Gebote, «Tabus») für eine schonende, nachhaltige Nutzung ihrer Bestände. Nie war das langfristige Überleben der Tiere ernsthaft gefährdet.

Mit dem Vordringen der Spanier nach Südamerika im 16. Jahrhundert änderte sich diese Situation schlagartig. Die Unterjochung der südamerikanischen Indianerstämme führte zum Verlust all ihrer tradierten, auf die natürliche Umwelt fein abgestimmten sozialen und kulturellen Wertvorstellungen - und damit gingen nicht zuletzt ihre vielfältigen naturgerechten Bewirtschaftungsformen ein für allemal verloren. Unter anderem begann die unkontrollierte Bejagung der Vikunjas und Guanakos, und zudem verdrängten nun die von den Europäern eingeführten Rinder und Schafe die Neuweltkamele mehr und mehr aus ihren angestammten Weidegebieten.

Das stark spezialisierte Vikunja litt dermassen unter der Verfolgung durch den Menschen und dem Konkurrenzdruck durch die europäischen Nutztiere, dass es um die Mitte unseres Jahrhunderts auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten gesetzt werden musste. Glücklicherweise blieb es nicht bei diesem Schritt auf dem Papier, sondern es wurden gleichzeitig - so besonders von den peruanischen und argentinischen Naturschutzbehörden in Zusammenarbeit mit internationalen Naturschutzorganisationen - breit abgestützte Schutzprogramme gestartet. Mit beachtlichem Erfolg: Neueren Schätzungen zufolge gibt es heute gesamthaft wieder ungefähr 80 000 Vikunjas in freier Wildbahn. Die meisten von ihnen leben im Pampa-Galeras-Reservat in Peru. Rund 10 000 Vikunjas finden sich aber auch in Argentinien, wovon etwa die Hälfte im San Guillermo-Reservat im Westen des Landes zu Hause ist.

Das im Vergleich zum Vikunja ökologisch flexiblere Guanako hat in grösseren Beständen überlebt als sein kleiner Vetter und stand nie direkt am Rande der Ausrottung. Seine gegenwärtige Gesamtpopulation wird auf mindestens 600 000 Tiere geschätzt. Über 95 Prozent hiervon sind in Argentinien zu Hause, und zwar hauptsächlich im Süden des Landes, in den Provinzen Chubut und Santa Cruz. Zwar steht das Guanako nicht in allen argentinischen Provinzen unter gesetzlichem Schutz, und tatsächlich wird es mancherorts recht stark bejagt. In Chubut, wo immerhin 140 000 bis 200 000 Guanakos leben, sowie in einigen anderen Provinzen ist die Art jedoch vollständig geschützt. Im übrigen kommt das Guanako sowohl in Argentinien als auch in den benachbarten Ländern in einer ganzen Reihe von Naturschutzgebieten vor. Die Zukunft der beiden interessanten Neuweltkamele sieht derzeit also recht vielversprechend aus.

 

 

Bildlegenden

Die Vikunjas suchen täglich mindestens ein bis zwei Mal eine Wasserstelle auf, um zu trinken. Die kleinen Neuweltkamele unterscheiden sich damit deutlich von ihren Vettern in der Alten Welt, welche tage- oder sogar wochenlang ohne Trinkwasser auskommen können.

Das Vikunja (Vicugna vicugna) ist ein ausgeprägtes Hochgebirgstier: Seine Heimat sind die Puna-Hochflächen der Anden in Höhen zwischen 3700 und 4600 Metern, wo es sich von Gräsern und Kräutern ernährt.

Die jungen Vikunjas wer den nach einer Tragzeit von elfeinhalb Monaten gewöhnlich zwischen Ende Februar und Anfang April geboren. Wie alle Kamelkinder sind sie «Nestflüchter», welche schon Minuten nach der Geburt erste Aufstehversuche machen.

Im Unterschied zum Vikunja ist das Guanako (Lama guanicoe) hinsichtlich seines Lebensraums sehr flexibel: Man begegnet ihm im Hochgebirge ebenso wie im küstennahen Tiefland und in dicht bewachsenen Buschsteppen ebenso wie in öden Halbwüsten.

Guanakos sind sehr wachsame und fluchtbereite Tiere, die einander bei Gefahr durch ein helles Wiehern warnen. Als natürlicher Feind hat einzig der Puma eine gewisse Bedeutung.

Die jungen Guanakos lassen sich anhand ihrer grauen Kopffärbung leicht von gleichaltrigen Vikunjas unterscheiden. Mit einem Geburtsgewicht von 8 bis 12 Kilogramm sind sie im übrigen rund doppelt so schwer wie jene.

Dank rechtzeitig getroffener und wirksamer Schutzmassnahmen gehören das Vikunja (oben) und das Guanako (unten) heute nicht zu den gefährdeten Säugetierarten Südamerikas. Neueren Schätzungen zufolge gibt es in freier Wildbahn ungefähr 80 000 Vikunjas und 600 000 Guanakos.




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